Rezension: “Abraham Lincoln – Vampirjäger”

Die drei wichtigsten „Fakten“ zu diesem Roman werden gleich am Beginn aufgelistet und geben vor, unter welchen Gesichtspunkten die folgende Geschichte zu betrachten ist:

1) 250 Jahre lang, von 1607 bis 1865, dauerte die Blütezeit der Vampire in den düsteren Gefilden Amerikas an. Nur wenige Menschen glaubten an ihre Existenz.

2) Abraham Lincoln war einer der erfolgreichsten Vampirjäger seiner Zeit und führte Tagebuch über seinen lebenslangen Kampf gegen diese Kreaturen.

3) Gerüchte über die Existenz von Lincolns Tagebuchs kursieren in Historikerkreisen und unter Lincoln-Biografen schon lange. Doch die meisten Experten halten dies für reine Legende.

Und wie dieses nur gerüchteweise existierenden Tagebücher im Jahr 2008 in die Hände des Autors gelangten, erzählt die Rahmenhandlung des Romans: An ihn ausgehändigt von einem Vampir, der Abraham Lincoln noch zu Lebzeiten persönlich kannte, beschließt der Autor, diese Leihgabe des freundlich gesinnten Vampirs zu nutzen und einen Roman über das „wahre“ Leben Abraham Lincolns zu verfassen. Ein Leben, das sogar ganz ohne Vampire begann.

abraham_lincoln_vampirjaeger

„Abraham Lincoln – Vampirjäger“ spart nicht mit grausigen Details, was bei einem Roman des Horrorgenres auch durchaus angebracht scheint. Interessant ist dennoch, dass man Lincoln im Lauf des Romans biografisch durch sein Leben folgt. Beginnend mit seiner Kindheit, während der er seinen Eltern folgend von einem Staat in den nächsten zog. Dabei wird auch hervorgehoben, dass er nicht viel Liebe für seinen Vater übrig hatte, aber drei Dinge hatte Abraham seinem Vater zu verdanken: Erstens war Thomas Lincoln als Baptist ein Gegner der Skalverei, was sich auch auf seinen Sohn übertrug. Zweitens erfuhr Abraham von seinem Vater, dass Vampire wirklich existierten. Und drittens ließ Thomas seinen Sohn oft zur Strafe so lange Holz hacken, bis dieser so kräftig war, dass er es mit Vampiren aufnehmen konnte.

Lincolns weiteres Leben wird konform seiner bekannten Biographie wiedergegeben, aber durch die Existenz von Vampiren stetig ergänzt. Seine Fahrten auf dem Sangamon River nach New Orleans, sein Leben im Dorf New Salem, sein Umzug nach Springfield, seine Heirat und die Geburt seiner beiden Söhne und seine frühe politische Karriere mit der Wahl ins Repräsentantenhaus des Staates Illinois. Während all dieser historisch belegten Stationen von Lincolns Leben fügt Autor Seth Grahame-Smith Lincolns stetige Jagd nach Vampiren hinzu. Wenig verwunderlich ist, dass Lincoln schließlich einen direkten Zusammenhang zwischen der Skalverei und Vampiren in Amerika entdeckt. Der Rest ist Geschichte, die man sogar kennt, wenn man sich bislang nicht besonders intensiv mit der Geschichte Amerikas und der Abschaffung der Sklaverei beschäftigt hat: Die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten, die Teilung Amerikas in Nord- und Südstaaten und der Bürgerkrieg.

Fazit: Ja, die reine Idee, dass gerade eine historische Persönlichkeit wie Abraham Lincoln ein Vampirjäger gewesen sein sollte, ist ein ziemlich krasser Grundgedanke für einen Roman, aber nicht ohne Reiz. Wenn der Roman – abgesehen davon, dem Leser den einen oder anderen Schauer über den Rücken zu jagen – eines schafft, dann das Interesse an der Person Abraham Lincoln zu wecken und zumindest mal den Wikipedia-Artikel zu lesen. Und dabei stellt man fest, dass Autor Grahame-Smith hier wirklich den Stationen von Lincolns Leben direkt gefolgt ist und darin hervorragend Lincolns fiktive Motivation, die Vampire in Amerika auszurotten oder zu vertreiben, eingewoben hat.

Lincoln wird in diesem Roman von einer historischen Persönlichkeit zu einem nachvollziehbaren Menschen gemacht. Inwiefern die aus der Ich-Perspektive verfassten Tagbucheinträge dabei helfen, kann ich aber schwer beurteilen. Persönlich hätte ich mir weniger Unterbrechungen der Erzählform gewünscht. Immer wieder wechselt die Erzählperspektive mal für ca. eine halbe Seite und gibt einen zum erzählten Geschehen passenden Tagebucheintrag direkt wider. Als jemand, der sich beim Lesen eines Buches auch die Stimme des Erzählers vorstellt, fand ich diese Passagen eher als störend oder zumindest als deutlich zu oft eingesetzt.

Nichtsdestotrotz ist die Charakterisierung Lincolns wirklich interessant zu lesen. Am interessantesten fand ich gerade jenen Teil, der sich kaum um die Vampire gedreht hat, nämlich Lincolns Zeit als Präsident. Ein langer Krieg und persönliche Tragödien lassen einen mit dem Präsidenten wirklich mitleiden bis zu seinem eigenen tragischen Ende in einem Theater in Washington.

Bewertung: Abgesehen von den unregelmäßig aber zu für meinen Geschmack zu häufig eingebauten Tagebucheinträgen ist der Roman wirklich sehr interessant. Bis zur Mitte ist er sogar ziemlich spannend, da bis hierhin jener Lebensabschnitt von Lincoln (bis einschl. seiner Karriere als Lokalpolitiker) beschrieben wird, über den generell für die meisten Nicht-Amerikaner wenig bekannt war. Die zweite Hälfte beschäftigt sich dann mehr mit den bekannteren historischen Gegebenheiten (Präsidentschaft, Krieg, Attentat). Dadurch ist die zweite Hälfte vielleicht weniger spannend, aber aufgrund von Lincolns menschlicher und undistanzierter Charakterisierung nicht weniger interessant. Daher vergebe ich gute 5 von 6 Sterne.

5stars

Anmerkung:

Für Star Trek-Fans sicher interessant: Greg Cox hat eine Roman-Duologie über die Eugenischen Kriege („The Eugenics Wars“) geschrieben, die bekanntlich in der „Star Trek-Realität“ in den 90er-Jahren stattgefunden haben sollen. Cox ging an diese vermeintliche Diskrepanz zwischen realer und fiktiver Historie ähnlich heran wie Grahame-Smith und nahm reale historische Ereignisse als Basis und ergänzte sie um geheime Hintergründe, die sie den Eugenischen Kriegen zuordneten.

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