Rezension: „Sein wahres Gesicht” – Ein Jack-Reacher-Roman

Nachdem mir der Kinofilm „Jack Reacher“ im Jahr 2013 sehr gefallen hat, war ich von der zugehörigen Romanreihe nach den ersten beiden Büchern „Größenwahn“ und „Ausgeliefert“ doch etwas enttäuscht. War im ersten Roman die Ermittlungsarbeit etwas langatmig und aus der Ich-Perspektive erzählt, war der zweite Roman zumindest spannender, aber mit einigen unschönen Aussagen versehen, die den Charakter Jack Reacher prompt deutlich unsympatischer darstellten. Grundsätzlich ähnelte der Charakter des „Helden“ in den ersten beiden Romanen kaum jenem Mann, der im Kinofilm von Tom Cruise dargestellt wurde. Mit dem dritten Roman „Sein wahres Gesicht“ macht Jack Reacher aber wirklich einen Schritt in die richtige Richtung.

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Wie auch schon am Beginn der ersten beiden Romane streift der ehemalige Militärpolizist durch die Vereinigten Staaten. Auf Key West hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und genießt ein einfaches Leben – bis innerhalb kürzester Zeit nicht nur ein Privatdetektiv aus New York nach ihm sucht. Auch zwei unangenehme Schlägertypen versuchen ihn ausfindig zu machen. Noch ist Reacher nicht beunruhigt. Dies ändert sich erst, als er den Privatdetektiv tot auffindet und er die beiden Schlägertypen unter Verdacht hat. Weil Reacher diese Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen, verlässt er das sonnige Florida und hebt nach New York ab, wo er auf der Suche nach dem Auftraggeber des Detektiven auf eine gute Bekannte stößt – Jodie, die Tochter von Leon Garber, seines früheren Vorgesetzten bei der Militärpolizei, der gerade kürzlich verstarb. Reacher kommt schnell dahinter, dass der schwerkranke Leon den Detektiv damit beauftragt hatte, ihn ausfindig zu machen, damit dieser eine spezielle Aufgabe zu Ende bringt. Um welch prekäre Angelegenheit es sich dabei handelt, offenbart sich Reacher und Jodie erst, als sie versuchen, Leons Schritte nachzuvollziehen und sie sich auf eine Reise quer durch die USA begeben.

Zur gleichen Zeit steht ein gerissener und brutaler Kredithai in New York kurz davor, das Geschäft seines Lebens zu machen. Aber er muss sich mit der Abwicklung dieses Geschäfts beeilen, denn während er seinen großen Coup und seine anschließende Flucht plant, nähern sich Reacher und Jodie Schritt für Schritt der Wahrheit …

Fazit: Da für mich der Kinofilm mein „Erster Kontakt“ mit der Figur Jack Reacher war, wird seine Darstellung darin immer für mich maßgebend sein. Ich mochte seinen trockenen Humor und seine Sprüche und wie abgebrüht er mit Situationen umgeht, in denen er unter Druck steht. Von diesen speziellen Eigenheiten war in den ersten beiden Romanen noch nicht viel zu sehen, aber da der Film ja erst auf dem 9. Reacher-Roman basierte, hoffte ich schon, dass Reachers Darstellung sich im Lauf der Zeit auch in den Romanen der Darstellung im Film annähern wird. Tja, mit „Sein wahres Gesicht“ hat sich diese Hoffnung wirklich erfüllt. Reacher wirkt wieder bei weitem sympathischer, hält sich mit zwiespältigen Aussagen zurück oder bleibt zumindest recht diplomatisch. Auch der Kriminalfall und seine Ermittlungsarbeit sind dem, was man aus dem Kinofilm kennt, deutlich ähnlicher. Grundsätzlich passt die Stimmung einfach besser.

Das Rätsel, dem Reacher nachgeht, ist dabei zumindest bis zur Hälfte des Romans durchaus fesselnd und spannend. Vor allem da Parallelhandlungen am Laufen sind, deren direkter Zusammenhang sich nur dem Leser offenbart. So ist die Auflösung allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt ab der Mitte recht vorhersehbar. Dies ist wohl der einzige Schwachpunkt der Story, dass der Leser hier eine ganze Weile einen Informationsvorsprung gegenüber Reacher hat. Während der brillante Ermittler noch rätselt, sollte den meisten Lesern bis dahin doch ziemlich klar sein, wie die Auflösung aussieht. Ich denke, Lee Child hat es dem Leser hier schon bewusst möglich gemacht, selbst die Lösung zu finden. Dem Genre entsprechend ist es für den Leser eines Krimis natürlich ein besonderer Reiz, den „Täter“ (bzw. hier konkret des Rätsels Lösung) schon vor dem Ende herauszufinden. Aber Child hat es meiner Meinung nach dem Leser in diesem Fall etwas zu leicht gemacht. Das ist aber so ziemlich das einzige Manko des Romans. Das Finale geht – ganz Reacher-typisch – mit ordentlich Action über die Bühne und auch dieses Finale erinnert wieder etwas mehr an den Kinofilm: Die Action ist bodenständig und nicht zu übertrieben. Reacher nimmt es hier nicht mit einer ganzen Armee auf oder sichert auf sich allein gestellt ein großes Areal. Nein, hier kommt es zum Showdown in Büroräumlichkeiten, wie sie jeder von uns wohl kennt. Ein kleines Gedankenspiel für die Leser: Wie würde ich in meinem Büro einen Hinterhalt planen. 😀

Bewertung: Etwas nach der Mitte ist man Reacher was den Fall betrifft voraus, aber in Summe ist „Sein wahres Gesicht“ ein sehr unterhaltsamer Roman. Gut geschrieben, mit einem sympathischen Helden, einem geldgierigen und brutalen Bösewicht, einem bemitleidenswerten Opfer – und einer neuen festen Freundin für Jack Reacher! Und auch das ist ein Novum für einen Reacher-Roman: Während die Ausgangssituation am Beginn eines jeden Romans so ziemlich unverändert bleibt, legt „Sein wahres Gesicht“ einen neuen Status Quo für Jack Reacher fest. Nicht nur hat er jetzt eine Freundin, sondern hat auch einen festen Wohnsitz. Mal sehen, wie sich diese neuen Lebensverhältnisse auf Reachers viertes Abenteuer in „Zeit der Rache“ auswirken werden. „Sein wahres Gesicht“ hat jedenfalls die Latte höher gelegt und bekommt als vorläufig von mir am besten bewerteter Reacher-Roman 5 von 6 Sterne.

5stars

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