Rezension: „Starfleet: Year One“

Dies dürfte wohl meine bislang längste Rezension eines Star Trek-Romans sein. Das liegt besonders daran, dass sich bei „Year One“ auch ein Blick über den Tellerrand lohnt. Nämlich konkret ein direkter Vergleich mit der TV-Serie „Enterprise“ und dem „Enterprise“-Relaunch.

Der Roman „Year One“ hat mich schon interessiert, als ich noch gar keine englischen Star Trek-Bücher gelesen hatte. Die Idee – eine Geschichte rund um die Gründerzeit der Föderation – hat mir schon rund um das Jahr 2000 sehr gefallen und ich hatte damals naiverweise geglaubt, Heyne würde sich dieses Romans doch irgendwann annehmen. 😉 Inzwischen lese ich schon eine ganze Weile Romane auf Englisch und trotzdem hat es bis Anfang 2012 gedauert, ehe ich „Year One“ in Angriff nahm. Warum? Nun, 2001 ist eine TV-Serie rausgekommen, die „Enterprise“ hieß und ziemlich genau jene Ära zeigte, die auch der Roman von Michael Jan Friedman genauer erläuterte.

Das Erscheinen von „Enterprise“ hat zwei Auswirkungen gehabt: Erstens, dass „Year One“ – das ursprünglich in Form eines „Serials“ Kapitel für Kapitel als Anhang anderer Romane zwischen in den Jahren 1999 und 2000 veröffentlicht wurde – ganz klar den durch die TV-Serie etablierten Geschichten widersprechen musste. Und zweitens, dass „Year One“ eine Serie ohne mögliche Fortsetzung geworden ist. Die TV-Serie (meine Lieblings-Star Trek-Serie übrigens) bekam daher ganz klar Priorität. Doch so toll die Serie im Fernsehen auch war, so konnten die Relaunch-Romane von Mangels & Martin bei weitem nicht mit ihr mithalten. Vor allem das Finale „To Brave the Storm“ war eine kleine Katastrophe. Und da dieses Finale ziemlich exakt in jener Zeit spielt, in der auch „Year One“ angesiedelt ist, interessiert es mich nun besonders, wie Michael Jan Friedman das Ende des Romulanischen Krieges und die Föderationsgründung beschreibt.

Es gibt natürlich eine Reihe von kleinen bis essentiellen Unterschieden in Friedmans Version im Vergleich zu „Enterprise“. Der Roman beginnt noch vor der Gründung der Föderation gegen Ende des Romulanischen Krieges im Jahr 2160 mit einer Schlacht in der Nähe des Erdaußenpostens 14 unter Commander Shumars (TNG-Fans werden hier hellhörig) Kommando. Hierbei und im weiteren Verlauf der Handlung fallen folgende grundlegende Unterschiede auf:

  • Wie im Relaunch von „Enterprise“ haben sich die Vulkanier auch hier dagegen entschlossen, in den Krieg einzugreifen. Hier bleiben sie – bzw. T’Pau – allerdings standhaft.
  • Im Gegensatz zum ETP-Relaunch gab es gleich am Beginn des Romulanischen Krieges einen Angriff auf die Erde, der mühevoll zurückgeschlagen wurde. Der Krieg endet, als die Menschen nach 5 Jahren den Spieß umdrehen könnten und nahe genug sind, um selbst einen Angriff auf Romulus und Remus zu starten.

  • Das Design der romulanischen Schiffe wird nach den Modellfotos in der „Star Trek Chronologie“ beschrieben.
  • Die irdischen Offiziere tragen zwar Overalls, aber keine blauen, wie in ETP, sondern schwarz-goldene. Allgemein scheint Schwarz-Gold sehr verbreitet zu sein, Wände, Decken, Mobiliar, aber auch die Atomraketen der Menschen haben diese Farbe im Gegensatz zu den silbernen der Romulaner. Auch irdische Schiffe sind dunkel gehalten.
  • Interessanterweise sind dann die ersten Sternenflottenuniformen sehr wohl blau. Vom beschriebenen Schnitt her erstaunlich ähnlich den Uniformen aus Star Trek 11.
  • Atomraketen und Laser sind die gängigen Waffensysteme auf beiden Seiten, wobei die irdischen Schiffe mit lediglich 8 Raketen pro Schiff ausgerüstet sind.
  • Die Warp-Geschwindigkeiten liegen sehr deutlich unter Warp 5, lediglich knapp bei Warp 2. Erst die nach Föderationsgründung in Dienst gestellten Daedalus-Klasse-Schiffe sollten Warp 3 schaffen. (Ziemliche Schneckentempo.)
  • Die Daedalus-Klasse ist wie gesagt ein Schiff, das nach Föderationsgründung gebaut wird. Damit passt das gut zu den TV-Serien, die alle diese Schiffe jenseits von 2161 erwähnten. Ich weiß bis heute nicht, was Michael A. Martin im ETP-Relaunch geritten hat, aus der Daedalus ein älteres Schiff als die NX-Klasse zu machen. Hat er sich vielleicht von dem experimentellen Warp-Schiff aus dem Roman „Daedalus“ irritieren lassen?
  • Während des Warp-Flugs ist Kommunikation über Subraumfunk nicht möglich.
  • Traktorstrahlen sind noch reine Theorie, wohingegen in ETP die Vulkanier und Andorianer diese Technologie bereits besaßen.
  • Die Menschen können bereits beamen, aber ein Materialisationsvorgang dauert 45 Sekunden.

Da wurde „Enterprise“ ja von manchem Fan gescholten, dass es überhaupt schon Transporter gab. Und auch, dass der Beam-Vorgang so schnell abläuft. Tja, warum Friedman diesen Vorgang besser auch auf ein paar wenige Sekunden beschränkt hätte, wird während der Schlacht am Beginn schon deutlich: Ein „Rausbeamen in letzter Sekunde“ kann nicht funktionieren und trotzdem beamt sich ein Frachter-Captain aus seinem Schiff, das 45 Sekunden lang allein auf Autopilot auf ein sich bewegendes Romulaner-Schiff zuhält und es erfolgreich rammt. Auch der Vorschlag des Captains, ein manövrierunfähiges Romulaner-Schiff zu entern, ist höchst fragwürdig. Nur dessen Antriebe sind ausgefallen, die Romulaner-Crew dürfte größtenteils noch leben. Wie reagieren die wohl, wenn mitten auf ihrem Schiff ein paar Lichtsäulen erscheinen und sich innerhalb von 45 Sekunden in Zeitlupe zu einem Entertrupp formen? (Es gibt übrigens später im Roman eine Andeutung, dass nur eine Person auf einmal gleichzeitig gebeamt werden kann.) Ich gebe dem Enterptrupp keine großen Überlebenschancen. 😀 Aber zum Glück bekommen die Romulaner ihren Antrieb noch hin und der Enterungsversuch muss abgeblasen werden, ehe er überhaupt beginnen konnte. Achja, etwas, das beim Transporter auch erst mit der Föderationsgründung eingeführt wird, ist die größere Reichweite. Vom Orbit auf einen Planeten zu beamen war bislang unmöglich.

Eine weitere Schlacht, die wir früh im Roman erleben, ist die sagenumwobene Schlacht von Cheron, die ja auch in „To Brave the Storm“ erzählt wurde. Wobei „Year One“ einen etwas einfacheren Ablauf schildert: Sechs irdische Schiffe besiegen elf Romulaner-Schiffe und zerstören das romulanische Militärhauptquartier im Orbit von Cheron. Danach sieht man nur noch den Schluss der Verhandlungen um die Neutrale Zone, geführt von der irdischen Präsidentin, einer Linguistik-Expertin (die gleichzeitig den Nobelpreis auf dem Gebiet der Teilchenphysik erhielt?) und einen Offizier von „Earth Command“. „Starfleet: Year One“ ist als Titel also insofern richtig, da die irdische Flotte diesen Namen nicht trägt und die Sternenflotte erst mit Gründung der Föderation entsteht. Die irdische Organisation wird schlicht „Earth Command“ genannt. (Also nicht einmal UESPA, zu der die irdische Sternenflotte in „Enterprise“ gehörte und die auch in TOS mehrfach erwähnt wurde.)

Und das ist eigentlich der Hauptaufhänger des Romans: Denn die Menschen hatten in ihrem „Earth Command“ bislang ausschließlich Kriegsschiffe. Forschung wurde zwar auch betrieben (es wird leider nur vage angedeutet), aber scheint eher durch zivile Schiffe durchgeführt worden zu sein. Jedenfalls besteht der Hauptkonflikt in diesem Buch zwischen den sechs Kommandanten der ersten Sternenflottenschiffen (noch umgerüstete alte Kriegsschiffe der Erde), von denen 3 aus den Reihen des Militärs kommen und die anderen 3 aus dem zivilen Raumfahrtbereich. Mit Ausnahme von Shumar, der zwar ziviler Forscher war, aber auch im Krieg gedient hat und nach dessen Ende abdanken wollte. Er ist eigentlich der absolute Kompromisskandidat und von seiner Einstellung her auch am vernünftigsten, während die drei Militär-Angehörigen so unsympathisch wie möglich dargestellt werden. Sie sind angesichts der vor ihrer Abstellung zur Sternenflotte angeführten Missionsparameter der neuen Organisation ziemlich engstirnig und wollen die Ingenieure dazu bringen, die Daedalus zu einem reinen Kriegsschiff umzurüsten, während das Schiff in der Konstruktionsphase für meine Begriffe ohnehin schon der bestmögliche Kompromiss zwischen Militär und Wissenschaft ist. In diesem Konflikt Militär vs. Wissenschaft streicht Friedman etwas zu deutlich heraus, auf welcher Seite er selbst stehen würde. 😉 Hier sind mit leider auf der „Feindseite“ (die auch offen von einem „Krieg“ zwischen Militär und den „Schmetterlingsjägern“ spricht) zu überzeichnete Figuren mit extremen Ansichten, während die „gute Seite“ als die kompromissbereite gezeigt wird. Allerdings ist das Zusammenraufen bis hin zu einer gemeinsamen Flotte auch das bestimmende Thema des Romans. Die Konzentration auf diesen Aspekt ist aber leider etwas langatmig geraten, weil man von Beginn an sieht, wer „richtig“ liegt und wer zurückstecken wird müssen.

Erst nach der Hälfte des Romans – nach vielen Briefings und Vorstellungsgesprächen, die mitunter aber auch ihre amüsanten Aspekte hatten – brechen die 6 Sternenflotte-Captains mit ihren Christopher2000-Schiffen auf in die Weiten des Alls. Man sieht, wie sie sich mit Routinemissionen beschäftigt halten, die sowohl militärische als auch wissenschaftliche Ausprägungen haben. Was dann jedoch sehr überraschend kommt, ist die inoffizielle Mitteilung, dass der militärische Arm den „Kampf“ um die künftige Ausrichtung der Sternenflotte zu gewinnen scheint. Was da politisch hinter den Kulissen genau vorgeht, erfährt man nicht, aber es hat wirklich den Eindruck, als könne Earth Command alleine ausreichend Fürsprache gewinnen. Erstaunlich, dass man von den anderen Völkern (deren Vertreter ebenfalls in großer Zahl auf den ersten 6 Schiffen dienen) nichts hört und diese keinen Einfluss auf die Sternenflotte zu haben scheinen, zumal die wenigsten am Romulanischen Krieg beteiligt waren und nicht so paranoid wie die Earth Command-Leute sein dürften. An dieser Stelle wirkt die Sternenflotte wirklich wie ein „Homo Sapiens-Club“.

Nicht nur die Sternenflotte geht in ihr erstes Jahr, sondern auch die Föderation. Die Gründung der Föderation läuft nebenbei und wirkt zumindest am Beginn etwas gehetzt. Es wirkt so, als sende die Erde ihre Vertreter aus, die möglichst vielen eine Mitgliedschaft bei ihrem „Homo Sapiens-Club“. andrehen wollen. 😀 Man scheint nicht sonderlich wählerisch zu sein, will man ja auch die Vulkanier gleich aufnehmen, die die irdischen Kriegsbemühungen nicht unterstützt haben. In Friedmans Version gibt es mehr als 4 Gründungsmitglieder (5 wenn man die irdische Alpha-Centauri-Kolonie mitzählt) der Föderation, man nimmt auch gleich mal Rigelianer, Dopterianer und noch ein paar völlig unbekannte Völker auf. In Summe sind es 8 Gründungsmitglieder. (Ohne mitgezählt zu haben schienen mir auf den 6 Sternenflottenschiffen aber mehr unterschiedliche Spezies zu dienen.)

FAZIT: In Form eines Earth Command-Captains, der mit einem der „Schmetterlingsjäger“ bei den Nachforschungen zu den Hintergründen eines Angriffs auf eine Kolonie zusammenarbeitet, trägt die Kombination aus Wissenschaft und Militär noch den wenig überraschenden Sieg davon. Dadurch ist der Roman schon etwas vorhersehbar, selbst wenn er grundsätzlich ein interessantes Thema beschreibt. Friedman geht auch teilweise sehr detailliert darauf ein, wenngleich er es sich wiederum an manchen Stellen auch etwas einfach macht, indem er zuerst ein Szenario etwas künstlich herbeiführt, das das Militär auf die Siegerstraße bringt, um dann eine Mission zu zeigen, die die Bedeutung der Wissenschaft bei den üblichen Sternenflottenmissionen hervorhebt. Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie das Militär völlig allein ohne den Willen zu Nachforschungen irgendetwas auf die Reihe bringen sollte. Die Earth Command-Leute kommen übertrieben starrsinnig rüber. Im Sinne von „Nein, ich setzte keinesfalls auch nur einen Fuß auf einen fremden Planeten, weil das sofort wieder als wissenschaftliche Forschung ausgelegt werden könnte.“ Die löbliche Ausnahme stellt wie erwähnt einer der Earth Command-Captains dar, der sich dazu „herablässt“ sich an den Nachforschungen zu beteiligen und bei der folgenden Auseinandersetzung mit unbekannten Angreifern auf eine irdische Kolonie dadurch die rettende Idee hat.

Trotz einiger Makel fand ich das Buch sehr gut zu lesen, die Gefechte hat Friedman gut beschrieben, nicht zu langatmig und taktisch interessant. Auch die Charaktere bei den Schmetterlingsjägern hat er naturgemäß gut getroffen, allen voran Shumar, aber auch am Ende Captain Matsura, der als erster Earth Command-Captain erkennt, wie man eine Problemlösung mit den verfügbaren Mitteln durchführen kann.

Auch gefielen mir einige kleine Andeutungen betreffend TOS, wo ja öfters mal Missionen der alten Daedalus-Schiffe beschrieben wurden. Jetzt wissen wir zumindest, wer das Buch auf Sigma Iota zurücklassen wird. (Dies wurde im „Enterprise“-Relaunch anders beschrieben.)

Ich gebe dem „Year One“ als eigenständigen Roman solide 4  von 6 Sterne. Denn man kann nicht so wirklich die Ereignisse dieses Romans irgendwie mit dem später eingeführten Canon von „Enterprise“ in Einklang bringen. Die ganze Grundprämisse ist nicht wirklich dazu ausgelegt, so eine Mission wie jene der NX-01 vor dem Romulanischen Krieg zu unterstützen. Und auch dramaturgisch hat sich Friedman bereits rund um die Föderationsgründung technologisch stark eingeschränkt, was auch daran liegt, dass er in seiner Geschichte viele Innovationen einführt. Aber klar, „Year One“ war sein Startpunkt (und auch Endpunkt) um die Geschichte rund um die Föderationsgründung zu erzählen. Mit „Enterprise“ haben Berman und Braga ihren Startpunkt einfach 10 Jahre früher gesetzt. Die Autoren – egal ob Roman oder TV-Serie – setzen für den Beginn ihrer Reihen also eigentlich die gleichen Mittel ein, was aber dazu führt, dass sie nicht miteinander vereinbar sind. Dennoch war „Year One“ ein interessanter Blick auf eine andere mögliche Prä-TOS-Ära.



Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s