Rezension: TOS – “Der Friedensstifter”

Jerry Oltions Roman zur klassischen Star Trek-Serie erschien zwar bereits 1997 auf Englisch, doch da der Heyne-Verlag damals bereits begann, Veröffentlichungen von Star Trek-Romanen zurückzufahren, dauerte es bis 2013 ehe der Cross Cult-Verlag diesen Roman auf Deutsch herausbrachte. Warum ich nun 5 Jahre später diesen Roman gelesen habe, liegt vor allem daran, dass erst Ende letzten Jahres in „Discovery“ wieder eine bekannte Figur aus „The Original Series“ auftat, die auch in diesem Roman eine wichtige Rolle spielt.

Der_Friedensstifter

Seit unfassbaren 12.000 Jahren führen die beiden Planeten im nevisianischen Sonnensystem – Distrel und Prastor – gegeneinander Krieg. Umso überraschender erreicht die Föderation die Nachricht, dass die beiden Völker nun plötzlich Frieden miteinander geschlossen haben. Um dazu zu gratulieren und die Hintergründe herauszufinden, wird die Enterprise unter dem Kommando von Captain Kirk entsandt und der Landetrupp, der sich zu den Festivitäten runterbeamt staunt nicht schlecht, als sie dort auf einen alten Bekannten treffen.

Denn niemand anderer als das Schlitzohr Harry Mudd wird von den Nevisianern als großer Friedensstifter gefeiert. Dabei hatten die Offiziere von der Enterprise angenommen, Harry wäre auf einem Planeten voller Androiden zu einem ewig währenden Exil verdammt (siehe TOS-Folge „Der dressierte Herrscher“). Doch Harry erzählt, dass er den Androiden weismachen konnte, in Freiheit viel nützlicher zu sein und bot zum Beweis an, den Krieg im Nevis-System zu beenden – jedoch nicht ohne Überwachung. Und so haben die Androiden Harry zusammen mit einer Roboter-Kopie seiner Ex-Frau Stella zu den Nevisianern geschickt, wo Harry dank eines Handelsabkommens – bei dem auch Profit in seine eigene Tasche fließen soll – den Krieg tatsächlich beenden konnte.

Doch nichts währt ewig, denn die seit zwölf Jahrtausenden an Krieg gewöhnten Nevisianer nutzen schon die erste Gelegenheit, die Kämpfe wieder ausbrechen zu lassen. Das liegt auch einem extremistischen Glauben, demnach Helden auf der Seite des Kriegsgegners wiedergeboren werden und nach ihrem zweiten heldenhaften Tod schließlich von den Göttern ins himmlische Arnhall eingelassen werden. Ein Friedensvertrag, der den Weg dorthin blockiert, wird in einer solchen Gesellschaft natürlich rasch als auszuräumendes Hindernis erkannt. Zumal am Glauben der Nevisianer durchaus etwas Wahres dran zu sein scheint … was Kirk & Co auf die harte Tour feststellen müssen.

Fazit: Ich hatte mal wieder Lust auf etwas Heiteres und wenngleich Harry Mudd unter den hiesigen Star Trek-Fans bei weitem nicht so populär ist wie in den USA, sorgt allein seine aufschneiderische Art für einige humorvolle Einlagen. Harry – und auch seine „Ehefrau“ Stella – sind in diesem Roman stimmlich hervorragend getroffen, Übersetzer Bernhard Kempen hat sich merklich an die Diktion und Wortwahl der Figuren aus den TOS-Folgen „Die Frauen des Mr. Mudd“ und „Der dressierte Herrscher“ gehalten.

Überraschenderweise dreht sich aber nicht alles um Harry Mudd, der wie auch die Enterprise-Crew Opfer einer Fehlinterpretation des nevisianischen Glaubens wird. Dass hinter der tatsächlich funktionierenden Reinkarnation aber keine übernatürlichen Wesen stecken, sondern eine technische Lösung, ist auf angenehme Weise typisch TOS – auch wenn es diesmal keinen Computer gibt, dem Kirk seine eigene Unlogik vor Augen führt und in die Selbstzerstörung treibt. 😉

In diesem Roman wechselt man zusammen mit den Charakteren kreuz und quer zwischen den Schauplätzen Distrel, Prastor sowie der Enterpise hin und her, die im Sonnensystem kreuz und quer fliegt, um mit den Reinkarnationen und dem damit verbundenen Planetenwechsel Schritt zu halten. Bedenkt man, dass unsere Helden in der Serie oft ohne Kratzer unglaubliche Abenteuer bestanden, sterben hier die Leute wie die Fliegen. Darunter auch eine Sicherheitsoffizierin, die am Beginn des Romans einen Techniker an Bord der Enterprise heiratet, obwohl sie ein sich ständig streitendes Paar abgeben. Dies ist natürlich eine beabsichtigte Analogie zur Beziehung von Harry Mudd zu seiner Stella, aber während die beiden Letztgenannten für Belustigung sorgen, ziehen sich die Szenen mit dem anderen Paar beträchtlich.

Bewertung: „Der Friedensstifter“ ist eine relativ kurze Geschichte (was recht typisch für die Star Trek-Romane der 90er ist), aber über weite Strecken sehr unterhaltsam und angenehm turbulent. Keine One-Man-Show von Harry Mudd, sondern auch eine Beschreibung einer interessanten, fremden Kultur, deren Eigenschaften sehr gut in das Ambiente der klassischen Serie passen. Es ist Autor Jerry Oltion hoch anzurechnen, dass er es schaffte, eine so gut an TOS angepasste Story zu schreiben, aber dennoch Ausschweifungen hinzufügt, die sich in der Serie nicht hätten verfilmen lassen, aber dennoch nicht wie Fremdkörper wirken. Gäbe es da nicht ein paar Hänger wenn sich der Fokus auf das Ehepaar an Bord der Enterprise richtet, hätte ich einen Stern mehr gegeben. So pendelt sich meine Wertung aber bei guten 4 Sternen ein.

4stars

tas_mudd
Mudd in der TAS-Folge „Der Liebeskristall“.

Anmerkung: Falls es Harry Mudd nicht doch noch in einem weiteren Abenteuer wieder auf den Androiden-Planeten zurück verschlägt, so ignoriert der Roman Mudds Auftritt in der Zeichentrickserie. Als Kirk und Spock in jener Folge Mudd in Gewahrsam nehmen, erwähnen sie nämlich, dass sie angenommen hatten, Mudd befände sich noch dort.

Da der Roman von 1997 stammt, ist es nicht ungewöhnlich, dass die Zeichentrickserie unberücksichtigt bleibt. Aufgrund des Insolvenz des ausführenden Animationsstudios Filmation gab es Ende der 80er/Anfang der 90er Unsicherheit bezüglich der Verwertungsrechte der Serie und es hielt sich noch fast 20 Jahre der Mythos, TAS zähle nicht zum sogenannten Kanon der Star Trek-Serien.

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