Rezension: „Make me” – Ein Jack-Reacher-Roman

Beinahe ist es geschafft: Demnächst werde ich den 21. und damit letzten bislang erschienen Jack Reacher-Roman lesen. Innerhalb von ziemlich genau drei Jahren werde ich dann die gesamte Reihe (abzüglich ein paar Kurzgeschichten, die ich zwischendurch hin und wieder mal einstreuen werde) gelesen haben. Und nach dem 20. Roman „Make me“ fiebere ich diesem Moment schon sehr entgegen. Es manifestiert sich der Eindruck, dass die Reihe ihre besten Zeiten schon hinter sich hat und die Hauptfigur selbst quält sich in diesem Roman ziemlich ab.

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Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend, denn wie in vielen der besseren Reacher-Romane befindet sich Reacher auf dem Land. Rein aus Interesse, woher diese kleine Stadt ihren Namen bezog, steigt Reacher irgendwo zwischen Oklahoma City und Chicago aus dem Zug und stellt in „Mother’s Rest“ seine Erkundigungen an. Ganz harmlos, möchte er meinen, doch die misstrauischen Blicke, die ihm gelten, entgehen ihm nicht. Doch auch das ist er gewohnt, ein Mann mit seiner Statur zieht zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich und auch dass man am Land Fremden gegenüber etwas zurückhaltend reagiert, ist nichts Neues. Was Reacher jedoch nicht weiß: Die Einwohner von „Mother’s Rest“ haben guten Grund, misstrauisch zu sein, denn immerhin haben einige ihrer Vorzeigebürger am Abend zuvor gerade erst die Leiche eines Typen verscharrt, der ebenfalls seine Nase in Dinge gesteckt hat, die ihn nichts angehen.

Auf der Suche nach diesem Mann namens Keever ist Michelle Chang, eine Kollegin von ihm, ebenfalls Privatdetektivin, die Keever zur Unterstützung angefordert hat. Doch bei ihre Ankunft in „Mother’s Rest“ war Keever bereits – im wahrsten Sinne des Wortes – wie vom Erdboden verschluckt. Alles gut und schön, denkt sich Reacher und ist schon kurz davor, wieder in den Zug zu steigen – ohne den Namensursprung der Stadt herausgefunden zu haben – als seine Instinkt Alarm schlagen und er beschließt, Chang zu helfen. (Natürlich darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass Chang sehr attraktiv beschrieben wird und als ehemalige CIA-Agentin genau Reachers Beuteschema entspricht. 😉 )

Dass Chang und er sich der Sache nähern wird deutlich, als sie mit großem Nachdruck aus der Stadt hinausgeekelt werden, doch das passt Reacher ohnehin in den Kram, denn auf der Sucher nach Keevers Auftraggeber muss er ohnehin zuerst nach Chicago, woraufhin ihn weitere Spuren nach Phoenix und Kalifornien führen, eher er zum großen Showdon in Wild-West-Manier nach Mother’s Rest zurückkehr …

Fazit: Diese Rückkehr ist auch insofern notwendig, damit Reacher – und der Leser – überhaupt herausfinden, welchen üblen Geschäften die angesehenen Bürger von Mother’s Rest nachgehen. (Ohne es direkt zu verraten doch eine Warnung: Was die machen ist ziemlich übel. Der Schluss ist nicht gerade die beste Lektüre, wenn ihr danach eine Nacht frei von Albträumen erleben wollt.) Am Schluss präsentiert uns Reacher retrospektiv ein paar Hinweise, die die Natur der Geschäfte andeuten hätten können. Aber ich gratuliere jedem, der sich aus diesen Brotkrumen die Auflösung zusammenreimen konnte. Ich finde, dieser Krimi ist nicht von jener Art, die es dem Leser ermöglicht, vor dem Ende die Auflösung zu erraten. Anders als in einigen vorherigen Romanen deutet Reacher hier nicht mal an, dass er insgeheim schon weiß, was los ist.

Das liegt auch daran, dass wir Reacher hier so angeschlagen wie selten erleben. Mit einer sehr schweren Gehirnerschütterung quält er sich eigensinnig durch dieses Abenteuer ohne sich medizinisch behandeln zu lassen. Hier scheint der Autor der Meinung gewesen zu sein, dass Reacher ob seiner Verhaltensweisen ohnehin kein Vorbild sein sollte, also hat er es auch in Sachen medizinischer Vorsorge keine Vorbildwirkung zu erfüllen. Nur die Starken überleben. (Und allen anderen kündigt der Präsident die Krankenversicherung. Wäre Reacher in einem Wählerregister, wüsste ich, für wen er bei den letzten Wahlen gestimmt hätte 😉 ) Also auch diesmal wieder ein Roman, in dem Reacher nicht gerade sympathisch rüber kommt. Diese mehren sich je länger die Reihe läuft.

Wie schon erwähnt, lässt seine Leistung als Ermittler in „Make me“ zu wünschen übrig. Er handelt eigentlich nur nach Instinkt und hängt seine Theorien, dass „irgendetwas nicht stimmt“ an Kleinigkeiten auf. Ein Beispiel: Reacher ist überzeugt, dass ein Gebäude einen bestimmten Zweck nicht erfüllen kann, weil er auf einem Satellitenfoto kein zum Gebäude führendes Rohr erkennt. Okay, er nennt Argumente dafür, warum es nicht unterirdisch verlaufen sollte. Das ein Schlauch, der im Bedarfsfall ausgerollt werden kann und ansonsten in einem Lagerschuppen rumliegt den exakt gleichen Zweck erfüllen kann wie ein fix installiertes Rohr, ist ihm keinen Gedanken wert und auch nicht Chang, die zwar in Sachen Action am Ende durchaus ihren Beitrag leistet, aber im Großen und Ganzen nur ein Betthäschen für Reacher ist und so ziemlich die einzige Motivation, sich mit dem Fall ihres vermissten Kollegen auseinanderzusetzen.

Bewertung:Trouble“ bleibt für mich weiterhin klar das Schlusslicht der Reihe, aber „Make me“ ist schon recht knapp dran. Hier ist Reacher zwar auch enorm unsympathisch, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß wie in „Trouble“. Wenngleich es mit „Trouble“ doch angefangen hat, Reacher öfter als Stinkstiefel zu charakterisieren. Das größere Problem hat „Make me“ in der Story. Wie gesagt ist man als Leser weitestgehend Passagier. Reacher und Chang hangeln sich von A nach B nach C nach D. Es ist eine geradlinige, ja beinahe schon erstaunlich simple Story, die Ereignisse einfach aneinanderreiht. Es gibt zwischenzeitlich immer wieder ein paar gute Passagen, in denen die Spannung steigt oder auch mal ein Funke Humor wie eine Oase in der Sahara wirkt. Aber etwas besseres als einen 2-Sterne-Kandidaten machen diese Passagen aus „Make me“ leider nicht.

2stars

Im 21. und neusten Roman namens „Night School“ wird dann wieder eine Geschichte erzählt werden, die während Reachers Dienstzeit angesiedelt ist. Diese Geschichten („Die Abschussliste“ und „The Affair„) haben mir bislang von allen Reacher-Romanen am besten gefallen. Wenn „Night School“ diesem Trend folgt, dann kristallisiert sich langsam heraus, dass die Zukunft der Reacher-Romane eher in der Vergangenheit liegen könnten.

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