Rezension: „Trouble” – Ein Jack-Reacher-Roman

Über den Jahreswechsel stand bei mir wieder einmal ein neues Abenteuer von Jack Reacher auf dem Programm. Der elfte Roman der Reihe erweist sich aber als alles andere als ideal, um auf das Jahr 2016 einzustimmen, in dem eine neue Jack Reacher-Verfilmung (zum 18. Roman) im Kino starten wird. (Deutscher Kinostart von „Never go back“ am 3. November.)

Trouble von Lee Child

Dabei bietet der Roman „Trouble“ eine durchaus interessante Prämisse, denn Reacher ist diesmal nicht als Einzelkämpfer unterwegs, sondern arbeitet mit Freunden – drei ehemalige Kameraden jener Sondereinheit, die er gegen Ende seiner Militärpolizei-Laufbahn befehligt hatte – an der Aufklärung von Morden, die an den restlichen vier Mitgliedern der Sondereinheit begangen wurden. Über der Wüste nahe Los Angeles wurden diese einfach aus luftiger Höhe aus einem Hubschrauber geworfen. Getreu ihrem Motto „Mit der Sondereinheit legt man sich nicht an“ schwören die vier verbliebenen Mitglieder Rache, doch an wem ist anfangs unklar. Nach dem Ende ihrer Karrieren bei der Army ist jeder seinen Weg gegangen und so müssen die vier Überlebenden zuerst einmal herausfinden, warum sich die anderen vier wieder getroffen haben. Wer hat wen zuerst kontaktiert? Wer hatte ein Problem, das er alleine nicht lösen konnte und Verstärkung angefordert? Und mit welchem mächtigen Gegner haben sie sich angelegt, der fähig war, vier der besten Militärpolizisten mit denen Reacher je zusammengearbeitet hatte, eine Falle zu stellen und zu töten? Fakt ist nur, dass sehr viel Geld im Spiel war.

Fazit: Den einen oder anderen vertrauten Namen aus vorangegangenen Reacher-Romanen finden wir in „Trouble“ wieder und über weite Strecken gelingt es Autor Lee Child sehr gut, Reacher zu einem Teamplayer zu machen. In diesem Roman allein erfährt man über die anderen Mitglieder der Sondereinheit mindestens genauso viel wie über Reacher selbst. „Trouble“ ist also ein wirklich gut gelungenes Ensemble-Stück mit vier auf Augenhöhe stehenden Ermittlern. Insofern kann man den Roman wirklich als gelungen bezeichnen, denn die vier Hauptfiguren interagieren sehr überzeugend und man kann sich problemlos vorstellen, wie Reacher einst mit ihnen zusammengearbeitet hat.

Allgemein kann ich durchaus festhalten, dass „Trouble“ ein unterhaltsamer Roman ist, solide geschrieben und dank der Teamarbeit grenzt er sich auch von den anderen Reacher-Romanen erfrischend ab. Doch es gibt ein paar sehr gravierende Negativpunkte.

Zum einen ist der Roman etwas zu lang. Dass der zwischenzeitliche Ausflug nach Las Vegas nichts bringt, war von Anfang an vorherzusehen. Zu absurd wirkt diese falsche Fährte rund um einen riesigen Betrug. Viele Filme haben uns gezeigt, wie penibel die Casino-Betreiber sind, wenn es um ihr Geld geht. Es scheint völlig unmöglich, dass fast 200 Millionen Dollar über Monate hinweg über manipuliertes Glücksspiel abhandenkommen könnten. Diesen Ausflug – gut ein Siebentel des Buches – hätte sich Lee Child also sparen können. Genauso wie die Verschandelung seines „Helden“.

Jack Reacher als Helden zu bezeichnen ist angesichts seiner Vorgehensweisen zwar ohnehin etwas übertrieben, aber auch wenn er sich in einer gesetzlosen Sphäre aufhält, folgt er doch mehr oder weniger einem vorhersehbaren Gerechtigkeitssinn. Wer gut und wer böse ist, steht für ihn meist sehr schnell fest und wird auch dem Leser der Romane nicht lange vorenthalten. Reacher hat es meistens mit wahren Monstern zu tun, aber selbst mit diesen rechnet er meistens schnell und auf direktem Wege ab. Zudem rettet er durch dieses schnelle und direkte Vorgehen auch oft die Leben von Menschen, die sich nicht selbst zur Wehr setzen können, die einfach nicht die Fähigkeiten von Reacher besitzen. Und genau das trifft bei „Trouble“ leider nicht zu.

Die Mitglieder der Sondereinheit waren die Besten der Besten, von Reacher handverlesen, alle mit den Fähigkeiten von Reacher selbst, sei es im Umgang mit Waffen, bei der Aufdeckung von Geheimnissen oder im Zweikampf. Diese vier Toten schwören Reacher und die Überlebenden im Laufe des Romans mehr als nur einmal zu rächen und alle möglichen Grausamkeiten anzutun, während er mit andern Monstern, die anderen Leuten weit Schlimmeres angetan haben oder dies beabsichtigten, lediglich kurzen Prozess gemacht hat. Ein gezielter Schuss und die Bestien in Menschengestalt waren erledigt. Der Racheschwur passt einfach so überhaupt nicht zu Reacher, vor allem da die Emotion bei ihm fehlt. Es wirkt, als rechne sich Reacher einfach aus, dass er die vier getöteten Männer eine gewisse Zeit lang gut kannte und jetzt der logische Schluss wäre, sie zu rächen. Mehr steckt nicht dahinter, nichts Persönliches oder die Angst davor der nächste zu sein. Nein, nur eine nicht nachvollziehbare Verpflichtung, bei der man nebenbei auch noch „Beute“ machen könnte. Ganz plötzlich macht Lee Child aus seinem Hauptcharakter auch noch einen von Zahlenspielen Besessenen. Selbst Mister Spock wäre fasziniert von Reachers plötzlichen Rechenkünsten.

Trauriger Tiefpunkt der Geschichte ist Reachers Mord am Hubschrauberpiloten. Mir fällt auf Anhieb kein anderer „Gegner“ von Reacher ein, der auf so grausame Weise umgebracht wurde, der keinerlei Widerstand leistet und den Reacher auch noch kurz davor bewusst täuscht, indem er andeutet, er würde ihn verschonen. Die wahren Hintermänner und Ausführenden der vier Morde bekamen verglichen dazu recht gnädige Tode von Reacher spendiert, aber mit dem Pilot, der „nur“ wegen ganz simpler, grundlegender Existenzangst mit den Mördern kooperiert hat, spielt Reacher ein wirklich makabres Spiel.

Bewertung: Tja, es hätte mich nicht im Geringsten gestört, wenn Reacher in diesem Roman aus dem Hubschrauber gestürzt wäre. Man sollte meinen, bei einer Romanreihe, die nur von einem Autor verfasst wird, hätte dieser seine Hauptfigur im Griff. Aber in „Trouble“ – übrigens ein sehr passender Titel – beschreibt er wohl jemand anderen. Oder er konzentriert sich hier auf Facetten des Charakters, die ihn einfach nur abstoßend wirken lassen. Obwohl das Team in diesem Roman gut funktioniert, war es vielleicht doch ein Nachteil, den Fokus nicht auf Reacher zu legen, aber ich glaube nicht, dass noch mehr Erläuterung ihn in dieser Geschichte plausibler hätte erscheinen lassen. Also hoffentlich behält Lee Child diese Art der Darstellung von Reacher in den folgenden Romanen nicht bei – oder schreibt ihn in eine Geschichte hinein, die es nicht erfordert, dass er ähnlich handeln könnte wie in „Trouble“. Diesem problematischen Roman gebe ich lediglich 2 Sterne.

2stars

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