Rezension: „Tödliche Absicht” – Ein Jack-Reacher-Roman

Vor fünf Jahren starb Jack Reachers Bruder Joe, während er für das US Finanzministerium Ermittlungen in Bezug auf Falschgeld führte. Und obwohl Joe schon vor so langer Zeit gestorben ist, nimmt er indirekt immer noch Einfluss auf Jack. Denn dem Finanzministerium ist auch eine Organisation unterstellt, die weniger dafür bekannt ist, sich um Geldfälschung zu kümmern, als vielmehr um die Sicherheit der höchsten Volksvertreter der USA: der US Secret Service!

reacher_toedliche_absichtEs ist schon etliche Jahre her, dass Joe gegenüber seiner damaligen Freundin und Mitarbeiterin M.E. Froelich erwähnte, dass sein Bruder Jack der ideale Mann wäre, um die Sicherheitsmaßnahmen des Secret Service unvoreingenommen als externer Berater zu testen. Inzwischen ist M.E. zur Verantwortlichen für die Sicherheit des neuen Vizepräsidenten aufgestiegen und will diesen Vorschlag trotz der Skepsis ihres Vorgesetzten in die Realität umsetzen. Ihr gelingt es, Jack in Atlantic City aufzuspüren und ihn zu überreden, die Personenschutzmaßnahmen des Secret Service einzuschätzen. Da die Aufgabe ihren Reiz hat, macht sich Jack gewohnt akribisch an die Arbeit und präsentiert M.E. wenige Tage später einen ausführlichen und ehrlichen Bericht. Doch da er ahnt bereits, dass sein Sicherheitsaudit nicht nur eine rein theoretische Gefährdung aufdecken soll und tatsächlich wird er kurz darauf offiziell vom Secret Service angestellt, um einen angekündigten Mordversuch am Vizepräsidenten zu verhindern.

Fazit: In „Tödliche Absicht“ erhält Jack Reacher seinen bislang wohl wichtigsten Auftrag, immerhin geht es darum, den Vizepräsidenten der USA zu beschützen. Politik spielt hierbei jedoch keine vordergründige Rolle, stattdessen wird sehr umfangreich auf die Sicherheitsmaßnahmen eingegangen, die der Secret Service zum Schutz von Präsident und Vizepräsident ergreift. Diese sind wirklich umfangreich und beeindruckend. Wenn der Roman ein annähernd korrektes Bild von der Arbeitsweise des Secret Service zeichnet, dann Respekt! Diese Schilderungen der Schutzmaßnahmen hinterlassen wirklich Eindruck. Die Spannung kommt angesichts dessen aber dennoch nicht zu kurz, da die anonymen Attentäter dem Secret Service dennoch einige Rätsel aufgeben können. Und natürlich ist selbst die beste Organisationsstruktur nicht vor menschlichen Fehlern gefeit.

„Tödliche Absicht“ erzählt eine durchwegs interessante Geschichte, aber zumindest zwei Punkte kamen für meinen Geschmack zu kurz. Einerseits hätte ich gerne mehr über die Vergangenheit von Jack und Joe erfahren. Joes Empfehlung ist überhaupt der Auslöser für Jacks Beteiligung und M.E. hatte eine intime Beziehung mit ihm. Trotzdem bleibt Joe Reacher sehr abstrakt, obwohl er für die beiden Hauptcharaktere des Romans sehr wichtig war. Es hätte mir gefallen, Jack Reacher über seinen verstorbenen Bruder etwas mehr Background zu geben. Ein wenig mehr über seine Vergangenheit erfährt man durchaus, aber mehr wäre durchaus möglich gewesen, ohne die Haupthandlung zu verschleppen.

Auch diese Haupthandlung rund um das angekündigte Attentat hat ein Manko: Die kriminalistischen Ermittlungen sind zwar sehr gut geschildert, man kann ihnen sehr einfach folgen. Aber es bietet sich dem Leser nie die Möglichkeit, die Lösung des Rätsels frühzeitig zu erraten oder zumindest zu erahnen. Ich weiß, es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Krimiautoren bewegen müssen. Einerseits möchte man sicher Anspielungen einbauen, anderseits sollen sie nicht zu aufdringlich wirken und es dem Leser zu einfach machen, sie als relevante Information zur Auflösung des Rätsels zu erkennen. Im Reacher-Roman „In letzter Sekunde“ ging das zum Beispiel meiner Meinung nach etwas daneben; dort war der korrekte Lösungsansatz schließlich zu auffällig. In „Tödliche Absicht“ verzichtet Lee Child komplett auf diese Möglichkeit.

Bewertung: Der sechste Reacher-Roman ist wieder sehr unterhaltsam, die Verbindung zwischen Joe Reacher, Jack Reacher und dem Secret Service war durchaus gelungen. (Die wenigsten wissen vermutlich, dass der Secret Service auch eine Organisation zur Bekämpfung von Finanzverbrechen ist.) Nach einigen vorwiegend „kleineren“ Abenteuern, in denen Regionen und ihre gewöhnlichen (bzw. klischeehafte) Menschentypen im Vordergrund standen, betritt Jack Reacher hier die große Bühne Washington D.C., was eine nette Abwechslung ist. Dennoch beinhaltet der Roman auch die erwähnten Schwächen und das Spannungslevel fällt bei der großen Konfrontation am Ende auch ein wenig ab. Und auch wenn „Tödliche Absicht“ der bisher „persönlichste“ Reacher-Roman ist, wäre auch in dieser Hinsicht deutlich mehr möglich gewesen. Deshalb gebe ich dem Roman gute 4 von 6 Sterne. Die unmittelbar vorangegangenen Romane haben mir doch etwas besser gefallen.

4stars

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