Rezension: „Seelen“

Auf Stephenie Meyers Romane der „Twilight“-Saga bin ich ja mehr deshalb aufmerksam geworden, da diese – und noch mehr die Verfilmungen – trotz gewaltigem Fan-Zuspruch von den Kritikern regelrecht zerrissen wurden. Da hatte ich beschlossen, mir selbst ein Bild davon zu machen und habe die Romane (auf Englisch) gelesen und die haben mir grundsätzlich sogar ziemlich gefallen. Als großer Science-Fiction-Fan war es mir dann klar, dass ich auch Meyers bisher einzigen Ausflug in dieses Genre mal lesen werde. Und das habe ich in den vergangenen Wochen getan (diesmal die deutsche Fassung) und trotz einem ziemlich holprigen Start, hat mir auch dieses Werk von Stephenie Meyer gefallen. Hier nun meine Rezension zu „Seelen“:

 Seelen_Cover

 

„Wanderer“ ist der Name einer Seele, eines außerirdischen Wesens, das körperlich nicht besonders beeindruckend wirkt, ein handflächengroßes Konglomerat silberner Fasern. Doch wie alle Mitglieder ihrer Spezies hat sie die Fähigkeit, einen beliebigen Wirtskörper vollständig zu übernehmen. Das Bewusstsein des Wirts wird verdrängt und die Seelen haben die völlige Kontrolle. Zumindest war es bisher so. Wie ihr Name schon andeutet, war Wanderer schon auf vielen Planeten und durchlebte die Lebenszyklen verschiedenster Wesen. Doch als sie in einen neuen Körper verpflanzt wird, ist alles anders. Das Bewusstsein des Wirtes verschwindet nicht, ist immer noch präsent, kämpft gegen die Übernahme an. Dieser Wirt ist ein Mensch namens Melanie und der Planet, den die Seelen erst vor wenigen Jahren „kolonisiert“ haben, ist die Erde.

Dass Wanderer Probleme hat, auf die Erinnerungen von Melanie zuzugreifen, bringt sie auch unter Ihresgleichen in Bedrängnis. Seelen mögen zwar prinzipiell friedliebende und harmlose Geschöpfe sein, die die Menschheit vor allem deshalb übernommen haben, um deren Feindseligkeit und gewalttätige Neigungen in deren Kultur zu tilgen, aber es gibt auch ein paar Seelen, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die letzten freien Menschen aufzuspüren und sie mit Wirten zu vereinigen: die Sucher. Und eine Sucherin lässt Wanderer keinen Moment aus den Augen, während sie versucht, sich an ihr neues Leben auf der Erde zu gewöhnen. Während Wanderer noch von Melanies Bewusstsein gequält wird, ist die Abneigung gegen die Sucherin das erste, das diese beiden Wesen miteinander gemeinsam haben. Und auf einer langen gemeinsamen und gefährlichen Reise entdecken diese beiden Wesen, dass dies nicht das einzige ist, was sie verbindet …

Fazit: „Seelen“ behandelt ein ganz klassisches Science-Fiction-Thema, die Übernahme von Menschen durch parasitäre Lebensformen, die ihr Handeln steuern. Dutzende Kinofilme haben sich dieses Themas schon angenommen und jede etwas länger laufende SciFi-Serie dürfte zumindest eine Episode haben, in der eine solche Übernahme geschieht. Vor allem in „Star Trek“ findet man viele solcher Episoden. Da stellt sich natürlich die Frage, ob man dem Thema überhaupt noch viel Neues abgewinnen kann. Nach dem Lesen des Romans kann ich das zwar nicht eindeutig mit einem Ja beantworten. Aber aufgrund seines Umfangs (900 Seiten!!!) kann man zumindest behaupten, dass ein sehr großer Bereich dieses Themas abgedeckt wird.

Denn obwohl am Beginn des Romans noch das innere Zwiegespräch von Wanderer und Melanie dominiert und mal abgesehen von der Sucherin kein anderer Charakter wirklich im Vordergrund steht, werden dann im weiteren Verlauf der Geschichte alle möglichen Reaktionen von Menschen auf diese Lebensform erläutert. Nachdem Wanderer schließlich auf eine versteckte Kommune überlebender Menschen stößt (übrigens ein sehr interessant geschildertes Überlebensszenario und Umfeld, wenngleich manchmal ein bisschen zu „perfekt“ dargestellt), schlagen ihrer vereinigten Persönlichkeit alle nur möglichen Emotionen entgegen. Feindseligkeit ist natürlich anfangs die dominante Reaktion, aber es gibt auch Leute in der Kommune, die Melanie noch kannten, bevor sie übernommen wurde und auch diese reagieren sehr differenziert und Wanderer bzw. Melanie reagieren auch sehr unterschiedlich auf die unterschiedlichsten Leute. So ziemlich jede mögliche Kombination wird behandelt und das ist umso erstaunlicher, bedenkt man den geradlinigen Start des Romans und wie wenige Figuren er auf den ersten Seiten einführte. Man hätte es sich sicher interessanter vorgestellt, wenn ein außerirdisches Wesen, das bisher als Blume, Wasserpflanze, spinnenartige, delfinartige oder bärenartige Kreatur gelebt hatte, erstmals einen menschlichen Körper auf der Erde übernimmt. Der Beginn des Romans ist wirklich etwas unspektakulär. Aber zumindest wird man später entschädigt, indem man ziemlich viel über die anderen Welten erfährt, die von den Seelen „kolonisiert“ worden sind. Das sind schon ziemlich fantastische und andersartige Orte, was auch für die dort heimischen Lebewesen gilt.

Bei einem Roman von Stephenie Meyer darf es einen natürlich nicht wundern, wenn es auch mal romantisch zugeht. Damit muss man leben, aber mal abgesehen von einer wirklich schrecklichen Sequenz – auch wieder eher am Beginn des Buches – die Wanderer als Erinnerung  von Melanie erlebt, ist die Story nicht allzu schmalzig geraten. Es kippt im letzten Drittel auch ins Dramatische ab, was aber wirklich gut funktioniert. Ist also das erste Drittel des Buches noch ziemlich träge und setzt erst das mittlere Drittel des Romans so wirklich den Ton fest, ist der Abschluss des Romans dann absolut gelungen. Hier gibt es dann einige interessante Entwicklungen.

Bewertung: Der Beginn des Romans ist wie gesagt ein Problem, den muss man erst mal durchdrücken, man wird dann aber durchaus mit einer interessanten Geschichte belohnt, die am Ende auch richtig spannend ist. Langatmigkeit kann man dem Roman ab dem Mitteldrittel auch nicht mehr vorwerfen, der Umfang des Buches, das detailliert beschriebene Umfeld, die vielen menschlichen Charaktere und deren Charakterentwicklungen brauchen die Zeit, um wirklich nachvollziehbar zu wirken. Gehetzt und auf die Hälfte des Umfangs reduziert, würde ich wahrscheinlich manche Entwicklungen für völlig überzogen halten, aber ich denke, in diesem Fall macht sich das Warten auf die Entwicklungen bezahlt. Ich gebe daher trotz der enormen Startschwierigkeiten noch knapp 4 von 6 Sterne! Am Ende hat sich Meyers Ausflug ins SciFi-Genre doch noch ausgezahlt, aber sie macht es mit dem Einstieg dem Leser nicht gerade leicht, nach den ersten 100 Seiten noch weiterlesen zu wollen.

4stars

Anmerkung: Wie die“ Twilight“-Filme wurde auch „Seelen“ bereits verfilmt (Regie führte Andrew Niccol, der auf düstere Zukunftaussichten spezialisiert zu sein scheint, er verfilmte u.a. „Gattaca“ und „In Time“). Deutscher Kinostart ist der 13. Juni 2013, in den USA lief er bereits Ende März an. Vergleichbar mit den „Twilight“-Filmen bekam der Film weitgehend schlechte Kritiken, aber im Gegensatz zur Vampir-Saga floppte der Film auch an den Kinokassen.

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