Rezension: ETP – „Rise of the Federation: Uncertain Logic“

In den frühen Monaten des Jahres 2165 siedelt Autor Christopher L. Bennett seinen dritten Roman an, der zeitlich nach der Gründung der Förderation bzw. nach Außerdienststellung der Enterprise NX-01 angesiedelt ist. Wie bei den beiden Romanen davor müssen wir Leser in diesem Roman aber nicht auf die frühere Crew der Enterprise verzichten. Aufgeteilt auf die Raumschiffe U.S.S. Endeavor – unter T’Pols Kommando – und U.S.S. Pioneer – unter Malcolm Reeds Kommando – erleben sie sowohl Abenteuer im unerforschten All, als auch innerhalb der Grenzen der Föderation. Und auch die Crew der U.S.S. Essex darf in „Uncertain Logic“ wieder auftreten.

cover_etp_ulBevor ich den Inhalt zusammenfasse, muss ich aber gleich vorweg den ersten Kritikpunkt nennen: „Uncertain Logic“ erzählt drei völlig unzusammenhängende Geschichten. Die Abenteuer von Endeavor, Pioneer und Essex haben keine Berührungspunkte und nur die Gemeinsamkeit, dass sie zeitgleich ablaufen. Das macht die einzelnen Abenteuer zwar nicht schlechter, aber ich bevorzuge doch Romane mit etwas „kompakterer“ Erzählweise bzw. solche, in denen voneinander unabhängige Handlungsstränge im Lauf der Geschichte (im Idealfall möglichst unvorhersehbar) zusammenführen. Soweit eine erste Anmerkung. Aber was genau erleben die Crews der drei genannten Schiffe denn genau in diesem Roman?

Die Endeavor bringt Admiral Archer nach Vulkan, wo die Überzeugungen des dort beheimateten Volkes ins Wanken geraten, als die angeblich „originalen Schriften“ des Philosophen Surak in Frage gestellt werden. Die Schriften wurde in einem Artefakt namens Kir’Shara aufbewahrt, das vor über 10 Jahren vom damaligen Captain Archer, T’Pol und der nunmerhigen Ministerin T’Pau gefunden wurde. Die Veröffentlichung der Texte verhalf der pazifistischen Syranniten-Bewegung damals zur Ablöse der militanten Regierung von Administrator V’Las. Ein Jahrzehnt später nun die plötzliche Entdeckung: Im als einbruchssicher geltenden Archivraum wird festgestellt, dass es sich beim Kir’Shara um eine Fälschung handelt! Sofort treten natürlich ehemalige Unterstützer von V’Las, Mitglieder des früheren Oberkommandos und Gegner der Föderation auf den Plan, um diese Entdeckung zu ihren Gunsten zu nützen. Während das Klima für Fremde auf Vulkan zunehmend rauer wird, müssen Archer & Co herausfinden, was mit dem echten Kir’Shara geschehen ist um den Beweis anzutreten, dass die Entdeckung vor einem Jahrzehnt keine Verschwörung der Syranniten war, um die Macht an sich zu reißen.

Die U.S.S. Pioneer bricht in der Zwischenzeit in ein Raumgebiet auf, das aufgrund des Krieges gegen die Romulaner lange Zeit unpassierbar war. Doch auch nach Kriegsende ist dieses Gebiet nicht ungefährlich, denn wie sich herausstellt, gibt es im ganzen Gebiet vollautomatisierte Reparatur- und Servicestationen von jener Art, der Captain Reed und Commander Mayweather vor 13 Jahren begegnet sind. Die in diesem Raumgebiet lebenden Völker sind sich weitgehend im Unklaren über die Gefahr, die von diesen Stationen ausgeht, denn wenngleich die von ihren Computerintelligenzen offiziell geforderte Bezahlung gering erscheint, ist der heimlich eingeforderte Preis – das Crewmitglied eines reparierten Schiffes zur Aufrüstung der Computerkapazität – äußerst teuer. Travis Mayweather hätte selbst beinahe für den Rest seines Lebens an einen Computer angeschlossen geendet und die Motivation ist groß, andere vor dieser Gefahr zu warnen. Weil sich diese Reparaturstationen auch mit unbemannten und schwer bewaffneten Drohnenschiffen zu verteidigen wissen, kehrt die Pioneer mit einer kleinen andorianischen Flotte in dieses Gebiet zurück – und mit Trip Tucker an Bord der Pioneer, wo er erstmals seit vielen Jahren wieder auf Travis Mayweather trifft, der ihn für tot gehalten hatte. Ein alles andere als glückliches Wiedersehen.

Die Essex hat inzwischen den Planeten Sauria hinter sich gelassen und ist auf Besuch beim Volk der Deltaner. Deren spezieller Umgang mit Sexualität in Kombination mit ihrer Empathiefähigkeit und für Menschen unwiderstehlichen Pheromonen sorgt jedoch für einen ernsthaften diplomatischen Zwischenfall und ein Zerwürfnis zwischen der Föderation und den Deltanern. Und so fällt es Captain Shumar nicht gerade leicht, den Deltanern kurze Zeit später zu Hilfe zu eilen, als sich diesen durch die Orioner Gefahr droht.

Fazit: Wenngleich die drei Geschichten getrennt von einander ablaufen, ist jede für sich grundsolide Unterhaltung bis sehr gut. Die Story, die sich rund um Vulkan und das Mysterium rund um die Fälschung des Kir’Shara dreht, ist anfangs wegen der Unmöglichkeit, eine Fälschung ins Archiv zu schmuggeln, interessant. Was die Auswirkungen dieses Mysteriums auf das vulkanische Volk und die Politik angeht, erinnert die Geschichte jedoch recht stark an den Vulkan-Dreiteiler aus der 4. Staffel von „Enterprise“ („Der Anschlag“/“Zeit des Erwachens“/“Kir’Shara“). Eigentlich wird hier durch die Entdeckung zwischendurch wieder eine ähnliche Ausgangssituation geschaffen wie am Beginn dieses Dreiteilers und die Archer, T’Pol & Co versuchen die Sache aufzuklären und wieder die Syranniten (mit ihrer wohlwollenden Föderationspolitik) zu stärken. Insofern ist die Geschichte nicht wirklich originell, aber der Ablauf im Detail ist natürlich ein anderer und so bleibt diese Geschichte trotzdem unterhaltsam, bietet interessante Einblicke in die Politik und Mentalität der Vulkanier dieser Ära und hat auch einige spannende Passagen zu bieten. Das sogenannte „World-Building“ von Christopher L. Bennett ist hier gelungener als bei seinem vorherigen Roman „Tower of Babel„, was natürlich daran liegt, dass man als Star Trek-Kenner über Vulkan im Vorhinein schon mehr weiß als über das Rigel-System. In „Tower of Babel“ hat Bennett äußerst viele Informationen aus ergänzender Star Trek-Literatur herangezogen, um die Informationslücken zu füllen, im Falle von Vulkan konnte er auf in den Serien und Filmen etablierte Informationen für sein Grundgerüst zurückgreifen.

Archer, T'Pol und T'Pau fanden einst das Kir'Shara.

Archer, T’Pol und T’Pau fanden einst das Kir’Shara in der Staffel-4-Folge „Zeit des Erwachens“.

Der Ausgangspunkt der Story rund um die U.S.S. Pioneer und ihre Mission ist ebenfalls in der TV-Serie zu finden. Die Folge „Todesstation“ ist sicher eine der besten der 2. Staffel und ganz am Schluss wurde eine Rückkehr dieser Bedrohung auch schon angedeutet. In Romanform ist es nun soweit und es stellt sich heraus, dass diese Technologie – im Roman bezeichnet als „Ware“ – sehr weit verbreitet ist. Die Pioneer trifft auf einzelne Schiffe, die auf einer der Reparaturstationen Crewmitglieder verloren, ganze Planetenzivilisationen, die von der Technologie abhängig wurden und auch solche Völker, die sich auf dem Weg dorthin befinden und wo die Machthaber sogar wissentlich bereit sind, den Preis in Form von Leben für den Fortschritt zu bezahlen. Die Mission der Pioneer besteht darin, die Erschaffer der „Ware“ ausfindig zu machen und den Grund für die Verbreitung ihrer vollautomatisierten Technologie herauszufinden. Dafür an Bord kommt undercover ein Spezialist von Sektion 31 – Charles „Trip“ Tucker.

Während Captain Reed über Trips vorgetäuschten Tod Bescheid weiß, erfährt Travis Mayweather erst jetzt vom Überleben des früheren Enterprise-Chefingenieurs. Diese erneute Zusammenarbeit von Trip mit seinen früheren Kollegen und Freunden hätte ein großes Highlight dieses Handlungsstrangs sein können. Wurde es aber vor allem deshalb nicht, da Trip kaum noch im Roman auftaucht sobald die Pioneer ihre Mission beginnt. Es gibt kaum Interaktion zwischen Trip und Malcolm und das erste Aufeinandertreffen mit Travis ist von etwas übertriebener Wut gezeichnet. Bennett muss hier wieder einmal für die Dummheit des Autorenteams Mangels & Martin büßen, die völlig unnötigerweise Trips „Tod“ gegenüber der Darstellung in der Serie um volle 6 Jahre vorverlegt haben. Also rekapitulieren wir: Schon seit 10 Jahren – in denen ein großer Krieg stattgefunden und seine Sternenflottenkarriere ihn auf mehrere Schiffe geführt hat – hat er keinen Kontakt mehr zu Trip Tucker, mit dem er vor diesen 10 Jahren nur 4 Jahre zusammengearbeitet aber damals nicht besonders stark interagiert hat. Es ist ja schön, wenn eine Crew zu einer Art Familie zusammenwächst, aber je mehr Zeit vergeht, des schwerer haben es die „Enterprise“-Romane für mich, Trip noch als Teil dieser Familie zu sehen. Es wäre leichter gewesen, hätte Bennett einfach verschwiegen, dass Trip und Mayweather sich vor einer halben Ewigkeit nur 4 Jahre lang ein bisschen kannten. Aber eine seiner „lästigen“ Eigenschaften ist es, sehr detaillierte Beschreibungen von Personen und ihrem Werdegang zu liefern. In diesem Fall wäre es besser gewesen, einfach zu verschweigen, was Mangels & Martin mit Trip verbrochen haben. Sicher, es wäre immer noch Teil der Kontinuität gewesen. Aber die Szene, wenn Mayweather Trip beinahe an die Gurgel geht und die folgende Feindseligkeit, verlieren einfach durch die Erwähnung der Zeitspannen an Glaubwürdigkeit. Hier hätte sich Bennett wirklich zurückhalten sollen oder gar die Chance nützen sollen, den Fehler von Mangels & Martin zu reparieren. Aber vielleicht ringt er sich ja in seinem vierten Roman dazu durch, denn am Ende verbleibt Trip noch an Bord der Pioneer.

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Die Reparaturstation, an die die Enterprise in der Folge „Todesstation“ anlegte, ist nicht die einzige ihrer Art.

Die Erlebnisse der Essex-Crew nehmen den kleinsten Teil des Buches ein und der Besuch auf Delta IV ist sehr interessant beschrieben. Bennett schafft es sehr gut, die Kultur der Deltaner zu beschreiben obwohl der Kanon (eigentlich nur der erste Star Trek-Kinofilm) hier nur wenige Schlagworte lieferte. Wie gewohnt gelingt es Bennett, diese kleinen Hinweise zu einem stimmigen Ganzen zu vereinen. Allerdings sind Konflikte zumindest in diesem Roman nicht Bennetts Stärke. War bereits der persönliche Konflikt Trip/Travis nicht besonders gelungen, wirkt der Konflikt Föderation/Delta ebenfalls übertrieben. Captain Shumar ist hier jedenfalls alles andere als ein guter Diplomat, resultiert das gespannte Verhältnis mit den Deltanern doch ausschließlich aus einem kulturellen Missverständnis. Mit schlimmen Folgen für zumindest ein Crewmitglied der Essex, aber trotzdem ist Shumars Reaktion zumindest in der gewählten Formulierung ziemlich harsch. Die Menschen sind jetzt schon eine Weile im All unterwegs und die Föderation ist ebenfalls schon einige Zeit etabliert. Unerfahrenheit im Umgang mit anderen Völkern will ich hier in Shumars Fall nicht mehr gelten lassen. Dafür zeigen uns die anderen beiden Handlungsstränge des Romans genau jene Personen, die für ihn eigentlich die Pionierarbeit geleistet haben.

Die Navigatorin Ilia trat im ersten Star Trek-Kinofilm als bisher einzige Vertreterin ihrer Spezies in den Vordergrund der Handlung.

Die Navigatorin Ilia trat im ersten Star Trek-Kinofilm als bisher einzige Vertreterin ihrer Spezies in den Vordergrund der Handlung.

Bewertung: Mein Fazit konzentrierte sich stark auf die negativen Aspekte des Romans, aber ich will auch betonen, dass es abgesehen davon weitaus mehr Licht als Schatten gab. „Uncertain Logic“ zeigt zwar auf, dass es nicht immer ideal ist, den Leser möglichst viele Informationen vorzukauen. Anderseits gibt Bennett auch Gelegenheitslesern damit sicher die Möglichkeit, in die Geschichte hineinzufinden und vor allem seine ausführliche Beschreibung von Umgebungen profitiert von diesem Stil. Es gelingt ihm, eine Faszination für das Fremde und Unbekannte zu wecken. Weiters lobend zu erwähnen ist auch so manche humorvolle Stelle. Die Art der Dialoggestaltung ist bei „Enterprise“ stilistisch durchaus anders, „bodenständiger“ als z.B. bei „The Next Generation“ und Bennett überträgt dies sehr gut in seinen Roman. Bei den Charakteren selbst und ihren Handlungsmotiven hingegen gibt es jedoch Verbesserungspotenzial, vor allem auf der Konfliktebene, die Bennett z.B. auch auf anderer Ebene scheut. Im englischsprachigen Form TrekBBS ist Bennett ein sehr aktiver User und daher ist einiges über seine Vorlieben als Schriftsteller bekannt. Unter anderem, dass er kein Freund von Weltraumgefechten ist. Seine Tendenz, diese möglichst kurz zu halten oder gänzlich zu vermeiden, ist in diesem Roman auch ersichtlich – wenn man es weiß. Es ist auch ganz interessant, darauf zu achten.

Bennetts erstem Enterprise-Roman habe ich 5 Sterne gegeben, dem zweiten 4 Sterne. „Uncertain Logic“ würde ich genau dazwischen ansiedeln, da ich aber keine halben Sterne vergebe, erhält sein dritter Roman von mir gute 4 Sterne. Tendenz klar nach oben.

4stars

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