Rezension: „Underground” – Ein Jack-Reacher-Roman

Noch nie war der „deutsche“ Titel eines Jack Reacher-Romans so treffend wie es „Underground“ ist (Originaltitel „Gone Tomorrow“). Der durch die USA herumziehende Ex-Militärpolizist ist wieder einmal in New York unterwegs und an seiner Seite erkundet der Leser nicht nur das U-Bahn-Netz dieser Stadt, sondern erlebt auch, wie eine „halbe“ Fehleinschätzung Reachers ihn in einen sich anbahnenden politischen Skandal hineinzieht.

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Aber alles der Reihe nach. Wie man anhand des Titels erwarten kann, beginnt die Geschichte in der U-Bahn. Eines Nachts fährt Reacher in diesem öffentlichen Verkehrsmittel quer durch New York, der Wagen ist beinahe leer und als sich Reacher die mitfahrenden Fahrgäste so ansieht, verharrt sein Blick auf einer Frau. Jedoch nicht, weil sie so dermaßen attraktiv ist, sondern weil ihr so gut wie jedes feststellbare Anzeichen einer Selbstmordattentäterin anhaftet. Reacher unternimmt den Versuch, ruhig auf sie einzureden – und muss feststellen, dass seine Vermutung nur zur Hälfte korrekt war. Attentäterin nein – Selbstmord ja. Mit einer Kugel aus einem Revolver nimmt sich die sichtlich verzweifelt auf Reachers Annäherung reagierende Frau das Leben.

Es folgt eine polizeiliche Befragung wie auch eine weitere Befragung durch Bundesbeamte, die Reacher schnell und ehrlich hinter sich bringt. Doch mit dem Verlassen des Polizeireviers hat die Sache noch kein Ende für ihn. Eine weitere Gruppierung, die Reacher nicht zuordnen kann, passt ihn am Ausgang ab und stellt weitere Fragen, die Reacher schließlich auf die Idee bringen, seine eigenen Nachforschungen anzustellen um die Hintergründe für den Selbstmord zu verstehen. Wie sich herausstellt, arbeitete die Tote im Personalarchiv der U.S. Army und hat dort nach etwas gesucht, von dem ein Senator in Washington fürchtet, es könnte ausgerechnet in einem Wahljahr für einen gewaltigen politischen Skandal sorgen. Doch haben der Senator und sein Leibwächter so viel Druck auf die Frau ausgeübt, der sie schließlich in den Selbstmord trieb? Er steckt die andere Seite dahinter, die von der Archivangestellten unbedingt eine bestimmte Information erhalten wollte?

Fazit: Obwohl der Einstieg in diesen Roman mit Reachers eingehender Analyse der späteren Selbstmörderin sehr intensiv und spannend beschrieben wird, hat sich „Underground“ dannach doch ein wenig gezogen. Ziemlich lange ist klar, dass Reacher Lügen aufgetischt werden, aber es dauert eine Weile, ehe sich die Wahrheit Stück für Stück entfaltet. Der große Showdown danach ist dann wiederum sehr gelungen, wenn auch vielleicht eines der größten Heldenstücke von Jack Reacher, der sich die Bezeichnung „Ein-Mann-Armee“ in diesem Roman redlich verdient. Und es ist durchaus ein effektiver Twist, wenn sich herausstellt, welche Organisation eine der beiden um die Information ritternden Gruppierungen in Wahrheit vertritt. Ein Manko ist jedoch, dass bis zum Schluss weder Reacher noch der Leser erfahren, warum diese Gruppierung so scharf auf diese Information war, um sich mit gut zwanzig Handlangern in New York zu verschanzen.

Das Thema „New York“ ist natürlich ein sich wiederholendes. „Underground“ dürfte nun wohl der vierte Reacher-Roman sein, dessen Handlung hauptsächlich in der Ostküstenmetropole spielt. Jack Reacher kommt viel herum, aber weshalb es ihn dennoch ausgerechnet so häufig nach New York verschlägt, bleibt ein Geheimnis. Mit der sehr ausführlichen Beschreibung der U-Bahnen dürfte Autor Lee Child so ziemlich das letzte Potenzial aus diesem Schauplatz herausgequetscht haben. Mir persönlich ist es lieber, wenn Reacher eher „exotischere“ Orte innerhalb der U.S.A. aufsucht. Orte, an denen er weniger anonym agieren kann als in einer Großstadt – wenngleich ich an manchen Stellen in „Underground“ doch den Eindruck hatte, als wäre in New York jeder Ort nur Minuten zu Fuß oder eine U-Bahn-Haltestelle entfernt und als konzentriere sich die Handlung wirklich nur auf ein paar wenige benachbarte Häuserblocks.

Bewertung: „Underground“ bietet spannende Momente und zumindest einen wirklich sehr überraschenden Twist. Ebenfalls positiv empfand ich die Darstellung von Reacher, der hier nicht den wilden Berserker spielt – und sich dennoch ganz am Ende trotzdem vorwerfen lassen muss, beim großen Finale emotionaler gehandelt zu haben als für ihn gut war. Vielleicht eine späte Einsicht des Autors, der zumindest einmal (im Roman „Trouble„) seine eigene Schöpfung nicht unter Kontrolle hatte. In „Underground“ funktioniert die pragmatischer ausfallende Charakterisierung Reachers dafür wieder sehr gut. Die erzählte Story ist in Ordnung, aber im mittleren Drittel zieht sich die Handlung wie unter U-Bahn-Sitze geklebter Kaugummi. 4 von 6 Sterne für einen soliden wenn auch nicht überragenden Action-Thriller sind aber wohl in Ordnung.

4stars

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