Rezension: „Der Anhalter” – Ein Jack-Reacher-Roman

Beim 16. Reacher-Roman, den ich hier in meinem Blog rezensiere, handelt es sich eigentlich um den 17. von Lee Child geschriebenen Roman der Reihe. Das liegt vor allem daran, dass der Verlag Blanvalet den eigentlichen 16. Roman bislang noch nicht übersetzt veröffentlicht hat. Über die Gründe kann man spekulieren: Zum einen hat vielleicht der Gedanke mitgespielt, möglichst bald den 18. Roman zu veröffentlichen, dessen Verfilmung ja noch im Jahr 2016 in die Kinos kommt. Anderseits macht die vorgezogene Veröffentlichung des 17. Romans durchaus Sinn, denn während der 16. Roman offenbar zeitlich in Jack Reachers Militärvergangenheit angesiedelt ist, schließt der 17. Roman unmittelbar an den 15. Roman – „Wespennest“ – an.

Der Anhalter von Lee Child

Seit dem Ende des 14. Romans („61 Stunden„) ist Jack Reacher auf dem Weg nach Virginia, um dort seine Nachfolgerin bei der Militärpolizei persönlich kennen zu lernen. Schon der darauffolgende Roman „Wespennest“ war nur wenige Tage nach Reachers Aufbruch angesiedelt und „Der Anhalter“ setzt sogar noch eines drauf, denn die Handlung setzt nur wenige Stunden nach dem Ende von „Wespennest“ an. Typisch für Jack Reacher hat er in diesen Stunden schon einige Meilen hinter sich gebracht – per Anhalter. Da seine ursprüngliche Mitfahrgelegenheit an einem Verkehrsknotenpunkt falsch abbiegen will, ist Reacher gezwungen das Fahrzeug zu wechseln und streckt an der passenden Autobahnauffahrt den Daumen raus. Als er von einem Trio aufgegabelt wird, das wie er in Richtung Osten unterwegs ist, ahnt er noch nicht, dass er zu Mördern ins Auto steigt, die in paar Kilometer südlich in einer verlassenen Pumpstation während eines mysteriösen Treffens einen CIA-Mitarbeiter ermordet haben. Ohne es zu wissen wird Reacher zum Fluchtgehilfen, während CIA, FBI und lokale Polizei die Mörder finden wollen, die neben Reacher auch noch eine an sich unbeteiligte Geisel in ihrem Auto mit sich führen. Oder ist die Geisel gar nicht so unbeteiligt?

Es dauert eine Weile, aber spätestens nach der zweiten absolvierten Polizeikontrolle (die Polizei fahndet nur nach einem Auto mit zwei Insassen), dämmert Reacher langsam, in was er da versehentlich hineingeraten ist. Viele kleine Unstimmigkeiten ergeben plötzlich Sinn und ungeahnt gelingt es der Geisel, sich mit Reacher heimlich zu verständigen. All seine daraufhin geschmiedeten Pläne werden jedoch in einem Motel in Iowa über den Haufen geworfen, als eine Pistolenkugel über seinen Kopf hinweg saust …

Fazit: Die Spannung wird in dieser Geschichte sukzessive aufgebaut. Am Anfang denkt man sich genau wie Reacher nichts Böses, als er zu den drei Insassen ins Auto steigt. Man erfährt seine Wahrnehmungen und an sich harmlose Einschätzungen – und bekommt dann als Leser ihm gegenüber einen zunehmend größer werdenden Informationsvorsprung, wenn Kilometer entfernt die Mordermittlungen voranschreiten. Als Leser weiß man früher als Reacher, wo er da hineingeraten ist, das macht seinen Moment der Erkenntnis aber nicht weniger effektiv. All die Beobachtungen von zuvor beginnt Reacher schlagartig neu einzuschätzen und das Puzzle – auch mithilfe der Geisel – zusammenzusetzen.

Während die erste Hälfte des Romans von den Mordermittlungen geprägt ist und der Spekulation, ob Reachers Mitfahrer durchschaut haben, dass er sie durchschaut hat, fällt die zweite Hälfte dann etwas ab. Es kommt ein wenig Mystery-Stimmung auf, die verschiedensten Institutionen mischen sich in die Ermittlung und Fahndung ein. Aber am Ende ist es dann – in schon gewohnter Manier – Jack Reacher selbst, der rettend einschreitet und es gleich mit zwei kooperierenden Verbrecherbanden im Alleingang aufnehmen muss. Das Ambiente des „Endkampfes“ ist hierbei interessant, taktisch nachvollziehbar und jederzeit übersichtlich beschrieben – vielleicht mit etwas zu häufiger Wiederholung der simplifizierten Umgebungsbeschreibung. Allerdings erfährt man die Motivation der Bösen diesmal erst ganz zum Schluss. Man hat fast den Eindruck, Lee Child habe den Roman zu Ende geschrieben und plötzlich bemerkt, dass er noch einige Erklärungen schuldig war, die er dann komprimiert auf den letzten zwei, drei Seiten nachgereicht hat. Nicht gerade zufriedenstellend, wie ich festhalten muss. Mysterien, die während der Geschichte auftauchten, verkommen dabei zu reiner Kulisse.

Bewertung: Auch wenn die Auflösung der Pläne der Verbrecher am Ende zur Nebensächlichkeit degradiert wird, ist der Roman durchaus spannend, vor allem in der ersten Hälfte. Die zweite Hälfte ist dann eher „typisch Ein-Mann-Armee“. Jack Reacher wie man ihn kennt halt. Daher gibt es von mir für „Der Anhalter“ insgesamt 4 Sterne. Nach dem starken Beginn wäre mehr drinnen gewesen.

4stars

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