Rezension: „Die Abschussliste” – Ein Jack-Reacher-Roman

Nach sieben Abenteuern, die der in den Frühruhestand geschickte Ex-Militärpolizist Jack Reacher bei seiner ziellosen Reise durch die Vereinigten Staaten erlebt und überlebt hat, weicht der achte Roman vom bisher gewohnten Erzählrahmen am weitesten ab. „Die Abschussliste“ ist nämlich eine Vorgeschichte. Zeitlich noch deutlich vor den Ereignissen des ersten Romans angesiedelt, präsentiert uns „Die Abschussliste“ Jack Reacher als Major im aktiven Dienst und stellt ihn dabei gleich vor mehrere Herausforderungen, die weit über das simple Auflösen von Kriminalfällen hinausgehen.

Lee-Child-Die-Abschussliste

Wir schreiben Neujahr 1990 und während der Kalte Krieg zu Ende geht, die Sowjetunion zerfällt, die deutsche Wiedervereinigung vorangetrieben wird und in Panama US-Truppen ihren ehemaligen Verbündeten und Diktator Noriega jagen, sitzt Jack Reacher zum Jahreswechsel gelangweilt hinter dem Schreibtisch in seinem Büro auf dem Army-Stützpunkt Fort Bird in North Carolina. Wem er diese Abkommandierung zu verdanken hat, weiß Reacher nicht, denn noch vor wenigen Stunden war er in Panama noch mitten in der Invasion leitender Ermittler bei der Suche nach Noriega. Nun ist er der Stellvertreter des örtlichen Militärpolizeichefs – der jedoch auch ohne weiteren Kommentar irgendwohin abkommandiert wurde – und hofft darauf, von dieser verschlafenen Dienststelle so bald wie möglich wieder wegversetzt zu werden.

Doch so verschlafen wie geglaubt ist North Carolina gar nicht, denn kurz nach Mitternacht läutet Reachers Telefon und kurze Zeit später steht er in einem heruntergekommenen Motelzimmer vor der Leiche eines hochrangigen Generals der renommierten Panzertruppe. Reacher und die örtliche Polizei stimmen überein: Tod infolge eines Herzinfarkts während des Geschlechtsverkehrs mit einer getürmten Prostituierten, die wahrscheinlich im „Striplokal“ gegenüber des Motels arbeitete. Abgesehen vom hohen Rang des toten Offiziers aber kein besonderer Fall und vor allem nicht jener von Reacher, da der Tod außerhalb des Stützpunkts stattfand. Doch auch wenn der General an einem natürlichen Tod gestorben ist, sollte sein Ableben nicht das letzte in dieser Geschichte bleiben. Denn nur  wenig später muss Reacher schon zum nächsten Tatort außerhalb des Stützpunkts, denn auch die Frau des Generals verstarb in dieser Nacht und diesmal war es eindeutig Mord. Doch auch dieser geschah nicht auf einem Grundstück der Army und so weist ihn der neue – und äußerst unsympathische – Oberkommandant der Militärpolizei persönlich an, sich aus diesen Fällen rauszuhalten – was Reacher natürlich umso mehr dazu ermuntern, sich die Umstände der beiden Todesfälle noch genauer anzusehen. Doch ein weiterer Mord – diesmal auf dem Stützpunkt – und schlechte Neuigkeiten, die Jack von seinem Bruder Joe erhält, lassen Reachers Suche nach der Wahrheit ins Stocken geraten.

Fazit: Mehr denn je steht Jack Reacher persönlich hier im Mittelpunkt. Wir wissen ja bereits, dass Jack ein eher wortkarger Geselle ist, daher auch nicht sehr ausführlich über seine Vergangenheit spricht und sich zumindest nach außen hin äußerst souverän gibt. Die in „Die Abschussliste“ erzählte Vorgeschichte erspart es Reacher, dem Leser von sich persönlich zu erzählen, denn wir erleben ihn hier erstmals bei seiner typischen Arbeit für die Army und bei der Interaktion mit seiner Familie – seinem Bruder und seiner sterbenskranken Mutter. Professionell und privat bekommen wir also ganz neue Einblicke in Jack Reachers Charakter, wobei Autor Lee Child dessen Darstellung in den anderen Romanen jedoch sehr treu bleibt, in Form des neuen Vorgesetzten von Jack sogar eine Begründung liefert, warum Jack später wenig Skrupel vor Selbstjustiz zeigt.

Der Roman deckt sehr viele verschiedene Themen ab, wobei am ungewöhnlichsten und daher auch am interessantesten der Besuch zusammen mit Reachers Bruder Joe bei deren Mutter in Paris ist. Mitunter sehr einfühlsam geschrieben, nicht überbetont emotional – obwohl der Roman aus Reachers Ich-Perspektive erzählt – aber doch sehr nahegehend. Der bevorstehende Tod ihrer Mutter hindert die Reacher-Brüder aber auch nicht daran, sich über andere Aspekte des Lebens zu unterhalten. Joe bleibt recht verschlossen, aber man bekommt trotzdem ein gutes Gefühl dafür, dass sie einander sehr zugeneigt sein. Etwas, das man in den Romanen, die zeitlich nach Joes Tod angesiedelt sind, nicht so gut vermittelt bekam. Und natürlich verbindet die beiden das Militär, auch wenn Joe nicht mehr dort ist. Er spornt Jack zumindest an, herauszufinden, wer ihn nach Fort Bird beordert hat und warum. Und daraus ergibt sich auch ein weiteres Mysterium des Romans, denn Jack findet heraus, dass er nicht der einzige Militärpolizist ist, der kurzfristig versetzt wurde und auf einem Stützpunkt einen abwesenden Chef vertritt. Dahinter steckt ein System und wenn Reacher es durchschaut, bekommt die Geschichte auch noch eine zusätzliche politische Facette, die im direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Europa Ende der 80er und Anfang der 90er steht.

Bewertung: Ein Wort fasst es für mich zusammen: großartig! Dieser ungewöhnliche Jack Reacher-Roman vereint viele Themen, verbindet sie teils stark, teils lose miteinander und resultiert in einem gelungenen Gesamtwerk, das trotz der vielfältigen Handlungsstränge nie überladen oder unübersichtlich wirkt. Dazu trägt auch Reachers Ermittlungsstil bei. Im Gegensatz zu den meisten anderen Reacher-Romanen gibt es in „Die Abschussliste“ so gut wie keine Action-Sequenzen. Wenn Reacher mal die Fäuste sprechen lässt, dann bringt es ihm sogar Ärger ein, daher löst er den Fall mit Köpfchen bzw. auch mit sehr viel Intuition, die sich schließlich als richtig erweist und ihn auf die Spur der nötigen Beweise führt. Nur wenige Kleinigkeiten stören. Denn gerade als ich dachte, dass sich Lee Child das inzwischen obligatorisch scheinende „Reacher-Girl“ verkneifen konnte, lässt er Jack doch noch mit einer Frau ins Bett hüpfen. Ein gewöhnliches Element in einer ansonsten für Reacher-Verhältnisse ungewöhnlichen Geschichte, die ich dennoch mit der Höchstnote bewerte: 6 Sterne!

6stars

Anmerkungen:

Erneut wurden vom Übersetzer wieder alle Army-Ränge mit ihrer deutschen Entsprechung übersetzt. Bei anderen Reacher-Romanen konnte man leichter darüber hinwegsehen, aber da Reacher in diesem Roman mit einem guten Dutzend Unteroffizieren und Offizieren zu tun hat, irritiert die häufige Verwendung deutscher Ränge für amerikanische Militärangehörige etwas.

Der Roman trägt im Original den Titel „The Enemy“. Erneut ist der deutsche Titel „Die Abschussliste“ also keine direkte Übersetzung. Diesmal sind ausnahmsweise beide Titel nicht ideal bzw. aussagekräftig gewählt.

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