Rezension: TOS – “Der letzte Schachzug”

Ich hatte mal wieder Lust auf einen echten Klassiker unter den Star Trek-Romanen und habe zu einem alten TOS-Roman gegriffen, den ich zuletzt vor ca. 15 Jahren gelesen hatte. John M. Fords „Der letzte Schachzug“ stammt aus dem Jahre 1984 und als langjähriger Star Trek-Fan muss man sich bei einem so alten Roman natürlich darauf einstellen, dass nicht alles so dargestellt wird, wie man es aus späteren Inkarnationen von „Star Trek“ kennt. Aber gerade das macht auch den Reiz aus, mal zu sehen, was sich Kreative Jahre vorher zu gewissen Themen ausgedacht haben. Das Hauptthema von „Der letzte Schachzug“: die Kultur der Klingonen!

Man muss sich zuerst einmal die Frage stellen: Was war „Star Trek“ im Jahr 1984? Die Antwort darauf: Drei Staffeln einer Fernsehserie, in der die Klingonen als wiederkehrende Konkurrenten von Captain Kirk & Co entsprechend vorrangig die Schurkenrolle spielten sowie zwei Kinofilme, in denen Klingonen eine kleine Nebenrolle hatten. Also nicht sehr viel Material, das den Autor eingeschränkt hätte und so darf es nicht verwundern, wenn die Kultur der Klingonen hier recht unüblich aber äußerst interessant dargestellt wird.

Es würde das Ausmaß der Rezension sprengen, wenn ich auf jedes Detail eingehen würde, nur soviel zusammengefasst: Die Klingonen sind hier nicht die klischeehaften Weltraum-Wikinger, die in gefühlt jedem zweiten Satz das Wort „Ehre“ einbauen. Stattdessen blickt man etwas hinter die Kulissen und auch ins Zivilleben einer fortschrittlichen Kultur, die sich an Schach-ähnlichen Spielen (in Form eines Brettspiels bis zur Variante in einer großen Arena mit echten Akteuren) erfreut, Bequemlichkeit schätzt und zumindest in ihrer intriganten Führungsriege äußerst dekadent rüberkommt. Dabei aber – unter gewissen Auflagen – nichts gegen Fremde innerhalb der Grenzen des Imperiums einzuwenden hat. Dem gegenüber steht ein imperialer Geheimdienst, der im Hintergrund agiert und Offiziere für seine Zwecke rekrutiert und dem Wirken des einen oder anderen Gedankenadmirals oder -generals zum Wohle des Imperiums entgegenarbeitet.

In dieser Welt ist der Waisenjunge Vrenn ein Kämpfer in der Klin Zha-Arena. In der lebensgroßen Variante des klingonischen Schachspiels vollbringt der junge Mann zusammen mit seinem Team erstaunliche Leistungen und erweckt die Aufmerksamkeit von General Kethas. Der General und Klin Zha-Meister adoptiert Vrenn und bringt ihm nicht nur die Feinheiten des Spiels bei, sondern im selben Zug auch die Fähigkeiten, die Vrenn später in der Imperialen Flotte erfolgreich sein lassen.

Der Roman erstreckt sich über mehrere Jahre in denen der Leser miterlebt, wie aus Vrenn schließlich Krenn wird, er gezwungen wird, seinen Adoptivvater zu verleugnen und er zu einem erfolgreichen Raumschiff-Captain in den Randsektoren des Imperiums wird, wo er gegen Pseudoherrscher und Kinshaya im Kampf besteht und zur „Belohnung“ auf eine einzigartige, mehrere Monate andauernde Mission geschickt wird: Krenn soll mit seinem Schiff zur Erde fliegen und dort den künftigen Föderationsbotschafter auf Klinzhai (der klingonischen Heimatwelt) abholen und selbst während seines Aufenthalts auf der Erde als offizieller Abgesandter des Imperiums bei mehreren Anlässen auftreten. Während der künftige Föderationsbotschafter sich trotz – aus Krenns Sicht – eigenartiger Ansichten mit dem Klingonen anfreunden kann, muss Krenn auf der Erde bemerken, dass nicht alle Menschen den klingonischen Nachbarn gegenüber so aufgeschlossen sind.

Fazit: „Der letzte Schachzug“ ist ein Roman in einem Roman. Eingebettet in die Zeit der TOS-Movie-Ära ist „Der letzte Schachzug“ ein populärer Roman an Bord der Enterprise, der schließlich auch von Captain Kirk gelesen wird. Wie erwähnt oblag es den Klingonen bislang im Star Trek-Universum einfach nur die übliche Schurkenrolle zu spielen und so gefällt es, dass auch Captain Kirk sich am Ende sehr beeindruckt von diesem Einblick in die „wahre“ klingonische Lebensweise zeigt und gewisse Ansichten überdenkt. Vor allem da „Der letzte Schachzug“ auch kein gutes Licht auf die Sternenflotte wirft. (Hier ähnelt die Geschichte etwas dem sechsten Star Trek-Kinofilm „Das unentdeckte Land“.)

Der Roman im Roman erzählt eine Geschichte, die um die fünfzig Jahre vor den Ereignissen dieser Rahmengeschichte angesiedelt ist und wenngleich nicht direkt Jahreszahlen genannt werden (die waren damals für TOS auch noch gar nicht definiert) merkt man aufgrund einiger Angaben, dass sich Ereignisse entgegen späterer Festlegung doch deutlich früher ereignet haben, so wie z.B. die Gründung der Föderation. Das verwundert aber nicht, wenn man sich mal die Schiffsklassen ansieht, die John M. Ford hier verwendet. Die Baton Rouge-Klasse oder die Mann-Klasse der Föderation findet man im 1980 erschienen Sachbuch „Spaceflight Chronology“, einem aus der Perspektive des Star Trek-Universums verfassten Geschichtsbuch, in dem es um die Entwicklung der Raumfahrt von 1957 bis 2215 geht und die Abenteuer von Captain Kirk & Co zeitlich ganz am Beginn des 23. Jahrhunderts ansiedelt. „Spaceflight Chronology“ ist natürlich vom späteren „Star Trek“ genauso überholt worden wie „Der letzte Schachzug“, aber aus der Perspektive von Ford im Jahr 1984 war es ganz sicher die vernünftige Entscheidung, seinen Roman auf die Basis dieses Sachbuchs zu stellen.

Klingonische Kultur und Datierung und Ablauf historischer Ereignisse der Föderation weichen in „Der letzte Schachzug“ also ganz schön weit von später etablierten Fakten ab, aber das macht den Roman (und auch „Spaceflight Chronology“ neben viele weiteren Star Trek-Büchern der 80er-Jahre) nur umso interessanter. Sofern man nicht grundsätzlich alles ablehnt, was durch den späteren Star Trek-Canon inzwischen „veraltet“ ist, ist „Der letzte Schachzug“ eine kompakte Zusammenfassung über eine ganz andere Möglichkeit, die klingonische Spezies darzustellen bevor die Film- und Serienproduzenten ihren eigenen Weg eingeschlagen haben um das Star Trek-Universum nach ihren eigenen Vorstellungen zu definieren. Das wertet John M. Fords Version aber meiner Meinung nach nicht ab, denn insgesamt ist „Der letzte Schachzug“ ein sehr außergewöhnlicher Roman. Nicht nur aufgrund erwähnter „Roman-im-Roman“-Struktur, sondern auch aufgrund der erzählten Handlung, die sehr biographisch erscheint. Zugegeben: Einen von Anfang bis Ende durchgehenden und aufbauenden Spannungsbogen gibt es nicht. Dafür steht der Charakter Krenn/Vrenn und dessen Entwicklung und Verhalten im Lauf eines längeren Lebensabschnitts im Mittelpunkt. Durch seine Augen lernt man als Leser diese von Ford dargestellte Welt der Klingonen (und auch der Föderation/Erde) kennen, der Autor hat aber ein gutes Gespür dafür, wie viel er offenbart. Man merkt, wie er bewusst einige Dinge einfach nur als für Klingonen normal darstellt, was sie aus Sicht des menschlichen Lesers wiederum fremdartig erscheinen lässt. Seien es kryptische Wortwechsel oder hier und da eine nicht übersetzte Zeile auf Klingonisch, deren Bedeutung man erahnt aber vielleicht nicht ganz sicher sein kann.

Bewertung: Die Erwartungshaltung bei diesem Roman ist sicher wichtig. Als ich ihn vor rund 15 Jahre gelesen habe, war ich gerade mal seit ein paar Jahre Star Trek-Fan und habe den Roman wohl völlig ohne Erwartungshaltung gelesen. Obwohl seither so viel Zeit vergangen ist, ist mir der Roman immer als sehr guter Star Trek-Roman in Erinnerung geblieben und beim neuerlichen Lesen im vergangenen Monat war ich doch erstaunt, wie gut ich mich an die Handlung und sogar viele Passagen noch erinnern konnte! Wie damals hat mir „Der letzte Schachzug“ auch diesmal wieder sehr gut gefallen und ich bewerte ihn mit 5 von 6 Sternen. Noch besser hätte er mir gefallen, wenn es einen früher einsetzenden Spannungsbogen gegeben hätte, aber der Roman ist trotzdem weit mehr als nur die Biographie eines Klingonen und bedenkt man, welch großen Zeitraum die Geschehnisse abdecken, ist der Roman gar nicht so umfangreich. Man wandert an Krenns Seite schon in hohem Tempo durch die Geschehnisse.

5stars

Anmerkung: Obwohl die Darstellung der Klingonen in „Der letzte Schachzug“ inzwischen überholt ist, haben sich doch auch neuere Star Trek-Romane bei Fords Roman bedient. Vor allem in Keith R.A. DeCandidos Romanen (I.K.S. Gorkon-Reihe) findet man viele Elemente aus Fords Roman, wie den Imperialen Geheimdienst, den „Schlachtkreuzer Rache“, Klin Zha oder die Kinshaya.

 

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