Rezension: Comic – Ongoing #9 + #10 “The Return of the Archons”

Nachdem die Ausgaben #7 und #8 eine Geschichte im neuen Star Trek-Universum erzählt haben, die nicht auf einer Folge von „The Original Series“ fußt, wird in den Ausgaben #9 und #10 wieder auf eine Episode der TV-Serie angespielt. Allerdings mehr als eine Anspielung – trotz des identischen Titels – ist der Comic „The Return of the Archons“ wirklich nicht. Denn die ganze Geschichte rund um die Bevölkerung des vom Super-Computer „Landru“ kontrollierten Planeten Beta III wird im Comic – auf den ersten Blick – fast gänzlich über den Haufen geworfen. Auf den zweiten Blick allerdings, beginnt man als Leser die Geschehnisse der TOS-Folge zu hinterfragen und sieht sie in einem ganz neuen Licht.

Ausgabe #9

Ausgabe #9

Ausgabe #10

Ausgabe #10

Die Geschichte beginnt mit einem Rückblick zu Ereignissen, die sich vor 18 Monaten im Sternenflottenhauptquartier ereignet haben. Mister Sulu wird von einem Trio aus Sternenflottenadmiralen dazu beglückwünscht, der Enterprise zugeteilt worden zu sein. (Er ist also nicht nur wegen der Ereignisse im elften Kinofilm dort gewesen.) Während dieses Treffens wird Sulu jedoch auch angeboten, an künftigen streng geheimen Missionen der Sternenflotte teilzunehmen, die nicht unbedingt den Idealen der Flotte entsprechen. Sulu wird nicht zu einer Entscheidung gedrängt, aber deutlich darauf hingewiesen, kein Wort über dieses Treffen zu verlieren.

18 Monate später: Sternzeit 2258,241. Dem neuen Format der Sternzeiten nach, laut der die Stellen nach dem Komma die Anzahl der vergangenen Tage des Kalenderjahrs wiedergeben, beginnt dieses Abenteuer der Enterprise-Crew also 199 Tage nach der Zerstörung des Planeten Vulkan (siehe Star Trek 11). Die Route der Enterprise führte das Schiff in die Nähe des Planeten Beta III, wo vor einhundert Jahren die U.S.S. Archon spurlos verschwunden sein soll. Kirk folgt hier mehr Gerüchten und seiner Neugierde, denn in den offiziellen Aufzeichnungen in den Archiven der Föderation scheint kein Schiff namens Archon auf und der Planet wird als unbewohnt angeführt. Zumindest Zweiteres wird schnell widerlegt, denn wie in der TOS-Folge begeben sich Sulu und O’Neill undercover auf den Planeten und finden dort eine vorindustrielle Gesellschaft vor – die jedoch über eine starke unterirdische Energiequelle zu verfügen scheint.

Als der Kontakt zu Sulu und O’Neill abbricht, beschließt Captain Kirk zusammen mit einem Außenteam, dem auch Spock und McCoy angehören, zum Planeten zu beamen. Als sie Sulu wiederfinden, hat dieser in der Zwischenzeit eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Sulu führt das Team in die Katakomben unterhalb einer Stadt und zeigt ihnen die Energiequelle, die die verdächtig friedlichen aber ferngesteuert wirkenden Bewohner von Beta III kontrolliert: Eine seltsame Maschine, eingebettet in die gewaltigen Überreste des Sternenflottenschiffs U.S.S. Archon. Landru!

Auf der Flucht vor den Wächtern Landrus begegnet das Außenteam einer Frau namens Ariel, die ihnen Schutz anbietet. Und bei der Geschichte, die Ariel – eine Nachfahrin der Archon-Crewmitglieder – den Leuten von der Enterprise erzählt, wird so ziemlich alles auf den Kopf gestellt, was man als Kenner der TOS-Folge über Beta III zu wissen scheint. Erinnern wir uns an die TV-Folge: Laut dieser Folge waren die Beta III-Bewohner vor 6000 Jahren noch ein fortschrittliches Volk, ehe ein Mann namens Landru kam und seinen „Frieden“ brachte, den eine Maschine auch nach seinem Tod streng durchsetzte, die Bewohner kontrollierte und die Entwicklung stagnieren ließ. Rund hundert Jahre vor dem Eintreffen der Enterprise versuchten die Crewmitglieder der U.S.S. Archon gegen Landru einen Aufstand und scheiterten.

Alles nicht wahr! Beta III wurde nie von Einheimischen bewohnt. Die Bewohner von Beta III sind irdische Kolonisten, die eine der ersten Tiefenraumsiedlungen der Menschen dort errichteten. Die U.S.S. Archon war dazu bestimmt, die Kolonie zu unterstützen und brachte eine vom Wissenschaftler Cornelius Landru entworfene Maschine nach Beta III. Eine extrem fortschrittliche künstliche Intelligenz, die den Kolonisten helfen sollte. Doch Landru hatte andere Vorstellungen: Er setzte die Maschine zur Gedankenkontrolle ein, die Kolonisten wurden von der künstlichen Intelligenz „absorbiert“ und fortan manipuliert. Die Crew der U.S.S. Archon wollte Landru bekämpfen, aber seine fortschrittliche Technologie holte das Schiff aus der Umlaufbahn und ließ es abstürzen. Nur einige wenige Besatzungsmitglieder, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Planeten aufhielten, überlebten und tauchten in der von Landru konzipierten, regelrecht primitiven Gesellschaft unter, die unter dem Einfluss des Computers ihre Ursprünge vergaß.

Wow, also das nenne ich einen Story-Twist! 😮 Im ersten Moment habe ich mich zwar gefragt, ob das funktionieren kann. Anderseits kommen in der TOS-Folge die Informationen über die Geschichte von Beta III tatsächlich nur von den Planetenbewohnern und Kirk & Co. treffen nie auf „Archonen“ bzw. einen Nachfahren der „Archonen“ und was die Bewohner in der TV-Folge über ihre Vergangenheit behaupteten, konnten selbst diese nicht mit Gewissheit belegen, die 6000 Jahre waren auch nicht mehr als ein Gerücht. Vielleicht von der Widerstandsbewegung erfunden oder sogar direkt vom Super-Computer vermittelt, um seine Herrschaft zu legitimieren.

Fazit: Also ich bin schon sehr beeindruckt, wie die Original-Geschichte „The Return of the Archons“ hier im Rahmen der Ongoing-Reihe völlig neu interpretiert wurde. Ein wirklich gutes Beispiel, wie aufgrund kleiner Änderungen am Beginn der Geschichte (Sulu wird nicht hochgebeamt, sondern kann sich dem Einfluss der Wächter entziehen) das Außenteam auf dem Planeten folgend ganz andere Entdeckungen macht als im alten Universum und neue Informationen über die Hintergründe erhält, die alles in neuem Licht erscheinen lassen. Was etwas schade ist: Die Vorgeschichte mit Sulu bei diesen drei zwielichtigen Admirals in Ausgabe #9 wird in Ausgabe #10 nicht mehr aufgegriffen. Aber zumindest tritt diese Organisation (Sektion 31 ???) am Ende von #10 wieder in Erscheinung und offenbart, dass auch ein weiterer bekannter Charakter Mitglied jener Organisation ist, die das Beta III-Projekt fast ein Jahrhundert lang vertuschen konnte. Und in diesem Dialog wird offenbart, dass James T. Kirk selbst ein „Projekt“ dieser Organisation ist.

Ein spannender Schluss für eine sehr gute Story. Mit der Bewertung tue ich mir etwas schwer. Denn die Geschichte nimmt ganz klar ihren Reiz daraus, direkt mit der TV-Folge verglichen zu werden. Für sich alleinstehend ist die Handlung absolut solide mit einem spannenden „Cliffhanger“ am Schluss. Aber unter Berücksichtigung der TV-Episode ist dieses Abenteuer der Ongoing-Reihe wirklich genial und ein Kandidat für die Höchstwertung! 🙂 Ich entscheide mich daher (auch wegen einiger seltsamer Design-Entscheidungen, die ich weiter unten erläutere) für einen Kompromiss: 5 Sterne!

Anmerkungen:

Stephen Molnars Zeichenstil ist wie immer absolut okay, allgemein ist die Reihe trotz unterschiedlicher Zeichner allgemein sehr konsistent in Stil und Qualität. Was ich aber in dieser Geschichte ein wenig ankreiden will sind einige Design-Entscheidungen:

Die Darstellung der Stadt auf Beta III ist eher mittelalterlich, während i sie in TOS eher wie aus dem 19. Jahrhundert wirkte. Es kann natürlich sein, dass der Landru-Computer irgendwann zwischen 2258 und 2266 in der alten Zeitlinie mal in ein architektonisch anders gestaltete Stadt „umgezogen“ ist. So etwas könnte eventuell auch das deutlich andere Erscheinungsbild des Computers selbst erklären. Inhaltlich hätte es aber keinen Unterschied gemacht, in welcher „altertümlichen“ Umgebung die Geschichte stattfindet.

Die U.S.S. Archon selbst hat ein schönes Design: Eine Art NX-Klasse – was ja perfekt zum zeitlichen Setting des Schiffs passt – aber mit Warpgondeln ähnlich jenen von Kirks Enterprise. Dieses Gondeldesign passt zeitlich gar nicht dorthin, eher wären Warpgondeln wie jene der U.S.S. Kelvin oder auch der NX-Klasse selbst angebracht gewesen.

Das Raumschiff Archon

Man kann höchstens interpretieren, dass Cornelius Landru auch mit einem damals höchst experimentellen Raumschiff nach Beta III geflogen ist, wenn er schon andere experimentelle Technik mit dabei hatte. Ohne solche Erklärungen wirken die Warpgondeln aber ziemlich anachronistisch.

Jedenfalls ist deutlich, dass die Archon – anders als z.B. in Quellen wie der Encyclopedia angeführt – kein Raumschiff der Daedalus-Klasse war. Da man das Schiff aber ohnehin nie on-screen sah und somit dessen Erscheinungsbild nicht canon ist, ist die Wahl eines anderen Schiffsdesigns allgemein zumindest legitim.

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