Rezension: „Inferno“

In Dan Browns Roman „Inferno“ erlebt Kunsthistoriker und Symbologe Robert Langdon nun bereits sein viertes großes Abenteuer und nach Rom, Paris und Washington verschlägt es ihn diesmal wieder nach Italien. Diesmal allerdings ohne jegliche Erinnerung, wie er dorthin gekommen ist …

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Robert Langdon erwacht mit einer Kopfverletzung in einem Krankenhausbett und geht anfangs noch davon aus, in Massachusetts zu sein. Zumindest bis er einen Blick durch ein Fenster erhaschen kann und die Kuppel des Florenzer Doms vor sich aufragen sieht. Es stellt sich heraus, dass Langdon aufgrund seiner Verletzung – einer Schusswunde! – alles vergessen hat, was sich in den letzten beiden Tagen abgespielt hat. Er hat keine Ahnung, warum er nach Florenz geflogen ist und was er dort getan hat oder tun wollte. Der Natur seiner Verwundung scheint er jedoch an jemandem geraten zu sein, der nach seinem Leben trachtet. Und derjenige tritt nur kurze Zeit nach Langdons Erwachen in Erscheinung: Eine Killerin bahnt sich ihren Weg durch das Krankenhaus, erschießt einen von Langdons Ärzten vor seinen Augen und nur im letzten Moment gelingt es ihm mit der Hilfe einer anderen Ärztin, Sienna Brooks, aus dem Krankenhaus zu fliehen.

In Siennas Wohnung angekommen nutzt Langdon die Verschnaufpause um die ersten Puzzlestücke zusammenzusetzen. Er findet in einem ihm bislang unbekannten Geheimfach seines Jacketts ein altes Rollsiegel mit dämonischen Symbolen darauf und ihm holen Inneren versteckt einen kleinen Laser-Pointer, der aber keinen roten Punkt an die Wand projiziert, sondern ein Abbild von Botticellis „Mappa dell’Inferno“, eine Darstellung der Hölle basierend auf Dante Alighieris Beschreibung im ersten Teil seiner Göttlichen Komödie – „Inferno“. Langdon schlussfolgert, dass er diesen Projektor irgendwann in den vergangenen beiden Tagen erhalten haben muss und bei eingehender Betrachtung des Bilds kann er sich auch zusammenreimen, wieso: Das Bild wurde manipuliert und mit einer Botschaft versehen, die es zu entschlüsseln gilt. Kein leichtes Unterfangen, denn kurz nachdem Langdon einen Anruf beim amerikanischen Konsulat getätigt hat, erscheinen vor Siennas Haustür ein Trupp schwerbewaffneter Soldaten, die auf Langdon und Sienna fortan genauso Jagd machen wie die Killerin aus dem Krankenhaus. Und währenddessen, vor der Küste Italiens auf einer Yacht, bekommt eine zwielichtige Gestalt ernste Zweifel daran, ob sie nicht einen Auftrag zu viel angenommen hat, denn in Florenz scheint alles Denkbare schief zu gehen. Dazu kommt noch eine mysteriöse Videobotschaft, die der Auftraggeber am kommenden Tag veröffentlich sehen möchte. Eine Videobotschaft, die den Untergang der Zivilisation wie wir sie kennen impliziert androht.

Fazit: Dan Brown mag oft für gewisse (kunst)historische Ungenauigkeiten von den Kritikern getadelt werden, aber eines kann er bestimmt: extrem spannende Geschichten schreiben! Und wenngleich sein letzter Langdon-Roman „Das verlorene Symbol“ in dieser Hinsicht vielleicht nicht ganz mit „Sakrileg“ oder gar „Illuminati“ (mein persönlicher Favorit unter Browns Romanen) mithalten kann, so ist „Inferno“ wieder extrem spannend geworden. Zugegeben: Ein Gedächtnisverlust als Ausgangssituation für ein Abenteuer ist nicht gerade neu – auf humoristische Weise nutzten dieses Konzept im Kino die ersten beiden „Hangover“-Filme. Aber weniger lustig (wenngleich Browns Bücher eigentlich auch immer ein paar humorvolle Passagen und Dialoge beinhalten), dafür umso spannender wird die Story, wenn Robert Langdon damit beginnt, herauszufinden, was ihn nach Florenz verschlagen hat und er ohne zu wissen warum, dem vor zwei Tagen eingeschlagenen Weg zurückzuverfolgen.

Zu viel zur Geschichte sei in dieser Rezension nicht verraten, denn Dan Browns Romane leben auch von überraschenden Wendungen und Offenbarungen, die Zurückliegendes in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Diese sind ihm diesmal wirklich enorm gut gelungen (mit Ausnahme einer einzigen, die aber verglichen mit den anderen relativ vernachlässigbar sind) und er führt den Leser gekonnt an der Nase herum. Deutlich besser als noch im direkten Vorgänger „Das verlorene Symbol“.  Das Vorgängerbuch hatte allgemein auch den Nachteil, dass Langdon als Gelehrter mit außerordentlicher Kombinationsgabe wenig glänzen konnte. Das ist in „Inferno“ wieder ganz anders, diesmal kann er trotz der widrigsten Umstände – Gedächtnisverlust und diversen Killerkommandos an seinen Fersen – wieder zeigen, was er drauf hat und vermittelt dem Leser dabei gleichzeitig interessantes Hintergrundwissen und ermöglicht zumindest gedanklich einen kleinen Ausflug nach Florenz – und zwei weiteren Reisezielen, denn Langdon kommt in diesen Abenteuer ganz schön viel herum. Zudem ist die Bedrohung wesentlich realer gehalten als die undefinierten Mysterien in „Das verlorene Symbol“. Dass die Geschichte wieder in Europa spielt und nicht wie im Vorgängerroman in den USA, ist zudem auch ein Pluspunkt, fühlt man sich als Europäer doch der europäischen Kunst und Architektur eher verbunden als die vergleichsweise „jungen“ und hierzulande weniger vertrauten Werke in Amerika.

„Inferno“ ist also definitiv eine sehr gelungene Story mit allen Ingredienzien eines tollen Langdon-Romans. Was mich aber ziemlich zwiespältig zurücklässt, ist die Auflösung der Geschichte. Die wird sicher vielen Lesern übel aufstoßen, wenngleich ich durchaus nachvollziehen kann, warum Dan Brown keine „klassischere“ Lösung gewählt hat. Das hätte vielleicht auch zu stark an „Illuminati“ erinnern können.

Die Charaktere seien noch erwähnt: Das „Langdon-Girl“ (gehört zu Robert Langdon wie das Bond-Girl zu James Bond) in Form von Sienna Brooks ist gut in die Geschichte eingebaut, wenngleich nicht hervorragend. Ihre Beteiligung an dem Ganzen erscheint etwas zufällig, aber sie bekommt als Charakter vor allem im letzten Drittel des Romans einen sehr interessanten Background. Der „Bösewicht“ selbst hingegen bleibt im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Roman über ziemlich schattenhaft, was aber seine Gründe hat.

Bewertung: Der Roman braucht ein paar Seiten, um in die Gänge zu kommen, die Einleitung ist nicht ganz so spannend bzw. nachvollziehbar spannend wie entsprechende Stellen in „Illuminati“ oder „Sakrileg“, aber nach einigen Seiten ist man schon mitten im Abenteuer und fiebert wie gewohnt mit dem ungewöhnlichen „Helden“ Robert Langdon mit. Zum Schluss … wie gesagt kann ich nachvollziehen, warum Brown dieses Ende einem anderen Ausgang vorgezogen hat, aber es wären wahrscheinlich auch andere Auflösungen gut möglich gewesen. Daher empfinde ich den Schluss etwas unbefriedigend und auch befremdlich. Da „Inferno“ aber trotzdem über weite Strecken deutlich spannender ist als der Vorgängerroman, erhält er von mir 5 von 6 Sterne. Wie gesagt, mit einem bessere Einstieg à la „Illuminati“ und einem schöneren Schluss à la „Sakrileg“ hätte der Roman in die Top-Liga aufsteigen können. So würde ich ihn aber lediglich etwas besser als „Das verlorene Symbol“ einschätzen.

5stars

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