Rezension: “The Brave and the Bold – Book 1”

Deutschsprachigen Lesern der Star Trek-Romane des Heyne-Verlags könnte das Konzept von “The Brave and the Bold” vielleicht bekannt sein. Dort erschien vor über zehn Jahren eine andere Duologie, die ähnlich aufgebaut war: „Die Badlands“. In zwei Bänden wurden dort vier Geschichten erzählt, die sich um dasselbe Thema drehten (eine Anomalie im Raumgebiet, das als Badlands bekannt war), aber mehr oder weniger unabhängig voneinander waren und sich über einen langen Zeitraum erstreckten, so dass es sowohl eine Geschichte mit Captain Kirk & Co gab, als auch Geschichten, in denen die Crews von Picard, Janeway und Sisko im Mittelpunkt standen. „The Brave and the Bold“ erschien leider nie auf Deutsch, folgt aber einem ähnlichen Muster.

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Die Ausgangssituation der 4 Geschichten von „The Brave and the Bold“ entsteht im Prolog: Die Enterprise NX-01 unter dem Kommando von Captain Archer macht im Jahr 2151 – nur kurze Zeit nach ihrem Start – eine archäologische Entdeckung auf der inzwischen verwüsteten ehemaligen Zentralwelt der Zalkatianischen Union. Den dort gefundenen Aufzeichnungen nach beherrschte diese Union vor 90.000 Jahren ein ausgedehntes Gebiet und war technologisch sehr fortgeschritten. Ein Jahrtausend lang wurde die Union vom Tyrann Malkus beherrscht, der sich an der Macht hielt, da er vier Geräte besaß, die großes Zerstörungspotenzial entfalten konnten: Ein Gerät zur Wetterkontrolle, um ganze Landstriche zu verwüsten. Ein Gedankenmanipulator. Ein Gerät, das ein tödliches Virus in einen Organismus beamen konnte. Und eine mächtige Energiewaffe. Die Aufzeichnungen, die Archers Crew auf dem Planeten finden, erzählen vom Sturz des Tyrannen und den vergeblichen Versuchen der Rebellen damals, die vier Geräte zu zerstören. So wurden sie auf verschiedenen Planeten versteckt. Erkennend, welch große Gefahr ein versehentlicher Fund eines solchen Machtinstruments bedeuten könnte, informiert Archer die Sternenflotte und die Vulkanier darüber und empfiehlt, das alle Raumschiffe in Zukunft standardmäßig nach der einzigartigen Energiesignatur der vier Machtinstrumente scannen und bei positiver Anzeige die vier Geräte von Malkus um jeden Preis sicherstellen sollten.

Über 100 Jahre später ereilt die U.S.S. Constellation unter Commodore Matt Deckers Kommando ein Notruf der Föderationskolonie auf Alpha Proxima II. Eine Seuche hat bereits Tausende Opfer gefordert. Zusammen mit Captain Kirk von der Enterprise versucht Decker wieder Ordnung in das herrschende Chaos auf dem Planeten zu bringen, während Dr. McCoy zusammen mit seinem Kollegen von der Constellation nach einem Heilmittel für das Virus suchen.

Weitere 100 Jahre in der Zukunft wird die U.S.S. Odyssey unter dem Kommando von Captain Declan Keogh bei einem Terraforming-Projekt auf Bajors zweitem Mond eingesetzt. Auf dem Mond soll eine Agrarkolonie errichtet werden die von jenen Bajoranern bewohnt werden soll, die während der cardassianischen Besetzung Bajors von dort fliehen konnten. Zu den Rückkehrern gehört auch der berüchtigte Terrorist Orta, der jedoch nicht die Absicht hat, ein friedliches Leben zu führen. Er folgt einer Prophezeiung und bei den Arbeiten zur Errichtung der Kolonie stößt er auf eine mächtige Waffe. Und er zögert keine Sekunde, die gefundene Waffe einzusetzen.

Fazit: Das Cover des Romans lässt bereits vermuten, dass die Geschichten der „The Brave and the Bold“-Romane sich in einer Hinsicht ähnlich sind: Es geht um die Zusammenarbeit eines etablierten Captains mit einem weiteren aus der Serie bekannten Captain (bzw. dessen Crew), über den die Serien aber bislang wenig preisgegeben haben. So stehen die neuen Charaktere von den Crews der Constellation und der Odyssey auch besonders im Fokus und in der Interaktion mit den Crews der Enterprise und der Raumstation Deep Space 9 ist auch ihre Perspektive die dominante. Da sowohl Matt Decker als auch Captain Keogh bekanntlich die TV-Episoden, in denen sie auftreten, nicht überlebt haben, handelt es sich bei beiden Storys sozusagen um Prequels und erfüllen auch recht erfolgreich die Aufgabe, die Standpunkte festzulegen. Es kommt in der TOS-Folge „Der Planeten-Killer“ sehr klar rüber, dass sich Decker und Kirk bereits kannten und in „Der Plan des Dominion“ wird direkt angesprochen, dass Kira und Dax bereits das zweifelhafte Vergnügen hatten, mit Captain Keogh zusammenzuarbeiten. Letzterer kommt übrigens entsprechend unsympathisch rüber. Matt Decker – obwohl er ebenfalls in „Der Planeten-Killer“ seine negativen Seiten zeigt – darf in der ersten „The Brave and the Bold“-Story hingegen sehr sympathisch rüberkommen. Man nimmt es ihm wirklich nicht übel, dass er Kirk betreffend etwas skeptisch ist. Zumal sich seine Einstellung durch die Erlebnisse auf Alpha Proxima II mit der Zeit bessern.

In der ersten Story des Romans geht es also um Malkus‘ Virus-Waffe, was natürlich speziell den Schiffsärzten der Enterprise und Constellation viel Platz einräumt. Ehrlich gesagt bin ich kein großer Fan von medizinischen Geschichten und mich hat daher wesentlich mehr interessiert, wie Kirk und Decker auf dem Planeten die Ordnung aufrechterhalten bzw. die Suche nach der Virus-Waffe abläuft, die aber etwas zu kurz kommt für meinen Geschmack. Wer meinen Roman „A Decade of Storm“ kennt, der weiß, dass ich ein Faible für Storys habe, in denen es um mächtige antike Technologien geht, die den Protogonisten Probleme bereiten. 😀

In dieser Hinsicht hat mir der Fund der zweiten Waffe auf dem bajoranischen Mond durch einen gewissenlosen Terroristen schon weit besser gefallen. Bereits erwähntes Defizit dieser Story ist allerdings die im Vergleich zur Constellation-Crew wesentlich weniger interessante Odyssey-Crew. Vor allem Keogh darf über 100 Seiten lang den Unsympathischen geben, um erst ganz am Ende der Geschichte schließlich dann doch ein wenig sympathisch zu erscheinen. Ein weiteres Defizit ist, dass nach Ortas Fund die Story ziemlich voran hetzt und ein bestimmter Teil der Geschichte, der anfangs sehr wichtig erscheint, in einem Satz als unerheblich festgestellt wird. Hier hatte ich das Gefühl, dass Autor Keith R.A. DeCandido die Geschichte gerne ausführlicher und länger beschrieben hätte, aber wahrscheinlich wäre sie dann gegenüber den anderen drei Geschichten der Reihe hervorgestochen.

Achja, einen kleinen Kontinuitätsfehler gibt es auch: Die Geschichte spielt gegen Ende der 2. DS9-Staffel und zu diesem Zeitpunkt (also vor der Episode „Trekors Prophezeiung“ in der 3. Staffel) sollte es noch nicht möglich sein, dass Deep Space Nine die Odyssey im Gamma-Quadranten durch das Wurmloch ruft. (Wenn ich mich aber richtig erinnere, gab es einen solchen Fehler auch in der Serie zumindest einmal.)

Noch eine positive Sache: Die zweite Geschichte wertet nachträglich die erste noch etwas auf! Ein schnell abgehandelte und eigentlich unwichtig erscheinende Nebenhandlung in der ersten Story (betreffend ein fremdes Raumschiff, dessen Captain darum bittet, auf Alpha Proxima II zu landen), wird in der zweiten Geschichte wieder aufgegriffen und zu einem essentiellen Bestandteil der Malkus-Hintergrundgeschichte ausgeweitet. Ein echter Augenöffner, wenn dasselbe Raumschiff und derselbe Captain 100 Jahre später „zufällig“ auch kurz vor dem Fund des zweiten Machtinstruments bei Bajors zweitem Mond aufkreuzen.

Während die bekannteren Charaktere in den beiden Geschichten sehr stimmig getroffen sind, ist das beim Prolog nicht so der Fall. Captain Archers Crew, die beim Schreiben des Romans noch nicht viele Auftritte gehabt haben dürften („The Brave and the Bold“ erschien Ende 2002), interagieren irgendwie fremd und fühlen sich irgendwie nicht richtig getroffen an, wenn sie miteinander interagieren. Aber als das Buch geschrieben wurde wusste Autor Keith R.A. DeCandido wohl noch zu wenig über die damals neueste Crew des Star Trek-Universums.

Bewertung: Das Thema rund um die antiken Waffen und Malkus untergegangenes Reich würden mich speziell ja sehr interessieren und dass diese Machtinstrumente im Rahmen von unabhängigen Abenteuern im 23. und 24. Jahrhundert gefunden werden ist auch eine gute Idee, die mir schon in der „Badlands“-Duologie gefallen hat. Aber so ganz überzeugend sind die beiden Storys im ersten Band der Reihe noch nicht. Die erste Geschichte ist nicht besonders spannend, aber doch zumindest recht interessant. Die zweite Geschichte ist da schon bedeutend spannender, schöpft aber auch nicht ihr Potenzial aus. Angesichts der Macht, die diese Geräte von Malkus besitzen, hätte ich mit „größeren“ Storys gerechnet. Einfach mit ein bisschen mehr Dramatik und Eskalation. Daher gebe ich dem ersten Buch „nur“ 3 Sterne.

3stars

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