Pilotfilm-Review: „Star Trek : Enterprise – Aufbruch ins Unbekannte“

Das Jahr 2017 ist vor wenigen Stunden angebrochen und damit eines, das uns eine neue Star Trek-Serie bringen wird. Noch weiß man so gut wie nichts über „Star Trek – Discovery“, aber die Serie soll online (hierzulande über den Streaming-Dienst „Netflix“) veröffentlicht werden. Ich plane nicht alle Folgen von „Discovery“ zu rezensieren, aber zumindest werde ich zum Pilotfilm ein Review – ähnlich meinen Star Trek-Kinofilm-Reviews – mit meinen ersten Eindrücken verfassen. Daher habe ich beschlossen, im Lauf der Zeit bei Gelegenheit auch Reviews zu den anderen Pilotfilmen der bisherigen Star Trek-Serien in meinem Blog zu veröffentlichen. Da 2017 für mich das dritte Jahr hintereinander sein wird, in dem ich einen „Enterprise“-Roman verfassen werde, habe ich gestern damit begonnen, mir die TV-Serie – gleichermaßen zur Recherche wie auch zur Unterhaltung – nochmals komplett anzusehen. Den Auftakt zur Serie – die seit 2001 unter allen bisherigen Star Trek-Serien mein unangefochtener Favorit ist – bildet der Pilotfilm „Aufbruch ins Unbekannt“ (Originaltitel „Broken Bow“).

Handlung: Anders als die beiden Star Trek-Pilotfilme zu „Deep Space Nine“ und „Voyager“, beginnt „Aufbruch ins Unbekannte“ nicht mit einem Lauftext, der Informationen vermitteln. Stattdessen baut die Eröffnung auf die Vermittlung der Stimmung, zeigt uns Henry Archer, den Entwickler des Warp-5-Antriebs, mit seinem Sohn Jonathan, wie sie ein Modellraumschiff zusammenbauen und sich nebenbei über das erste echte Tiefenraumforschungsschiff der Menschheit unterhalten, das in 30 Jahren vollendet und bereit sein soll, in die unendlichen Weiten des Weltalls aufzubrechen. Genau 30 Jahre in die Zukunft verlagert sich dann das Geschehen. Ein Raumschiff ist in Broken Bow, Oklahoma, in einen Maisacker abgestürzt. Ein Außerirdischer – den Star Trek-Fans sofort als Klingonen erkennen – wird von zwei Vertretern einer unbekannten Spezies verfolgt, die während der Jagd besondere Fähigkeiten offenbaren. Diese nützen ihnen jedoch nichts, denn dem Klingonen gelingt es, seine beiden Verfolger in eine Falle zu locken und zu töten. Der Klingone wird jedoch selbst schwer verletzt, als die Sprachbarriere dafür sorgt, dass der ansässige Farmer sich von dem Fremden bedroht fühlt und mit einem Plasmagewehr auf ihn feuert.

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Ein ungewöhnliches Szenario: 2151 flüchtet der auf der Erde abgestützte Klingone Klaang durch ein Maisfeld in Oklahoma.

Dieser Zwischenfall bewirkt, dass Jonathan Archer – der inzwischen zum Captain des ersten Warp-5-Raumschiffs namens Enterprise bestimmt wurde – seine Inspektion des Schiffes unterbrechen muss. Er wird von Admiral Forrest und einem aus Vulkaniern bestehenden Beraterstab darüber informiert, dass der Klingone – Klaang – als Kurier auf dem Weg zurück zur klingonischen Heimatwelt war, als er von den Unbekannten angegriffen wurde. Wenngleich die Vulkanier, die in den rund 90 Jahren seit dem Erstkontakt die Menschheit beraten haben (nach Archers Meinung nicht immer gut) empfehlen, sämtliche Heilmaßnahmen einzustellen und Klaangs Leichnam sofort nach Kronos zu überführen, schlägt Archer Admiral Forrest vor, den Start der Enterprise vorzuverlegen und Klaang – in der Hoffnung ihn während der Reise wieder in Form zu bringen, damit er vor den Hohen Rat treten kann – persönlich nach Kronos zu bringen.

Admiral Forrest, der geahnt hat, dass Archer genau diesen Vorschlag vorbringen würde, akzeptiert diesen und die Enterprise bricht kurze Zeit später nach Kronos auf und muss sich dabei Herausforderungen stellen, denen sich bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch stellen musste …

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Das Warp-5-Raumschiff „Enterprise“ startet zu seiner ersten Mission.

Fazit: Während andere Doppelfolgen zwischen den Staffeln oder im Laufe einer Serie darauf bauen, was in den Folgen davor definiert wurde, entspricht die Ausgangssituation bei einem Serien-Pilotfilm im Grunde jener eines normalen Kinofilms: Die Zuseher haben hier ihre erste Begegnung mit den Charakteren und dem Umfeld der Handlung, der Pilotfilm muss also sowohl die Vorstellung der wichtigsten Charaktere vollbringen während zugleich die Handlung voranschreiten soll. Dem „Enterprise“-Pilotfilm gelingt die Symbiose aus beidem perfekt! Und zugleich präsentiert er selbst dem langjährigen Star Trek-Zuseher ein neues Ambiente, ein neues Gefühl für die Szenerie dieses Universums.

Wirkte es in manchen Star Trek-Pilotfilmen noch beinahe so, als stellten sich einzelne Charaktere vor die Kamera und erzählten völlig aus dem Zusammenhang gerissen plötzlich ihre Lebensgeschichte, funktioniert die Einführung der Charaktere in „Aufbruch ins Unbekannte“ nahezu im Vorbeigehen, während die Handlung vorwärts gebracht wird. Charaktereigenschaften werden gezeigt und Hintergründe dann besprochen, wenn sie zur Situation passen. Die Vorbereitungen auf den Start der Enterprise und den Beginn der ersten Tiefenraummission der Menschheit bieten hier eine hervorragende Bühne. So unterhalten sich Lieutenant Reed und Ensign Mayweather so nebenbei während der Entgegennahme neuer Fracht über die Mission und man erfährt selbst als Star Trek-Neuling dabei nicht nur etwas über die Klingonen, sondern auch gleich etwas über die Funktionen der beiden an Bord und ihre Einstellungen zu bestimmten Themen und treffen in der Fortsetzung der selben Szene kurz darauf auf Commander Tucker.

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Ein Beispiel für eine Szene, die ohne in die Story gezwängt zu wirken gleichermaßen Information vermittelt, visuell darstellt wie auch zwei neue Charaktere erstmals definiert.

In Brasilien lockt Archer seine Kommunikationsoffizierin von der Universität fort mit der Aussicht, als erster Mensch Klingonisch zu erlernen und praktisch anwenden zu können. Die jahrelange Freundschaft zwischen Captain Archer und seinem Chefingenieur wird schon während der allerersten Szene bei der Inspektion der Enterprise deutlich. Der lockere Umgang der Hauptcharaktere untereinander ist offensichtlich. Sie wirken in „Enterprise“ viel bodenständiger als die mitunter etwas abgehoben agierenden Charaktere der TNG-Ära-Serien. Die Enterprise-Charaktere sind normale Menschen in einer nicht gerade alltäglichen Situation, deren Leben an sich gar nicht so viel anders wäre als das vieler Menschen in der Gegenwart – wenn sie nicht Offiziere der irdischen Sternenflotte wären.

Neben den Menschen dienen auch zwei Außerirdische auf der Enterprise. Der denobulanische Bordarzt Phlox tut dies eher zufällig, da er Klaangs behandelnder Arzt im Sternenflottenhospital war, in dem er im Rahmen eines interstellaren Mediziner-Austauschprogramms arbeitete. Die vulkanische Wissenschaftsoffizierin hingegen wird Archer auf Anordnung des vulkanischen Botschafters als Beobachterin der Mission zugeteilt. Eine Gegenleistung dafür, dass die Vulkanier der Sternenflotte ihre Sternenkarten zur Verfügung stellen. Wie schon erwähnt sind die Menschen der Anleitung durch die Vulkanier Mitte des 22. Jahrhunderts schon etwas überdrüssig geworden und entsprechend unterkühlt ist die Zusammenarbeit zwischen T’Pol und der irdischen Sternenflotten-Crew anfangs. Jedoch entsteht während des Pilotfilms auf beiden Seiten zunehmendes Verständnis für die Position des jeweils anderen und wenn auch im kleinen Rahmen sieht man hier bereits den Anfang von dem, was im Star Trek-Universum zehn Jahre später zur Gründung der Föderation führen wird. Ein großes Ereignis wird hier in sehr persönlichem Rahmen erstmals angedeutet.

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Ein erster Schritt: Anstatt die Rückkehr zur Erde anzuordnen, lässt T’Pol Captain Archer seine Mission fortführen, die er schließlich erfolgreich beendet. Im Gegenzug beginnt Archer, seine eigenen persönlichen Vorbehalte gegen Vulkanier zu überdenken.

Nach 21 Star Trek-Staffeln im 24. Jahrhundert und dabei einem weitgehend einheitlichen Look hebt sich „Enterprise“ auch bei der Gestaltung der Sets und Kostüme wohltuend ab. Man sieht viele Charaktere in Zivilkleidung, was ebenfalls dazu beiträgt, sie als Menschen wie du und ich wahrzunehmen statt nur als Offiziere. Selbst im Dienst tragen sie Uniformen, die an die heutigen NASA-Overalls angelehnt sind und Admiräle tragen Uniformen, die mehr wie normale Anzüge wirken. Die Enterprise sieht im Inneren beengter, weniger komfortabel aus. Die Sets wirken auch dadurch deutlich „echter“ als z.B. jene der U.S.S. Voyager.

Zudem sorgt das Setting im 22. Jahrhundert dafür, dass die Ausstatter nicht so leicht Equipment der vorherigen drei Serien wiederverwerten konnten. So ziemlich alles wirkt neu, anders. Man muss schon sehr genau hinsehen, um ein wiederverwendetes Set-Teil oder Requisit zu erkennen und selbst wenn man eines entdeckt, wurde dieses doch deutlich abgeändert. Und natürlich hat auch das TOS-Design einen gewissen Einfluss (der im Lauf der Serie von Staffel zu Staffel noch größer werden wird). Man kehrt zurück zu den kultigen aufklappbaren Kommunikatoren, verwendet Handfeuerwaffen, die nicht wie Handstaubsauger oder TV-Fernbedienungen aussehen. Statt Tricorder werden Scanner verwendet, die bisher Fracht vorbehaltenen Transporter sind gerade erst für Menschen freigegeben worden, Landungstrupps verlassen das Schiff mittels Raumfähren. Statt Traktorstrahlen nutzen zu können muss man auf mechanische Alternativen ausweichen und generell sorgen Tastenfelder, Schieberegler, ein halbes Dutzend unterschiedlicher Monitore pro Arbeitsstation dafür, dass alle an Bord etwas beschäftigter wirken, alles eher so wirkt, als könnte die Technik tatsächlich nachvollziehbar funktionieren. Es war wirklich ein sehr guter Ansatz der Macher, 2001 nicht zu versuchen, die „neue“ Enterprise aus der Sicht der 1966er-Enterprise zurück zu entwickeln, sondern vom technischen Stand der Gegenwart ausgehend nur sehr wenig Futurismus hinzuzufügen und damit eine Umgebung zu erschaffen, die für Star Trek-Verhältnisse neu, aber für den Zuseher doch nachvollziehbar wirkt.

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Das Hangardeck als Beispiel für die in der Serie deutlich erkennbaren mechanischen Abläufe auf der Enterprise. Außenteams vermeiden die Benutzung des Transporters wenn möglich und praktischerweise sind Jacken bei Außenmissionen in kühlen Umgebungen wieder in Mode.

Auch die Inszenierung von „Aufbruch ins Unbekannte“ wirkt sehr aufwändig und kinoreif. Kameraeinstellungen, Schnitte und Ausleuchtung heben sich wohltuend vom davor bekannten TV-Star Trek ab. Die Szene mit Klaangs Flucht quer durch das Maisfeld ist sehr beeindruckend und spannend gefilmt, generell ist einiges an Dynamik in den Action-Szenen enthalten, wie z.B. auf der verschneiten Landeplattform auf Rigel X oder beim Raumschiffkampf im Inneren eines Gasriesen. Was die Effekte angeht, hat man ebenfalls ordentlich geprotzt. „Enterprise“ ist die erste Star Trek-Serie, deren visuelle Effekte fast ausschließlich per Computer erstellt wurden. Natürlich sehen die Effekte nicht so gut aus wie das Beste, das 2017 möglich wäre, aber 2001 war die Effektqualität absolute Spitze und selbst heute sehen die computergenerierten Szenen ästhetisch immer noch hervorragend aus. (Meiner Meinung nach zumindest deutlich besser als im ab 2006 entstandenen Remastering der klassischen Star Trek-Serie oder in der etwas missglückten ComicCon-Vorschau auf „Discovery“ im Sommer 2016.)

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Während Raumschiffe in „Enterprise“ ausschließlich aus dem Computer stammen, wurde die Stadt auf Kronos als Miniatur gebaut. Sie ist einer von vielen neuen Schauplätzen, die die Enterprise-Crew im Pilotfilm besucht.

Musikalisch traute man sich in „Enterprise“ ebenfalls wieder etwas stärker in den Vordergrund. Nachdem es in „The Next Generation“, „Deep Space Nine“ und „Voyager“ ausdrücklicher Wunsch der Produzenten war, Musikuntermalung nie in den Vordergrund treten zu lassen (was wiederkehrende Erkennungsmelodien so ziemlich völlig verhindert hat), ist die Begleitmusik in „Enterprise“ zumindest etwas auffälliger und klingt wohl vor allem aufgrund der verwendeten Instrumente etwas anders als die Orchesterbegleitung der vorherigen Serien. Über die Titelmelodie wurde in den vergangenen 16 Jahren schon oft gestritten. Ist eben Geschmackssache, mir persönlich gefällt „Faith of the Heart“ in Kombination mit der tollen Bildmontage des Intros – das die Entwicklung der Reisen der Menschheit bis hin zum ersten Warp-5-Raumschiff darstellt – ausgezeichnet. Ich finde, der Song passt sehr gut zu den Bildern, rhythmisch aber vor allem auch textbezogen.

Bewertung: „Aufbruch ins Unbekannte“ ist ein toller „Origin“-Film, der in dieser Art auch gut ins Kino gepasst hätte. Er entledigt sich der Schwächen der meisten Star Trek-Pilotfilme, indem er einfach ein guter Film sein will, ganz unabhängig davon, ob ihm eine wöchentliche TV-Serie folgt oder nicht. Die Story ist interessant, spannend und hervorragend bebildert. Die Geschichte endet mit einem Erfolg der Crew, dem Überbrücken von Meinungsverschiedenheiten zugunsten eines gemeinsamen Erfolges, bereitet aber auch den Boden für die späteren Folgen der Serie. Die Schauwerte sind an den vielen Schauplätzen des Films wirklich sehr hoch, der Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz und die Charakterinteraktionen funktionieren für mich von der ersten Szene an. All dies ist der Grund, warum ich „Aufbruch ins Unbekannte“ für den bis dato besten Pilotfilm einer Star Trek-Serie halte und vieles davon findet sich auch noch in den kommenden Folgen der insgesamt 4 Staffeln der Serie, weshalb ich diese Serie so wertschätze. An „Enterprise“ wird sich „Discovery“ (das ja ebenfalls ein Prequel ist, wenngleich nicht 110 sondern nur 10 Jahre vor der klassischen Serie angesiedelt) messen müssen. Die Latte für den Pilotfilm liegt hoch, denn „Aufbruch ins Unbekannte“ gebe ich mit gutem Gewissen die Höchstpunktezahl!

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Die in diesem Review verwendeten Bilder des Pilotfilms stammen von ent.star-trek.info.

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Ein Kommentar zu “Pilotfilm-Review: „Star Trek : Enterprise – Aufbruch ins Unbekannte“

  1. Guter Artikel, ich gebe dir, was den Pilotfilm angeht, vollkommen recht. Leider hatte „Enterprise“ das bei Prequels übliche Problem, dass ein anderes Maß angesetzt wird als bei Sequels. Was an Neuem gebracht wurde, wurde häufig von den Fans nicht akzeptiert, was gerade bei dieser Serie sehr schade ist.

    Was die Technik angeht, hätte ich mir gewünscht, dass die Produzenten noch einen Schritt weiter gegangen wären. Freilich sind die Korridore der NX-01 schmäler als die der Schiffe der kommenden Äras und alles wirkt ein wenig zweckmäßiger. Aber im Großen und Ganzen sieht man nur wenig Unterschied zu den späteren Schiffen.
    Freilich gab es hie und da Probleme mit den Phasenkanonen und dem Warpantrieb, aber letztlich wirkt sie auf den Zuschauer nicht weniger effizient als die anderen Serienschiffe.
    Mir hätte es gefallen, hätte die Enterprise ein bisschen mehr wie das Experiment gewirkt, das sie sein soll – eben eher wie ein heutiges Raumfahrzeug mit unverkleideten Verkabelungen und extremer Platzeffizienz. Es hätte eben eher den Eindruck erweckt, dass der Alltag der Reise bereits eine Herausforderung darstellt.

    Dadurch hätte meiner Meinung nach auch die technische Überlegenheit der Vulkanier glaubhafter gewirkt, ebenso wie die technischen Fortschritte im Zuge der Föderationsgründung bis hin zur originalen Enterprise.

    Trotzdem halte ich „Enterprise“ natürlich für eine gute Serie 😉

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