Rezension: Comic – Boldly go #11 + #12

Schon die Comics der „Ongoing“-Reihe griffen – vor allem in ihren ersten Geschichten – hin und wieder auf Abenteuer aus der klassischen Star Trek-Serie zurück und Autor Mike Johnson adaptierte sie dann in neuer Form für die Kelvin-Zeitlinie. Auch die „Ongoing“-Nachfolgeserie „Boldly go“ tat dies bereits einmal mit der TOS-Folge „Reise nach Babel“ in den Ausgaben #7 und #8 und erneut ist es diesmal eine zweiteilige Story, die ihre Wurzeln ganz klar in der klassischen Star Trek-Serie hat.

In der Folge „Wen die Götter zerstören“ aus der dritten Staffel der klassischen Serie haben wir Captain Garth von Izar kennengelernt, einen einst gefeierten aber mittlerweile in Ungnade gefallenen Sternenflottenoffizier. „Boldly go #11“ erzählt uns in Episoden Garth‘ Vorgeschichte: Es beginnt damit, dass er zehn Jahre vor den aktuellen Ereignissen als Kommandant der U.S.S. Heisenberg im Orbit des Planeten Axanar durch ein herausragendes Manöver einen klingonischen Schlachtkreuzer vernichten kann. Drei Jahre später referiert er über die Schlacht und darüber, dass ihr glücklicherweise kein Krieg gefolgt ist. Bei dieser Gelegenheit wird Garth von Captain Pike ein Kadett namens James T. Kirk vorgestellt. Weitere vier Jahre später ist die U.S.S. Heisenberg im Orbit des Planeten Antos IV und da es die Bewohner nur einem einzigen Repräsentanten der Föderation gestatten, ihren Planeten zu betreten, beamt Captain Garth alleine hinunter. Und so geschieht das, was das Schicksal wohl in jeder Zeitlinie für Garth vorgesehen hat: Es kommt zu einer schrecklichen Transporter-Fehlfunktion und der deformierte, leblose Körper des Captains materialisiert auf dem Planeten.

Zeitsprung in die Gegenwart: Nach ihrem Abstecher nach Babel hat die U.S.S. Endeavour unter Captain Kirks Kommando ihre Forschungsmission wieder aufgenommen – die jedoch abrupt gestört wird, als sich ein kleines Raumschiff nähert, das von einem Kind namens Thalia gesteuert wird und Kirk nur allzu gut bekannt ist. Denn in einem früheren Abenteuer („Ongoing“-Ausgaben #43 bis #45) war Kirk ihrer Mutter – der Weltraumpiratin Eurydice – begegnet. Eurydice ist auf dem Planeten Antos IV spurlos verschwunden und so ist Thalia ihren Anweisungen für einen solchen Fall gefolgt und bittet Captain Kirk um Hilfe. Da er und Eurydice damals offenbar im Guten auseinander gegangen sind (Anmerkung: Ich selbst habe diese drei „Ongoing“-Comics nicht gelesen, mutmaße hier also nur), lässt Captain Kirk Kurs auf Antos setzen, wo er nach kurzer Verhandlung mit einem Regierungsvertreter erwirkt, zusammen mit Thalia auf den Planeten beamen zu dürfen um nach Eurydice zu suchen.

Erstaunlicherweise finden sie die Piratin beinahe genau an jener Stelle, wo Thalia sie zuletzt gesehen hatte. Kirk ist anfangs zufrieden damit, wie leicht sich dieses Problem lösen ließ, doch anstatt zu ihrer Mutter zu laufen, wendet sich Thalia erschrocken ab mit der Behauptung, dies sei nicht ihre Mutter und rennt fort. Kirk und Eurydice folgen ihr, doch zu Kirks Überraschung führt die Piratin ihn in eine dunkle Gasse, wo sie ihn ohne Vorwarnung niederschießt. Und doch materialisiert der Captain nur kurz darauf im Transporterraum der Endeavour, berichtet von einer reibungslosen Familienzusammenführung und lässt Kurs auf die U.S.S. Heisenberg setzen …

Fazit: Für Kenner der Vorlage ist es natürlich keine große Überraschung, dass sich nicht Captain Kirk zurück auf die Endeavour gebeamt hat, sondern Captain Garth, der dank einer antosianischen Regenerationstherapie nicht nur den Transporterunfall überlebt hat, sondern dank der Therapie auch die Fähigkeit erlangt hat, andere Gestalten anzunehmen. So konnte er zuerst Eurydice und dann Kirk imitieren. Überraschender ist vielleicht, dass trotz des starken Fokus auf Thalia und Eurydice es gar nicht notwendig ist, die zweeinhalb Jahre zuvor erschienenen drei „Ongoing“-Comics über die beiden zu lesen. Ich habe sie wie erwähnt auch noch nicht nachgeholt, aber auch wenn es in diesem „Boldly go“-Zweiteiler keine ausführlichen Information darüber gibt, was damals geschehen ist, ist der Umgang zwischen Kirk, Eurydice und Thalia wirklich selbsterklärend. Eurydice mag ein bisschen ruppig sein, aber Kirk hegt eindeutig große Sympathie für das unabhängige Mutter-Tochter-Gespann. Das wird von Anfang an klar (und somit lange Zeit vor den mehr als eindeutigen letzten Panels des Comics 😉 ) und weckt auch mein Interesse, dies Vorgeschichte demnächst mal zu lesen.

Die vorab durch die TOS-Folge „Wen die Götter zerstören“ bekannten Ereignisse rund um Captain Garth vermeintlichen Tod und seine Umwandlung spielen hingegen eine deutlich vordergründigere Rolle. Zuerst dachte ich ja, die Geschichte des Comics würde wesentlich anders ablaufen als das, was die TOS-Folge implizierte. Immerhin war in der Serie die Rede davon, dass Garth in einem Wahn nach seiner Rettung die Antosianer auslöschen wollte. Im Comic hingegen jagt er zuerst der Crew der Heisenberg hinterher um sich dafür zu rächen, dass man ihn vermeintlich tot auf Antos zurückließ. Anderseits könnte es durchaus sein, dass im Prime-Universum die Geschehnisse gar nicht so anders abgelaufen sind, lediglich die Endeavour  die Rolle der Heisenberg übernommen haben könnte, es sich in der ursprünglichen Zeitlinie somit für Garth erübrigt hätte, der Heisenberg nachzujagen. Aber unabhängig von der Zeitlinie landet Garth am Schluss jedenfalls auf Elba II in einer Einrichtung für geistig abnorme Rechtsbrecher. Zusammen mit Andorianern, Tellariten und einer Orionerin. Die Anspielungen auf die klassische Star Trek-Folge sind erstaunlich vielfältig in diesem Comic. Sogar der Schachzug wird untergebracht.

Es wäre noch sehr interessant gewesen zu erfahren, wie es dazu kam, dass Garth Leichnam auf Antos verblieb und die Antosianer es der Sternenflotten nicht mitteilten, dass sie Garth zu heilen vermochten. Aber ich kann den Zeitsprung nach vorne aus dramaturgischer Sicht ganz gut verstehen. Ich hätte mir die Antosianer allerdings etwas verschlossener vorgestellt und auch wenn sie nur immer einen Vertreter einer außerirdischen Delegation auf ihrem Planeten erlauben, kommt mir ihr Marktplatz etwas zu kosmopolitisch bevölkert vor.

Zeichnerin Megan Levens steuert nach dem Babel-Zweiteiler wieder die Grafiken bei. Ihr Stil wirkt sehr einfach und wie ich schon mal erwähnte „verniedlicht“ sie die Charaktere ein wenig, sie bleiben aber auf jeden Fall absolut erkennbar. Und eine gewisse Niedlichkeit ist vor allem bei Thalia nicht verkehrt. Vor allem wenn die Kleine am Beginn von Ausgabe #12 ihren großen Auftritt hat. 😀 Die U.S.S. Endeavour hätte Levens aber etwas besser treffen können. Man merkt, dass sie sich zu sehr an der Enterprise als Vorlage orientierte, aber die Endeavour unterscheidet sich in mancher Hinsicht doch deutlich von der Enterprise. Das war ein bisschen schlampig. Sogar die Cover der beiden Comics zeigen die Enterprise.

Bewertung: Der Zeitsprung und die folgende Darstellung von Antos wirft ein paar Fragen auf, aber sicher keine unerklärbaren. Ansonsten gefiel mir die Geschichte erstaunlich gut, denn ich war zuerst skeptisch, eine „Fortsetzung“ zu lesen, ohne deren Ursprung zu kennen. Aber zum Glück benötigte zumindest ich keine Vorkenntnisse, um  die beiden Gastcharaktere Eurydice und Thalia zu mögen. Und Captain Garth‘ Vorgeschichte vor seinem Unfall war ganz mitreißend erzählt und bei der Darstellung der Fehlfunktion brilliert auch Zeichnerin Levens, die verdeutlicht, welch Horror Garth erlebt hat. Insgesamt fühlte ich mich gut unterhalten, die Story war zwar teilweise schon bekannt, aber die Anspielungen auf TOS gefielen mir ebenso wie der Humor, den vor allem Thalia reingebracht hat. 5 von 6 Sterne! 

5stars

Anmerkungen: 

Die Darstellung der Rückblicke ist wirklich sehr gut gemacht mit großer Rücksicht auf die Designs der jeweiligen Zeit. So trägt die Crew der U.S.S. Heisenberg während der Schlacht von Axanar noch jene blauen Uniformen, die wir von der U.S.S. Kelvin kennen. Ein paar Jahre später auf der Akademie entsprechen die Darstellungen ebenfalls der Zeit mit passenden Unformen und auch Schauplätzen. Mit dem Sprung in die Gegenwart nach „Beyond“ ist dann die Palette der Dienstuniformen der neuen Zeitlinie komplett!

Da „Discovery“ im Prime-Universum angesiedelt ist und nicht in der Kelvin-Zeitlinie, sollte man nicht unbedingt Parallelen nach dem Universumssplit suchen, aber mir fiel doch auf, dass die U.S.S. Heisenberg zumindest an der Oberseite der U.S.S. Europa aus dem „Discovery“-Pilotfilm etwas ähnelt. Vermutlich aber nur ein Zufall.

Ohne das Buch empfehlen zu wollen, möchte ich zumindest darauf hinweisen, dass es auch einen Roman gibt, der die TOS-Folge „Wen die Götter zerstören“ fortsetzt. Im Jahr 2013 habe ich den „Garth of Izar“ rezensiert, der mich allerdings nicht zu beeindrucken vermochte.

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