Rezension: „Outlaw” – Ein Jack-Reacher-Roman

Der elfte Jack Reacher-Roman von Lee Child konfrontierte die Hauptfigur mit einer für sie recht ungewöhnlichen Situation und leider resultierte dies meiner Meinung nach in einen ungewöhnlich schlechten Reacher-Roman. Die 12. Geschichte rund um den unabhängigen Ex-Militärpolizisten Jack Reacher ist wieder etwas „gewöhnlicher“ geworden, was nach meiner Enttäuschung über den Vorgängerroman aber absolut positiv zu verstehen ist.

Outlaw von Lee Child

Jack Reacher hat seit seinem Zwangsruhestand jede Menge Zeit und so überrascht es wohl nicht, dass ihm eines Tages während seines Aufenthalts in Calais, Maine – dem letzten größeren Ort im Nordosten der USA – die Idee kommt, auf möglichst geradem Wege nach San Diego – dem letzten größeren Ort um Südwesten – zu reisen. Zu Fuß, per Anhalter, per Bus schlägt er sich bis nach Colorado durch, ehe er eine falsche Entscheidung trifft. Vor die Wahl gestellt, der Straße nach Süden oder der Straße nach Osten zu folgen, entscheidet sich Reacher aufgrund der vor ihm liegenden interessanten Ortsnamen für den Weg nach Osten. Die Stadt „Hope“ erscheint ihm noch sehr gastfreundlich, doch in „Despair“ angekommen wird ihm schon kurz nach seiner Ankunft bereits beim Besuch eines Cafés von ein paar Jungs ungewöhnlich aggressiv klar gemacht, dass Fremde hier nicht willkommen sind. Kaum liegt der erste mit blutender Nase auf dem Asphalt fährt auch schon der Sheriff vor, der erklärt, bei den Jungs handelte es sich um Deputies und Reacher wird vor den Richter geschleppt.

Obwohl Gewaltanwendung gegen einen Deputy kein geringes Vergehen ist, ist Reacher doch überrascht darüber, dass er lediglich wegen Landstreicherei angeklagt wird und zur Strafe einfach aus Despair verbannt wird. Man setzt ihn einfach an der Grenze zu Hope aus und Reachers Interesse, was in Despair vorgeht ist geweckt. Warum will man in dieser Firmenstadt, in der fast alle in der örtlichen, gigantischen Metallrecycling-Anlage arbeiten keine Besucher? Was führt der ultra-religiöse Firmenchef im Schilde, der fast jede Nacht mit einem kleinen Propellerflugzeug abhebt? Warum tauchen in Hope ständig junge Frauen auf, die vermuten, ihre Ehemänner wären in Despair untergtaucht? Warum sehen die Bewohner von Despair alle krank aus? Und warum hat die U.S. Army einen Militärpolizeistützpunkt gleich westlich von Despair errichtet? Fragen über Fragen, zu denen es – wie Reacher herausfindet – weit mehr als nur eine einzige Antwort gibt.

Fazit: „Outlaw“ vermittelt gleich von Beginn ordentlich Lokalkolorit – und das obwohl die beiden im Mittelpunkt des Geschehens stehenden Städte“Hope“ und „Despair“ („Hoffnung“ und „Verzweiflung“) rein fiktiv sind. Jack Reacher allein auf sich gestellt in einer nur schwach besiedelten Gegend, der gegen ihm entgegenschlagende Feindseligkeit und unwegsames Terrain ankämpfen muss, ist schon mal eine sehr gelungene Ausgangssituation und es hilft auch, dass Reachers Schwierigkeiten erst so richtig mit der Konfrontation mit den Deputies beginnen, aus der ein witziger Dialog auch in den ersten Reacher-Kinofilm Eingang gefunden hat. Grundsätzlich ist „Outlaw“ durchaus mit gelungenem Humor gespickt. Die Passage, in der Reacher zum Richter von Despair fährt, ihm mitteilt, er habe sämtliche Polizikräfte der Stadt – in Notwehr natürlich – krankenhausreif geprügelt und vorschlägt, der Richter solle Reacher als Deputy vereidigen, ist der Hammer! 😀

Da es in der Geschichte gleich mehrere mysteriöse Vorkommnisse gibt, denen Reacher auf der Spur ist, ist sie auch alles andere als vorhersehbar. Man ist sich als Leser nie wirklich im Klaren, welche Vorkommnisse und Entdeckungen von Reacher bei dessen Nachforschungen im direkten Zusammenhang stehen. Das Bild setzt sich erst langsam zusammen und so bleibt der Roman durchgehend spannend. Wenn man auf einen Handlungsstrang hätte verzichten können, dann – wie so oft – auf das Reacher-Girl.

Reacher selbst kommt in „Outlaw“ glücklicherweise wieder bedeutend sympathischer rüber als der sadistische Psychopath, den er in „Trouble“ gegeben hat. Und wohl zum allerersten Mal äußerst sich Reacher in einem der Romane ganz direkt und sehr kritisch zur amerikanischen Politik, was man ihm aufgrund seines bereits bekannten beruflichen Backgrounds auch problemlos abnimmt und grundsätzlich spiegelt sich darin auch absolut sein Charakter wider. Er agiert hier wieder wesentlich professioneller, ausgewogener, dosierter. Reacher ist kein Berserker, der alles niederreißen will, sondern nach „Bedrohungslage“ agiert. Im vorangegangenen Roman hat Lee Child das vergessen, in „Outlaw“ diesen Charakterzug hingegen sogar noch deutlicher betont als je zuvor. Vielleicht als Ausgleich, jedoch am Schluss übertreibt es Reacher vielleicht etwas. Anderseits tut er den Bösen eigentlich nichts anderes an, als dass er einen Telefonanruf tätigt.

Bewertung: Der 12. Reacher-Roman hat wieder Spaß beim Lesen gemacht. Viele kritisieren zwar, dass Reacher nicht viel mehr tut, als über verschiedenste Wege zwischen Hope und Despair hin und her zu pendeln, aber jeder Ausflug in die Stadt, aus der Reacher verbannt wurde, bringt neue Erkenntnisse und es gibt jede Menge Mysterien, die zum Miträtseln einladen. Von mir gibt es für einen „klassischen“ Reacher-Roman mit einigen für die Reihe originellen Einfällen 5 von 6 Sterne.

5stars

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