Rezension: „The Affair” – Ein Jack-Reacher-Roman

Der deutsche Herausgeber der Jack Reacher-Romane hat es vorgezogen, vom 16. Roman der Reihe bislang keine deutsche Übersetzung herauszubringen. Ich vermute, damit wollte man zum einen Reachers Reise nach Washington D.C. – die er im 14. Roman begann – nicht unterbrechen und anderseits möglichst zeitnah zum Kinostart der zweiten Reacher-Verfilmung den dazugehörenden Roman veröffentlichen. Das als Prequel ausgelegte Buch „The Affair“ auszulassen mag in dieser Hinsicht nachvollziehbar sein. Doch hat der deutsche Herausgeber damit vielleicht sogar den bis dato besten Reacher-Roman überhaupt übersprungen! Zumindest mir hat „The Affair“ hervorragend gefallen.

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Wie schon der 8. Roman „Die Abschussliste“ zeigt uns „The Affair“ Jack Reacher noch im aktiven Dienst als Militärpolizist der U.S. Army. Es ist 1997 und als sich in Carter Crossing, Mississippi, nahe eines Militärstützpunkts ein Mord an einer jungen Frau ereignet, wird Reacher zu seiner eigenen Überraschung von seinem Vorgesetzten nicht zum Stützpunkt geschickt, sondern in zivil in die kleine Stadt, um dort undercover ein Auge auf die Ermittlungen der lokalen Polizei zu haben. Während es die Army natürlich am liebsten sehen würde, wenn ein Zivilist für den Mord verantwortlich war, würde die lokale Polizeistelle womöglich gerne einem Soldaten den Mord anhängen und die Zuständigkeit der Army zuschieben. Reachers Auftrag besteht also im Grunde darin, die Interessen der U.S. Army zu schützen – auch wenn ihn die Umstände zwingen, in zivil aufzutreten und außerhalb eines Stützpunkts zu leben.

Womit Reacher bei seiner Ankunft nicht rechnen konnte, ist der Sheriff von Carter Crossing, der sich nicht nur als besonders attraktive Frau herausstellt, sondern als ehemalige Militärpolizistin des U.S. Marine Corps, die die Ankunft von jemanden wie Reacher bereits erwartet hatte und ihn sofort durchschaut. Mit seiner Tarnung aufgeflogen bleiben Reacher nur zwei Möglichkeiten: Entweder unverrichteter Dinge zur Basis zurückzukehren, oder mit dem Sheriff zu kooperieren und aktiv zu ermitteln – auch wenn die Ergebnisse der Ermittlungen vielleicht nicht den Wünschen der Army entsprechen. Reacher möchte anfangs wirklich glauben, dass es ein Zivilist war, der den Mord begangen hat. Doch sehr bald wird er mit einigen neuen Erkenntnissen und Mysterien konfrontiert, die ihn daran zweifeln lassen.

Fazit: Der Kriminalfall in diesem Roman ist wirklich sehr spannend beschrieben, mit Hinweisen auf einen zivilen Täter gleichermaßen wie einen Täter aus Militärkreisen. Zudem gibt es gleich mehrere interessante „Ablenkungsmanöver“, die direkt oder auch nur am Rande mit dem Fall zu tun haben. So ist die Eröffnungssequenz des Romans – eine Vorschau auf spätere Ereignisse – sehr spannend wenngleich man als Leser noch keine Ahnung hat, warum Major Jack Reacher einen Besuch im Pentagon fürchten müsste. Auch gibt es im Umkreis der Militärbasis selbst weitere Angriffe und sogar Morde und selbst der Mord an der jungen Frau ist tatsächlich nicht der erste, der sich in Carter Crossing ereignet, aber der erste, auf den die Militärpolizei reagiert – eventuell weil das dritte Mordopfer weiß war? Und selbst im letzten Drittel des Romans, wenn der Fall glasklar erscheint, gelingt es Autor Lee Child hervorragend Zweifel zu schüren und Situationen so zweideutig zu beschreiben, dass man als Leser die tatsächliche Auflösung gar nicht mehr erwarten kann, die keinesfalls enttäuscht.

Soweit zum Kriminalfall. Was „The Affair“ jedoch über alle anderen Romane der Reihe hebt, ist der Umstand, dass hier Jack Reacher zu jenem Mann wird, den wir dann im ersten Roman der Reihe gesehen haben. Dieser Roman zeigt uns, wie ein Major der Army-Militärpolizei in eine Situation gebracht wird, die ihn erstmals dazu zwingt, sich mit all seinen in der Army angeeigneten Fähigkeiten dem Zivilleben zu stellen. Sein Undercover-Auftrag zwingt ihn, mit dem Bus zu fahren, per Anhalter voran zu kommen, ohne Ausrüstung zurecht zu kommen, Dinge selbst zu kaufen und an eine vorübergehende Unterkunft zu denken. Und vor allem zwingen ihn die Umstände dazu, nach seinem eigenen Gewissen zu handeln – auch wenn er damit den Interessen seines Arbeitgebers zuwider handelt. Es ist nicht nur ein Werbeslogan: Wenn Reacher sich auf den Weg nach Carter Crossing begibt, beginnt für ihn in diesem Moment der Rest seines Lebens.

In diesem Roman treten auch manche Charaktere auf, die wir bereits aus früheren Reacher-Romanen kennen. Jacks Bruder Joe wird mehrmals erwähnt und bereits die Ereignisse des ersten Reacher-Romans „Größenwahn“ vorbereitet. (Die Story von „Größenwahn“ gewinnt hier zudem an Glaubwürdigkeit, da in „The Affair“ zumindest angedeutet wird, dass es nicht reiner Zufall ist, dass sich Joe und Jack in der selben Stadt aufhalten.) Mitglieder von Jacks Einheit, die u.a. in „Trouble“ aufgetreten sind oder General Garber, mit dessen Tochter Reacher sogar zwei Romane lang zusammen war, haben ebenfalls ihre Auftritte. À propos: Nach einigen Romanen ohne „Reacher-Girl“ darf sich Jack hier auch wieder über weibliche Gesellschaft freuen. Während er sich in der „Gegenwart“ seit dem 14. Roman für Major Susan Turner aufzusparen scheint, wird seine Beziehung zum Sheriff von Carter Crossing sehr intim – und wird von Lee Child auch außerordentlich detailliert beschrieben. Hier hätte er vielleicht mehr der Fantasie des Lesers überlassen sollen. Aber zumindest ist dieses „Reacher-Girl“ in der Story weitaus mehr als nur hübscher Aufputz, Reacher ist mit ihr wirklich auf einer Wellenlänge. Ein sehr gutes Duo.

Diese Geschichte wird aus Reachers Ich-Perspektive erzählt. Das ist zwar nicht meine bevorzugte Erzählform, aber hier hat sie mich nicht einen Moment lang gestört. Im Gegenteil macht mir die Ich-Perspektive anscheinend bei englischen Texten weniger aus als bei deutschen. Insofern war es gar nicht schlecht, dass es von diesem Roman bislang noch keine deutsche Übersetzung gibt.

Bewertung: Bereits das erste Prequel „Die Abschussliste“ hat mir ausgezeichnet gefallen und „The Affair“ übertrifft diesen Roman sogar. Es ist die perfekte Vorgeschichte, die Reachers Entwicklung vom Army-Polizisten hin zum Zivilsten zeigt und dabei gleichzeitig einen sehr spannenden Kriminalfall behandelt, der auch mit viel Mississippi-Lokalkolorit aufwartet. 6 Sterne!

6stars

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