Rezension: „Origin“

Vier Jahre nach dem letzten Robert Langdon-Abenteuer „Inferno“ erschien nun kürzlich der neueste Roman von Dan Brown. Abermals schickt er den Symbologen und Experten für Codes raus aus dem Hörsaal und – wie könnte es anders sein? – mitten hinein in in ein Mordkomplott rund um ein sagenumwobenes Mysterium.

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Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Über diese Fragen philosophiert die Menschheit wohl seit sie denken kann und einer von Langdons einstigen Schülern – Edmund Kirsch, der es inzwischen zum Multimilliardär auf dem Computersektor gebracht hat und ein hohes Ansehen für seine Zukunftsprognosen genießt – behauptet, auf diese Fragen unwiderlegbare Antworten gefunden zu haben. Um sie der Menschheit zu präsentieren, lädt Kirsch eine Reihe ausgewählter Persönlichkeiten ins Guggenheim-Museum nach Bilbao ein. Darunter auch Robert Langdon, der – über Kopfhörer wie die anderen Gäste mit einem persönlichen Guide verbunden – zuerst sehr interessiert und unbesorgt das Museum durchstreift. Doch als unmittelbar vor Beginn der Präsentation Kirsch ein Gespräch unter vier Augen mit ihm führt, wächst die Besorgnis, denn Langdon erfährt hier, dass Kirsch seine Präsentation nur wenige Tage zuvor drei hohen Vertretern von Weltreligionen gezeigt hat, die naturgemäß wenig angetan von Kirsch Erkenntnissen waren. Denn ein wissenschaftlicher Beweis für den Ursprung und die Weiterentwicklung der Menschheit, würden viele Antworten, die die Religionen bislang exklusiv anbieten, obsolet machen.

Kirsch‘ Furcht, religiöse Vertreter könnten versuchen, seine Präsentation zu stören, erweist sich als durchaus begründet. Nach einem einstimmenden multimedial dargebotenen Prolog betritt Edmund Kirsch erstmals die Bühne vor seinen versammelten Gästen – und wird prompt von einem von ihnen erschossen, noch ehe er den wichtigsten Teil seiner Präsentation von einem privaten Server runterladen kann.

Chaos bricht aus, die Königliche Garde, die vorrangig anwesend ist, um die Direktorin des Museums zu beschützen, die demnächst den spanischen Kronprinzen ehelichen soll, übernimmt das Kommando am Tatort, der Attentäter kann jedoch entfliehen. Aus dieser Situation heraus – und dem Umstand, dass auch bereits einer der drei Geistlichen ermordet wurde – wird Langdon von seinem Guide die Verantwortung übertragen, den Rest der Präsentation online zu stellen, ehe jeder ins Geheimnis Eingeweihte am Ende dieser Nacht als Leiche endet. Um seiner Aufgabe nachzukommen, muss Langdon nicht nur ein 47stelliges Passwort knacken, sondern auch dem Attentäter entkommen, der sich an seine Fersen heftet …

Fazit: „Origin“ erweist sich als ganz typisches Abenteuer, das Dan Brown für seinen Helden Robert Langdon ersonnen hat. Die Einladung ins Museum und dann die Reise weiter nach Barcelona bis hin zu den Katakomben und Türmen der Sagrada Familia bieten wieder einmal einen perfekten Vorwand, uns faszinierende Orte und Kunstwerke in vielen Details zu beschreiben. Als Leser fällt es sehr leicht, sich alles bildlich vorzustellen und Dan Browns Romane animieren auch oft dazu, sich mit dem einen oder anderen danach noch etwas genauer zu beschäftigen.

Während Brown also wieder hervorragend den Reiseführer spielt, kommt die Spannung diesmal aber zu kurz. Es ist sehr früh klar, was Langdon unternehmen muss und die übliche Schnitzeljagd fällt diesmal eigentlich ziemlich kurz aus. Es gibt in „Origin“ nicht allzuviele Schauplätze, an denen Langdon aber – zusammen mit den obligatorischen attraktiven „Langdon-Girl“ – im Gegenzug dafür einfach länger verweilt. Auf den Nebenschauplätzen kommt man etwas weiter herum, von weiteren Schauplätzen in Spanien bis hin nach Budapest. Aber die ganz große Dringlichkeit für Langdon entsteht eher künstlich herbei geführt durch „Fake News“. Lange Zeit hat er mehr damit zu tun, Reportern aus dem Weg zu gehen als Leuten, die ihn umbringen wollen. (Von denen es in diesem Roman erstaunlich wenige gibt.)

Kritik an der Online-Welt, Verschwörungstheorie-Homepages, bewusst eingesetzte Fehlinformation etc. ist als Motiv für die Geschichte deutlich erkennbar genauso wie der erhobene Zeigefinger am Ende der zumindest für mich nicht besonders überraschenden Auflösung – die ich an dieser Stelle aber trotzdem nicht verrate. 😉 Nur soviel, dass die Handlung für meinen Geschmack etwas zu weit in Richtung Science-Fiction abdriftet. Diese Tendenz ist zwar aus der Handlung heraus begründet, aber beißt sich doch ein wenig mit dem Ambiente und der Stimmung des Romans.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Antwort auf diese Frage wird dem Leser ebenfalls präsentiert, aber es bleibt jedem überlassen zu entscheiden, ob diese wirklich so unwiderlegbar sind, wie der fiktive Zukunftsforscher Edmund Kirsch behauptet.

Schade ist auch, dass Langdon seine kombinatorischen Fähigkeiten nur in geringem Maße einsetzen kann. Hier und da eine Anekdote, aber im Wesentlichen hat er nicht viel mehr zu tun, als die Lösung eines ganz bestimmten Rätsels zu finden, anstatt dass ihn die Auflösung zu einem weiteren Rätsel führt. Ein Symptom dieser Unterbeschäftigung seines Hauptcharakters ist auch, dass Dan Brown ein paar weitere kleine Anekdoten einfach so nebenbei einstreut. Diese sind durchaus sehr interessant und Langdon hat recht, dass man den versteckten Pfeil im „FedEx“-Logo nie mehr übersehen wird, wenn man ihn mal entdeckt hat. Aber mit der Story haben solche Informationen gar nichts mehr zu tun.

Bewertung: Nachdem mir „Inferno“ ausgesprochen gut gefiel, ist „Origin“ wieder ein Rückschritt. Auf vergleichbarem Niveau wie „Das verlorene Symbol“, vielleicht sogar eine Spur schwächer was die Spannung angeht, dafür etwas stärker, was die vermittelte Faszination für die Schauplätze angeht. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass die Charaktere die meiste Zeit auf Sparflamme unterwegs sind, weil kein allzu großer Zeit- oder Leistungsdruck auf ihnen lastet.

Sicher rätselt man darüber, was das Attentat auf Kirsch, die fast zeitgleiche Ermordung von Geistlichen in anderen Teilen der Welt und die Intrige, die im spanischen Königspalast vor sich geht, miteinander zu tun haben. Aber der Funke mag nicht so recht überspringen. Als Leser bekam zumindest ich nicht das Gefühl, jetzt sofort immer die Auflösung der diversen mysteriösen Vorgänge wissen zu wollen. Das liegt auch an der Struktur der Handlung: Für Langdon, der rasch eine klar definierte Aufgabe bekommt und in seinem eigenen kleinen Kosmos agiert, ist es relativ egal, was sonst wo passiert. Er ist so geradlinig unterwegs, dass die Rätsel auf den Nebenschauplätzen ihn bei seiner eigenen Mission kaum berühren. Daher gebe ich „Origin“ lediglich 3 von 6 Sterne. Ein solider Thriller, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Dan Brown-Romanen ohne das „gewisse Etwas“.

3stars

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