Rezension: VOY – „Acts of Contrition“

Der vorangegangene Voyager-Roman “Protectors” las sich bereits wie die Einleitung zu folgenden Geschichten und genau hier nimmt „Acts of Contrition“ die Handlungsfäden auch direkt auf. Wie schon in „Protectors“ erzählt Autorin Kirsten Beyer erneut mehrere getrennt voneinander ablaufende Geschichten, die kaum Berührungspunkte aufweisen, aber zumindest bei einer dieser Geschichten wagt sich Beyer an eine recht komplexe Konstellation. Ob sie diese zufriedenstellend auflösen kann?

Acts_of_Contr_CoverZur Ausgangssituation: Die auf vier Schiffe reduzierte Full-Circle-Flotte traf am Ende von „Protectors“ auf die sogenannte „Konföderation des Ersten Quadranten“. Eine Vereinigung von Spezies, die zwar einige verheerende Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen hat, aber technologisch ähnlich hoch entwickelt wie die Föderation ist und die die Abgesandten der Full-Circle-Flotte auch freundlich in Empfang nimmt und sehr bestrebt ist, eine Allianz zu formen. Vor allem da man gemeinsame Feinde hat: Die Konföderation verfügt über keinen Slipstream-Antrieb, nutzt aber Subraumkorridore um große Distanzen zu überwinden und genau vor der Öffnung jenes Korridors, der direkt zur Hauptwelt der Konföderation führt, versammelt sich eine äußerst feindlich gesinnte Flotte. Neben fremden Spezies gehören dieser Flotte auch Schiffe der Devore, Turei und Vaadvaur an. Völker, mit denen es sich die Voyager-Crew während ihrer ersten Reise durch den Delta-Quadranten verscherzt hat. Insofern ist man anfangs recht froh darüber, bei der Konföderation einen sicheren Hafen gefunden zu haben, doch je länger sich die Crews der Raumschiffe Voyager, Vesta, Demeter und Galen dort aufhalten, desto klarer wird, dass das Gesellschaftssystem der Konföderation in einigen Dingen fundamental von jenem der Föderation abweicht und nicht alles so paradiesisch ist, wie es die höchsten Vertreter von Regierung und Handelskonsortium darstellen.

Inzwischen auf der Erde: Tom Paris muss zur Beilegung eines Rechtsstreits mit seiner Mutter an einem Schlichtungsverfahren teilnehmen. Aufgrund früherer Ereignisse (siehe vor allem „Full Circle“) hält Julia Paris ihren Sohn und ihre Schwiegertochter B‘Elanna nicht länger für befähigt, weiterhin für das Wohl von Miral – Toms und B’Elannas Tochter – zu sorgen und beansprucht das Sorgerecht.

Und auch Seven of Nine und Doktor Sharak weilen auf der Erde und untersuchen in einer medizinischen Anlage der Sternenflotte die mysteriöse Seuche, die mehrere Föderationsplaneten nach dem Ende der Borg-Invasion vor über einem Jahr heimsuchte. Offenbar basiert sie auf der catomischen Technologie der Caeliar, die damals die Invasion beendeten, indem sie – fast – alle Borg in ihre sogenannte Caeliar-Gestalt aufnahmen und mit ihnen diese Galaxie verließen. Ein Nebeneffekt dieser Umwandlung scheint jedoch die Ursache für diese Seuche zu sein und während sich Seven in einen Quarantäne-Bereich begibt, um mit Axum – einem ehemaligen Borg, mit dem sei einst eine intime Beziehung unterhielt – zu arbeiten, wird Doktor Sharak von der Sternenflotte einfach nur mit minderen Aufgaben beschäftigt, weshalb er sich dazu entschließt, auf eigene Faust zu den von der Seuche heimgesuchten Planeten zu fliegen und eigene Nachforschungen anzustellen. Auf Coridan macht er dabei eine erstaunliche Entdeckung …

Fazit: Wie schon in „Protectors“ hält Kirsten Beyer auch diesmal die drei größten Handlungsstränge weitestgehend getrennt voneinander. Während es in „Protectors“ Admiral Janeway war, die auf der Erde über Pflichten und Familie reflektierte, ist nun Tom Paris dran, sich mit seiner Familie – allen voran seiner Mutter – auseinanderzusetzen und seine und B’Elannas Entscheidungen in der Vergangenheit zu verteidigen. Dieser Handlungsstrang ist nicht besonders aufregend, da er in der Gerichtsverhandlung – und nichts anderes ist das Schlichtungsverfahren – vor allem jene Ereignisse rekapituliert, die man als Leser des Voyager-Relaunches bereits aus „Full Circle“ kennt. Das kann hilfreich sein, wenn man diese Ereignisse nicht mehr so gut im Gedächtnis hat, aber ansonsten reduziert sich dieser Handlungsstrang auf die Konfrontation zweier unvereinbarer Standpunkte und keine der beiden Streitparteien ist gewillt, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Das erinnerte mich an so manche Diskussion in Internet-Foren. 😀 Dieser Handlungsstrang findet noch innerhalb des Buches mehr oder weniger seinen Abschluss.

Noch fortzuführen sind die beiden Geschichten rund um die catomische Seuche und die Konföderation. Sharaks Entdeckung – die ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten werde – ist sehr mysteriös und auch was Seven schließlich in der Quarantäne herausfindet, ist ein interessanter Twist – einer allerdings etwas trägen Beziehungsgeschichte. Bis kurz vor dem Ende des Romans ist die romantische Interaktion von Seven und Axum sicher der Tiefpunkt dieses Buches, aber zum Glück kann eine gelungene überraschende Wendung diesen Handlungsstrang wieder in interessantere Bahnen lenken. Doch aufgelöst wird er jedenfalls nicht; Fortsetzung folgt.

Und auch der Handlungsstrang rund um die „Konföderation des Ersten Quadranten“ bleibt in „Acts of Contrition“ noch offen, war aber der für mich interessanteste Handlungsstrang in diesem Buch, weil sich wirklich Stück für Stück offenbart, wie unsympathisch diese Konföderation doch ist, obwohl sie sich alle Mühe gibt, ihre durchaus trotzdem vorhandenen Vorzüge zu präsentieren. Um es knapp zusammenzufassen: Die Konföderation ist wie die „Tea Party“-Bewegung. Einige der extremsten konservative Grundsätze werden hier ausgelebt: Wenig Macht für die Regierung, viel Macht der Wirtschaft; keine Rücksicht auf die Umwelt, wenn es auf Kosten der Wirtschaft geht; Krankenversorgung nur für die, die es sich leisten können; tatsächlicher Wohlstand wird mit erbrachter Leistung gleichgestellt ob das der Wahrheit entspricht oder nicht; konservative gesellschaftliche Rolle für die Frauen und eine übertriebene, zwangsverordnete Religiosität. Vielleicht tue ich der „Tea Party“ und den sie unterstützenden Organisationen ja Unrecht, aber diese Bewegung war wirklich das Erste, das mir einfiel, als die Konföderation nach und nach dem Leser erläutert wurde. Das negative Bild setzt sich dann auch bis zum Schluss fort, wenn sich eigentlich erwartungsgemäß offenbart, dass die Konföderation kein Vertrauen verdient und in einer Allianz mit der Vereinigten Föderation der Planeten nur ihren eigenen Vorteil sucht.

Besonders gelungen fand ich hier, wie die nun im Gegensatz zu früher stark verkleinerte Full-Circle-Flotte eingesetzt wird. Welche Schiffe ihr angehören und welche Person wo Dienst tut ist nun wesentlich einfacher zu merken. Die Schiffe betreiben weitestgehend getrennt voneinander Nachforschungen und sehen sich in der Konföderation um und sammeln laufend neue Erkenntnisse. Diese vielen Erkenntnisse setzen sich dann beim Leser wie Puzzleteile zu seinem einheitlichen – und sehr negativen – Bild der Konföderation zusammen. Das gelingt Kirsten Beyer wirklich sehr gut. Wie auch die Verbindung zu ihrem zweiten Roman „Unworthy“, die sie am Ende sehr gut herstellt. Allerdings kann diese „Offenbarung“ nicht so gut überraschen wie das, was Doktor Sharak und Seven of Nine über die Seuche und ihre Bekämpfung herausfinden.

Bewertung: Insgesamt hat mir auch „Acts of Contrition“ wieder sehr gut gefallen und ich war selbst etwas überrascht, dass ich dieses Buch – für meine Verhältnisse – ziemlich schnell durch hatte. Und es macht wirklich Lust darauf, den bereits erschienenen Nachfolgeroman „Atonement“ sofort im Anschluss zu lesen. Allerdings verbirgt sich darin auch eine Schwäche des Romans: Wie bei vielen Roman-Trilogien ist auch „Acts of Contrition“ mehr eine Überbrückung. Abgesehen von der Geschichte rund um Tom Paris auf der Erde führt er die im Vorgänger etablierte Ausgangssituation fort, löst sie jedoch nicht auf und überlässt dies (wahrscheinlich) dem Nachfolger. Dennoch ist dieser Roman sehr unterhaltsam zu lesen. Die Charaktere sind von der Autorin wieder hervorragend getroffen worden. Von den drei Handlungssträngen würde ich einen als durchschnittlich bewerten (Tom Paris), einen als etwas träge mit überraschender Wendung (Seven/Sharak) und einen als durchgängig sehr interessant und spannend aber mit leichter vorhersehbarer Wendung gegen Ende (Konföderation/Janeway).

In Summe gebe ich „Acts of Contrition“ solide 4 Sterne verbunden mit der Hoffnung, dass der folgende Roman die Handlungsstränge erneut so gut aufnimmt, aber zielführender ausfällt. Die Bühne für ein „Finale“ dieser Geschichten ist auf jeden Fall schon vorbereitet.

4stars

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