Rezension: „61 Stunden” – Ein Jack-Reacher-Roman

Innerhalb von 61 Stunden spielen sich die Geschehnisse in Lee Childs 14. Jack-Reacher-Roman ab, in dem der ehemalige Militärpolizisten auf seiner ständigen Odyssee durch die Vereinigten Staaten in South Dakota regelrecht strandet. Nahe der Stadt Bolton bleibt der Bus, in dem Reacher mitreist, mitten im dichtesten Schneetreiben liegen.

61 Stunden von Lee Child

Zwanzig, dreißig Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt und eine dicke Schneedecke, unter der die Landschaft versinkt. Willkommen in Bolton, dem zumindest klimatisch unfreundlichsten Ort, an den es Reacher seit dem Ende seiner Militärlaufbahn verschlägt.

Wie es der Zufall ist, erweist sich sein ungeplanter Aufenthalt in dieser Stadt jedoch als pures Glück für die hiesige Polizei, die vor zwei großen Herausforderungen steht: Zum einen ist sie verantwortlich für den Schutz einer Kronzeugin, die gegen das Oberhaupt einer Biker-Bande aussagen soll, die mit Drogen handelt und einen verlassenen Militärstützpunkt knapp außerhalb der Stadt in Besitz genommen hat. Anderseits jedoch hat sich die Stadt auf einen lukrativen, wenn auch für die Kronzeugin außerordentlich gefährlichen Deal eingelassen. Denn die drei Gefängnisse – der größte Wirtschaftsfaktor von Bolton – wurden nur deshalb dort erbaut, weil die Stadt vereinbarte, dass sämtliche Polizisten – ohne Ausnahme – zum Gefängnis auszurücken haben, wenn die Sirene ertönt. Ein Ausbruch oder gar nur ein kleiner Aufstand und die Kronzeugin wäre gänzlich ungeschützt. Und der Verdacht liegt nahe, dass die Biker gezielt einen Zwischenfall im Gefängnis provozieren wollen, um Gelegenheit zu erhalten, die Zeugin zu beseitigen. Ein glücklicher Zufall also, dass die Ein-Mann-Armee namens Jack Reacher gerade in der Stadt ist, die im Ernstfall für die Polizei einspringen kann.

Die Verurteilung des Biker-Bosses voraussetzend, bereitet sich die Polizei auch schon darauf vor, den vor Jahrzehnten aufgegebenen Militärstützpunkt und das darin vermutete Drogenlabor zu stürmen, doch der Grund für den Bau der Anlage – die nie in Betrieb gegangen ist – ist der Polizei genauso unbekannt wie der Grundriss. Reacher telefoniert ein wenig rum und gerät schließlich an Susan Turner, seine Nachfolgerin als Leiterin der 110ten MP-Einheit. Doch auch mit ihrer Hilfe setzt sich das Puzzle nur nach und nach zusammen. Erst ein Lokalaugenschein ermöglicht Reacher herauszufinden, dass dem alten Militärstützpunkt demnächst wichtiger Besuch bevorsteht …

Fazit: Wie die meisten Romane, in denen es Reacher in eher abgelegene, ländliche Gegenden verschlägt, kann auch „61 Stunden“ sehr durch das von Lee Child beschriebene Ambiente überzeugen. Die ungemütliche Kälte, das flache, einsame, weite Land, das Bolton umgibt und eine eher vertrauliche, kleinstädtische Atmosphäre, in der jeder mit jedem mehr oder weniger gut bekannt ist, bilden den Rahmen für einen interessanten Krimi, der dem Leser genauso wie Reacher häppchenweise mit neuen Informationen versorgt, bis sich das Bild am Ende zusammensetzt. Jedes Teil scheint zu passen, die eine oder andere kleine Überraschung ist auch dabei (die größte personelle Überraschung ist aber etwas weniger gut versteckt). Reacher muss in diesem Roman gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Einerseits ist er als Detektiv unterwegs, will das Geheimnis des aufgegebenen Militärstützpunkts in Erfahrung bringen. Zum anderen ist er aber auch Beschützer einer Zeugin. – Nein, nicht was manche jetzt vielleicht denken. Die Dame ist doch deutlich älter als Reacher. 😉

Interessant ist hierzu auch festzuhalten, dass „61 Stunden“ der erste Reacher-Roman ist, in dem es kein „Reacher-Girl“ gibt. Wobei er zu Susan Turner – mit der er jedoch nur telefoniert – eine durchaus sehr interessante persönliche Beziehung aufbaut und soweit ich weiß, wird sie in den folgenden Romanen ebenfalls eine Rolle spielen.

Das Wissen darum, dass es noch weitere Reacher-Romane gibt, nimmt dem Ende von „61 Stunden“ aber auch etwas die Spannung. Nach einem wahrlich bombastischen Schluss lässt der Roman nämlich offen, ob Reacher aus der Sache noch heil herausgekommen ist. Hat Lee Child mit dem Gedanken gespielt, den 14. Reacher-Roman zum letzten zu machen – und eventuell mit Susan Turner als Hauptcharakter fortzufahren? Zumindest hatte ich diesen Eindruck am Schluss.

Bewertung: Ein starker Roman! Spannend und interessant, mit ganz eigenartiger Stimmung und verstärktem Schwerpunkt auf Reachers Charakterisierung. Auch dieser Roman ist vielleicht nicht die beste Lektüre für den Strand (siehe hierzu auch meine Rezension zu „Der Janusmann„), aber vielleicht genau das Richtige für kalte Winternächte. So oder so erhält „61 Stunden“ von mir 5 von 6 Sterne.

5stars

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