Rezension: TOS – „The Face of the Unknown“

Bevor Autor Christopher L. Bennett sich wieder um die Fortsetzung der „Enterprise“-Ära kümmert, hat er einen Roman zu klassischen Star Trek-Serie geschrieben. Das ist grundsätzlich auch sehr passend, immerhin arbeitet er in seiner „Rise of the Federation“-Reihe ja auch zielgerichtet darauf hin, eine Brücke zwischen „Enterprise“ und „The Original Series“ zu bauen. Und tatsächlich weist sein neuer Roman „The Face of the Unknown“ phasenweise eine gewisse Ähnlichkeit mit Bennetts „Enterprise“-Romanen auf, denn auch hier spielt ein Bündnis von mehreren Völkern eine wichtige Rolle.

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Denn wie der geneigte Fan der klassischen Serie weiß, gibt es da draußen nicht nur eine Föderation. Lange bevor die Helden von der Enterprise den Begriff „Föderation“ in der 19. Folge („Ganz neue Dimensionen“) auf sich selbst angewendet hatten, waren sie bereits in der ersten regulär gedrehten Folge namens „Pokerspiele“ auf einen Repräsentanten der „Ersten Föderation“ getroffen: Commander Balok, der mit einem gewaltigen, kugelförmigen Raumschiff die Grenzen der Ersten Föderation bewachte, gab sich in dieser Folge als furchteinflößend aussehendes Monstrum aus, das die Enterprise zu zerstören drohte. Schlussendlich stellte sich diese Konfrontation als Charaktertest für die Besatzung der Enterprise heraus, den sie erfolgreich bestand, woraufhin Balok ihnen seine in Wahrheit nicht besonders imposante Erscheinung offenbarte. Die Geschichte endete damit, dass der junge Lieutenant Bailey bei Balok blieb, um als inoffizieller Botschafter zwischen den beiden Föderationen zu vermitteln.

Wie sich im Roman „The Face of the Unknown“ nun herausstellt, hat Lieutenant Bailey in fast drei Jahren nur sehr wenig über die Erste Föderation herausgefunden. Jene Spezies, die sich zur Ersten Föderation zusammengeschlossen haben, sind recht verschwiegen und scheuen besonders davor zurück, die Position ihrer Heimatwelten bekannt zu geben. Ein guter Grund dafür offenbart sich, als vertraut wirkende Raumschiffe in einem Raumgebiet auftauchen, das sich in der Nähe beider Föderationen befindet. Die Schiffe sind modulartig aufgebaut, ähneln Baloks kleinerem Pilotschiff, wenngleich die Technologie ähnlich, aber etwas primitiver wirkt. Und diese Schiffe sind voll und ganz auf den Kampfeinsatz abgestimmt und werden von Wesen gesteuert, die exakt so aussehen, wie das Trugbild, mit dem Balok die Enterprise-Crew einst getäuscht hatte! Nur diesmal handelt es sich nicht um mechanische Puppen oder Roboter, sondern um Wesen aus Fleisch und Blut, die Mitglieder des kriegerischen Volkes der Dassik sind und auch nicht davor zurückscheuen, Baloks gewaltiges Kugelschiff anzugreifen.

Wenngleich imposant, sind die Kugelschiffe der ersten Föderation in erster Linie nur Bergbauschiffe, die im Grenzbereich der Ersten Föderation nach Rohstoffen suchen und diese verarbeiten. Und so nimmt das Gefecht erst eine positive Wendung, als die Enteprise dem Kugelschiff zu Hilfe kommt und der an Bord befindliche Lieutenant Bailey das Schiff wieder flugtüchtig machen kann. Doch als die Dassik abziehen, bleibt Commander Balok verschwunden, der zum Zeitpunkt des Angriffs in seinem kleinen Pilotschiff unterwegs war. Dass der Commander noch am Leben ist, schließt die Crew der Enterprise aus einem zielgerichteten Funkspruch, den Balok offenbar sogar vor der Crew seines eigenen Schiffes verbergen wollte. Der empfangene Funkspruch lockt die Enterprise in ein Sonnensystem mit unbewohnbaren Planeten. Zumindest macht es anfangs diesen Anschein. Doch Lieutenant Uhura fallen seltsame Interferenzen auf, die von einem Gasriesen im System ausgehen und als die Enterprise in die dichte Atomsphäre des Riesenplaneten eintritt, machen Captain Kirk & Co eine wahrhaft erstaunliche Entdeckung …

Bei der Entdeckung, die die Enterprise-Crew nach rund einem Sechstel des Romans macht (insofern nehme ich hier in der Rezension nicht allzu viel von der Handlung vorweg 😉 ) handelt es sich um Dutzende kuppelförmige Habitate von jeweils über 1.000 Kilometern Durchmesser, die in einer Atmosphärenschicht des Gasriesen verborgen vor aller Augen schweben. In diesen Habitate leben die Mitglieder der Ersten Föderation. Wie die Enterprise-Crew bei der Kontaktaufnahme mit dem herrschenden Triumvirat erfährt, haben alle Völker, deren Heimatwelten einst vor 12.000 von den Dassik heimgesucht und unbewohnbar gemacht wurden, in den Habitaten des Gasriesen – dem „Weltennetz“ – ein neues Zuhause gefunden. Jahrtausende lang hat man sich bereits vor den Dassik versteckt, wenngleich man diese Aggressoren mit der Zeit für ausgestorben hielt. Doch als nur kurz nach der Enterprise eine kleine Flotte von Dassik-Schiffen auftaucht und die Enthüllung des Weltennetzes droht, zeigen viele der an sich gutmütigen Mitglieder der Ersten Föderation, dass die Angst vor dem mysteriösen, doch nach Jahrtausenden deutlich geschwächten Feind, xenophobe Blüten treibt. Nicht wenige halten die Enterprise-Crew für das Auftauchen der Dassik im Sonnensystem verantwortlich und mancher will das im Kampf beschädigte Sternenflottenschiff überhaupt nicht mehr abfliegen lassen, um ja nicht den geringsten Hinweis darauf zu geben, was sich zwischen den Wolkenschichten des Gasriesen versteckt. Noch kritischer wird die Lage für die Enterprise-Crew, als ein Sturm die Integrität eines Habitats bedroht. Millionen Leben stehen auf dem Spiel und Captain Kirk muss in kürzester Zeit schwerwiegende Entscheidungen treffen. Und wenngleich vor dem Absturz und der Vernichtung des Habitats der Großteil der Bevölkerung in Sicherheit gebeamt werden kann, will das Triumvirat Captain Kirk zum Sündenbock abstempeln. Kirk wird inhaftiert, der Dassik-Kommandant im Orbit aufgrund der atmosphärischen Turbulenzen auf dem Gasriesen misstrauisch und Spock wird von einer oppositionellen Gruppe im Weltennetz offenbart, dass die Vernichtung dieses  einen Habitats nur der Anfang war und dem gesamten Netz in absehbarer Zeit selbst ohne Einwirken durch die Dassik die vollständige Vernichtung droht …

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Nicht nur die Raumschiffe der Ersten Föderation sind von gigantischem Ausmaß.

Fazit: Meine Inhaltszusammenfassung zu dieser Geschichte ist alles andere als kurz und knapp ausgefallen und verrät auch einiges bis ungefähr zur Hälfte des Romans. Dies ist jedoch notwendig, um eine interessante Auffälligkeit zu erläutern. Klarerweise dauert die Umsetzung eines Romans sehr lange, so schildert der Autor im Nachwort, dass er den ersten Entwurf bereits 2008 erstellt hat. Wenngleich die Geschichte in ihren Grundzügen und mit dieser Thematik womöglich schon seit damals in einer Schublade lag, erschien dieser Roman wahrscheinlich rein zufällig zum genau passenden Zeitpunkt. Manch einer wird vielleicht glauben, ich interpretiere zu viel hinein, aber das Verhalten der Verantwortlichen in der Ersten Föderation spiegelt meiner Meinung nach die aktuelle politische Situation der Vereinigten Staaten von Amerika wider. Was sowohl die Führer der Erste Föderation als auch den Präsidenten der U.S.A. gemeinsam haben, ist die Priorisierung der Sicherheitspolitik und in der Folge die Erzeugung von überzogenen Angstgefühlen in Teilen der Bevölkerung gegenüber allem, das fremd ist. Lieber will man sich einigeln, sich vom Rest des Universum abschotten, weil alles von außerhalb eine theoretische Gefährdung darstellen könnte.

Die zweite große Gemeinsamkeit ist die Verleugnung von eindeutigen wissenschaftlichen Fakten. Die Opposition innerhalb der Ersten Föderation hat belegt, dass die Präsenz des über die Jahrtausende ständig ausgebauten Weltennetzes und die Bemühungen, dieses in der Atmosphäre des Gasriesen zu verstecken, Ursachen jener atmosphärischen Turbulenzen sind, die das Habitat zerstört haben. Das regierende Triumvirat weist diese Belege zurück, bezieht sich auf veraltete und falsche Daten und vertritt die Meinung, verheerende Stürme habe es doch immer schon gegeben. Zusammengefasst: Die Regierung leugnet den Klimawandel. Auch dies kommt einen bekannt vor, wenn man an den frisch angelobten U.S.-Präsidenten und dessen Kandidaten für den Posten des Umweltministers denkt.

Regelmäßig haben zur jeweiligen Zeit aktuelle Ereignisse Pate gestanden für die Geschichten, die in den Star Trek-Serien erzählt wurden. Vom Vietnam-Krieg über den Zerfall der U.D.S.S.R. bis hin zum Kampf gegen den Terrorismus war da schon viel dabei und in dieser Hinsicht reiht sich Christopher L. Bennetts „The Face of the Unknown“ hervorragend ein. Die Story ist sehr schlüssig und mit der Verzahnung der beiden Konfliktpunkte – das Verstecken vor den Dassik und die Leugnung der verheerenden Auswirkungen dieses Versteckens – auch sehr gut abgerundet und kompakt. Er verliert sich dadurch nie in Nebenhandlungen, die zu nichts führen. Durch diese Verknüpfung der beiden Hauptthemen bietet Bennett eine Lösung für zwei Probleme an – auch wenn die Lösung nicht jeder der von ihm beschriebenen Charaktere im Triumvirat hören will.

Bennetts Beschreibung des Weltennetzes ist wirklich toll. Unterschiedlichste exotische Orte in einem beeindruckenden Ambiente, bevölkert von vielen verschiedenen Spezies. Und es ist kein Nachteil, dass er sich im Lauf der Erzählung auf vier oder fünf Spezies der Ersten Föderation beschränkt, die er etwas stärker herausarbeitet. Der Eindruck, dass die Erste Föderation eine bunte Mischung ist (man könnte das Wort „Einwanderernation“ verwenden), wird dadurch nicht gemildert.

Wie schon in seinem letzten „Enterprise“-Roman beschreibt Bennett auch diesmal wieder einen Zusammenschluss unterschiedlichster Völker und einmal mehr auch sie bedrohende Katastrophen, bei denen die Helden der Sternenflotte hilfreich einschreiten. Die Beschreibung eines Katastrophenszenarios ist jedoch nicht unbedingt eine Stärke von Bennett. Er ist eindeutig besser darin, fremde Welten aufzubauen. In ihrer Vernichtung sind andere Star Trek-Autoren wesentlich stärker. Und so zieht sich dieser Teil der Geschichte doch ordentlich in die Länge. Die Hauptcharakter aus „The Original Series“ hat Bennett sehr gut getroffen, allerdings arbeitet er beinahe nur mit dem, was ihm die TV-Serie zur Verfügung gestellt hat. Mit der Ausnahme von Spock, dem er zu einer interessanten Selbsterkenntnis verhilft. Wenngleich Bennett das Prinzip der Ersten Föderation in diesem Roman enorm ausbaut und neu definiert, fällt vor allem beim Charakter Balok besonders deutlich auf, dass Bennett hier das Wenige, das über Balok bekannt ist, immer und immer wieder ausspielt. Entweder lacht er überschwänglich oder er schwärmt für sein Schiff. Selbiges gilt für Lieutenant Bailey, der sich zwar ein wenig beruhigt hat, aber immer noch im Großen und Ganzen jener Heißsporn ist, den man in „Pokerspiele“ gesehen hat. Auch die Dassik erinnern in ihrem Verhalten etwas zu deutlich an die Klingonen. Wären da nicht die 12.000 Jahre zurückliegenden Begebenheiten gewesen, hätten auch die Klingonen diese Rolle ausfüllen können.

Zum Ausklang des Romans knüpft Bennett übrigens an den Roman „The Latter Fire“ an, der vor einem Jahr erschien, aber zeitlich unmittelbar nach „The Face of the Unknown“ angesiedelt ist. So bahnt sich hier Chekovs Abschied von der Enterprise und sein Ersatz durch Lieutenant Arex bereits an. Die ebenfalls aus der Zeichentrickserie bekannte M’Ress wird von Uhura am Kommunikationspult angelernt, Kirk gewöhnt sich an den kürzlich eingerichteten zweiten Zugang zur Bücke und von der Ersten Föderation wurde zum Dank ein holografischer Simulationsraum auf der Enterprise eingerichtet. Der Schluss ist also ein kleines Fest für Fans, die auch die Star Trek-Zeichentrickserie zu schätzen wissen.

Bewertung: „The Face of the Unknown“ ist ein wirklich hervorragender Roman, der dem Motto der Serie gerecht wird, indem er „fremde neue Welten und neue Zivilisationen“ vorstellt. Der Gegenwartsbezug zur aktuellen Administration in den U.S.A. ist ebenfalls sehr interessant. Kleine Abzüge gibt es für die etwas langatmigen Beschreibungen von Katastrophenszenarien und Action-Sequenzen. An diesen Stellen habe ich das Buch doch recht rasch immer wieder mal aus der Hand gelegt. Diese Sequenzen hätte man durchaus spannender umsetzen können. Und wenngleich die „Stimmen“ der Hauptcharaktere hervorragend getroffen waren, war über die Gesamtlänge des Romans doch ein wenig zu viel Wiederholung  dabei. Aber gute 5 Sterne verdient sich der Roman auf alle Fälle!

5stars

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Ein Kommentar zu “Rezension: TOS – „The Face of the Unknown“

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