Rezension: „Way out” – Ein Jack-Reacher-Roman

Jack Reacher ist – wie so oft – wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Seine ziellose Wanderung durch die Vereinigten Staaten hat ihn nach New York geführt. In einem Café sitzend wird er eines Abends Zeuge einer an sich gewöhnlichen Szene: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sperrt ein Mann ein Auto auf, steigt ein und fährt davon. Und wäre Reacher nicht am nächsten Tag erneut zur selben Zeit in diesem Café gesessen, ihm wäre so mancher Ärger erspart geblieben – und er hätte selbst anderen viel Leid ersparen können.

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Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich bei dem Mann, den Reacher am Tag zuvor beobachtet hatte, um einen Geiselnehmer, der Lösegeld – im Auto deponiert – entgegennahm. Da die Geiseln – Ehefrau und Stieftochter des zwielichtigen Geschäftsmanns Edward Lane – auch 24 Stunden später noch nicht freigelassen wurden, suchen Lanes Angestellte – alles Ex-Militärangehörige, denn Lane führt einen „privaten Sicherheitsdienst“ (besser gesagt Söldner) – nach Augenzeugen und stoßen auf Reacher, dessen Vergangenheit als Ex-Militärpolizist ihnen in dieser Situation natürlich hilfreich erscheint. Reacher lässt sich von Lane anheuern und erfährt die ganze Geschichte: Vor Jahren wurde bereits Lanes erste Ehefrau Opfer einer Entführung und obwohl Lane die Polizei rausgehalten und kooperiert hat, wurde sie schließlich tot aufgefunden. Nun fürchtet er, dass sich die Geschichte wiederholen könnte und mit jeder weiteren Lösegeldforderung und längerer Gefangenschaft der beiden Entführten scheint die Wahrscheinlichkeit zu steigen, dass auch diese Geschichte ein schlechtes Ende nehmen könnte.

Während sich Reacher auf die Suche nach den Entführern macht, wird er jedoch von der Schwester von Lanes erster Ehefrau kontaktiert und mit einer Theorie konfrontiert, die all seine Annahmen auf den Kopf stellen sollte: Lanes erste Frau wollte sich angeblich von ihm trennen, aus Rache und weil er ein sadistischer Dreckskerl ist, fingierte Lane ihre Entführung und ließ seinen einzigen Komplizen kurze Zeit später bei einem Einsatz in Afrika zum Sterben zurück. Auf der Suche nach der Wahrheit konzentrieren sich Reachers Nachforschungen auf einen Kumpel des Toten, der es lebend aus Afrika raus und zurück in die USA geschafft hat. Vielleicht könnte ja dieser die Theorie von der fingierten Entführung bestätigen – oder hat sich selbst davon inspirieren lassen um nun an Edward Lane Rache zu nehmen. Aus irgendeinem unbestimmbaren Grund zweifelt Reacher nämlich daran, dass auch diese Entführung vorgetäuscht ist und Lane tatsächlich Millionen von Dollar abgeluchst werden sollen. Dass Reacher mit seiner Vermutung richtig liegt und welche Absichten tatsächlich hinter der Entführung liegen, offenbart sich Reacher jedoch viel zu spät.

Fazit: Jack Reacher ist ein guter Ermittler, aber auch in der Vergangenheit nicht als perfekt dargestellt worden. Falsche Fährten verfolgt auch er und nicht zum ersten Mal zieht er falsche Schlüsse. In „Way out“ dürfte es aber zum ersten Mal passieren, dass seine falsche Schlussfolgerung die Situation für viele Leute, die eigentlich seines Schutzes bedurft hätten, deutlich verschlimmert. Autor Lee Child macht in diesem Roman eigentlich einen guten Job, die Wahrheit hinter all den Ereignissen zu verschleiern; es ist eine Ansammlung von Kleinigkeiten, die mich dennoch relativ früh erahnen ließen, dass die Entführung ganz anders abgelaufen ist, als Reacher die längste Zeit annimmt. Es waren gar nicht so sehr seine Beobachtungen (die der Autor am Beginn geschickt heruntergespielt hat), sondern mehr die Fragen, die sich Reacher selbst stellt. Wenn der Held in dieser Geschichte ein merkbares Manko aufweist, dann fehlende Vorstellungskraft. Er denkt hier etwas zu konservativ, schiebt unbeantwortete Fragen für später zur Seite anstatt nach dem Sherlock Holmdes-Kredo vorzugehen: Ist das Unmögliche ausgeschlossen bleibt nur noch die Wahrheit, egal wie unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag.

Allerdings gefiel es mir, wie Reacher dann doch regelrecht über sich selbst schockiert erkennt, welchen Schlamassel er gerade im Begriff ist anzurichten und seinen Kurs nicht mehr rechtzeitig ändern kann, um Schaden von guten Menschen abzuhalten.

Aber wenngleich es Reacher gewohnt ist, von einem Ort zum nächste zu ziehen, kann man ihm doch attestieren, nichts unerledigt zurückzulassen und verhindert Schlimmeres. Wobei ich mir von der „Endkampf“-Situation lange Zeit mehr erwartet hätte. Es wirkt, als würde Reacher ausnahmsweise mal einen Ort verteidigen, doch dann dreht sich die Situation schließlich und es wird dann ein relativ typischer Angriffsplan daraus. Positiv ist jedenfalls, dass der Showdown in England stattfindet. Lee Child stammt ja selbst aus Großbritannien und man merkt in letzten Viertel des Romans, dass er sich hier wirklich gut auskennt und lässt viele lokale Eigenheiten einfließen.

Warum Reacher am Beginn des Romans ausgerechnet in New York ist, wird übrigens nicht erwähnt. New York war schon Schauplatz von zwei vorangegangenen Reacher-Romanen und es wirkt ungewöhnlich, wenn ein Vagabund wie Jack Reacher mehrmals die gleiche Stadt besucht. Eventuell steht die Schauplatzwahl in Zusammenhang mit dem Thema „private Sicherheitsdienste“, die ja von der US-Regierung vor allem medial bekannt im Irak und in Afghanistan eingesetzt wurden. 9/11 bzw. Ground Zero finden zumindest auch Erwähnung in dem Buch, auch wenn der Zusammenhang nicht direkt ausgesprochen wird.

Bewertung: Im Grunde ein guter Roman, vielleicht etwas zu lang geraten und mit etwas verschenktem Potenzial am Ende. Aber Child gelingt es hier sehr gut, nicht nur Reacher überzeugend – und diesmal mit offensichtlichem menschlichen Fehler – darzustellen, sondern auch eine große Anzahl von Protagonisten. Gut 30 Personen spielen für den Handlungsablauf wichtige Rollen und im Gegensatz zum Vorgängerroman „Sniper“ ließen sich diese nicht so leicht zusammenfassen. Einerseits ist es wichtig, dass Lanes Leute zahlreich sind und anderseits jagt Reacher Brotkrumen nach, die ihn quer durch New York City quasi von einer Haustür zur nächsten führen.

Eine Warnung möchte ich noch aussprechen: Dieser Roman ist für Zartbesaitete nicht zu empfehlen! Die im Roman erwähnten und beschriebenen Grausamkeiten sind wirklich übel, machen aus „Way out“ vielleicht den härtesten Reacher-Roman. Der Psychoterror ist anders als in „Der Janusmann“ oberflächlicher, aber die ausgeführten und angedrohten Taten in „Way out“ verfehlen ihre Wirkung auch nicht. Der Roman ist alles andere als eine Wohlfühllektüre.

Von mir erhält Lee Childs 10. Reacher-Roman solide 4 Sterne. Einige Längen sind nicht wegzuleugnen, wenngleich Ambiente und Storyablauf an sich passen.

4stars

Anmerkung: Seit dem 9. Reacher-Roman „Sniper“ werden die englischen Originaltitel durch andere aber ebenfalls englische Titel für die ins Deutsche übersetzten Romane ersetzt. Im Falle von „Sniper“ (im Original „One Shot“) fiel das noch nicht auf, da dieser englische Begriff auch im deutschsprachigen Raum geläufig ist. Die englische Originalausgabe von „Way out“ trägt hingegen den Titel „The Hard Way“.

Auch die Titel der drei folgenden Reacher-Romane wurden auf diese Weise geändert. Erst ab dem 14. Roman verwendete der Verlag Blanvalet wieder deutsche Titel.

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