Rezension: “Star Trek – Die wahre Geschichte”

Am 8. September 2016 ist es genau 50 Jahre her: Die allererste „Star Trek“-Episode wurde im Fernsehen ausgestrahlt. Aber ehe die Folge „Das Letzte seiner Art“ über die amerikanischen Bildschirme flimmerte, ging der Serie ein langer Produktionsprozess voraus und wenngleich man aufgrund seiner Selbstdarstellung meinen könnte, er hätte alles allein geschafft, so hatte Gene Roddenberry doch wichtige Kollegen, die entscheidend daran beteiligt waren, dass aus seiner Idee eine wöchentliche Fernsehserie entstehen konnte. Die Namen von zwei dieser Kollegen lauten Herb Solow und Bob Justman, die Ihre Erinnerungen zur Produktion der ersten „Star Trek“-Serie in einem 1996 erschienenen Buch festhielten.

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Das kleine Studio Desilu, das abgesehen von „I love Lucy“ und anderen kleinen Sitcoms kaum interessante Sendungen für die drei nationalen TV-Sender produzierte, geriet Anfang der 60er-Jahre in Schwierigkeiten. Während der neue Geschäftsführer zumindest die technischen und finanziellen Belange des Studios im Griff hatte, so fehlte ihm doch jede praktische Erfahrung mit der Produktion von Serien obwohl er dringend darauf angewiesen war, den Sendern neue Serienformate anzubieten. Daher engagierte er für die Projektentwicklung Herb Solow, der schließlich im April 1964 einen etwas verwahrlost wirkenden Gene Roddenberry in seinem Büro begrüßte und erstmals von dessen Idee namens „Star Trek“ erfuhr, die Solow sowohl dem Studiomanagement als auch dem Sender NBC schmackhaft machen konnte. Ein Pilotfilm wurde in Auftrag gegeben, der ,falls er nicht eine Serie nach sich zog, wenigstens als „Film der Woche“ ausgestrahlt werden konnte.

Mit Produktionsbeginn des Pilotfilms stieß Bob Justman zum Team. Er war beim ersten Pilotfilm als Regieassistent tätig und beim zweiten Pilotfilm wie auch später bei der Serie beteiligter Produzent, der sich während Vorproduktion, Dreharbeiten und Nachbearbeitung um den möglichst reibungslosen Ablauf und die Einhaltung der Termine kümmerte, während sich Roddenberry selbst hauptsächlich auf die Überarbeitung von Drehbüchern konzentrierte und Solow sich um Bereiche wie Personal, Finanzen und Quoten kümmerte, die das Studio Desilu und den Sender NBC betrafen.

Sowohl Solow als auch Justman blieben der Serie von den Pilotfilmen an bis zur dritten und letzten Staffel erhalten, während derer sie sich schließlich neuorientierten, da das Ende der „erfolglosesten Erfolgsserie aller Zeiten“ absehbar war. Ihr gemeinsames Buch „Die wahre Geschichte“ ist daher eine hochinteressante Lektüre für jeden Star Trek-Fan, der sich für die Vorgänge hinter den Kulissen der ersten „Star Trek“-Serie interessiert. Dabei räumen sie auch mit einigen falschen aber über die Zeit hin ständig wiederholten Irrtümern auf. Zum Beispiel hatte NBC kein Problem mit einem weiblichen Co-Star in der Serie. Allerdings gab es durchaus tatsächliche Bedenken, dass Leonard Nimoys Spock ein Problem für die Werbekunden im konservativen Teil des Landes werden könnte. Wenngleich sich Solow davon nicht beeindrucken ließ, den Hinweis auf Spocks „satanisches“ Erscheinungsbild für paranoid hielt, ließ es sich die NBC-Verkaufsabteilung jedoch nicht nehmen, eine Verkaufsbroschüre für die Serie zu erstellen, die untenstehendes Foto enthielt:

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Dieses Foto stammt aus der NBC-Verkaufsbroschüre für Werbekunden.

Das Foto war retuschiert worden, Spocks spitze Ohren und die steilen Augenbrauen waren fort. Ein Schwindel, der jedoch ohne Folgen blieb. Ein vollständiger Nachdruck dieser Verkaufsbroschüre ist übrigens Teil des Buches, das allgemein sehr stark illustriert (wenn auch nur in Graustufe) ist. Neben vielen Fotos sind auch umfangreiche originale Schriftwechsel abgedruckt (u.a. ein fieser Telegramm-Streich, den das Produktionsteam dem im Urlaub auf Hawaii weilenden Bob Justman gespielt hat) wie auch Reklame, u.a. eine Werbung zur Verbreitung von Farbfernsehen, die im Besonderen mit „Star Trek“ als guten Grund warb, auf einen Farbfernseher umzusteigen. Generell verdankte es die Serie wohl – neben zwei von Roddenberry organisierten Protestaktionen – vor allem dem Farbfernsehen, dass die teure Serie nach ihrem ersten Jahr verlängert wurde. Denn wenngleich die Quoten der Serie an sich nicht berauschend waren, war sie laut damaliger Quotenanalyse doch unter allen in Farbe gesendeten Serie die meistgesehene.

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Das Unternehmen RCA entwickelte das in den USA gebräuchliche Farbsystem für TV-Ausstrahlungen und warb mit „Star Trek“.

Das Buch „Die wahre Geschichte“ strotzt nur so von Anekdoten verschiedenster Art, von heiter bis verzweifelt ist jede Stimmungslage vertreten und manches ist einfach schier unglaublich. Wie die einjährige Entwicklungszeit von Harlan Ellisons Drehbuch zu „Griff in die Geschichte“. (Seine ursprüngliche Story verarbeitete Ellison 2014 in einem Comic). Oder Roddenberrys Zweifel, an „Star Trek“ jemals etwas verdienen zu können weshalb er zur Titelmelodie der Serie einen Text dazu erfand und damit den Komponisten Alexander Courage um die Hälfte seiner Tantiemen brachte – genauso wie den Autor des Making-of-Buches zur Serie, Stephen E. Whitfield, um das halbe Honorar obwohl Roddenberrys Co-Autor-Inputs so spät eintrafen, das davon kaum etwas rechtzeitig vor dem Druck des Buches berücksichtigt werden konnte.

Whitfields „The Making of Star Trek“, das parallel zur Produktion der ersten beiden Serienstaffeln entstand, ist vermutlich der einzige Blick hinter die Kulissen der Serie, der noch akkurater ist als „Die wahre Geschichte“, die drei Jahrzehnte später erschien. Wenngleich Solows und Justmans Buch den einen oder anderen Faktencheck bei Details nicht immer besteht (siehe hierzu auch den Faktencheck-Blog von Michael Kmet), ist es doch auf rund 500 Seiten ein gewaltiges Sammelsurium an Infos und viele davon werden durch die abgedruckten Memos, Briefe und Telegramme gestützt. Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, auf sämtliche Stellen einzugehen, die mir während des Lesens interessant erschienen sind. Ich habe jede Menge Post-its ins Buch geklebt, nur auf einen Bruchteil der markierten Stellen bin ich hier in meiner Rezension eingegangen.

Bewertung: „Die wahre Geschichte“ ist wirklich eine hervorragende und umfangreiche Quelle für Hintergrundinformationen, auch für Leute, die sich schon lange mit „Star Trek“ beschäftigen. Das Buch ist zwar nicht immer ideal strukturiert – Artikel werden gerne mal von längeren direkten Zitaten von Solow und Justman unterbrochen, die das eigentliche Thema des Kapitels manchmal nur streifen – aber dennoch eine große Empfehlung für jeden, der wissen will, wie „Star Trek“ damals unter schwierigen Umständen entstanden ist und wie die Produktionsbedingungen in einem Studio waren, das bereits in den 60er-Jahren als veraltet gegolten hatte. Bei einem so umfangreichen Werk wie diesem Buch, das so viele Aspekte der Produktion und auch der Privatleben der Beteiligten beinhaltet, ist es natürlich nachvollziehbar, dass nicht alle Anekdoten jeden Leser interessieren werden und klarerweise enthält es auch einiges, das mir als langjähriger Fan durchaus schon bekannt war – entweder durch oben erwähnten Blog oder vor allem durch das Bonusmaterial auf den DVDs und Blu-rays zu klassischen Serie, in denen Solow und vor allem Justman zu Wort kommen. Wer einen tiefergehenden Einblick erhalten will, sollte aber versuchen, sich dieses Buch zu beschaffen, das allerdings nur noch antiquarisch erhältlich ist.

5stars

Anmerkung: Die englischsprachige Fassung des Buches erschien unter dem Titel „Inside Star Trek“.

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