Rezension: Comic – „Der Papyrus des Cäsar“

Es wird höchste Zeit, ein kleines Versäumnis meinerseits nachzuholen. Denn obwohl bereits im kommenden Oktober der 37. Band erscheint, hatte ich in den vergangenen beiden Jahre doch völlig vergessen, Asterix-Band Nr. 36 zu rezensieren, was ich nunmehr nachholen möchte.

asterix-36

Bereits der 35. Band „Asterix bei den Pikten“ läutete ein neues Zeitalter der Asterix-Comics ein: Illustrator Albert Uderzo ließ den jahrzehntelangen Versuch bleiben, ohne seinen bereits 1977 verstorbenen Partner René Goscinny weitere Geschichten der tapferen Gallier zu Papier zu bringen und übergab die Reihe in die Hände von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad. Und wenngleich man deren erstem Werk „Asterix bei den Pikten“ durchaus vorwerfen konnte, mit einem typischen Reiseabenteuer keinerlei Risiko eingegangen zu sein, überzeugte mich das Endergebnis. 

Der 36. Band „Der Papyrus des Cäsar“ ist inhaltlich anders angelegt. Ferri und Conrad konzentrieren sich diesmal auf den gallisch-römischen Konflikt und thematisieren Julius Cäsars Werk „Commentarii de Bello Gallico“ – seine Kommentare zum gallischen Krieg – und erklären in dieser Geschichte augenzwinkernd, warum man in diesem historischen Schriftstück keine Erwähnung eines Dorfes voller Unbeugsamer findet. Wie wir in diesem Comic erfahren, beinhalteten die Kommentare ursprünglich durchaus ein kritisches Kapitel über Cäsars Rückschläge in Aremorica. Doch sein Verleger Syndicus riet ihm erfolgreich von der Veröffentlichung ab und machte sich sofort ans Werk, jede Vervielfältigung dieses Kapitels zu vernichten. Was ihm aber nicht ausnahmslos gelingt: Einer der stummen, numidischen Schreiber entwendet heimlich eine Schriftrolle und spielte sie aus Solidarität mit dem gallischen Volk einem Kolporteur aus Lutetia zu. Der sensationshungrige Polemix macht sich für eine ausgedehnte Reportage natürlich sofort auf den Weg zum Dorf der Unbeugsamen und findet dort Schutz vor Syndicus‘ Eliteeinheit, die die Papyrusrolle wiederbeschaffen soll, ehe Cäsar von ihrem Verschwinden Wind bekommt. Doch entgegen Syndicus‘ Befürchtungen und Polemix‘ Hoffnungen haben die Dorfbewohner gar nicht vor, den brisanten Text einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Stattdessen soll er sich zu vielen weiteren mündlichen Überlieferungen gesellen, die die Druiden von Generation zu Generation weitergeben und so begleiten Asterix und Obelix ihren Druiden Mirculix einmal mehr zum Karnutenwald …

Fazit: In ihrem zweiten Band entfernen sich Ferri und Conrad also vom klassischen Schema eines Reiseabenteuers, sind in Sachen Story etwas mutiger und integrieren ein zeitgenössisches Thema. Vor allem Anspielungen auf elektronische Kommunikation wie auch – zum Zeitpunkt des Erscheinens des Comics noch mehr als heute – das Whistleblower- und WikiLeaks-Thema. Allerdings sind diese Anspielungen – sowohl textlich als auch visuell – nicht dermaßen aufdringlich, dass Edward Snowden oder Julian Assange tatsächlich 1:1 vorkommen würde. Uderzo hätte dieser Versuchung bestimmt nur schwer widerstehen können. Generell kann man Ferri und Conrad guten Gewissens attestieren, ein sehr gutes Gespür für Anspielungen zu haben.  Sicher sind sie nur schwer zu übersehen bzw. zu überlesen, aber sie sind auch nicht übermäßig aufdringlich oder gar ablenkend, wie es in manch anderen Asterix-Comics der nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit der Fall war. Nicht plumper Hinkelstein, sondern feine Sichelklinge lautet die Devise.

Die Geschichte unterhält sehr gut und ich finde es passend, dass die Gallier – stur wie sie nun mal sind – ihren eigenen Weg zwischen Vertuschung und Sensationsjournalismus gehen. Jedoch … nun ja, zum Erscheinungszeitpunkt dieses Comics im Jahre 2015 war es natürlich noch kein Thema, aber die Twitter-Vögelchen riefen zumindest bei mir indirekt eine betrübliche Assoziation hervor zwischen der Weigerung der Gallier, dem geschriebenen Wort zu trauen und einem gewissen Twitter-Nutzer in den Vereinigten Staaten von Amerika, der ebenfalls nicht viel von Nachrichten hält. (Außer er setzt sie selbst in die Welt und sie haben nicht mehr als 140 Zeichen.)

Aber vertreiben wir schnell diese dunkle Wolke, kommen wir wieder auf den ansonsten guten Unterhaltungswert von „Der Papyrus des Cäsar“ zurück. Dieser gründet sich teils auf den erwähnten Anspielungen und teils auf das Gezänk der Gallier, das sich auf das Horoskop in einem Magazin stützt. Tatsächlich bietet diese Szene am Beginn die Basis für einige Running-Gags, sie besitzt also einen erstaunlich langen Atem und prägt die Dialoge. Jean-Yves Ferri hat auch hier wieder die Charaktere sehr gut getroffen und Didier Conrads Zeichnungen sind sowieso von jenen Uderzos so gut wie gar nicht zu unterscheiden.

Sowohl Figuren als auch Schauplätze sind in „Der Papyrus des Cäsar“ weitgehend bekannt, aber beim Karnutenwald haben sich die Erschaffer ein paar nette Ideen einfallen lassen. (Interessant aber, dass Asterix und Obelix den Wald so einfach betreten durften. Das übliche Warnschild „Für Nicht-Druiden verboten!“ gibt es zwar auch in diesem Comic, aber darauf eingegangen wird nicht.)

Bewertung: Die Geschichte ist ein wenig abseits der üblichen Wohlfühlzone eines Reiseabenteuers, aber Ferri und Conrad meistern sie meiner Meinung nach sehr gut und haben vernünftige Entscheidungen getroffen. Das Humorlevel ist dank der Running-Gags dauerhaft gegeben, aber der ganz große Brüller war leider nicht dabei. Trotzdem haben die beiden „Neulinge“ auch in ihrem ersten Nicht-Reiseabenteuer eine absolut solide Leistung erbracht, dessen Ergebnis ich gute 4 von 5 Sterne verleihe.

4stars

Für mich selbst überraschend entspricht dies einem Stern weniger als ich „Asterix bei den Pikten“ gegeben habe, aber ich habe mir auch diesen Band nochmals durchgesehen und kam zu dem Schluss, dass ich das Reiseabenteuer – auch wenn man es „banal“ schimpfen möchte – einfach lustiger fand und der  Schauplatz Schottland visuell mehr Interessantes bot.

Anmerkung: Der 37. Band mit dem Titel „Asterix in Italien“ erscheint am 19. Oktober 2017.

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