Rezension: „Night School” – Ein Jack-Reacher-Roman

Mit „Night School“ endet nach etwas über drei Jahren vorläufig mein Ausflug in die Welt Jack Reachers. Und ich muss schon sagen, dass ich durchaus froh darüber bin, mit dieser Reihe abzuschließen, die in den letzten paar Romanen ein bisschen Verschleiß erkennen ließ und auch die Charakterisierung der Hauptfigur etwas abwandelte. Ja, Jack Reacher war immer einer, der aneckte. Aber anfangs gelang es dem Autor, Reacher gleichzeitig sympathisch darzustellen. Das ging aber in den vergangenen Romanen zunehmend verloren und damit sank auch das Interesse an diesem Charakter. Wobei der tolle Roman „The Affair„, der während Reachers Militärzeit angesiedelt war, vermuten ließ, dass Reachers unsympathisches Auftreten eine Alterserscheinung sein könnte. Insofern hatte ich gehofft, in „Night School“ den „sympathischen Major Reacher“ wiederzusehen. Doch leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht.

nightschool

Wir schreiben das Jahr 1996, Jack Reacher kommt gerade von einer Geheimmission aus Ex-Jugoslawien zurück, lässt das übliche Prozedere einer Medaillenverleihung über sich ergehen und rechnet mit der Erteilung eines neuen Auftrags … der jedoch so gar nicht seinen Erwartungen entspricht: Er wird zur Schule geschickt! Genauer gesagt zu einem Kurs, der irgendwo abgelegen im Hinterland Virgians stattfindet und der die Zusammenarbeit der Behörden verbessern soll. Blödsinn natürlich. Kaum sitzt Reacher mit einem CIA- und einem FBI-Mann zusammen wird ihnen klar, dass der angebliche Kurs nur Fassade ist. In Wahrheit sollen sie als Vertreter ihrer Behörden die Hintergründe eines besorgniserregenden Zwischenfalls ermitteln, von dem jedoch kaum etwas bekannt ist: Ein Informant in Hamburg hat lediglich erfahren, dass sich der Kurier einer neuen afghanischen Terrororganisation in Hamburg mit einem namenlosen Amerikaner getroffen hat, der der Organisation etwas angeboten hat – für schlappe 100 Millionen Dollar!

Natürlich hat diese Information in Washington einige Leute alarmiert, die u.a. Reacher nun mit Nachforschungen betrauen. Dank freier Hand bei der Auswahl seiner Mitarbeiter lässt sich Reacher Sergeant Frances Neagley aus seiner Militärpolizei-Einheit zur Seite stellen, die gemeinsam mit ihm nach Hamburg fliegt, um sich dort eine Übersicht zu verschaffen. Während ihres Aufenthalts müssen sie aber enorm aufpassen, kein Aufsehen zu erregen, um einerseits ihren Informanten nicht zu gefährden oder den unbekannten Amerikaner – statistisch wahrscheinlich ein Soldat – zu verscheuchen, ehe dieser sich erneut mit dem Kurier treffen kann. Aber Aufsehen zu vermeiden, war noch nie Jack Reachers Stärke …

Fazit: Okay, beginnen wir mit dem Positiven. Mir gefiel die Darstellung der Polizeiarbeit in diesem Roman ausgesprochen gut. Die Ermittlungen fand ich sehr schlüssig, das Vorgehen – sowohl von Reacher & Neagley als auch der Hamburger Polizei – sehr professionell und zielgerichtet. Die Ermittlungsarbeit ist die treibende Kraft hinter der Story, abwechselnd mit den Schauplatzwechseln zu den Kurieren und deren Auftraggebern. Autor Lee Child hat es sehr gut verstanden, den Zeitdruck zu vermitteln, unter dem die einzelnen Personen stehen. Abwechselnd bekommt man mit, wie die Ermittler versuchen einen Rückstand aufzuholen während die Gejagten versuchen, der sich – manchmal langsamerer, manchmal schneller – zuziehenden Schlinge zu entkommen. Die Nebenereignisse – wie der Mord an einer Prostituierten, das Auftauchen hervorragender Ausweisfälschungen oder Kontakte eines Polizisten zu einem zwielichtigen deutschen Unternehmer – die nicht für jeden der Charaktere ersichtlich mit dem eigentlichen Fall zu tun haben, werden sehr gut in die Geschichte eingewoben. Das ergibt am Schluss eine schöne, runde Sache, ist wirklich gut geplant gewesen.

Als neutral erachte ich den Deal, den der Amerikaner vorschlägt. Um was es sich handelt, das er verkaufen will, werde ich in dieser Rezension nicht verraten, aber ich bin mir sicher, dass es vielen Lesern als zu weit hergeholt erscheinen mag, das das U.S. Militär auch nur die Möglichkeit offen lässt, dass so etwas auf den Markt kommt. Auch mir kam der Gedanken, dass Lee Child hier wohl diesen oder jenen Film zu oft gesehen hat. Aber so wirklich in unserer Realität ist „Night School“ wohl sowieso nicht angesiedelt. 😉

Okay, 1996, Hamburg. Zugegeben, ich war nicht dort. Und keine Zeit war jemals perfekt und wird perfekt sein, aber gerade die späten Neunziger habe ich als doch eher „gute“ Ära Mitteleuropas in Erinnerung. Wie Hamburg im Jahre 1996 aber von Lee Child in diesem Roman beschrieben wird, erinnert etwas an die Darstellung des heutigen Deutschlands durch einen gewissen Präsidenten am Bosporus. 😀 Okay, fassen wir mal zusammen: Statistisch gesehen wohnte in Deutschland 1996 in zumindest jeder 200. Wohnung ein Schwerverbrecher. Nazi-Organisationen planten einen Putsch gegen die Regierung und hatten Spitzel in der Polizei – nicht umgekehrt. Deutsche Großstadtbürger waren es gewohnt, wenn sich alle paar Tage in ihrem Umfeld eine große Explosion ereignete und gerieten nicht in Panik. Auf der Reeperbahn fanden Sodomie-Live-Shows statt … die von außen ersichtlich über Plakate in Schaufenstern beworben wurden.

Soweit so schlecht. 😀 Ich denke, diese Darstellung hat nicht viel mit der Realität zu tun, aber vielleicht irre ich mich ja auch. Allerdings will ich Lee Child hier gar nicht vorwerfen, wirklich „Fehler“ gemacht zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Beschreibungen Mitteleuropas bei vielen seiner amerikanischen Leser sehr gut ankommen. Schon interessant: Blicke ich auf Childs vorangegangen Romane zurück, so hat er zwar so einige amerikanische Orte beschrieben, die genauso abgründig sind wie Hamburg in „Night School“. Nur interessanterweise waren diese amerikanischen Orte dann meistens fiktiv.

Aber auch wenn man die Darstellung Hamburgs mal außen vor lässt, findet man doch so manches im Roman, das schlecht recherchiert wirkt bzw. einfach für die Ermittler günstig konstruiert. Was mir spontan einfällt ist die Lektion darüber, wie Menschen beim Entwenden eines Aktenordners aus einem Regal zwangsläufig einen Fingerabdruck auf dem Ordner daneben hinterlassen. Ich als Büroarbeiter frage mich, ob sich Lee Child der Existenz von Aktenordnern mit Griffloch bewusst ist. Ja, es gibt auch welche ohne Griffloch. Aber meiner Erfahrung nach verfügen 90 % der Aktenordner im Handel über dieses praktische Merkmal. Schon interessant wenn man bedenkt, dass Child seine Ermittler sehr gerne aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten auf die richtige Spur bringt. 😉 Und auch das Öffnen einer Wohnungstür in einem deutschen Neubau mit einer Kreditkarte erschien mir nicht unbedingt glaubwürdig – aber natürlich fehlt mir in diesem Bereich jedwede praktische Erfahrung. 😉

Bewertung: Also im Grunde hat mir der Fall und die ganze Ermittlungsarbeit, wie sie im Roman geschildert wurde, sehr gut gefallen. Wie die einzelnen Handlungsstränge zusammengeführt wurden kann sich ebenfalls sehen lassen. Der Spannungsaufbau war sehr gelungen. Aber so nebenbei hatte ich als Leser ständig den Eindruck, als stolpere der Autor in einer Tour ohne es zu bemerken von einem Fettnäpfchen ins nächste wenn er die Umgebung beschreibt, in der sich Reacher bewegt. Ein Reacher, der in diesem Roman recht zwiespältig rüberkommt. Mir gefällt seine Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei. In eine Schlägerei mit Anhängern des rechten Rands verwickelt, kommt es aber nicht so gut an, dass er auf deren Niveau sinkt und dieses nach seinem „Triumph“ sogar noch unterbietet. (Wenn Reacher wissen will, wie es sich anfühlt, einen Krieg zu verlieren, hätte er dafür nicht nach Hamburg fliegen und einen Deutschen fragen müssen; ein Army-Veteran hätte ihm das auch sagen können.)

Ich kann es nicht anders ausdrücken, aber für mich hat der Autor hier einfach zu viele schlechte Entscheidungen beim Ausschmücken getroffen, die von der eigentlich ganz unterhaltsamen Krimi-Story massiv ablenken. Das macht den Roman auch schwer zu bewerten, weil das Wesentliche ja doch ganz gut gelungen ist, das Unwesentliche aber arg aus dem Ruder gelaufen ist. Ich glaube, eine Durchschnittswertung von 3 Sternen kann ich vertreten. Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Roman für manche Deutsche als Kuriosum oder Parallelwelt-Geschichte interessant sein könnte. 😀

3stars

Anmerkung: Neben den bislang erschienenen 21 Romanen hat Lee Child auch noch 4 Kurzgeschichten  über Jack Reacher verfasst.

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