Rezension: „Zeit der Rache” – Ein Jack-Reacher-Roman

Da mich der dritte Jack Reacher-Roman von Lee Child überzeugen konnte und dieser am Schluss durchaus interessante persönliche Entwicklungen für den Hauptcharakter vorbereitete, habe ich auch gleich den vierten Roman – „Zeit der Rache“ – in Angriff genommen. Das war eine gute Entscheidung, denn dieser übertrifft seinen Vorgänger nochmal deutlich!

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Eigentlich könnte Jack Reacher ja ein ruhiges Leben führen: Endlich ist er sesshaft geworden, hat ein Haus, eine Freundin und keinen Grund mehr, sich mit den Kriminellen dieser Welt anzulegen. Wenn da nicht sein stark ausgeprägtes Bedürfnis wäre, wenn nötig auf eigene Faust (= wörtlich zu verstehen) für Gerechtigkeit zu sorgen, wenn er Unrecht beobachtet. Und so schreitet er ein, als er sieht, wie der Besitzer seines neuen Lieblingsrestaurants von ein paar Schutzgelderpressern bedroht wird. Was Reacher nicht wissen konnte: Während er sich um diese Kleinigkeit kümmert, wird er vom FBI observiert. Ein von der besten Expertin der Bundespolizei angefertigtes Täterprofil passe nämlich angeblich perfekt auf den eigenbrötlerischen Ex-Militärpolizisten und so findet sich Reacher schnell in einem Verhörraum wieder. Ihm wird zu Last gelegt, zwei Frauen ermordet zu haben, die Reacher nicht nur gekannt, sondern denen er auch einst geholfen hatte. Beide Frauen hatten gemein, dass sie im Rahmen ihres Militärdienstes Opfer sexueller Übergriffe wurden, ihre Vorgesetzten angezeigt und inzwischen selbst aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind.

Selbstverständlich ist Reacher – der das angefertigte Täterprofil von Anfang an für den größten Mist hält – nicht der Mörder der beiden Frauen. Daran glaubt das FBI allerdings erst, als eine dritte Frau tot aufgefunden wird, die ermordet wurde, während Reacher bereits unter Beobachtung stand. Auch das dritte Opfer hatte den selben beruflichen und persönlichen Hintergrund und wurde auf die exakt gleiche Weise vorgefunden: Zuhause in ihrer Badewanne liegend, die mit grüner Militärfarbe gefüllt war. Aber nicht darin ertränkt. Keine Spur von Gewalteinwendung, kein offensichtlicher Todesgrund, keine Spuren eines Kampfes oder überhaupt, dass sonst jemand während der Tat anwesend war. Ein großes Mysterium. Und um dieses aufzulösen wird Reacher vom FBI kurzerhand als Berater zwangsrekrutiert. Natürlich will er sich weigern, aber dank Reachers kleinem Rachefeldzug gegen die Schutzgelderpresse hat das FBI ihn in der Hand und so muss er in den sauren Apfel beißen und gegen seinen Willen kooperieren.

Natürlich wäre er nicht Jack Reacher, wenn er sich nicht ständig mit den Autoritätspersonen im Ermittlerteam streiten und deren Methoden und Schlussfolgerungen in einer Tour in Frage stellen würde. Nicht nur das Täterprofil ist ihm zuwider, auch die Versteifung der FBI-Ermittler, dass der Täter in Militärkreisen zu suchen ist, überzeugt ihn keineswegs. Aber auch wenn er bewusst den Unbequemen spielt, will auch er verhindern, dass einer weiteren Frau Leid angetan wird.

Fazit: Wem der Kinofilm „Jack Reacher“ gefallen hat, der wird mit der Story von „Zeit der Rache“ helle Freude haben. Die Struktur beider Geschichten weist starke Ähnlichkeiten auf, in beiden Fällen wird Reacher eher zufällig zum Ermittler einer übergeordneten Instanz, in beiden Fällen geht es darum herauszufinden, was ein bestimmter Personenkreis gemeinsam oder nicht gemeinsam hat und in beiden Fällen geht es darum zu beweisen, dass hier gezielt ein Unschuldiger (im Film persönlich, im Roman ein gewisser Typ von Mensch) belastet werden soll.

Mein größter Kritikpunkt am dritten Reacher-Roman war die Vorhersehbarkeit der Auflösung ab ungefähr der Mitte der Geschichte. Von diesem Problem hat sich „Zeit der Rache“ komplett gelöst. Als Leser habe ich mir wirklich die ganze Zeit die Frage gestellt, wer der Mörder war und noch wichtiger: Wie hat er es angestellt? Natürlich macht man sich bei einem Krimi immer Gedanken und spekuliert. Was die Identität des Mörders angeht, gab es ein paar Indizien, weshalb es mich nicht überrascht hat, dass ich schließlich richtig lag. Aber überraschen konnten mich sowohl das Motiv und erst recht die Mordmethode! (Ich hoffe inständig, dass der Roman diese übertrieben darstellt, denn sonst bekomme ich wirklich Angst!)

Weiterer großer Pluspunkt des spannenden Romans ist eine sehr gute Charakterisierung von Jack Reacher. Er redet nicht viel über sich selbst, gibt freiwillig nicht viel von sich preis und es wäre einfach, ihn schlicht als den abgebrühten, kompromisslos handelnden Kämpfer für Gerechtigkeit darzustellen. Aber diese Roman verdreht seine Eigenschaften geschickt. Das, was ihn auszeichnet, wird ihm in mehrfacher Hinsicht zum Verhängnis. Sein Sinn für Gerechtigkeit und sein Hang zur Selbstjustiz bringen nicht nur ihn, sondern auch seine Freundin Jodie in Gefahr. Sein geerbtes Haus bedeutet für ihn nur eine Belastung und um mit Jodie eine echte Beziehung führen zu können, muss er gegen sein Bedürfnis ankämpfen, einfach in den nächsten zufällig ausgesuchten Bus zu steigen und zu sehen, in welcher Stadt dieser Station macht. Und dann ist da auch noch die Versuchung, die andere Frauen darstellen und seine Beziehung gefährden können. Jack Reacher fühlt sich wirklich eingeengt und als Leser leidet man durchaus mit ihm mit. Er und seine bevorzugte Lebensweise werden in verschiedenster Form im Verlauf der Geschichte angegriffen.

Bewertung: Man muss sich wohl verinnerlichen, dass in einem Jack Reacher-Roman das Recht immer bei Jack Reacher liegt und entsprechend selbst eine Polizeibehörde wie das FBI extrem schlecht wegkommt. Diese äußerst negative Darstellung der Polizei ist das, was mir als Leser am ehesten noch gegen den Strich gegangen ist. Ansonsten habe ich am Roman jedoch so gut wie überhaupt nichts zu bemängeln. Ein enorm spannendes Krimirätsel, mit einigen falschen Fährten und interessanten Wendungen. Im Gegenzug dafür keine ausartenden Action-Einlagen wie noch in den ersten beiden Reacher-Romanen und nicht einmal ein großer Showdown wie im dritten Buch (und dem Kinofilm). Was in „Zeit der Rache“ abläuft, ist mehr ein Duell auf mentaler Ebene. Macht der Mörder einen Fehler? Kann Reacher den Fehler als solchen erkennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen und den nächsten scheinbar perfekten Mord verhindern?

Wie gesagt: Eine spannende Angelegenheit und eine starke Charakterisierung von Reacher. Man muss ihn nicht mögen und ganz gewiss ist er nicht der weiße Ritter in strahlender Rüstung. Aber dieses Buch hilft dabei, ihn zu verstehen, auch wenn man nicht jede seiner Ansichten teilen muss. „Zeit der Rache“ verdient sich knapp 6 Sterne.

6stars

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