Rezension: PIC – “The Dark Veil“

Auch der zweite Roman erzählt eine inhaltlich mit der Haupthandlung der 1. „Picard“-Staffel verwobene Geschichte, auch wenn diese zeitlich noch ein paar Jahre vor dem Start der Serie angesiedelt ist. Die Ereignisse von „The Dark Veil“ sind ungefähr ein Jahr nach dem Rückzug der Föderation aus den Evakuierungsbemühungen von Romulus angesiedelt – somit nach Admiral Picards Rückzug ins Privatleben – aber noch vor der Supernova, die schließlich Romulus vernichten wird. Jean-Luc Picard spielt hier nur eine kleine Rolle. Im Mittelpunkt steht ein Abenteuer des Raumschiffes U.S.S. Titan unter dem Kommando von Captain William T. Riker. 

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Die Geschichte kommt dadurch in Gang, dass ein Mitglied der Titan-Crew – ein junger Lieutenant namens Zade, der wie alle Jazari als sehr zurückhaltend gilt, aber stets außerordentlich höflich auftritt – von seinem Volk, das nicht Teil der Föderation ist, in seine Heimat zurückbeordert wird. Im Sonnensystem der Jazari angekommen, stellt die Crew der Titan fest, dass die Jazari ein gigantisches Generationenschiff gebaut haben, das ihr gesamtes Volk in eine entlegene Region des Alls bringen soll. Doch während der Fertigstellung des Schiffes kommt es in einer nahegelegenen Jazari-Rohstoffgewinnungsstation zu einem verheerenden Unfall, der nicht nur die Jazari, sondern auch die umliegenden Sektoren bedroht. Die Titan wird schwer beschädigt, aber es gelingt, die Katastrophe zu verhindern, weil von unerwarteter Seite Hilfe eintrifft: Der romulanische Warbird Othrys – auf einer Erkundungsmission, um kolonisierbare Welten für die Flüchtlinge von Romulus zu finden – eilt herbei. Der romulanische Commander Medaka zeigt sich – anders als seine vom Geheimdienst Tal’Shiar abgestellte Erste Offizierin – auch in weiterer Folge als sehr kooperativ und bietet den Jazari an, ihr angeschlagenes Schiff durch eine von Plasmastürmen heimgesuchte Region zu führen. Eine Reise, die die Titan mitmachen muss, denn für die Dauer der Reparaturarbeiten musste ein großer Teil der Crew in eine der Habitatkuppeln des Jazari-Generationenschiffes evakuiert werden. Darunter auch der junge Thaddeus „Thad“ Troi-Riker, Sohn von Captain Riker und Counselor Troi. 

Während der Reise durch das Sturmgebiet, machen sowohl Thad als auch die stets misstrauische Tal’Shiar-Spionin interessante Entdeckungen auf dem Generationenschiff. Zum einen wäre da eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Drohnen, die ständig im Hintergrund präsent zu sein scheinen. Und dann sind da noch ungewöhnliche Messungen positronischer Aktivität, die auf intensive Nutzung künstlicher Intelligenz hinweist. Eine Technologie, der Romulaner generell misstrauisch begegnen und die von einer ganz bestimmten Tal’Shiar-Fraktion als derart große Bedrohung erachtet wird, dass die Vernichtung des Jazari-Generationenschiffes als alternativlos angesehen wird. Auch die Erste Offizierin der Othrys gehört zu dieser Fraktion und schmiedet einen Plan, um den in ihren Augen viel zu Föderations-freundlichen Commander Medaka abzusetzen, sollte sich dieser weigern gegen die Jazari – und die Titan, die die Jazari zweifellos verteidigen werden – vorzugehen. 

Fazit: Wie wahrscheinlich den meisten Lesern von „Star Trek“-Romanen bekannt sein dürfte, gibt es bereits seit dem Jahr 2005 eine Spin-off-Romanreihe zu „The Next Generation“, in der es um die Erlebnisse von William T. Riker und Deanna Troi auf der U.S.S. Titan geht – jenem Raumschiff, dessen Kommando Riker am Ende des Filmes „Nemesis“ antritt. Damals war natürlich noch nicht absehbar, dass das 24. Jahrhundert des „Star Trek“-Universums 15 Jahre später doch noch fortgeführt werden sollte und da es sich bei „The Dark Veil“ um einen Roman zur Serie „Picard“ handelt, berücksichtigt er natürlich nicht die Geschehnisse aus den Romanen. Allerdings hat Autor James Swallow, der selbst schon zuvor drei Romane der „Titan“-Reihe verfasst hat, einige Ideen und Charaktere übernommen. So ist auch hier Christine Vale die Erste Offizierin und Ranul Keru dient als taktischer Offizier. Auch wird erwähnt, dass die U.S.S. Titan als Multispezies-Schiff angelegt war und dass es sich um ein Schiff der Luna-Klasse handelt. Dieses Schiffsdesign wurde einst 2005 im Rahmen eines Wettbewerbs ermittelt und in der 1. Staffel von „Lower Decks“ zum offiziellen Kanon. 

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Das Design der U.S.S. Titan bzw. der Luna-Klasse stammt von Sean Tourangeau und wurde im Rahmen eines Wettbewerbs für die „Titan“-Romanreihe ausgewählt. Dank der neuen animierten Zeichentrickserie „Lower Decks“ ist das Design nun Teil des Star Trek-Kanons, zu dem die Romane ja nicht zählen, sondern nur das, was Serien und Filme zeigen.

Soweit zur Vergangenheit der Titan. In der Gegenwart ist sie wie erwähnt Bestandteil der Vorgeschichte von „Picard“ und wird wahrscheinlich in der 2. Staffel von „Lower Decks“ dauerhaft präsent sein. „The Dark Veil“ erzählt dabei eine im Grunde durchaus eigenständige Geschichte; eigentlich ein ganz typisches Szenario mit einem Sternenflottenschiff, das zur Hilfe eilt. Das ist allerdings nur der Ausgangspunkt der von James Swallow sehr auf Zug erzählten Geschichte, die dann Dinge über die Jazari enthüllt, die direkt im Zusammenhang mit dem steht, was wir in der 1. „Picard“-Staffel über die Familie Troi-Riker erfahren und über die Zhat Vash – jene Tal’Shiar-Fraktion, die in künstlicher Intelligenz vor allem anderen als „Zerstörer“ wahrnimmt. Ich finde, Swallow hat den Fanatismus in Person der Ersten Offizierin des Warbirds Othrys sehr gut rübergebracht und mit Commander Medaka einen sehr sympathischen Romulaner als Gegenpol beschrieben. Der Konflikt zwischen den beiden ist von Beginn an vorhanden und die Eskalation mag dann zwar nicht überraschend kommen, aber es gelingt Swallow sehr gut, den Machtwechsel auf der Othrys glaubhaft zu beschreiben. Denn im ersten Moment würde man den Putsch der Ersten Offizierin als ziemlich plump erachten. Aber da Swallow den anderen Brückenoffizieren des Warbirds vorher schon viel Beachtung schenkte und beschrieb, in welche Rollen sie sich im Rahmen der romulanischen Gesellschaft fügen und welchen Konventionen sie sich unterwerfen mussten, funktioniert dieser Part der Geschichte wirklich sehr gut. (Auch wenn ich zugeben muss, dass es vielleicht ein oder zwei romulanische Offiziere zu viel gab, was es mir erschwerte, den Überblick zu behalten, welche Vorgeschichte nun zu wem gehörte.) 

Mit Thads Rolle in dem Roman habe ich auch kein allzu großes Problem gehabt. Natürlich entspricht einer klischeehaften Erwartungshaltung, dass es ausgerechnet das neugierige Kind ist, das etwas herausfindet, was den Erwachsenen (zumindest der Crew der Titan) verborgen bleibt. Aber Thad ist eigentlich ganz in Ordnung beschrieben und seine Szenen mit Deanna Troi gefielen mir. Auffällig war allerdings, dass Swallow an keiner Stelle erwähnt, wie alt Thad ist (weil wohl auch keine Angabe in der Serie gemacht wurde, dies aber vielleicht noch geschehen könnte). Er kann allerhöchstens sechs Jahre alt sein und das ist vermutlich auch die beste Annahme, denn Thad wird zwar als ungewöhnlich klug und fantasievoll beschrieben, aber alles, was unter sechs Jahren wäre, würde seine Glaubwürdigkeit überstrapazieren. 

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Wir wissen nicht viel über das Alter von Thaddeus Troi-Riker im Jahr 2386, außer dass er ein Kleinkind war, als Admiral Picard noch in der Sternenflotte diente.

Was die künstliche Intelligenz auf dem Jazari-Schiff angeht, möchte ich nicht zu viel verraten. Aber ich will doch erwähnen, dass ganz nebenbei eine direkte Verbindung zur Folge „Der dressierte Herrscher“ aus der klassischen „Star Trek“-Serie mehr als nur angedeutet wird, was mir sehr gut gefiel.

Eine weitere Anspielung auf TOS gibt es auch in der Rahmenhandlung, die ich bislang unerwähnt ließ. Denn eigentlich sind die Hauptgeschehnisse des Romans nur eine „Zeugenaussage“ vor einem romulanischen Tribunal. Das merkt man stilistisch aber nicht, denn die Ereignisse sind in ganz normaler Romanform erzählt. Aber innerhalb dieser Rahmenhandlung taucht ein Charakter auf, mit dem ich – ebenso wie Captain Riker – überhaupt nicht gerechnet hatte und dessen Auftauchen genauso wie die Rahmenhandlung selbst keinen nennenswerten Zweck erfüllt. Es sei denn, dieser Auftritt deutet vielleicht schon auf den dritten „Picard“-Roman hin. Zeitlich an „The Dark Veil“ anschließend würde nämlich ein Fokus auf diesen Charakter in einem kommenden „Star Trek“-Roman durchaus viel Sinn ergeben.

Bewertung: „The Dark Veil“ hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ein sehr ausbalancierter Roman zwischen Eigenständigkeit und Vorschau auf Geschehnisse in der 1. „Picard“-Staffel. Dazu sehr auf Zug erzählt und mit einer ausgedehnten aber unterhaltsam beschriebenen Raumschlacht am Ende, bei der die jeweiligen Ereignisse auf den beteiligten Schiffen stärker im Vordergrund stehen als die reinen Manöver im Raum. So hat James Swallow sehr gut Spannung an mehreren Fronten aufgebaut. In Summe kann ich „The Dark Veil“ als sehr gelungen bezeichnen und vergeben 5 von 6 Sterne

5stars

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