Rezension: „King of Thorns“

In „Prince of Thorns„, dem ersten Roman der „Broken Empire“-Trilogie, lernten wir den jungen Mann Jorg von Ancrath kennen. Ein Junge von adliger Abstammung, der sein Erbe jedoch schon als Kind hinter sich gelassen hat, als er sich nach der Ermordung seiner Mutter und seines Bruders von seinem Vater verraten fühlte, der sich weigerte, für diese Morde Rache zu nehmen und sich mit einer schwachen Entschädigungszahlung durch den Fürsten von Renar zufrieden gab. Wie der Titel des zweiten Romans der Reihe bereits vorweg nimmt, hat es Jorg schließlich doch noch geschafft, den Königsthron zu erklimmen und was er danach erlebt hat, beschreibt „King of Thorns“, das direkt auf der Handlung des ersten Buches aufbaut, weshalb die folgende Rezension auch dessen Ende verrät.

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Nachdem es Jorg im ersten Roman nicht gelungen ist, sich in den Augen seines Vaters zu rehabilitieren, stürmt Jorg – nachdem er erkannt hatte, dass er jahrelang vom Berater des Fürsten von Renar manipuliert worden war – direkt die Burg des Fürsten. Zusammen mit seinen verbrecherischen und kampferfahrenen Verbündete, mit denen er jahrelang die Straßen des früheren Imperiums unsicher machte, sowie mit einigen Gestalten, die mit besonderen, magisch wirkenden Fähigkeiten ausgestattet sind, eroberte er die Burg von Renar vom Fürsten und krönte sich selbst zum neuen König von Renar.

Soweit zur Ausgangslage nach dem ersten Roman. Der zweite Roman erzählt nun von Jorgs Erlebnissen während seiner Amtszeit als König, was auf drei verschiedenen Wegen geschieht: Die Haupthandlung des Romans ist vier Jahre nach Jorgs Aufstieg zum König des Renar-Hochlands angesetzt und erzählt, wie seine Burg am Tag seiner Hochzeit von den Streitmächten des Prinzen von Arrow belagert wird. Die Hochzeit mit der nur 12jährigen Miana ist dabei nur eine Zweckehe, um Verbündete aus dem Süden zu gewinnen, aber dennoch wirkt die Streitmacht aus Arrow übermächtig. Im Laufe dieses einen Tages gelingt es Jorg mit der einen oder anderen List, den Gegner stark zu dezimieren bis sich schließlich der Ausgang der Schlacht im direkten Duell mit dem Prinzen von Arrow entscheiden sollte.

Unterbrochen wird diese Handlung immer wieder einerseits durch Tagebucheintragungen von Jorgs „Tante“ Katherine, die davon erzählen, was in Ancrath vor sich ging, nachdem Jorg nach Renar aufgebrochen war um es zu erobern. Und eine weiterer sich parallel entwickelnder Handlungsbogen erzählt von einer Reise, die Jorg in seinem ersten Jahr als König unternahm und auf der er einerseits die erste Bekanntschaft mit dem Prinzen von Arrow machte, als auch Katherine erneut traf und …

Tja, und was? Das ist die Frage, die sich Jorg auch selbst stellt, denn hier reißt sein Erinnerungsfaden abrupt ab. Auf einem abgelegenen Friedhof in Ancrath traf Jorg auf Kathrine, nur um Tage später in der Hütte eines Quacksalbers zu erwachen, der ihm die Erinnerung an alles nahm, was danach geschah. Während Jorg seine Reise fortsetzt, will keiner seiner Weggefährte ihm erzählen, was geschehen ist, aber es ist von Anfang an klar, dass Jorg an diesen verlorenen Tagen etwas höchst traumatisierendes zugestoßen sein muss. Jorg selbst besitzt die Fähigkeit, um seine Erinnerung wiederherzustellen, doch zögert er viele Jahre und erst am Tag seiner Hochzeit und der Belagerung stellt er seine Erinnerung wieder her und diese hat es wahrlich in sich!

Fazit: „King of Thorns“ (auf Deutsch beim Heyne-Verlag unter „König der Dunkelheit“ erschienen) ist ein sehr gut durchdachter Roman, der dank seiner Erzählweise die Spannung hoch hält. Abgesehen von den Tagebucheinträgen von Katherine folgt der Leser der Geschichte über die Reise und während des Hochzeitstages aus Jorgs Perspektive und weiß kaum mehr über die Geschehnisse während seiner Gedächtnislücke als er selbst. Nachdem es zuerst wie ein Schock wirkt, dass durch den Gedächtnisverlust die Handlung im wirklich ungünstigsten Moment abbricht, baut sich schnell erneut Spannung auf, wenn man nach und nach Stücke der verloren gegangenen Wahrheit gleichzeitig dem Leser und Jorg offenbart werden. Die drei Erzählstränge finden dadurch schließlich im Laufe des Romans immer mehr zueinander, bis sie am Schluss ein miteinander verwobenes großes Ganzes ergeben.

Der Roman wäre beinahe ein Kandidat für die Höchstwertung, denn nicht nur die Erzählweise sprach mich sehr an, sondern auch die Charakterisierungen. Jorg bleibt weiterhin ein zwiespältiger Charakter, aber der zweite Roman hält sich mit durch ihn begangene Grausamkeiten doch etwas mehr zurück als der erste Roman und zeigt auch seine gutmütigen Seiten und unterstreicht seine Loyalität zu seinen Freunden. Wie im ersten Roman ist man aber auch hier nicht ganz sicher, welche Charaktereigenschaften „echt“ sind und welche das Ergebnis der jahrelangen Manipulation. Das ist eine Frage, die er auch sich selbst stellt und nicht ohne Zweifel beantworten kann. Weiters ist die Darstellung von Jorgs junger Ehefrau Miana hervorragend gelungen. Die Kleine ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen und harmoniert mit Jorg Attitüden perfekt! Auch wenn Jorg es vielleicht anders sieht, passt Miana viel besser zu ihm, als die zu seiner Obsession gewordene Katherine.

Ein weiterer Pluspunkt: Während das erste Buch der „Broken Empire“-Trilogie sich noch auf einen relativ kleinen Bereich des früheren Imperiums konzentriert, erfahren wir durch die Reiseerzählung mehr über einige der anderen 100 Reiche und die Völker, die sie bewohnen. Die gegenüber dem ersten Roman erweiterte Landkarte verdeutlicht dies und diesmal sind auch die Reisebewegungen von Jorg eingezeichnet.

map-king-of-thornsNeben den regionalen Eigenschafte dieser Fantasy-Welt, erfährt man als Leser durch Jorgs Erlebnisse auch mehr über die Geschehnisse, die sie geformt haben. Zu viel sei hierzu aber nicht verraten.

Und noch einen weiteren positiven Punkt will ich erwähnen: Ein Rückblick in Jorgs Kindheit. Dieser Rückblick beginnt unbeschwert und beinhaltet gar eine sehr direkte Anspielung auf einen gewissen „Kirk“, von dessen Charakter sich Jorg einiges abgeschaut hat. Aber innerhalb von zwei, drei Seiten ändert sich die Stimmung radikal und schwenkt in eine wahrlich herzzerreißende Szene um, die wirklich schwer zu verdauen war, aber auch zeigt, durch welch radikal negative Einflüsse Jorg bereits seit seiner Kindheit geprägt worden ist.

Bewertung: Wie schon erwähnt, ist „King of Thorns“ ein Kandidat für die Höchstwertung. Warum ich aber dennoch „nur“ 5 von 6 möglichen Sternen vergebe, liegt an einer sehr, sehr lang gezogenen Passage ziemlich in der Mitte der Reiseerzählung, als die Geschichte sich viel zu lange um gewisse Fantasy-Elemente dreht und Seite für Seite nur von einer Flucht vor „Zombies“ erzählt wird. Diese Passage ist zwar für die Haupthandlung des Romans relativ unwichtig, nimmt aber dafür zu viel Platz darin ein und ist auch nicht unbedingt ein Handlungselement, das mir besonders zusagt. Dies – zusammen mit einem kurzen aber glücklicherweise nicht allzu störenden „Deus-ex-machina-Moment“ – ist leider ein etwas größerer Mangel, der einen Schatten auf ein ansonsten rundum gelungenes Buch wirft.

5stars

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