Rezension: TOS – “From History’s Shadow”

Zu den beliebtesten Star Trek-Romanen zählen sicher jene, die unabhängige Begebenheiten aus den Episoden und Filmen miteinander verknüpfen und in einen größeren Kontext stellen. Dayton Wards neuester Roman „From History’s Shadow“ ist in dieser Hinsicht für mich von besonderem Interesse, den der Ausgangspunkt, der die Geschehnisse in Gang setzt, ist der sogenannte „Roswell-Zwischenfall“, dieser angebliche UFO-Absturz im Jahr 1947, der auch noch heute Quelle vieler Verschwörungstheorien ist und in verschiedenen SciFi-Filmen und -Serien eine wichtige Rolle spielt. Daher hat es mich immer gestört, dass „Star Trek“ – genauer gesagt „Deep Space Nine“ – diese Grundlage „nur“ für eine Ferengi-Humor-Folge verwendet hat (Staffel 4, Folge 8, „Kleine, grüne Männchen“) ohne wirkliche Bedeutung für das Star Trek-Universum selbst. Dayton Ward ändert das und erzählt nicht nur eine Geschichte im 23. Jahrhundert, wenn Captain Kirk zwei zeitreisende Eindringlinge auf seinem Schiff entdeckt, sondern erzählt parallel auch von den Geschehnissen, die sich in den folgenden beiden Jahrzehnten nach dem Roswell-Zwischenfall zugetragen haben und dazu führten, dass Captain Kirk diese Entdeckung auf seinem Schiff machen konnte.

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In der erwähnten DS9-Folge begegnen wir Captain James Wainwright, der damals die Ferengi auf recht unsanfte Weise verhört hat. In den Jahren darauf wird er als Air Force-Offizier zum Verbindungsoffizier zwischen einer von Professor Carlson (siehe ebenfalls besagte DS9-Folge) geleiteten sowie diversen (damals real existierenden) Regierungsprojekten, von Projekt „Sign“ bis Projekt „Blue Book“, die alle gemeinsam hatten, Sichtungen von UFOs und Außerirdischen nachzugehen. Eine solche Sichtung führt Wainwright nach Yuma, wo er mehr zufällig Zeuge eines Kampfes vor einem Lagerhaus zwischen Soldaten wird. Wainwright stellt überrascht fest, dass es sich bei den Angreifern, die einen Mann verloren haben ehe sie flüchten konnten, um Außerirdische handelte. Dies sollte nur die erste heiße Spur sein, die ihn auf die Fährte dieser Außerirdischen führt, die nichts Gutes mit dem Schicksal der Erde im Sinn haben.

Über 300 Jahre in der Zukunft stellen die Sicherheitsteams der Enterprise zwei Eindringlinge. Der eine ist ein Vulkanier namens Mestral, der seit 1957 unerkannt auf der Erde lebte (siehe hierzu die Enterprise-Folge „Carbon Creek“) und eine Angehörige des Volkes von Certoss Ajahlan, die aus der fernen Zukunft in die Vergangenheit geschickt wurde, um zu verhindern, dass die Menschheit in Zukunft eine Gefahr für die Erde wird. Durch subtile Manipulation … oder durch Provokation eines allesvernichtenden Weltkrieges.

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Captain Wainwright machte bereits 1947 Bekanntschaft mit Außerirdischen.

Fazit: Dass sich Autor Dayton Ward ein Beispiel an seinem Kollegen Greg Cox und dessen „Eugenics Wars“-Duologie genommen hat, muss man nicht erst der Danksagung entnehmen. Wer die Duologie kennt, wird dasselbe Schema in „From History’s Shadow“ erkennen. Wie Cox vermengt auch Ward in seinem Roman reale Begebenheiten mit der Star Trek-Fiktion. Dass Wards Roman aber bei weitem nicht so fesselnd wirkt, liegt wohl eher an der Thematik: UFO-Sichtungen sind weiterhin ein Mysterium und während Captain Wainwright über zwei Jahrzehnte lang von einem Schauplatz zum nächsten unterwegs ist, dabei tatsächlich auch so manches außerirdische Vehikel findet, sind die meisten dieser Funde aber völlig unzusammenhängend. Die meisten wurden nie in einer „Star Trek“-Episode angesprochen und ob manche dieser Funde wirklich real sind … naja, das wissen wohl nicht einmal die Verschwörungstheoretiker. Dabei ist jener Teil, der die Geschehnisse im 20. Jahrhundert erzählt, ganz sicher der beste Teil des Romans. Wainwright kommt erstaunlich sympathisch rüber wenn man bedenkt, wie er mit den Ferengi in der DS9-Folge umgesprungen ist. Im Roman wird aus ihm wirklich ein guter Charakter.

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Roberta Lincoln, die Assistentin von Gary Seven, geht erstmals allein auf Mission. Gary Seven hat in „From History’s Shadow“ nur einen Kurzauftritt.

Was das Bedrohungsszenario durch die Certoss angeht: Dank des sehr frühen Auftritts von Roberta Lincoln kann man sich schnell denken, dass auch das die Ereignisse der TOS-Episode „Ein Planet genannt Erde“/“Assignment: Earth“ hier eine Rolle spielen und hinter dem in dieser Folge behandelten Sabotageversuch eigentlich die Certoss stecken. Vorweg: Ich bin ein großer Fan der TOS-Episode und hätte sehr gerne ein „Assignment: Earth“-Spin-Off der klassischen Star Trek-Serie gesehen. Allerdings ohne die Möglichkeit dieser Agenten, die im Auftrag wohlwollender Aliens im Geheimen versuchen, die Erde vor der Auslöschung zu bewahren, auch Zeitreisen durchzuführen. Dayton Ward ist bei weitem nicht der einzige Autor, der Gary Seven und Roberta Lincoln die technischen Mittel zur einfachen Durchführung von Zeitreisen andichtet. Gary Seven stand in der besagten TOS-Episode doch ein bisschen unter Zeitdruck für jemanden, der eigentlich problemlos eine Zeitreise zu einem besser geeigneten Zeitpunkt in die Vergangenheit hätte unternehmen können. Ich will diese Zeitreisefähigkeit jetzt nicht speziell diesem Roman anlasten, wie gesagt wurde das schon von anderen Autoren vorher etabliert. Aber wirklich sinnvoll ist sie nicht. Und was man sehr wohl diesem Roman diesbezüglich anlasten kann ist, dass Dayton Ward sich zu ein paar unüberlegten Zeitreisen hat hinreißen lassen.

Ich weiß nicht genau, was hier schiefgelaufen ist. Aber an zwei Stellen des Roman, kreuzen sich die Wegen von Wainwright und Kirk und Spock, die von Roberta Lincoln jeweils in die Zeit zurückgeschickt wurden, um diese Treffen zu ermöglichen und Wainwrights Arbeit, den Certoss auf die Spur zu kommen, zu beeinflussen. Kann es tatsächlich sein, dass ich es überlesen habe, oder wird wirklich nie erklärt, warum Kirk und Spock sich hier einmischen? Ja, ihre Einmischung sorgt am Ende dafür, dass alles so abläuft, wie man es in „Assignment: Earth“ gesehen hat. Aber ich sehe keinen Anhaltspunkt, warum Roberta Lincoln davon ausgeht, dass sie Kirk und Spock in die Vergangenheit schicken müsste, um diesen Geschichtsablauf sicherzustellen.

Natürlich könnte man jetzt als Ausrede auf die „Temporalen Archive“ hinweisen, die selbst bei Veränderung der Zeitlinie die Aufzeichnungen bewahren. Über ein solches Archiv sollen nämlich auch die Auftraggeber von Lincoln und Gary Seven verfügen – und gefühlt so ziemlich die halbe Galaxis. 😀 Damit kommen wir auch schon zum Teil der Geschichte, der im 23. Jahrhundert spielt. Nachdem der Vulkanier Mestral und eine Certoss auf der Enterprise ankommen, fordern die Tandaraner die Auslieferung der Certoss, die ihrer Meinung nach gefährliches Wissen über eine alternative Zukunft besitzt, die niemand sonst haben soll, wodurch die Enterprise ins metaphorische Kreuzfeuer gerät.

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Mit den Tandaranern hat bereits Jonathan Archer unliebsame Bekanntschaft machen müssen. Captains Kirks Begegnung mit ihnen verläuft nicht unbedingt besser.

Die Tandaraner kennen wir übrigens auch schon: In „Enterprise“ kamen sie in den Episoden „Detained“ und „Two Days und two Nights“ vor. Sie hatten zwar was gegen die Suliban, aber wirklich beteiligt im „Temporalen Kalten Krieg“ schienen sie nicht zu sein. Tatsächlich wollten sie eher was darüber erfahren und schienen keinesfalls so, als wären sie eine Spezies, die über eines dieser ominösen „temporalen Archive“ verfügt. Auch die Einbindung der Tandaraner war also meiner Meinung nach keine besonders geschickte Entscheidung.

Was relativ gut eingebunden wurde, war Wards eigene Kurzgeschichte „The Aliens are Coming!“. Schon bei meiner Rezension dieser Geschichte kam mir vor, als lese ich nur ein Kapitel eines Buches und nachträglich hat Ward diese Kurzgeschichte auch fast 1:1 gegen Ende von „From History’s Shadow“ eingefügt. Wainwrights Charakter in dieser Geschichte weicht etwas stärker von der sympathischen Figur ab, zu der er im Laufe des Romans geworden ist. Aber das wird nachträglich noch recht gut relativiert. (Noch besser wäre es allerdings gewesen, schon vorher die Erklärung reinzubringen – oder komplett mit seiner eigenen Kurzgeschichte zu brechen.)

Bewertung: Die zuvor erwähnten unmotivierten Zeitreisen sind leider nicht die einzigen Ungereimtheiten im Roman. Manchmal hatte ich wirklich den Eindruck, als habe Dayton Ward seinen ursprünglichen Roman sehr stark umgeschrieben und er habe einige Überbleibsel seiner Urversion einfach übersehen, die nun unstimmig wirken. Es sind keine großen Sachen, die nennenswerte Auswirkung auf die Geschichte hätten, aber sie fallen negativ auf. Schade, dieser Roman hätte wirklich toll werden können und bei den Charakterbeschreibungen trumpft Ward auch hervorragend auf. Aber die Story ist unrhythmisch, Teile davon belanglos oder für den UFO-Laien zumindest ohne Zusammenhang mit der zentralen Geschichte. Und nicht jede von Ward getroffene Entscheidung empfinde ich als wirklich sinnvoll.

„From History’s Shadow“ ist von den 3 TOS-Romanen, die ich heuer gelesen habe, dennoch der beste, wenngleich sich das nicht in der Wertung ausdrückt: 3 Sterne sind drinnen, aber der Roman hatte von der Story her viel mehr Potenzial.

3stars

Anmerkung: Wer mehr Abenteuer von Gary Seven und Roberta Lincoln lesen will, dem empfehle ich die „Eugenics Wars“-Duologie von Greg Cox sowie John Byrnes fünfteilige Comic-Reihe „Assignment: Earth“.

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