Rezension: DS9 – „Mission Gamma 2: Dieser graue Geist”

Am Beginn dieses Romans fragt man sich noch, was man hier gerade liest, denn mit Deep Space 9 oder der Defiant scheint diese ziemlich kitschig geschriebene Klingonen-Geschichte nicht viel zu tun zu haben. Zumindest bis sich herausstellt, dass es sich um einen populären klingonischen Roman handelt, den Nog gerade liest. 😀 Das macht den Einstieg in das Buch schon mal sehr humorvoll und es ist angenehm zu sehen, wie ein paar Besatzungsmitglieder der Defiant in der Mannschaftsmesse entspannt zusammensitzen und ein wenig Konversation betreiben. Dies ist besonders erfrischend, wenn man an den Vorgänger-Roman „Mission Gamma 1: Zwielicht“ denkt, in dem solche Konversation Mangelware war.

Die entspannte Stimmung an Bord der Defiant endet aber abrupt, als das Schiff mitten im Flug völlig unerwartet in eine „Nanobot-Falle“ gerät. Das Schiff ist in ein Minenfeld geraten, das sich dadurch auszeichnet, dass ganze Schwärme mikroskopischer Maschinen nur darauf lauern, vorbeifliegende Schiffe zu entern und so viel Maschinenschaden wie möglich anzurichten. Der ganze Spuk dauert nicht lang, aber die Schäden am Energiesystem der Defiant sind erheblich. Ein Glück, dass schon bald ein – nach kurzem Missverständnis – freundlich gesinntes Schiff der Yrythny auftaucht. Die Yrythny bieten der Defiant einen sicheren Hafen inmitten eines Kriegsgebiets – ihre Heimatwelt Vanimel. Vanimel wehrt sich schon seit längerer Zeit gegen die Tyrannei einer Spezies namens Cheka, die in diesem Raumgebiet dominant ist und die anderen Völker in diesem Gebiet unterdrückt und versklavt.

Durch die Ankunft auf Vanimel entstehen gleich mehrere Handlungsstränge. Einerseits arbeitet die Defiant-Besatzung daran, eine Verteidigung gegen die Cheka-Waffen zu entwickeln, während Ezri Dax zwischen den herrschenden „Hausstämmigen“ und den weniger privilegierten „Wanderern“ der Yrythny vermitteln möchte/muss. (Das „Muss“ ergibt sich daraus, dass einige Yrythny daran glauben, Ezri sei als Vermittlerin von ihrer Gottheit entsendet worden.) Und ebenfalls durch das Treffen mit den Yrythny wird Lieutenant Shar auf deren interessantes Genom aufmerksam, in dem der Schlüssel für die Lösung eines großen Problems der Andorianer liegen könnte. Denn was in den vorherigen Romanen nur am Rande angeschnitten wurde, wird in „Dieser Grauer Geist“ endlich mal ausgesprochen: Die Andorianer stehen vor dem Aussterben und daher wäre das „Sheltreth“ (die Zeugung eines Kindes) so wichtig und eine Verpflichtung, der sich Shar vor allem deshalb entzieht, weil er der Meinung ist, die Lösung im Weltall zu finden. Denn die bisherigen Maßnahmen der Andorianer wirken sich sehr einengend auf die Individuen der Gesellschaft aus. Genetisch kompatible Vierer-Gruppen in denen alle vier Geschlechter vertreten sind, werden aus einer Datenbank füreinander ausgewählt, um den Erfolg der Fortpflanzung zu garantieren.

Bei diesem Handlungsstrang, der sich um die Andorianer dreht, kommt mir jedoch eines ziemlich seltsam vor: Diese Leute suchen sich ihre Partner schon lange nicht mehr selbst aus, haben aber offensichtlich Probleme damit, wenn sich einer der Vierergruppe von einem seiner Partner mehr angezogen fühlt als von den anderen beiden (konkret Shar und Thriss). Ähm, sorry, hier geht mein Verständnis für die Andorianer flöten. Einerseits sollen sie dem Gemeinwohl alles unterordnen, um gefälligst der Pflicht der Fortpflanzung nachzukommen und gleichzeitig wird herumgezickt, wenn sich zwei Personen der Gruppe mehr mögen? Also in einem solchen künstlich herbeigeführten Familienkonstrukt auch noch Harmonie zu verlangen empfinde ich schon als starkes Stück. Da frage ich mich was erst los wäre, wenn einer von den Vierergruppe eine Affäre mit jemand von einer anderen Vierergruppe hätte. Sicher, es hat natürlich eine gewisse Tragik, dass sich die Andorianer durch dieses Bedürfnis nach „Familie“ sich selbst das Leben und Fortpflanzen schwer machen. Aber bei einer Gesellschaft aus Individuen, die versucht zu überleben, sollten die Andorianer doch auch hier etwas mehr Flexibilität zeigen oder vielleicht komplett auf andere Methoden umsteigen, anstatt an solchen Konstrukten festzuhalten.

Die Andorianer sind auch in der Handlung, die im Alpha-Quadranten angesiedelt ist, ein Thema, da sich ja Shars Bündnispartner auf der Raumstation Deep Space 9 aufhalten und diese mit einer ziemlich depressiven Thriss zurechtkommen müssen. Wie diese Handlung am Ende ausgehen wird, war für mich schon ziemlich früh deutlich erkennbar, wodurch das politische Geschehen auf der Raumstation weit interessanter war.

Die Detailgespräche um Bajor in die Föderation aufzunehmen wurden zwar wieder nach Bajor verlegt, doch um das Tagesgeschäft können sich Kira und Ro nur kurz kümmern, kündigt sich doch das Eintreffen von Gul Macets Schiff an, das die cardassianische Botschafterin Natima Lang (bekannt aus der Staffel 2-Episode „Profit oder Verlust“) an Bord hat, die um ein Treffen mit Premierminister Shakaar bittet. Die Cardassianer wollen nach dem Ende des Dominion-Krieges den Frieden mit Bajor wiederherstellen, den ja einst Vedek Barail und Kai Winn mit ihnen ausgehandelt hatten. Dieser Handlungsstrang wird ziemlich in die Länge gezogen, indem zuerst Premierminister Shakaar keine Zeit für die Cardassianer hat und Ro und Kira diese bei Laune halten müssen. Und erst nach einem formell-höflichen Empfang und der ersten nicht gerade reibungslosen Verhandlungsrunden kommt etwas Dramatik auf, als klar wird, dass jemand auf der Station etwas gegen den potenziellen neuen Frieden hat und die cardassianische Abordnung bedroht. Die Auflösung war hier wirklich verblüffend und wenngleich die Geschichte keine Lösung für die Spannungen zwischen Bajor und Cardassia anbietet, so war dieser Handlungsstrang doch eindeutig der beste, der sich im Buch finden ließ.

Allerdings – und damit kann ich bereite mein Gesamtfazit beginnen – ist dieser Politik-Handlungsstrang auch sehr stark losgelöst von den restlichen Geschehnissen. Da sind die anderen Handlungen besser vernetzt: Trotz fehlenden direkten Kontakt wird die Zukunft des andorianischen Volkes sowohl im Alpha- als auch im Gamma-Quadranten thematisiert, dort in Form von Shar, der zugleich auch Ezri bei ihren Verhandlungen assistiert. Die beiden bleiben zurück, während die Defiant-Crew zum sogenannten „Konsortium“ aufbricht, um Rohmaterial für eine Anti-Nanobot-Waffe zu besorgen.

Die Darstellung der Yrythny und des Konsortiums fand ich allgemein recht interessant und ausreichend detailliert, wenngleich die Eigenschaften der erwähnten Völker und Kasten mir als Konsument von inzwischen ziemlich vielen Star Trek-Romanen doch wie ein Konglomerat aus diversen anderen Spezies vorkommt. Aber das lässt sich wohl auch kaum vermeiden. Die Cheka dagegen wirken – trotz späterer Widerlegung – im ersten Moment sogar wie eine höchst vertraute Spezies: die Borg! Ich hätte es tatsächlich nicht für unmöglich gehalten, wenn „Cheka“ lediglich die Yrithny-Bezeichnung für diese kybernetische Lebensform gewesen wäre. Wie komme ich darauf? Nun, die Cheka setzten „Nanobots“ (also Nanosonden) ein, versklaven Völker, fügen eroberte Technologie der ihren hinzu, während es ihnen an Motivation und Talent fehlt, eigene Innovationen zu produzieren. Und es handelt sich um ein „Königreich“ (Borg-Königin). All diese Informationen werden innerhalb einer Seite während eines Logbucheintrags von Vaughn vorgetragen, so dass man sich wundert, dass der Captain der Defiant diese Parallelen unkommentiert lässt.

Ein weiterer Handlungsstrang, der sich seit dem ersten Buch durch den gesamten Relaunch zieht, ist noch die Religion. Leider kommt dieser Strang auch in „Dieser graue Geist“ nicht aus den Startlöchern. Wie bereits die Autoren zuvor schleppt auch Autorin Heather Jarman diesen mit und baut diesen nebenbei noch ein wenig ein. Bereits in „Zwielicht“ streute Autor David R. George III recht unmotiviert einen Satz ein, demnach die Vedek-Versammlung vor der Spaltung stünde. Dies wird im Grunde auch in „Dieser graue Geist“ wiederholt, ohne dieser Information irgendetwas – bevorzugt eine Begründung – hinzuzufügen. Sieht für mich wieder ein bisschen wie in Indiz aus, dass S.D. Perry – die Autorin von „Offenbarung“ – hier nicht wirklich mit ihren Co-Autoren des Relaunch kommuniziert hat, worauf dieser Handlungsstrang in Zukunft noch hinzielen wird. Ein weiteres Indiz hierfür ist folgende Merkwürdigkeit:

Ziemlich am Beginn des Romans werden Kira von einem Unbekannten religiöse Ikonen vor die Tür ihres Quartiers gestellt zusammen mit einem Stück Papier, auf dem der Name „Ohalu“ steht. Dies wird von Kira so interpretiert, dass sie von jemanden für ihre Befleckung getadelt würde. Allerdings ergibt das wenig Sinn: Kira wurde von den Vedeks (vorrangig durch Vedek Yevir) exkommuniziert, weil sie Ohalus Texte öffentlich gemacht hat, die schließlich am Ende des Romans „Offenbarung – Teil 2“ auch von Yevir anerkannt wurden. Yevir brachte jedoch Kira nicht in Zusammenhang mit der Veröffentlichung, sondern sprach nur von einer anonymen Quelle. Ich ging daher davon aus, dass dem normalen Bajoraner kein Zusammenhang zwischen der Veröffentlichung und Kiras Befleckung bekannt war, da sich Letztere kaum sinnvoll begründen ließe, ohne dass die Vekeks das Gesicht verlieren. Doch Kiras Verhalten bei der Entdeckung der Ikonen zusammen mit dem Namen „Ohalu“ vor ihrem Quartier lässt sie nicht vermuten, dass es doch jemanden geben könnte, der Bescheid weiß. Etwas sonderbar und leider für mich als Leser ist auch nach 3 weiteren Relaunch-Romanen noch immer undurchschaubar, wie Kiras Status in der bajoranischen Gemeinde tatsächlich ist. Vor allem da ich mir von „Dieser graue Geist“ durchaus eine Antwort erwartet hätte, wenn eine solche Passage schon so früh im Roman vorkommt. Leider wird im gesamten Roman nie wieder darauf eingegangen.

Fazit: Der Roman „Dieser graue Geist“ ist ziemlich durchschnittlich geraten, weist sehr viele Handlungsstränge auf, die für Abwechslung sorgen, allerdings nicht alle gleich gut geraten sind. Während der Alpha-Quadrant-Teil den besten (Bajor/Cardassia-Verhandlungen) und den leider vorhersehbarsten (Andorianer) Handlungstrang beinhalten, waren die Gamma-Quadrant-Handlungen recht solide, wenngleich auch keine besonders ausgeklügelten Geschichten. Aber zumindest geht die Geschichte linear voran von einem Punkt zum nächsten. Damit ist der Roman deutlich flüssiger zu lesen als der Vorgänger „Zwielicht“. Allgemein kann ich aber wohl behaupten, dass ich für die Stammcharaktere deutlich mehr Empathie aufbringen konnte, als für die problembehafteten Andorianer und Yriyhny, weshalb sich die Spannung jedoch ähnlich wie beim Vorgänger doch in Grenzen hielt. Dennoch empfand ich „Dieser graue Geist“ als wesentlich besser geschrieben als das eher Sachbuch-ähnliche „Zwielicht“ und vergeben daher einen Stern mehr: 3 Sterne!

Nach den ersten beiden „Mission Gamma“-Romanen würde ich mir aber wünschen, wenn die künftigen Geschichten etwas fokussierter ablaufen würden. Im Grunde beinhalten diese Bücher jeweils zwei Romane, die wenig miteinander zu tun haben. Das wird sich aber wohl nicht so leicht bessern könne, solange die Defiant fernab der Raumstation im Gamma-Quadranten unterwegs ist.

Anmerkung:

Gleich am Beginn des Romans erhalten ebook-Leser leider eine ernüchternde Botschaft: Auch im 24. Jahrhundert scheint es noch DRM-Kopierschutz zu geben, weshalb der Roman, den Nog liest, nur auf einem einzigen PADD lesbar ist und dieses physisch von Crewmitglied zu Crewmitglied weitergereicht werden muss.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s