Rezension: TOS – „Errand of Vengeance – Book 1: The Edge of the Sword“

Jon Anderson wurde auf einer abgelegenen Föderationskolonie geboren, trat der Sternenflotte bei um ihr als Sicherheitsoffizier zu dienen und erhielt schließlich die erfreuliche Nachricht, dass er auf das Flaggschiff der Sternenflotte – die Enterprise – versetzt würde. Doch die Freude hielt nicht lange, denn diese Versetzung sorgte dafür, dass er für den klingonischen Geheimdienst interessant wurde. Und so ist Jon Anderson längst tot, als auf der Enterprise ein Mann seinen Dienst antritt, der sich für Anderson ausgibt aber in Wahrheit ein klingonischer Geheimagent ist.

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Der Name dieses klingonischen Agenten lautet Kell und während er nach außen hin wie ein pflichtbewusster, typischer Sternenflottensicherheitsoffizier wirkt, sind seine Gedanken geprägt von den Behauptungen der klingonischen Propaganda über die Föderation und speziell über die „Erdlinge“. So sind alle Menschen Feiglinge, schwach und naiv und werden von ihren diktatorisch regierenden Befehlshabern nur als Marionetten eingesetzt, um deren Macht zu erhalten oder zu vergrößern. Jeden Tag, den Kell auf der Enterprise verbringt, rechnet er damit, genau das zu sehen, was die Propaganda über die „Erdlinge“ (ein Schimpfwort bei den Klingonen) behauptet. Und tatsächlich ist Kells Blick so getrübt, dass er selbst Kleinigkeiten als Bestätigung seiner Vorurteile ansieht und alles was ihnen widerspricht, als bewusste Täuschung und Manipulation durch die Machthaber – im konkreten Fall James T. Kirk – einordnet.

Kell ist nicht der einzige klingonische Spion an Bord. Schon kurz nach seiner Ankunft an Bord der Enterprise gibt sich ihm ein weiterer Sicherheitsoffizier – Mathews – als Klingone zu erkennen und weiht ihn in ihren Auftrag ein: Sie wurden eingeschleust um Captain Kirk zu ermorden! Ein Auftrag, den Mathews möglichst rasch bei seiner ersten gemeinsamen Außenmission mit dem Captain erledigen will. Auf dem Planeten Exo III (siehe TOS-Episode „Der alte Traum“) will Mathews Kirks Tod wie einen Unfall aussehen lassen. Doch es kommt anders als geplant und Mathews erleidet auf der Außenmission jenes Schicksal, das er mit vielen anderen Sicherheitsoffizieren der Sternenflotten teilen sollte. Denn klingonische Krieger und Sicherheitsoffiziere haben dem Sprichwort nach eines gemeinsam: Sie werden nicht besonders alt. Und es sollte nicht die einzige Gemeinsamkeit sein, die der nun auf sich allein gestellte Kell entdecken sollte …

Fazit: Oftmals sind Star Trek-Romane, die sich stark auf einen „Gastcharakter“ konzentrieren, etwas schwerfällig. Immerhin sind die aus den Serien bekannten Hauptcharaktere ja der Grund, warum man zu einem solchen Roman greift und „serienfremde“ Charaktere, Objekte oder Handlungsweisen können leicht als Störfaktor und für die Serie untypisch wahrgenommen werden. Das ist bei „The Edge of the Sword“ absolut NICHT der Fall!

Obwohl Kirk, Spock, McCoy & Co auch in diesem Roman vorkommen, erleben wir den Großteil der Geschichte aus Kells faszinierender Perspektive. Ein Klingone, der unerkannt die Rolle eines Sicherheitsoffiziers eingenommen hat und in dessen Gedanken der Leser einen Einblick erhält. So erfahren wir besser denn je, was die Klingonen von den Menschen halten und wie unterschiedlich – oder auch nicht – die klingonische Denkweise im Vergleich ist. Der oft inflationär gebrauchte Begriff „Ehre“ wird – wie bei den meisten Romanen mit Klingonen im Mittelpunkt – zwar auch in „The Edge of the Sword“ sehr häufig verwendet, aber Autor Kevin Ryan liefert hier als besten Anschauungsunterricht gleich die Erklärung mit, was Klingonen als ehrenvoll ansehen und was nicht. Dabei stützt er sich nicht auf uralte Erzählungen und Rituale (tatsächlich ist laut dem Roman der Kahless-Kult im Klingonischen Imperium noch gar nicht so weit verbreitet wie es in den späteren Epochen den Anschein hat), sondern legt das Konzept „Ehre“ auf den Alltag um. Ryan vermeidet es, sich in einer martialischen klingonischen Psyche zu verstricken sondern lässt den Protagonisten Kell einfach das menschliche Verhalten in den unterschiedlichsten Lebenslagen beobachten und seine Schlüsse ziehen.

Ebenfalls eine hervorragende Entscheidung war es, Kell nicht vollkommen zu bekehren. Im Verlauf der Geschichte muss er seine Ansichten über die „Erdlinge“ immer wieder korrigieren, aber er hält dennoch an dem fest, was die Klingonen dank der Propaganda über ihren Feind denken und definiert für sich selbst nach und nach immer mehr Ausnahmen. Er beginnt Respekt für seinen Ausbilder zu entwickeln und schließlich auch bei seiner ersten großen Außenmission auch für seine ihm gleichgestellten Kameraden. Er erkennt, dass die anderen Sicherheitsoffiziere trotz ihres „menschlichen Makels“ auch so etwas wie ehrenwerte Krieger sind und zumindest während dieser Mission (Orioner greifen eine abtrünnige irdische Kolonie an, die eigentlich nichts mit der Föderation zu tun haben will) einen gerechten Kampf führen.

In diesem ersten Teil der „Errand of Vengeance“-Trilogie erleben wir also hautnah, wie sich die Ansichten eines klingonischen Geheimagenten langsam verändert. Doch es bleibt abzuwarten, ob sich Kells Weg der Erkenntnis fortsetzt, denn die Parallelhandlung wirft bereits Schatten eines Krieges zwischen der Föderation und dem Imperium voraus. Die Klingonen rüsten auf und die Föderation ist sich der Gefahr mehr als bewusst und sucht nach diplomatischen Lösungen. Obwohl diese Parallelhandlung hauptsächlich aus Besprechungen im Sternenflottenhauptquartier besteht, ist sie auch durchaus spannend. Denn zeitlich kann man den Roman dank der am Beginn des Romans stattfindenden Mission der Enterprise bei Exo III gut einordnen. Wir stehen also am Beginn der Ereignisse der 1. Staffel der „Original Series“ und Serienkenner wissen, dass ein Krieg zwischen den Klingonen und der Föderation gegen Ende dieser Staffel anheben wird.

Bewertung: Kevin Ryan hat ein das Kunststück geschafft, einen interessanten neuen Hauptcharakter zu erschaffen, dem der Leser mindestens durch drei Viertel der Ereignisse folgt. Und trotz der reduzierten Rollen der etablierten Charaktere wirkt die Geschichte absolut authentisch zur Serie. Hier passt alles zusammen, Kell bewegt sich in einer vertraut wirkenden Umgebung, die man durch seine Augen neu erlebt. Man erkennt genau, auf was er reagiert, das Umfeld, die Kollegialität, die Opfer die die Sicherheitsoffiziere erbringen. All diese Elemente sind dem Seher der TV-Serie bekannt, aber vor allem deshalb nicht langweilig, weil sie für Kell noch komplett neu sind und es interessant ist, wie er seine Beobachtungen kommentiert und versucht, sie mit seiner klingonischen Weltanschauung in Einklang zu bringen. Dabei geht der Autor sehr direkt vor, verzichtet auf tiefgehende Analysen sondern bleibt stets bodenständig, was auch für das Erzähltempo förderlich ist. Ein guter Gegenpol zu Kells passiver Beobachtung der menschlichen Verhaltensweisen sind auch die ausgedehnten Action-Sequenzen, die ereignisreich und gerade dann mit einer entscheidenden Wendung aufwarten, wenn man vielleicht schon den Eindruck hat, sie wären etwas zu lang geraten. Dennoch: Ein paar Seiten weniger Kampf wäre doch besser gewesen, wenngleich das natürlich sowohl das Handwerk von klingonischen Kriegern als auch von Sicherheitsoffizieren ist. Und da gerade diese beiden „Berufsgruppen“ besonders stark im Vordergrund der Handlung stehen, ist es absolut legitim, sie auch etwas länger im Einsatz zu beobachten als bei anderen Romanen, in denen ein Raumschiff-Captain, ein Wissenschaftsoffizier oder ein Schiffsarzt im Mittelpunkt stehen.

„The Edge of the Sword“ ist ein sehr starker Auftakt einer Trilogie. Spannend geschrieben, tempo- und actionreich sowie mit jeder Menge Anspielungen auf die TV-Serie versehen, so dass man sich als Leser trotz des ungewohnten Hauptcharakters sofort im Star Trek-Universum heimisch fühlt. Vom vermittelten Gefühl her ist ein Vergleich mit der „Vanguard“-Reihe durchaus passend. Auch in dieser Reihe hat man eine für TOS eher ungewöhnliche Geschichte in diesen Zeitabschnitt platziert und in beiden Fällen funktioniert das wirklich gut.

Ich bin gespannt, wie es mit Kell weitergeht und gebe seinem ersten Auftritt in der Star Trek-Literatur starke 5 von 6 Sterne! Ob die „Errand of Vengeance“-Reihe echten Event-Charakter erreichen wird muss sich in den Fortsetzungen zwar erst zeigen, doch der erste Roman der Reihe legt jedenfalls eine mehr als solide Basis und ist gleichzeitig auch für sich allein stehend sehr unterhaltsam gewesen.

5stars

Anmerkungen:

Für einen Roman, der im Jahr 2002 erschienen ist, ist das Titelbild des Romans (und seiner beiden Fortsetzungen) wirklich bescheiden. Vor allem wenn man bedenkt, dass in diesem Jahr mit dem TNG-Roman „Immortal Coil“/“Das Unsterblichkeitsprinzip“ eines der schönsten Star Trek-Roman-Coverbilder überhaupt erschien.

Interessant ist auch, dass der Roman unter dem Serientitel „The Original Series“ erschien. Ein solcher Titelzusatz für TOS-Romane ist bei den in Amerika erscheinenden Büchern selten, dort erscheinen TOS-Romane üblicherweise einfach schlicht unter dem Titel „Star Trek“. Auch die „Janus Gate“-Reihe erschien im Jahr 2002 unter dem Banner „The Original Series“ (mit ähnlich unkreativen Titelbildern). Erst im Jahr 2013 wird diese Bezeichnung für TOS-Romane wieder zum Standard.

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