Rezension: TOS – „Music of the Spheres“

Für alle, die sich vom unten abgebildeten, amateurhaften Cover des Romans abgeschreckt fühlen sollten die Erklärung vorweg: Bei „Music of the Spheres“ handelt es sich nicht um einen offiziellen Star Trek-Roman. Ja, Margaret Wander Bonanno ist eine bekannte Autorin von Star Trek-Romanen. Und ja, die Geschichte ist unter dem Titel „Probe“ (deutsch „Die Sonde“) auch als Roman erschienen – aber bis dahin beinahe komplett umgeschrieben worden.

startrek_musicofthespheres_cover

Zuerst eine kurze Inhaltsangabe, die sowohl für „Music of the Spheres“, als auch für „Probe“ Gültigkeit hat: Kurz nachdem eine unbekannte Raumsonde bei ihrem Versuch, mit Buckelwalen zu kommunizieren die Erde verwüstet hat (siehe hierzu den 4. Star Trek-Kinofilm „Zurück in die Gegenwart“), steht die Föderation vor einer neuen Herausforderung: Der Praetor des Romulanischen Sternenimperiums ist tot und angesichts dieser politischen Veränderung werden Friedensverhandlungen in Gang gebracht. Auf einem Planeten in der Neutralen Zone sollen diese Verhandlungen – geleitet vom früheren Lieutenant Kevin Riley als Föderationsbotschafter – stattfinden. Doch bei diesem Treffen soll es nicht nur um Politik und Diplomatie gehen, denn auch andere Möglichkeiten eröffnen sich durch diese Annäherung der beiden Machblöcke. Einerseits soll es im Rahmen der Verhandlungen zu einem kulturellen Austausch kommen, anderseits sollen Archäologen von Föderation und Sternenimperium die Ruinen auf dem Planeten untersuchen, der durch seine Lage in der Neutralen Zone ansonsten für beide Seiten unzugänglich gewesen wäre. Und so transportiert die Enterprise eine bunte Truppe aus Diplomaten, Musikern und Archäologen zum Treffen in der Neutralen Zone. Die vielversprechende Ausgangssituation wird jedoch erschwert, denn einerseits hat der romulanische Botschafter Hintergedanken bei den Verhandlungen. Und anderseits sorgt das Wiederauftauchen der mysteriösen Sonde für Aufregung …

Hintergründe: Soweit so gleich. In ihrer Ausgangssituation sind beide Geschichten ziemlich identisch, wenngleich laut der Autorin es nur eine einzige ca. dreiseitige Passage unverändert in das veröffentlichte Buch „Probe“ geschafft hat. Warum hat sich so viel verändert? Autorin Margaret Wander Bonanno hat ein umfangreiches „Making-of“-Dokument auf ihre Homepage gestellt, in dem sie auf die Entstehungen des Buches und den Einfluss von Verlag und Lizenzgeber auf die endgültige Fassung eingeht. Das Dokument ist 17 Seiten lang, auf Englisch und kann auf dieser Homepage heruntergeladen werden (rechter Bereich unterhalb des ersten Bildes):

http://www.margaretwanderbonanno.com/bio.htm

Weiter unten in dieser Spalte seht ihr auch die E-Mail-Adresse, unter der ihr die Autorin kontaktieren und den Roman kostenlos in seiner Urfassung „Music of the Spheres“ anfordern könnt. (Ist aber nicht notwendig. Wer den Roman als Ebook haben möchte, findet ihn auch problemlos über Google im ePub-Format als Download. Sofern kein Geld damit verdient wird darf „Music of the Spheres“ übrigens legal weitergegeben werden.)

Ich will hier nicht die kompletten 17 Seiten von Bonannos Dokument übersetzen, aber zumindest einen kurzen Überblick geben, was sich nach der Fertigstellung der Urfassung alles getan hat.

  • Zuerst eine Erläuterung: Wenn Autoren dafür engagiert werden, einen Star Trek-Roman zu schreiben, dann ist das eine reine Auftragsarbeit, die dem Auftraggeber gehört. Im Falle von „Probe“ ist das das Filmstudio (Paramount), das wiederum die Lizenz an einen Verlag (Pocket Books) mit der Erlaubnis vergibt, Geschichten unter dem Titel „Star Trek“ kommerziell herauszubringen und die Charaktere aus den Filmen und Serien zu verwenden. Sowohl Studio als auch Verlag dürfen vertraglich Eingriffe in eine Geschichte vornehmen, auch wenn es der Autor/die Autorin nicht möchte oder selbst für unvorteilhaft hält.
  • Schon vor „Music of the Spheres“ hatte Bonanno zwei Star Trek-Romane verfasst, die entweder ohne oder nur mit minimalsten Veränderungen (7 Worte von 125.000) abgesegnet und veröffentlicht wurden. Bei „Music of the Spheres“ war dies anders und das erste, das sich änderte, war der Titel. Aus dem – vom Herausgeber für zu lang befundenen Titel –„Music of the Spheres“ wurde „Probe“. (Anzumerken ist hier, dass Bonannos vorangegangene Romane ebenfalls Titel hatten, die aus vier Worten bestanden.)
  • Trotz ursprünglicher Genehmigung, zwei ihrer Charaktere aus Bonannos erstem Star Trek-Roman wiederzuverwenden, wurden diese Charaktere für die veröffentlichte Fassung „Probe“ wieder herausgeschrieben, da ihre Rollen im Vergleich zu Kirk, Spock & Co. angeblich zu groß gewesen wären.
  • Ein weiterer Charakter wurde stark umgeschrieben, da er angeblich zu sehr an Gene Roddenberry erinnerte und den Schöpfer von „Star Trek“ in ein schlechtes Licht rückte. Etwas, das Bonanno natürlich laut eigener Aussage nicht beabsichtigte; sie kannte Roddenberry kaum.
  • Weiters sollten alle Referenzen zum Wal-„Gesang“ gestrichen werden, da laut einem Experten bei Paramount dieser im Roman fälschlicherweise zu stark mit menschlichem Gesang in Verbindung gebracht würde.

Vor allem der letzte Änderungswunsch sorgte dafür, dass Margaret Wander Bonanno die Kontrolle über die weitere Gestaltung des Romans verlor. Denn dieser Änderung bedeutete, fast ein Drittel des Romans umschreiben zu müssen. Etwas, für das sie natürlich gerne zur Verfügung gestanden wäre – wenn sie mehr als 6 Tage dafür Zeit bekommen hätte. Das war nämlich die absurde Frist, die ihr gesetzt wurde. Obwohl sie darum bat, einen Monat Zeit zu bekommen, wurde dieser Vorschlag abgelehnt und ein Schreiber zur Überarbeitung eingesetzt – dieser bekam 3 Monate Zeit !!! Und da dieser ein Manuskript (und danach noch zwei weitere) ablieferte, mit dem der Lizenzgeber noch mehr Probleme hatte als mit Bonannos ursprünglicher Fassung, wurde schließlich der erfahrene Star Trek-Autor Gene DeWeese mit einer neuerlichen Überarbeitung beauftragt, die dann schließlich auch wirklich veröffentlich wurde. Wenn ihr den Roman „Probe“ bzw. „Die Sonde“ lest, dann stammt diese Geschichte also eigentlich aus der Feder von Gene DeWeese, der aber im Impressum des Buches nicht erwähnt wird und schon gar nicht auf dem Cover, was Bonanno durchsetzen wollte. (Laut absurder Aussage des Herausgebers wären die Buchumschläge bereits lange Zeit vorab gedruckt gewesen und es wäre zu teuer gewesen, diese neu zu drucken.)

Zumindest etwas Gutes ging für Bonanno aus dem Engagement von Gene DeWeese hervor: eine lange, gute Freundschaft. Denn im Gegensatz zum ersten überarbeitenden Autor, kontaktierte DeWeese Bonanno schließlich nach Fertigstellung seiner Überarbeitung und berichtete ihr aufrichtig und professionell, wie er manche Dinge in der Urfassung „Music of the Spheres“ sah wo er Änderungspotenzial sah. (Der erste Brief von ihm an Bonanno ist Teil des 17-seitigen Dokuments.)

Probed-210-expDas ist also die abenteuerliche Geschichte, wie aus „Music of the Spheres“ schließlich „Probe“ wurde. Es ist natürlich ein normaler Vorgang, dass Auftragswerke überarbeitet werden und absolut das Recht des Auftraggebers. Aber Bonanno hat hier wirklich gut dokumentiert, wie einer Autorin ihr Werk und jede Chance, es selbst den Wünschen des Auftraggebers anzupassen, entrissen wurde.

Wer die ganze Geschichte lesen will und ausreichend Englisch versteht, den verweise ich an dieser Stelle nochmals auf Bonannos Homepage, wo das 17-seitige Dokument mit dem Titel „Probed“ im Word-Format heruntergeladen werden kann.

http://www.margaretwanderbonanno.com/bio.htm

Nun zum Roman „Music of the Spheres“ selbst: Wie das Dokument „Probed“ aufzeigt, wurde mit der Autorin und ihrem ursprünglichen Werk wirklich unfair umgesprungen. Und aus diesem Grund hätte ich mir sehr gewünscht, die ursprüngliche und allein von ihr verfasste Fassung zu mögen. Leider ist das nicht möglich. Die Entstehungsgeschichte von „Probe“ ist bei weitem interessanter zu lesen als der Roman „Music of the Spheres“. Und wenngleich ich Gene DeWeeses finale Version „Probe“ bzw. „Die Sonde“ sicher zuletzt vor mehr als 10 Jahren gelesen habe, habe ich diesen Roman als bedeutend bessere Version der Geschichte in Erinnerung. Margaret Wander Bonanno wird’s mir aber sicher nicht übel nehmen, dass mir ihr Roman nicht so gut gefällt, wie die veröffentliche Fassung. Sie selbst sagt nämlich, dass „Probe“ ein sehr guter Star Trek-Roman ist – lediglich mit dem falschen Autorennamen auf dem Cover.

Nun, was habe ich persönlich an „Music of the Spheres auszusetzen? Nunja, doch eine ganze Menge und es ist auch einiges dabei, was Verlag und/oder Studio damals Anfang der 90er beanstandet hatten, aber nicht ausschließlich:

  • Grundsätzlich ist Bonannos Stil sehr gewöhnungsbedürftig. Ihre Passagen sind recht kurz, die Handlung springt manchmal nach nur wenigen Sätzen von einem Schauplatz zum nächsten und in die Perspektive eines neuen Charakters. Zudem betreibt Bonanno etwas zu viel Rückschau. Anstatt in der erzählten Gegenwart zu bleiben und dort zu berichten, was vor einer Stunde oder am Tag zuvor geschehen ist, springt sie mit der Erzählung mitten in der Passage in diese Zeit zurück.
  • Die zusätzlichen Charaktere aus ihrem früheren Roman nehmen tatsächlich zu viel Raum ein. Zudem hat Bonanno sie meiner Meinung nach nicht besonders gut in die Story integriert. Sie haben zwar wichtige Funktionen inne, aber ihr Background ist so beschrieben, als habe man etwas verpasst, wenn man den ursprünglichen Roman nicht gelesen hat. Zu viele Andeutungen sind enthalten. (Ich habe ihren Roman „Dwellers in the Crucible“ bzw. die deutsche Fassung „Geiseln für den Frieden“ vor langer, langer Zeit mal gelesen. An die beiden damals erstmals eingeführten Charaktere Cléante und T’Shael kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.)
  •  Generell sind auch sehr, sehr viele Anspielungen auf Ereignisse der klassischen Serie enthalten. Egal ob sie gerade passen oder nicht. Vielen TOS-Fans dürfte das wohl gefallen und ich selbst mag solche Anspielungen auch generell. Aber Bonanno übertreibt es einfach. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Hauptcharakteren der Serie tatsächlich durch die „Nebencharaktere“ etwas in den Hintergrund gedrängt werden.
  • Zudem fällt auf, dass Captain Kirk sehr wenig zur Handlung beiträgt. Er sitzt eigentlich meistens nur rum und wartet ab und beobachtet, was rund um ihn herum passiert, außerhalb seines Einflussbereiches – und das obwohl sich viele Geschehnisse auf seiner eigenen Kommandobrücke zutragen! Zudem ist seine „Stimme“ nicht gut getroffen. Bei kaum einem Satz von ihm hatte ich das Gefühl, dass dies die typische Ausdrucksweise von Captain James T. Kirk sei.
  • Mit welchem TOS-Charakter Bonanno wohl ebenfalls Probleme haben dürfte, ist Pavel Chekov. Der kommt in der Urfassung nämlich gar nicht vor. Stattdessen hat Bonanno zwei weitere Gastcharaktere erschaffen, die sich an der Navigationskonsole abwechseln und deren Einführung nichts zur Handlung beitragen und nur die Seitenzahl etwas erhöht.
  • Kein Negativpunkt, nur eine Anmerkung: Dass der Charakter des Sir Rodney Harbinger tatsächlich wie eine Anspielung auf Roddenberry wirkt, ist wirklich nicht zu leugnen. Absichtlich oder nicht, wecken die Beschreibung seines Charakters und der Verlauf seiner Künstlerkarriere wirklich Reminiszenzen an Eugene Wesley Roddenberry. (Die beiden Namen weisen sogar zum Teil gleiche Silben auf.) Wenngleich sich Bonanno an dieser Feststellung zu stören scheint, finde ich selbst aber gerade daran nichts Schlimmes, selbst wenn es Absicht gewesen sein sollte. Dieses bisschen Ironie ist in der Urfassung sogar ganz nett.
  • Der Fokus auf den Gesang und Musik ist tatsächlich kein besonders guter Aufhänger für die Story. „Instrumentaler Gesang“ (ist eine seltsame Umschreibung, mir fällt aber gerade keine treffendere ein) als Problemlöser in einem literarischen Werk kommt nicht gerade spannend rüber. Mal abgesehen von einer kurzen Konfrontation zwischen Föderation und Romulanern auf den letzten ca. 15 Seiten besitzt der Roman keine Spannungsspitze. Und selbst diese Konfrontation treibt den Puls des Lesers nicht gerade in die Höhe. Tatsächlich gibt es eigentlich im Roman keine wirklich nennenswerte Motivation, warum die Enterprise und der romulanische Warbird den Planeten verlassen und der Sonde folgen und das eigentliche „Abenteuer“ beginnt. Auch das Mysterium, was es mit der Funktion ebendieser Sonde auf sich hat, wird dem Leser schon früh im Roman offenbart. Während die handelnden Charaktere bis ziemlich zum Ende von „Music of the Spheres“ im Dunkeln gelassen werden, hat der Leser schon bis zur Hälfte des Romans mehrere Rückblenden gelesen, in denen es um jene Wesen geht, die die Sonde erschaffen haben. Also auch dieser Teil der Handlung bietet kaum Spannung.

Bewertung: Eine Empfehlung für dieses Buch kann ich leider nicht abgeben. Man kann es zwar legal gratis bekommen, aber es zu lesen kostet Zeit. Zeit, die man mit dem Lesen eines wesentlich besseren Star Trek-Romans verbringen könnte. Ich bin mir sicher, dass vielleicht besonders musik-affine Leser, denen das zu bestehende Abenteuer bzw. die mannigfaltigen Herausforderungen die man üblicherweise in Star Trek-Romanen findet, nicht so wichtig sind, durchaus auch ihre Freude an „Music of the Spheres“ haben könnten. Ich denke aber, dass andere Leser mit der veröffentlichen Version von Gene DeWeese mehr Freude haben dürften. Aber natürlich sage ich das mit der Einschränkung, dass ich dies nur anhand von Erinnerungen sage, die zumindest eine Dekade alt sind. Aber zumindest hat „Music of the Spheres“ bei mir doch das Interesse geweckt, den Roman „Die Sonde“ mal wieder zu lesen. Eine frische Rezension nachdem ich jetzt die Urfassung kenne, könnte interessant werden.

„Music of the Spheres“ bekommt von mir jedenfalls 2 Sterne. Echt schlimm, wie mit Margaret Wander Bonanno speziell von Seiten des Verlags umgegangen wurde, aber aus Mitleid gebe ich keine höhere Bewertung.

2stars

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