Rezension: „Der Janusmann” – Ein Jack-Reacher-Roman

Im achten Roman der Jack-Reacher-Reihe lässt Lee Child seinen Protagonisten in den nordöstlichen Teil der USA reisen. Unerwartet trifft Reacher rein zufällig dort auf einen Mann, den er eigentlich seit 10 Jahren für Tod gehalten hatte und die es seiner Meinung nach auch verdient hatte, zwei Kugeln in den Kopf und eine in die Brust gejagt zu bekommen. Was dieser Mann verbrochen hat? Das wird auch dem Leser erst im Laufe der Geschichte erst so richtig klar. Denn wenn Reacher sich drauf und dran macht, Versäumtes nachzuholen, erinnert er sich an einen Fall aus seiner Zeit bei der Militärpolizei zurück.

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Bei dem Mann, den Reacher in Boston für einen kurzen Moment erblickt, handelt es sich um den Hauptverdächtigen in einem Spionagefall. Lieutenant Colonel Francis Quinn soll sich von ausländischen Regierungen für die Weitergabe von geheime Waffenbaupläne fürstlich bezahlen haben lassen. Und auch 10 Jahre später und nach Annahme einer neuen Identität wirkt es auf Reacher, als habe Quinn keine finanziellen Sorgen. Dass er seinen Reichtum nicht legal angehäuft hat, bestätigen ihm zwei Agenten der DEA – Drogenbekämpfungsbehörde der USA – die kurz nach einem Anruf Reachers bei der Army vor der Tür seines Motelzimmers stehen. Sowohl die DEA als auch Reacher haben ihre Motive, an Quinn ranzukommen. Dies ist der Beginn einer Zusammenarbeit, die Reacher auf ungeahnte und außerordentlich spektakuläre Weise noch weiter in den Norden – in den Bundesstaat Maine – führt, wo Reacher im Haus eines von Quinns wichtigsten Geschäftspartnern namens Zachary Beck Unterschlupf findet. Reacher glaubt sich einen Schritt näher an Quinn, doch dieses Haus, die Bewohner und ihre Beziehungen zueinander halten für Reacher einige Tücken und für den Leser so manche Überraschung auf Lager.

Fazit: Die Geschichte des vorangegangenen Romans „Tödliche Absicht“ hat Reacher als Verbündeten des Secret Service gezeigt und an dessen Seite kreuz und quer durchs Land ziehen lassen, um ein politisches Attentat zu verhindern. „Der Janusmann“ ist im Vergleich wesentlich dichter erzählt, es gibt kaum Verschnaufpausen, denn Reacher ist im Grunde rund um die Uhr und fast auf jeder Seite des Roman im Einsatz. Allein von der Situation wird Reacher gefordert: Er ist auf sich gestellte in diesem großen Steinhaus, das auf einer Landzunge errichtet ist, die von einer Mauer vom Festland abgegrenzt wird und deren einziges Tor von einem psychopathischen Hünen kontrolliert wird, der Reacher mit einem einzigen Faustschlag töten könnte. Auf der anderen Seite des Hauses ist nur das ständig tosende Meer unter einem wolkenverhangenen Himmel. Der von Lee Child erdachte Hauptschauplatz der Handlung ist so atmosphärisch und bedrohlich beschrieben wie nur möglich und die Bewohner des Hauses machen diesen Ort auch nicht heimeliger. Man ist verschwiegen und vielleicht mit einer Ausnahme misstrauisch gegenüber Reacher, der den wahren Grund für seine Abwesenheit vor jedem geheim halten muss. Während Reacher seine Ermittlungen führt, offenbaren sich nach und nach die Beziehungen, die die einzelnen Bewohner zueinander unterhalten. Und die sind mitunter wirklich gruselig, genauso wie die Praktiken der Bösewichte dieses Thrillers.

Und genau diesem Genre ist der Roman zuzuordnen. Wie jeder Reacher-Roman hat auch „Der Janusmann“ Krimi-Elemente und Ermittlungen. Diese dienen jedoch nicht auf klassische Art dazu, den „Täter“ zu entlarven, sondern einfach um die unheimliche Situation zu begreifen, mit der Reacher in diesem einsam in der Küste stehenden Haus zurechtkommen muss. Das beschriebene Ambiente erinnert mich stark an ein vergleichbar abgelegenes und gut gesichertes Haus in Robert Harris‘ Roman „Ghost“ (den ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen kann). Wo ich gerade „Ghost“ erwähne: Genauso wie „Ghost“ ist auch „Der Janusmann“ aus der Ich-Perspektive geschrieben. Normalerweise nicht meine bevorzugte Erzählperspektive und in den Reacher-Romanen fand man sie bislang nur im 1. Roman, wo das auch ein Kritikpunkt von mir war. In „Der Janusmann“ funktioniert die Perspektive aber besser, weil die Jagd nach Quinn für Reacher eine sehr persönliche Angelegenheit ist, seiner Erinnerungen an die Ermittlungen von vor 10 Jahren und seine Gefühle eine große Rolle spielen. Auch bei den beiden größten gewaltgeprägten Auseinandersetzungen kann man so als Leser aus erster Hand miterleben, wie Reacher diesmal wirklich gefordert wird und an seine Grenzen stößt. Zu oft – auch an anderen Stellen in diesem Roman – hat Reacher völlige Kontrolle über die Situation, ist in einer dominanten Position. In „Der Janusmann“ muss er sich jedoch den Gegebenheiten unterordnen. Eine interessante neue Perspektive.

Ebenfalls gefielen mir die Erinnerungen an seine Zeit bei der Militärpolizei, die ebenfalls viel über seinen Charakter und seine Motivationen aussagen. Das bedeutet aber nicht, dass man als Leser „richtig“ und „falsch“ genauso sehen muss, wie der Protagonist oder ihm gar nacheifern sollte. Eigentlich könnte man das nicht einmal, denn wo findet man in der Realität solche Leute schon? Oder besser gesagt: Wo wird man von solchen Leuten gefunden?

Bewertung: Lee Child erzählt die Geschichte nicht nur gewohnt solide, sondern setzt mit seiner überaus atmosphärischen Beschreibung des Schauplatzes und unheimlichen Charakteren noch einen drauf. Dachte ich schon, „In letzter Sekunde“ würde ein schreckliche Sittenbild zeichnen, so belehrt mich „Der Janusmann“ eines Besseren. Der achte Roman der Reacher-Reihe ist abgründig, brutal und nur mit wenigen entlastenden oder gar humorvollen Momenten bestückt. Aber das ist durchaus treffend, denn ohne solche Momente ist die von der Geschichte vermittelte Stimmung durchgängig düster und bedrückend. Das Buch ist wahrscheinlich nicht die beste Lektüre, um im Urlaub am Strand gelesen zu werden, aber an einem stürmischen, regnerischen Herbsttag kann er dem Leser sicher den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagen. 5 von 6 Sterne.

5stars

Anmerkungen:

Seltsamerweise wurden vom Übersetzer auch alle Ränge der US Army in ihre deutschen Entsprechungen übersetzt. Ich glaube, das war bislang noch nie der Fall bei einem Reacher-Roman.

Im Original lautet der Titel des Romans „Persuader“, was sich auf eine Handfeuerwaffe bezieht, die im Roman eine Rolle spielt. Der deutsche Titel „Der Janusmann“ ist weder eine direkte Übersetzung, noch ergibt er im Zusammenhang mit der Geschichte einen Sinn.

Die deutschen Titel der Reacher-Roman sorgen bei mir übrigens schon seit dem ersten Roman für Stirnrunzeln und sehe ich mir die Liste der weiteren Titel bei Wikipedia an, dann stelle ich folgendes Fest: Von den 16 Reacher-Romanen, die bisher auf Deutsch erschienen sind, trägt nur ein einziger einen Titel, der eine direkte Übersetzung des englischen Originaltitels darstellt. Die Romane 10 bis 13 tragen dabei kurioserweise auch in der deutschen Fassung einen englischen Titel, der nicht ident ist mit dem Originaltitel.

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