Rezension: “Enders Spiel”

Autor Orson Scott Cards inzwischen mehrteilige SciFi-Saga begann 1977 als Kurzgeschichte namens „Ender’s Game“, die er bis 1985 zu einem Roman ausbaute. Auszeichnungen als bester Science-Ficiton-Roman (Nebula Award und Hugo Award), die im Jahr 2013 erschienene Verfilmung sowie die Lektürenempfehlung des U.S. Marine Corps an seine Unteroffiziere und Offiziersanwärter, haben mein Interesse geweckt, diesen Roman zu rezensieren.

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In der Zukunft, in der Andrew Wiggin – auch Ender genannt – lebt, hat die Erde bereits zwei versuchte Invasionen einer außerirdischen, insektoiden Spezies erfolgreich abgewehrt. Vor 80 Jahren fand der letzte Angriff statt aber die Angst, dass die sogenannten „Krabbler“ wieder zurückkehren und ihr Werk vollenden, existiert noch immer und der gemeinsame Feind ist auch der Grund, warum sich die beiden großen Machtblöcke auf der Erde nicht gegenseitig an die Gurgel gehen. Die sowohl vom Westen als auch vom Warschauer Pakt (der in unserer Realität schon seit 1991 nicht mehr existiert) unterstützte „Internationale Flotte“ (kurz „I.F.“) ist seit der zweiten Krabbler-Invasion auf der Suche nach einem neuem Kriegshelden ist. Nach jemandem mit hoher Intelligenz, strategischer Voraussicht, der Fähigkeit, sich in einen weitgehend unbekannten Gegner hinein zu fühlen aber mit der nötigen Kaltblütigkeit, dessen Schwächen auszunutzen und ihn zur Strecke zu bringen. Die Sprösslinge der Familie Wiggin scheinen besonders gut geeignet. War jedoch der älteste Sohn Peter zu brutal und seine Schwester Valentine zu einfühlsam, scheint der drittgeborene und erst sechsjährige Ender Wiggin nach eingehender Beobachtung durch die I.F. ideal geeignet.

Auf der Kampfschule wird Ender vom zynischen und manipulierenden Oberst Graff im Lauf der Zeit von einer Gruppe in die nächste versetzt, isoliert, unfähig gemacht, Freundschaften zu schließen, aber dafür mit der Fähigkeit, die Schwächen seiner Kameraden zu erkennen und sich so jenem Anführer zu entwickeln, den sich die I.F. wünscht. Denn der geht es nicht darum, eine dritte Invasion auf die Erde abzuwehren, sondern selbst eine Invasion gegen die Heimatwelt und die Koloniewelten der Krabbler zu führen.

Fazit: Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über mehrere Jahre, in der Ender stets vor neue Herausforderungen gestellt wird, die er als Schikane empfindet, die ihn aber dem Willen seiner Ausbilder nach zu jenem militärischen Führer machen soll, den sie für ihre Pläne erhoffen. In den ersten Jahren ist Ender auf der Kampfschule, einer Art Grundausbildung, in der der Fokus auf Kampfspielen in der Schwerelosigkeit liegt, bei denen verschiedene Teams gegeneinander antreten. Dieser Teil der Ausbildung ist am ausführlichsten beschrieben, ist er doch der Beginn von Enders Karriere, wenn er sich langsam trotz aller Schikanen mehr und mehr Respekt erarbeitet und schließlich sogar zum Anführer seines eigenen Teams ernannt wird. Aber selbst damit endet die Manipulation nicht, denn je stärker Enders Team wird, desto unfairer werden die Spielszenarios. Ein Muster, dass sich in den Jahren darauf in der Kommandoschule fortsetzt bis zum unrühmlichen Showdown, der Abschlussprüfung.

Man kann mit Ender wirklich gut mitleiden, weil die Spiele wirklich immer schwieriger werden. Zuerst mehrere Spiele pro Woche, dann mehrere pro Tag und schließlich gegen mehrere gegnerische Teams gleichzeitig. Die Belastung bis hin zum Burn-out beschreibt Orson Scott Card wirklich sehr gut. Warum ich aber doch nicht wirklich mit dem Charakter von Ender Wiggin klargekommen bin, war die Tatsache, dass er trotz der um ihn herum errichteten Schikanen immer siegreich blieb und er damit den Kommandanten wissentlich in die Hände spielt. Also einerseits ist Ender ein Charakter, der seine Schwächen hat und durchaus den „Feind“ in Form seiner Lehrer auch durchaus richtig erkennt. Anderseits bleibt er mir trotzdem etwas unsympathisch, weil es ihn zwar stört, wie mit ihm umgegangen wird, er aber zu eitel scheint, um aufzugeben. Es gibt zwar eine ausgedehntere Passage, in der Aufgeben ein Thema scheint, aber selbst hier wird er sehr leicht wieder auf den richtigen Pfad geleitet. Aber die Story macht es auch notwendig, dass es bis zur Abschlussprüfung dauern sollte, bis Ender – abermals vor eine unfaire Aufgabe gestellt – eine Entscheidung für sich selbst treffen sollte. Wie diese ausfällt und welche Konsequenzen sie mit sich zieht, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Insgesamt erzählt „Enders Spiel“ durchaus eine interessante Geschichte, die zwar ein paar Längen hat, aber abgesehen von ein paar Passagen doch recht gut fließt. Eher uninteressant (auch auch historisch veraltet) gestalten sich die Stellen, in denen es um Enders auf der Erde gebliebenen Geschwister geht. Auch seine Darstellung der Nutzung einer Art Internet – immerhin aus dem Jahr 1985 stammend – ist hoffentlich eine, die so nie in auftreten wird und eigentlich im Keim erstickt gehört. Die Darstellung der Kampfschule und der Spiele ist da schon wesentlich interessanter und spannender, wenngleich mich vor allem am Beginn des Romans die sehr farbigen Schimpfworte gestört haben. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, aber in mir scheint, dass der Autor selbst nicht wirklich oft flucht und schimpft und seine beinahe genormt erscheinenden Fluchkonstrukte sehr motivationslos einfließen lässt, vielleicht nur in der Annahme, zum Schikanieren gehöre es einfach dazu, dass sich die ganze Umwelt unhöflich und benimmt. Aber die Platzierung wirkt doch sehr unnatürlich. (Wobei unklar ist, in wie weit zumindest die Gestaltung der Schimpfworte auf die deutsche Übersetzung zurückgeht.)

Bewertung: Das Buch ist jetzt nicht überragend, aber doch ganz okay. Einmal kann man es sicher lesen und sich unterhalten lassen und das Szenario ist an sich ja nicht uninteressant. Ein paar Störfaktoren habe ich schon ausgemacht (siehe oben), aber für knapp 4 Sterne reicht es aber auf jeden Fall. Eine Auszeichnung zum besten Science-Ficiton-Roman hätte er von mir aber nicht bekommen aber auch warum er eine Lektürenempfehlung der U.S. Marines ist, erschließt sich mir nicht ganz. Eine Stellungnahme hierzu würde mich schon interessieren.

4stars

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Kino-Poster

Die Verfilmung: Ich gebe es ja zu, so ganz überrascht war ich vom Ausgang der Geschichte nicht, da ich letztens den Film im Kino gesehen hatte bevor ich mit dem Roman durch war. Es ist grundsätzlich eine sehr buchgetreue Verfilmung, speziell im ersten Drittel, wenngleich es ein paar Unterschiede gibt, wie dass Ender nicht mit 6 Jahren die Ausbildung beginnt, sondern mit 12. Dafür ist die gesamte Ausbildung dann extrem komprimiert und der Teil rund um Enders Geschwister und die Politik auf der Erde ist (verständlicherweise) komplett rausgefallen. Was die Geschichte angeht, weicht sie generell aber nicht allzu stark von der Vorlage ab. Das gilt auch für den Schluss, aber hier hat der Roman einen deutlichen Vorteil: Als Leser bekommt man die Gedankenwelt von Ender während seiner Abschlussprüfung mit, während man ihn im Film nur beobachten kann. Wie zuvor verrate ich den Ausgang der Geschichte auch an dieser Stelle nicht. Aber während Enders Reaktionen nach der Abschlussprüfung im Roman nachvollziehbar erscheinen, wirkt die selbe Reaktion im Film – ohne Einblick in Enders Gedanken zu haben und nur mit der Möglichkeit sein Auftreten zu analysieren – wie ein sehr plötzlicher und beinahe naiver Gesinnungswandel. Hier fehlt im Film also etwas, das man wahrscheinlich am besten mit mehr Dialog zwischen Ender und seinen Teamkameraden hätte ergänzen können. So erscheint der Film am Ende etwas unrund und im Gegensatz zum Buch hat man beim Film stärker den Eindruck, dass hier stärker auf eine Fortsetzung hingearbeitet wurde. Der Roman endet ähnlich, aber für sich allein stehend bietet er für mich einen zufriedenstellenderen Anschluss als der Film.

Aber dennoch muss ich sagen, dass abgesehen von diesem unrunden Ende der Film davor eigentlich wirklich gut und unterhaltsam war. Toll visualisiert, guter Soundtrack, beeindruckende Sequenzen in der Schwerelosigkeit des Kampfraumes, exotische Welten und gutes Schauspiel. Speziell Harrison Ford als Colonel Graff hat mir sehr gut gefallen und Asa Butterfield (Ender) macht seine Sache auch sehr gut. Nur schade, dass Hailee Steinfeld (bekannt aus „True Grit“) nur eine ziemlich kleine Rolle hatte.

Die erzählten Geschichten von Roman und Film sind generell gleich. Was den Schluss angeht, hat der Roman die Nase vorn, aber dem Film kann man zugute halten, dass er Dinge wegließ, die mir im Roman ohnehin nicht so gut gefallen haben und er handwerklich sehr gut umgesetzt worden ist. Ein unterhaltsamer Science-Ficiton-Film, aber zumindest ich fand den Schluss und damit einen wichtigen Punkt von Enders Motivation suboptimal dargestellt. Ich gebe dem Film gute 4 Filmrollen. Es wäre aber mehr drinnen gewesen, da der Film davor eigentlich mehr Schwächen der Romanvorlage umschifft anstatt neue einzuführen.

4rolls

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