Rezension: „Die Gejagten” – Ein Jack-Reacher-Roman

Mit „Die Gejagten“ erschien erst vor wenigen Monaten der letzte ins Deutsche übersetzte Jack Reacher-Roman von Lee Child. Gerade rechtzeitig vor dem Kinostart der entsprechenden Verfilmung von „Never go back“. (Es bleibt ein Rätsel, warum der deutsche Herausgeber nicht den deutschen Titel der Verfilmung – „Kein Weg zurück“ – für den Roman übernommen hat.) Am Ende dieser Rezension werde ich auch auf den Film kurz eingehen, aber zuerst soll der Roman im Vordergrund stehen.

Die Gejagten von Lee Child

Seit Jack Reacher im Roman „61 Stunden“ mehrere Telefonate mit seiner Nachfolgerin in der 110. Militärpolizeieinheit geführt hat, war er auf dem Weg nach Virginia, um Major Susan Turner dort persönlich zu treffen. Aus einem geplant angenehmen Besuch seiner alten Dienststelle, wo er noch immer einen legendären Ruf genießt, wird aber schnell ein Alptraum: Nicht nur wurde Turner inzwischen als Leiterin der Einheit abgesetzt und durch den feindseligen sowie nicht gerade kompetent wirkenden Colonel Morgan ersetzt. Reacher muss auch noch erfahren, dass Turner wegen angeblicher Bestechlichkeit inhaftiert wurde (auf einem auf ihren Namen lautenden Konto sind über Nacht enorme Einzahlungen geleistet worden) und zudem laufen auch zwei Verfahren gegen Reacher: Eine Anklage wegen Totschlags und – was Reacher noch mehr überrascht – eine Vaterschaftsklage!

An beide Fälle hat Reacher keine Erinnerungen und als er auch noch zwangseingezogen wird lautet sein natürlicher Instinkt, sofort abzuhauen und Virginia weit hinter sich zu lassen. Doch so verlockend es auch ist, diesem Instinkt nachzugeben, will Reacher diese Anklagepunkte nicht auf sich sitzen lassen. Zumal irgendjemand großes Interesse daran hat, Reacher aus der Stadt zu vertreiben und zwei Schlägertypen zu Reachers Motel schickt – mit dem schlechteren Ausgang für die beiden Typen. Und auch auf seiner neuen/alten Dienststelle wird es interessant, als in Colonel Morgans Abwesenheit zwei Militärpolizisten der Einheit in Afghanistan vermisst werden und Reacher als ranghöchster anwesender Offizier eine Suchoperation anordnet. Diese Vorgehensweise brockt ihm natürlich Ärger ein und die beiden Vermissten können nur noch tot aufgefunden werden. Dennoch stellt Reacher eine Verbindung her zwischen diesem Vorfall und Susan Turners Verhaftung, mit der zusammen er in weiterer Folge gejagt von Polizei und einem noch größeren Schlägertrupp quer durch die USA flüchten muss. Genauer gesagt nach Los Angeles, wo Reachers angebliche Tochter lebt …

Fazit: Die Handlung des Romans lässt sich nicht so einfach in wenigen Sätzen zusammenfassen. Auf Jack Reacher prasselt hier am Beginn ganz schön viel ein, das er erstmal verkraften muss und all das ist dann auch noch in einem komplexen Plan miteinander verwoben, der zum Ziel hat, weder Susan Turner noch Reacher zu nahe ran an die Vorfälle in Afghanistan zu lassen. Dabei ist der Plan der Bösen hier sogar etwas überzogen komplex. Wären sie gar nicht gegen Turner und Reacher vorgegangen, wäre die Sache am Ende wohl noch gut für sie ausgegangen. So jedoch entledigen sich die beiden während ihrer Flucht nach und nach ihrer Verfolger – und auch den Anzeigen gegen Reacher. Als Fan der Serie „J.A.G.“ gefiel mir hier, wie Reacher – wenn auch nur telefonisch – mit seinen beiden Anwältinnen gegen die Anklagen vorgeht und aufdeckt, wie diese einzig und allein den Zweck hatten, alte Geschichten wieder aufzuwärmen und Reacher aus der Stadt zu jagen.

Samantha – Reachers vermeintliche Tochter – hat nur einen relativ kleinen Auftritt, wenngleich Autor Lee Child bei diesem alles andere als subtil vorgeht und Samantha exakt wie Reacher formulieren lässt um die Möglichkeit hervorzustreichen, Reacher könnte hier wirklich seiner unehelichen Tochter begegnen.

Reachers Interaktion mit Susan Turner war nach all dem Hinarbeiten auf ihre Begegnung über drei Romane hinweg dann doch etwas enttäuschend. Positiv kann ich zwar schon hervorheben, dass sie sehr gut als Team arbeiten und Reacher in diesem Team nicht dermaßen untergeht wie noch in der Vierergruppe im Roman „Trouble„. Auf persönlicher Ebene ist hingegen zwar schon ein gewisses Verständnis füreinander da, aber sie sind im Endeffekt einfach zu unterschiedlich und nicht füreinander geschaffen. Da ist viel Kritik dabei. Ihre intime Interaktion mit Reacher geht emotional nicht über jene hinaus wie man sie bei jedem anderen beliebigen „Reacher-Girl“ gesehen hatte. Turner ist für die Handlung relevanter als für Reachers Charakterentwicklung.

Bewertung: Mir hat dieser Roman wirklich sehr gut gefallen. Lee Child hat zwar schon bessere Reacher-Abenteuer abgeliefert, aber ich empfand es als sehr positiv, wie er Reachers Umgang mit der Vergangenheit geschildert hat, nämlich sehr dezent und zurückhaltend. Reacher bleibt sehr fokussiert und unberührt – Turner schiebt dies auf eine mögliche „Verwilderung“ Reachers in den letzten Jahren – und lässt sich nie beirren, kämpft wo es nötig ist, flüchtet dorthin wo er hin muss. Es ist eigentlich ständig etwas los und selbst jene Zeit, in der Reacher seine unmittelbaren Verfolger abhängen kann, füllt Child mit Zwischenfällen, die die beiden Gejagten beschäftigt halten. Für diesen sehr unterhaltsamen wenn auch in der Handlung übertrieben komplizierten und in der Auflösung ein wenig zu unspektakulären Roman, gebe ich 5 von 6 Sterne.

5stars

reacher2-posterReview zum Film „Jack Reacher – Kein Weg zurück“:

Wie eingangs angekündigt möchte ich auch zumindest kurz auf den Film eingehen, den ich vor rund einem Monat im Kino gesehen habe. Ich muss gestehen, sehr große Erwartungen an den Film gehabt zu haben, da mir die erste Reacher-Verfilmung (vom Roman „Sniper„) hervorragend gefallen hat. Wahrscheinlich habe ich in den vergangenen drei Jahren keinen Film so oft angesehen wie „Jack Reacher“. Leider ist „Never go back“/“Kein Weg zurück“ meiner Meinung nach in so ziemlich jeder Hinsicht anders geartet als der Vorgängerfilm. Das Positive zuerst: Der Charakter Jack Reacher ist absolut wiedererkennbar, Tom Cruise führt die Auslegung des Charakters unmittelbar fort.

Allerdings: Die Story – die in der ersten Hälfte recht nahe am Roman ist, dann aber gänzlich anders abläuft – sorgt dafür, dass Reacher in seinem typischen Handeln stark eingeschränkt wird. Er agiert nicht mehr unbekümmert, sondern in doppelter Weise belastet durch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Major Turner (Cobie Smulders) und durch den Schutz seiner vermeintlichen Tochter, die im Film schon sehr früh vorgestellt wird und zusammen mit Reacher und Turner auf der Flucht ist – und dabei auch ein wenig nervtötend rüberkommt. Während Reacher im Roman fokussiert und unbeeindruckt bleibt, zeigt der Film einen nachdenklicheren und von den Umständen gehemmten Reacher. Dennoch hätte man auch diese Story besser auf die Leinwand bringen können. Die vielen Wechsel hinter der Kamera waren aber nicht zu übersehen. die Inszenierung war eher gemächlich – was auch zu einigen Längen führt – die Action von einem wirklich faden Soundtrack untermalt, der es bei weitem nicht mit Joe Kramers toller Musik des ersten Films aufnehmen kann.

Im Vergleich zum ersten Film ist „Kein Weg zurück“ also ein ziemlicher Absturz. Für sich allein stehend ist er wohl noch als Mittelmaß zu bezeichnen. Der Kriminalfall ist relativ früh klar und die Action routiniert und nicht besonders mitreißend dargeboten. Tom Cruise allein – trotz gewisser Einschränkungen, die die Story dem von ihm dargestellten Charakter auferlegt – sorgt dafür, dass der Film noch leicht überdurchschnittlich ist. Daher gehen sich ganz, ganz schwache 4 von 6 Punkte noch aus.

4rolls

Falls es noch einen dritten Reacher-Film geben sollte (Lee Child hat grundsätzlich die Filmrechte an allen seinen Romanen bereits verkauft) hoffe ich auf eine Rückkehr von Ralph McQuarrie hinter die Kamera und den vom ersten Film bekannten Inszenierungsstil.

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