Rezension: „Personal” – Ein Jack-Reacher-Roman

In Lee Childs 19. Jack-Reacher-Abenteuer (das bis jetzt noch nicht auf Deutsch erschienen ist), kommen einige aus vorherigen Romanen bekannte Story-Elemente zusammen. Aber wenngleich es wie in „Sniper“ um einen Scharfschützen geht und es Jack Reacher einmal mehr nach Paris und London verschlägt wie in „Die Abschussliste“ bzw. „Way out“, ist „Personal“ lobenswerterweise kein Versuch, ein „Best-of“ aus einigen guten bis hervorragenden Reacher-Romanen zu zaubern, sondern eine Story, die zumindest in der ersten Hälfte eigene Wege geht.

reacher_personal

Alles beginnt damit, dass Reacher zufällig im Bus eine liegengelassene Ausgabe der Army Times durchblättert und dabei überraschenderweise ein Inserat entdeckt, dass ihn auffordert, sich bei einem alten Bekannten zu melden, der noch immer als Adjutant von General O‘Day, der im Bereich Terrorbekämpfung in führender Position tätig ist, fungiert. Reacher ahnt sofort, dass O’Day hinter dem Inserat steckt und seinen Adjutanten lediglich aus einem Grund vorschiebt: Reacher schuldet diesem noch einen Gefallen. Und das ist auch der Grund, warum Reacher die Aufforderung nicht einfach ignorieren kann, sondern stattdessen vom nächstbesten Telefon aus den Anruf tätigt. Nur wenige Minuten später sitzt Reacher bereits in einem Jet, der ihn zur Joint Base Lewis-McChord fliegt, wo er wie erwartet von General O’Day wie auch Repräsentanten der CIA über einen Vorfall informiert wird: Vor einigen Tagen fand ein Attentat auf den französischen Präsidenten während eines öffentlichen Auftritts statt. Ein Scharfschütze hatte ihn aus einer Entfernung von fast 1,3 Kilometern ins Visier genommen. Glücklicherweise hielt ein neuartiges Sicherheitsglas das Projektil kurz vor seinem Ziel auf.

Reachers Reaktion: „Was geht uns das an? Das Ziel war ein Franzose.“ Doch wenngleich der Schütze unerkannt entkommen konnte, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich dabei um einen Amerikaner handelte, denn nicht viele Scharfschützen auf der Welt verfügen über die Fähigkeit, ein Ziel selbst mit einem Hochleistungsgewehr aus so großer Distanz zu treffen. Und von noch weniger potenziellen Kandidaten ist der derzeitige Aufenthaltsort unbekannt. Auf der Liste von nur vier potenziellen Attentätern steht auch ein Amerikaner: John Kott, den Reacher einst inhaftierte und der kürzlich seine 15-jährige Haftstrafe abgesessen hat. Zusammen mit einer CIA-Agentin wird Reacher nach Paris gebracht, wo er sich mit anderen internationalen Experten den Tatort besichtigen soll. Dort stellt Reacher nicht nur fest, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es sich nicht nur um einen, sondern um zwei Attentäter gehandelt haben könnte, sondern entgeht auch nur knapp selbst einer Kugel, die auf ihrem 1,4 Kilometer langen Weg lediglich von einem Windhauch abgelenkt wird und Reacher knapp verfehlt …

Fazit: Der Titel des Romans nimmt es schon vorweg: Es geht hier nicht nur um ein vereiteltes Attentat bzw. die Verhinderung eines zukünftigen Attentats auf den G8-Gipfel in London, sondern auch um eine persönliche Vendetta, die der Scharfschütze gegen Jack Reacher führt. Daher ist Reachers Motivation, sich von der Army und der CIA für diesen Fall verpflichten zu lassen, nachvollziehbar und Reachers Betätigungsfeld diesmal deutlich erweitert. In „Personal“ ist er nicht auf eigene Faust irgendwo in den Vereinigten Staaten unterwegs, sondern im urbanen Europa. Ein wenig eckt Reacher mit so manchen Kommentaren über Europa an. Seine Kritik generell am gesamten Ausland – wo er so viel Zeit während seiner Militärlaufbahn verbracht hat – war schon im zweiten Reacher-Roman „Ausgeliefert“ zumindest sonderbar. In diesem Roman ist sie nicht ganz so geradeheraus, aber unterschwellig kommt hin und wieder doch eine gewisse Abneigung Reachers rüber. Den größten Bock schießt aber die leitende CIA-Agentin im Briefing. Als amerikanische Regierungsangestellte sollte man besser vorsichtig damit sein, darüber zu urteilen, welche und vor allem wie viele/wenige europäische Staaten als finanzwirtschaftlich Erwachsene gelten. Wenigstens kam die Äußerung nicht von Reacher selbst, der zwar selber nicht ganz frei von Vorurteilen bleibt, aber wenigstens – wie so oft in diesen Romanen von Lee Child – meistens einfach „nichts sagt“. (Dies ist ein kleiner Running Gag in den Romanen. Sätze wie „Reacher sagte nichts.“ kommen erstaunlich häufig vor.)

Der Roman betreibt nicht gerade Fremdenverkehrswerbung für Westeuropa (anderseits tun das die Romane auch nicht so recht für die USA), aber die Szenen in den Zentren von Paris und London sind recht stimmungsvoll und in Paris kommt noch eine sehr melancholische Komponente hinzu, wenn Reacher dort das Grab seiner Mutter besucht und sich an sein letztes Treffen mit ihr erinnert. (Ursprünglich wurde dies im Roman „Die Abschussliste“ geschildert.) Auch in dieser Hinsicht ist der Romantitel anwendbar.

Bei einer Parabel, die ebenfalls Reacher persönlich betreffen sollte, haut der Titel des Romans jedoch nicht hin. Nämlich wenn Reacher an eine unter seinem Kommando stehende Soldatin denkt, die er einst allein zu einem vermeintlichen Routineeinsatz schickte, diese dort aber auf bestialische Weise getötet wurde. Reacher ertappt sich mehr als einmal dabei, diese Vorkommnisse auf die junge CIA-Agentin umzulegen, die ihn während seiner Europareise begleitet. Aber so richtig haut die Sache nicht hin, vor allem, da sie auch John Kott gar nicht betrifft, Reacher lediglich dadurch an den eineinhalb Jahrzehnte zurückliegenden Zwischenfall erinnert wird, weil Kott eine Kopie von Reachers Dienstakte besitzt, in der der Zwischenfall als einer von Reachers Fehlschlägen dargestellt wird. Diese Rückbesinnungen mischen sich immer wieder mal ablenkend hinein, zumal ich auch keine Parallelen zwischen der damals getöteten Soldatin und der CIA-Agentin sehe. Der Autor verpasst dieser zusätzliche „Schutzbedürftigkeit“, indem er sie heimlich Medikamente nehmen lässt.

Anzumerken an diesem Roman ist, dass die Story in der ersten Hälfte zügiger voranschreitet. Obwohl es zu keinerlei Handgreiflichkeiten kommt, sind die Darstellung der Ausgangssituation, die ersten Ermittlungsergebnisse, die Reisen von Seattle zur Basis, zu Kotts Haus und weiter nach Paris und die ersten Schlussfolgerungen sehr spannend zu lesen. Aber in der zweiten Hälfte – einhergehend mit der Verlagerung der Handlung fast ausschließlich nach London, wird die Angelegenheit etwas zäh. Der Scharfschütze tritt in den Hintergrund und seine bezahlten Handlanger – zwei rivalisierende Banden, die Kott offenbar beide beauftragt hat, ihm den Rücken frei zu halten – treten in den Vordergrund. Zweifellos um Reacher auch ein wenig Action zu verschaffen und sich quer durch London zu prügeln. Das ganze kommt aber eher eintönig rüber, nicht mit viel Finesse vorgetragen, sondern im Grunde das, was Reacher routinemäßig unabhängig seines Aufenthaltsort immer wieder mal macht.

Bewertung: Einer starken ersten Hälfte folgt eine deutlich langweiligere zweite Hälfte. Dabei ist auch deren Anteil an der Gesamtstory nicht uninteressant, aber zu wenig zügig erzählt, um das Interesse des Lesers lange zu binden. Ich habe für das Lesen der zweiten Hälfte sicher dreimal so lange gebraucht wie für die erste Hälfte. Bei der Bewertung dieses Romans schwanke ich stark zwischen 3 und 4 Sternen. Da ich die erste Hälfte aber tatsächlich hervorragend fand und meine Hoffnungen für den Abschluss der Story aufgrund dieses Umstands wohl etwas zu hoch angesetzt waren, gebe ich doch knapp 4 Sterne. Wäre der gesamte Roman wie die zweite Hälfte gewesen, wäre er auch kein schlechter Roman, sondern einfach nur sehr, sehr durchschnittlich.

4stars

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