Rezension: „Small Wars” – A Jack Reacher Story

In dieser Kurzgeschichte rollt Autor Lee Child wieder ein Erlebnis seiner Romanfigur Jack Reacher während dessen Zeit als Militärpolizist auf. Während Reacher als Leiter einer neuen MP-Einheit in Fort Benning vorübergehend einspringt, ereignet sich in der Nähe ein Mord an einem weiblichen Lieutenant Colonel.

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Der Lieutenant Colonel namens Caroline Crawford galt als aufstrebender Star im Pentagon und arbeitete in der renommierten Abteilung der Kriegsplanung. Während einer Ausfahrt mit ihrem neuen Porsche hält sie an, um dem Fahrer eines vermeintlich liegengebliebenen Autos zu helfen – ein tödlicher Fehler! Da sich das Verbrechen außerhalb von Militärgelände ereignet, fällt die Zuständigkeit an die zivile Polizei, die Reacher jedoch zumindest beaufsichtigen darf. Doch während Reacher so einiges an diesem Mord komisch erscheint, hat die Polizei allzu schnell einen Tatverdächtigen parat, der für Reacher einfach nichts ins Profil passen will. Spätestens nach einem Besuch bei den Eltern der Ermordeten kann sich Reacher denken, wer Crawford ermordet hat, gerät dabei jedoch in einen Gewissenskonflikt: Er kann diese Person nicht verhaften, denn es handelt sich ausgerechnet um seinen Bruder Joe! Doch wie sonst soll Reacher verhindern, dass ein Unschuldiger verurteilt wird?

Fazit: Dass ich in meiner Inhaltsangabe der Geschichte bereits den Namen des Mörders verrate, nimmt tatsächlich nicht viel vorweg, denn bereits gleich am Beginn, als die Tat beschrieben wird, wird der Mörder von Caroline Crawford anhand seines Uniformnamensschildes als Joe Reacher identifiziert. Die Frage, ob es tatsächlich Jacks Bruder war oder nur jemand, der sich für Joe ausgab, bleibt aber bis fast zum Ende der Geschichte bestehen. Diese Frage erzeugt ein hohes Spannungslevel, das durchaus konstant hoch bleibt … bis zur Auflösung.

Die Auflösung des Falles ist dann ein echter Schlag in die Magengrube und lässt einen nur den Kopf darüber schütteln, was im U.S.-Militär als angemessene „Problemlösung“ gilt. Man muss bedenken: In den meisten Reacher-Romanen ist der Protagonist bereits aus dem Militär ausgeschieden und gerät in Situationen, in der er auf sich allein gestellt ist, weil weit und breit keine aktiven Ordnungshüter zu finden sind, diese inkompetent oder korrupt sind. Also agiert Reacher in einer art rechtsfreiem Raum. Dumm nur, dass dies in diesem 1989 angesiedelten Roman nicht der Fall ist. In „Small Wars“ ist Reacher selbst der inkompetente und korrupte Ordnungshüter! Lee Child versucht es zu verschleiern, indem er der zivilen Polizei den Schwarzen Peter zuzuschieben zu versucht, aber am Anfang der Misere steht nicht die Festnahme eines falschen Tatverdächtigen, sondern die Tat und die wird von Reacher am Ende sogar gut geheißen! Das ist absolut nicht nachvollziehbar, denn Tat und Motiv stehen in direkten Zusammenhang mit der Arbeit, die das Opfer für das Militär erbracht hat. Wie wäre es also, mit einer Meldung an einen Vorgesetzten?

Bewertung: Eine Krimi-Kurzgeschichte kann 65 Seiten lang gut unterhalten, aber wenn die Auflösung auf den Seiten 66 bis 68 das logische Kartenhaus zusammenbrechen lassen und ein ganz miserables Bild von Jack Reacher zeichnen, dann ist alles, was vorher geschah, auch nichts mehr wert. Daher gibt es von mir nur die Mindestwertung: 1 Stern.

1star

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Rezension: „Not a Drill” – A Jack Reacher Story

In dieser Kurzgeschichte ist Ex-Militärpolizist Jack Reacher wieder einmal per Anhalter unterwegs. Im nördlichsten Maine, schon an der Grenze zu Kanada, steigt er in ein Auto mit drei Urlaubern, die auf dem Weg in das kleine Dorf Naismith sind, von wo aus sich ein langer Naturwanderweg durch die dichten Wälder von Maine schlängelt.

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Jack Reacher macht vorab keine Pläne, lässt sich von der Gelegenheit von einem Ort zum nächsten führen, auch wenn er in diesem Fall keine große Lust hat, auf eine 4-tägige Wanderung durch die Wälder. Dass er zumindest über Nacht in Naismith bleibt, liegt nur am kaum vorhandenen abendlichen Verkehr, der ihn wieder raus in Richtung der nächsten Großstadt bringen könnte. Und so wird Reacher am nächsten Morgen Zeuge von eigenartigen Vorgängen. Beim Frühstück in einem Diner vernimmt er, dass über Nacht Militärpolizisten den Beginn des Wanderpfades mit Absperrbändern versehen haben. Und kurze Zeit später taucht auch eine Militärstreife auf, die weiträumig Absperrungen aufstellt und Wache schiebt. Für Reacher ist klar, dass es sich hier nicht um eine militärische Übung handeln kann. Irgendein Ernstfall war eingetreten, über den sich die anwesenden Militärpolizisten ausschweigen. Normalerweise hätte es Reacher dabei belassen. Doch er hegt die Vermutung, dass zwei der Urlaubsreisenden, mit denen er am Tag zuvor nach Naismith gekommen war, die in der Nacht noch unbewachten Absperrbänder ignorierten und ihre Wanderung trotz möglicher Gefahr begonnen haben. Und so macht sich Reacher auf zu einer Rettungsmission, die ein ungewöhnliches Ende nimmt.

Fazit: Eines kann man über diese Kurzgeschichte auf jeden Fall sagen: Kaum jemals zuvor vermittelte Lee Child dem Leser derartige Urlaubsstimmung wie in „Not a Drill“. Zwangsläufig muss sogar ein Jack Reacher die Besonderheit  eines Urlaubs an einem See mitten in einem von der Zivilisation fast unberührten Wald anerkennen. Der Autor ließ Reacher schon in viele Gegenden reisen, aber derartige Wildnis ist wohl wirklich neu und es ist beinahe schade, dass Lee Child dieses Ambiente in einer Kurzgeschichte „verschleudert“ hat. Die Szenerie und die mysteriöse Ausgangssituation mit dem ohne Erklärung abgesperrten Wanderweg, hätte ein toller Beginn für einen Roman sein können.

Dass Lee Child diesen Weg nicht gegangen ist, ist gerade angesichts des plötzlichen und haarsträubenden Schlusses der Geschichte bedauerlich. Hier wird eine Erklärung aus dem Hut gezaubert, die sich vorher nicht mal angedeutet hat und sehr, sehr weit hergeholt wirkt. Und so nebenbei lässt Reacher auch Verachtung für Menschen erkennen, die sich dafür einsetzen, Missstände offenkundig zu machen. „Not a Drill“ ist also leider wieder einmal eine Geschichte, die Reacher nicht unbedingt von der sympathischsten Seite zeigt und die wie schon manchmal zuvor auf eine eher konservative amerikanische Leserschaft zugeschnitten scheint.

Bewertung: Sehr starker Beginn, sehr schwacher Schluss. Einen Mittelteil gibt es angesichts der Kürze der Geschichte kaum, also gebe ich durchschnittliche 3 Sterne.

3stars

Rezension: „Der Krieg der Welten“

Neben „Die Zeitmaschine“ zählt wohl „Der Krieg der Welten“ zu den berühmtesten Werken des Science-Fiction-Autors H.G. Wells. Den meisten Leuten werden vermutlich die beiden Hollywood-Verfilmungen (1953 und 2005) des Stoffes bekannt sein sowie das legendäre Radio-Hörspiel (1938), das einst zu einer Massenpanik in den USA geführt haben soll. Derzeit arbeitet die BBC an einer neuen Verfilmung in Form einer Miniserie und diese Adaption wird erstmals örtlich und zeitlich der Romanvorlage entsprechen.

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Der Roman wurde erstmals 1897 veröffentlicht und um diese Zeit herum ist die Handlung auch angesiedelt. In Form eines Zeitzeugenberichts erzählt H.G. Wells darin von der Ankunft der Marsmenschen auf der Erde. Zehn zylindrische Raumschiffe schlagen in Südengland ein, hinterlassen gewaltige Krater, denen gewaltige, dreibeinige Kampfmaschinen entsteigen und kompromisslos gegen die Menschen vorgehen. Die Menschheit scheint völlig unterlegen und der Erzähler muss – meist an der Seite verschiedener Fluchtgefährten – der Verwüstung trotzen und um sein Überleben kämpfen … bis ein erstaunlicher Verbündeter der Menschen den Invasoren vom Mars den Garaus macht.

Fazit: Dass ich den glücklichen Ausgang des Romans gerade verraten habe, sollte keinen potenziellen Leser vergrämen. Die Erzählung im Buch blickt zurück auf vergangene Ereignisse und nimmt sehr früh Bezug darauf, dass die menschliche Zivilisation die Invasion überlebt hat. Wells rekonstruiert die fiktiven Ereignisse von seinen Erlebnissen während der Invasion Tag für Tag, beginnend bei der ersten Beobachtung der vom Mars startenden Raumschiffe, über den Einschlag des ersten Objekts nahe seiner Heimatstadt bis hin zum ausbrechenden „Krieg der Welten“, in dem der Mars ganz klar in der Favoritenrolle ist. Die Marsianer gehen erbarmungslos vor und sind im Inneren ihrer mächtigen Kampfmaschinen – beinahe – unverwundbar. Ihre Technologie ist jener der Menschen so weit voraus, dass Wells oft die richtigen Worte fehlen, um sie zu beschreiben oder gar um sie erklären zu können. Heutzutage würden die Beschreibungen sicher anders lauten, aber aus der Perspektive einer Person, die in England im 19. Jahrhundert lebte, sind die Eindrücke, die Wells hier beschreibt, nachvollziehbar und absolut erschreckend.

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Die Kampfmaschine setzt ihren Hitzestrahl ein. (Illustration von Henrique Alvim Corrêa, 1906)

Im Laufe der Geschichte kommt es immer wieder zu Gefechten, über die Wells berichtet. Er selbst ist kaum dabei anwesend, schildert hier meist die Erzählungen anderer. Seine eigenen Erlebnisse konzentrieren sich eher auf die Auswirkungen des Krieges. Zerstörte und verlassene Dörfer, geplünderte Geschäfte, verkohlte Leichen, eine durch eingeschleppte Marspflanzen veränderte Umwelt. Im Laufe seiner Odyssee macht der Erzähler auch interessante Beobachtungen der Marsianer, die in seinen Augen von erschreckender, oktopodenartiger Gestalt sind … und noch erschreckendere Essgewohnheiten haben.

Mit zwei Personen ist der Erzähler während seiner Flucht vor den Marsianern längere Zeit zusammen. Zum einen wäre da ein Kurat, der charakterlich wahrlich inkompatibel zum Erzähler ist, an der Situation zerbricht und sich noch dazu in einer gefährlichen Situation völlig unvernünftig verhält. Der schlimmstmögliche Begleiter, den man sich in einer solchen Situation vorstellen kann. Die andere Person ist ein Artillerist, der sich nach wenigen Tagen der Invasion bereits äußerst ambitionierte Überlebens- und Rückeroberungspläne zurechtgelegt hat, die den Erzähler in seinen Bann ziehen.

Die Darstellung des Kuraten könnte man wohl auf Wells bekannte Kritik an Religionen im Allgemeinen zurückführen, der Geistliche wird im Roman wahrlich in ein äußerst schlechtes Licht gerückt, das allerdings mit seinem Glauben nichts zu tun hat, eher von menschlichen Schwächen dominiert wird, die sich in dieser Figur bündeln. Der Artillerist scheint hingegen das völlige Gegenteil zu sein. Mit seinen Plänen impliziert er Stärke und verfügt über eine verführerische Überzeugungskraft. Der Erzähler wird von diesen Plänen regelrecht hypnotisiert und mitgerissen … bis sich ihm erschließt, das nichts hinter diesen Worten steckt als Fantasiegebilde. Sucht man in diesem über 100 Jahre alten Roman nach Relevanz für die heutige Zeit, dann findet man sie wohl am einfachsten in diesem Kapitel, in denen ein offensichtlich nur Extreme kennender Populist die Ängste und Hoffnungen eines geschlagenen Individuums befeuert und so einen treuen Anhänger gewinnt, der ihm jede Versprechung abnimmt, unabhängig davon wie absurd sie bei vernünftiger Betrachtung erscheint. Besonders erschreckend ist, welch faschistische gesellschaftliche Entwicklung der Artillerist hier andeutet und als nötig für den Sieg glorifiziert und diese vom Erzähler widerspruchslos akzeptiert wird.

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Der Kampf der „Thunder Child“, 1906 illustriert von Henrique Alvim Corrêa.

Eine weitere Figur, die eine größere Rolle im Roman spielt, ist der Bruder des Erzählers, der auf seiner Flucht aus London zwei Frauen zur Seite steht und sich mit ihnen und einem gewaltigen Flüchtlingsstrom in Richtung Küste aufmacht, um per Schiff ans europäische Festland zu gelangen. Gerade am Schluss dieser Passage bekommt man sehr anschaulich das Gefecht zwischen dem Panzerschiff „Thunder Child“ und den marsianischen Kampfmaschinen geschildert. Der Bruder und die beiden Frauen sind als Figuren dabei nicht sonderlich wichtig, aber auch in dieser Passage finden wir in Form von Flüchtlingsströmen ein Thema, das uns auch heute in Europa sehr beschäftigt und die Situation einmal umdreht, aus den Bewohnern eines zivilisierten Landes ein Volk macht, das vor Vernichtung und Unterdrückung flieht. Ein vordergründiges Motiv für Wells, denn als er den Roman verfasste, war England eine Kolonialmacht, die sich weniger entwickelte Länder einverleibte. In „Krieg der Welten“ dreht er den Spieß um, ob ich den Roman aber dennoch – wie es Wikipedia behauptet – als Satire erachten kann? Soweit würde ich nicht gehen, denn dazu sind die Marsianer doch zu fremdartig, ihre Vorgehensweise mit nichts vergleichbar, was das britische Empire damals aufzubieten hatte. (Anderseits muss man schon anmerken, dass die beschriebenen Waffensysteme der Marsianer jenen ähnlich scheinen, die nur wenige Jahre später im Ersten Weltkrieg zur Anwendung kommen sollten. In mancher Hinsicht ist der Roman schon sehr prophetisch.)

Bewertung: Gesellschaftskritische Aussagen findet man in diesem Roman so einige und sie sind tatsächlich auch noch in unserer Gegenwart (leider) von hoher Relevanz. Vielleicht sogar von höherer als damals 1897, denn H.G. Wells hat die Kritik vielleicht schon zu stark in eine phantastische Science-Fiction-Geschichte verpackt, die Pate für wohl so ziemlich jede später entstandene Story über Alien-Invasionen stand. Die Aussichtslosigkeit der Situation und die bedrückende Wirkung, die der Anblick des Katastrophengebiets auf den Erzähler hat, erscheinen mir vordergründiger als die Kritik – wobei das Gespräch mit dem Artilleristen hier für mich persönlich eine Ausnahme bildet. Dort fühlte ich mich unwohler als an jeder anderen Stelle des Buches, das als nachträglicher Bericht auch in einem interessanten Stil verfasst ist. Die Erzählung fesselt allerdings nicht immer. Ich selbst bin kein allzu großer Freund von Katastrophen- und Überlebensgeschichten, daher fand ich, dass sich einige Beschreibungen doch zu sehr in die Länge zogen. Aber dennoch empfand ich „Der Krieg der Welten“ als lohnende Lektüre, der ich solide 5 von 6 Sterne verleihe.

5stars

Rezension: „High Heat” – A Jack Reacher Story

Wenn man mal nicht weiß, was man als nächstes lesen soll, kommt einem eine Novelle oder Kurzgeschichte immer sehr gelegen. Daher habe ich mal wieder eine Jack Reacher-Story zwischendurch eingeschoben. In „High Heat“ erzählt uns Lee Child nicht nur ein Jugendabenteuer von Jack Reacher, sondern er platziert ihn auch mitten in ein bekanntes historisches Ereignis.

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Jack Reacher ist 1977 noch keine 17 Jahre alt, aber er beschließt, seinen Bruder in der Militärakademie in West Point zu besuchen. Den Tag davor will er dazu nützen, sich das nahe gelegene New York anzusehen. Dort herrschen in diesem Sommer über 40 Grad im Schatten, kaum eine Menschenseele ist auf der Straße … und doch gelingt es Reacher sich Feinde zu machen. Als er mitansieht, wie ein Mann eine Frau auf offener Straße begrapscht, geht er heldenhaft dazwischen und vertreibt den Kerl – der sich jedoch als Bandenboss entpuppt, der die Frau – eine FBI-Agentin – nach einem Mikrophon abgetastet hat. Die Agentin rät Reacher dringend dazu, das Weite zu suchen, aber Reacher denkt gar nicht daran und geht stattdessen lieber auf Aufriss. 😉 Nachdem er in einer Bar das Herz von Studentin Chrissie erobern konnte, gehen beide in ein Tanzlokal, das sich dummerweise im Revier jener Bande befindet, mit deren Boss Reacher wenige Stunden zuvor aneinander geraten war.

Reacher sieht sich einer Übermacht gegenüber, die Lage wirkt aussichtslos, aber zum Glück schreiben wir ja den 13. Juli 1977. Der Tag des großen Stromausfalls in New York.

Fazit: Jack Reacher ist kein von Zeit und Raum losgelöster Held wie James Bond. Reacher kämpft mit dem Älterwerden in einem der letzten Romane und in dieser Kurzgeschichte ist er noch ein 16jähriger … der allerdings kaum von seinem Älteren Ich zu unterscheiden ist. 😀 Lee Child macht gleich am Beginn der Geschichte klar, dass Reacher bereits als 16jähriger körperlich so ist, wie er die folgenden Jahrzehnte lang sein wird, also an Kraft den meisten Menschen auf dem Planeten überlegen. Soll vorkommen. Allerdings benimmt er sich dermaßen souverän, dass es schon beängstigend ist. Als Sohn eines US Marines wird man sicher diszipliniert erzogen und schnappt einiges auf, aber was Reacher hier für kriminalistische Schlussfolgerungen zieht, ist schon mächtig dick aufgetragen. Ich nehme daher an, Lee Child wollte einfach irgendwie Jack Reacher in den New Yorker Sommer 1977 teleportieren, ihn mit einer Freundin durch die Finsternis ziehen, nebenbei einen Gangsterboss fertig machen und wichtige Hinweise zur Ergreifung des damals gefürchteten Serienkillers „The Son of Sam“ liefern lassen.

Ich kann nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob der durch diese Situation entstandene Humor tatsächlich vom Autor beabsichtigt war. Aber launig zum Lesen ist die Geschichte allemal und mir ist es wesentlich lieber, Child platziert seinen Helden in die neuzeitliche Historie der USA als dass er ihn in ein nicht wiedererkennbares Mitteleuropa verfrachtet (wie in „Night School“ geschehen).

Bewertung: Die innerhalb eines Abends stattfindende Story ist schon ziemlich schräg, aber zumindest erfährt man nun, warum Reacher New York so sehr mag. Jetzt wissen wir: Er bekam dort seinen ersten BJ. (Ich schreibe den Begriff nicht aus, wer mit der Abkürzung nichts anfangen kann, geht die folgende Liste auf Wikipedia am besten von unten her durch, dann wird es schnell klar. 😉 https://en.wikipedia.org/wiki/BJ) Trotz all der erheiternden Situationen wird Reacher aber auch konfrontiert mit Gewalt und Tod. Und hier hätte eine solche Story regelrecht verlangt, dem jugendlichen Alter von Reacher Rechnung zu tragen. Aber ein Jack Reacher ist offenbar mit keiner denkbaren Situation überfordert. 😉

„High Heat“ ist also eine amüsante, kurze Lektüre, aber wandelt auf dem schmalen Grat der Satire. An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, Lee Child hätte dem Leser den jungen Jack Reacher mit mehr Ernsthaftigkeit vorgestellt. 4 Sterne gebe ich trotzdem.

4stars

Rezension: “Ready Player One”

In diesem Science-Fiction-Roman beschreibt der Autor Ernest Cline zwei sehr gegensätzliche Welten in den 2040er-Jahren: Zum einen die düstere Realität, in der ein Großteil der Menschheit infolge einer Energie- und Wirtschaftskrise an Armut leidet, während einige wenige Superkonzerne durch die Ausbeutung ihrer Schuldner immer mehr Reichtum anhäufen. Und dem entgegen steht … die OASIS!

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Die OASIS ist mehr als nur ein Multiplayer-Online-Videospiel. Sie ist eine jedem offenstehende virtuelle Realität, in die der User mittels VR-Brille, haptischer Handschuhe und Anzug vollständig eintauchen kann. Unzählige Welten und Möglichkeiten bietet die OASIS und wird daher zum kollektiven Zufluchtsort der Menschheit vor den Widrigkeiten der Realität. Mehr noch: die OASIS wird für viele die eine Realität, die zählt, denn dort kann jeder alles sein. Menschen brechen daraufhin ihre sozialen Kontakte außerhalb der OSASIS ab, verlassen ihr Zuhause nicht mehr, widmen sich ganz der mit Millionen anderen geteilte Scheinwelt … wo aber auch nicht immer alles so unbeschwert abläuft. Dann als James Halliday – der Erfinder der OASIS – eines Tages verstirbt, wendet er sich mit einer aufgezeichneten Nachricht an die Welt: Er habe innerhalb der OASIS, am Ende einer herausfordernden Rätsel-Rally, ein sogenanntes „Easter Egg“ versteckt; ein Artefakt, das es dem Finder ermöglicht, die völlige Kontrolle über die OASIS und Hallidays Reichtümer zu erlangen.

Und so entstanden die Jäger: Personen, die den Großteil ihrer Zeit nur noch damit verbrachten, das Easter Egg zu finden und unzählige Recherchen zu Halliday und seinen Vorlieben (vorrangig die 1980er-Jahre) anzustellen. Einer dieser Jäger ist Wade Watts bzw. „Parzival“, wie er seinen Avatar in der OASIS genannt hat. Wade ist ein noch zur (virtuellen) Schule gehender Jugendlicher, der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und daher im Auffinden des Easter Eggs seine beste Chance sieht, diesem Leben zu entkommen. Und der Zufall will es, dass nach Jahren der kollektiven Ratlosigkeit es ausgerechnet Wade ist, der Hallidays erstes Rätsel löst. Sein plötzlicher Sprung an die Spitze des Scoreboards erregt Aufmerksamkeit, auch die eher ungeliebte durch den Konzern IOI, der nur zu gerne die Kontrolle über die OASIS erlangen würde und dafür seine eigene Jäger-Armee beschäftigt. Um ihr Ziel zu erreichen geht, IOI über Leichen – und das nicht nur innerhalb der virtuellen Realität …

Fazit: „Ready Player One“ wird gerne als DAS Buch für sogenannte „Nerds“ bezeichnet und das durchaus zurecht, denn so wie sich Wade und die anderen Jäger in ernsthafter Weise in Trivialitäten vertiefen, kommt dies zumindest jemanden wie mir durchaus bekannt vor. 😀 Daher ist auch für einen gewissen Spaß-Faktor gesorgt, wenn Begriffe, Anekdoten, Schlussfolgerungen und Querverweise zu Star Trek, Pac-Man, Firefly, Max Headroom, Zurück in die Zukunft, Blade Runner, Star Wars, Ultraman, Godzilla uvm. auf einen einprasseln.

Als Kind der 80er-Jahre ist mir auch vieles bekannt von dem, was in direktem Zusammenhang mit Hallidays Rätsel-Rally steht, aber ich muss auch sagen, dass mir vieles unbekannt ist. Wenn etwas wichtig ist, dann wird es im Roman durchaus sehr detailliert erklärt (manchmal sogar etwas detaillierter als es für die Dramaturgie gut ist), aber manches Wissen ist selbst mir zu obskur. Dass Wade und seine Freunde (die er nur aus der OASIS kennt) solches Wissen seitenweise rezitieren können, hilft nicht unbedingt dabei, eine Bindung zu den Charakteren herzustellen. Es umgibt sie ein Hauch der Unbesiegbarkeit innerhalb der OASIS und das macht sie nicht unbedingt sympathisch, auch wenn sich Wade in der Mitte des Romans durchaus kritische Gedanken darüber macht und den Nutzen der OASIS für die Gesellschaft in Frage stellt. Seine Gedanken decken viele auch heute schon aktuelle Themenbereiche der Digitalisierung ab, aber am Ende scheint er doch aufzugeben, zu akzeptieren, dass die reale Welt ein untergehendes Schiff ist und am Ende des Romans bleibt es sehr offen, was aus der Welt noch wird.

Der aus Wades Perspektive verfasste Roman ist eine sehr launige Erzählung einer deprimierenden Realität und einer sehr ernsthaft behandelten Scheinwelt. Manchmal ziemlich derb und unreif, was ebenfalls nicht dabei hilft, mit Wade großartig zu sympathisieren. Wenn es da mit IOI nicht das „abgrundtief Böse“ auf der Gegenseite gäbe, würde man Wade die meiste Zeit wohl gar nicht wünschen, das Easter Egg zu finden. IOI als über Leichen gehender Ausbeuterkonzern ist aber zumindest ein sehr effektives Feindbild. Allerdings keines von Bestand, denn auch in der realen Welt kann es Wade ziemlich effektiv mit denen aufnehmen.

Bewertung: Was das Lesevergnügen am meisten trübt ist sicher Wade Watts als Hauptcharakter, dessen Avatar nicht „Parzival“, sondern „Mary Sue“ heißen sollte. Zudem rate ich nur jenen zu diesem Roman, die ein solides Grundwissen der Pop-Kultur der 80er-Jahre mitbringen und/oder generell an Science-Fiction, Fantasy, Videospiele etc. interessiert sind. Ansonsten besteht das Risiko, dass der uneingeweihte Leser bei jedem zweiten Satz nur Bahnhof versteht. Bringt man diese Grundvoraussetzungen mit, bietet „Ready Player One“ sehr solide Unterhaltung, einen ganz guten Mix aus Spaß und Denkanstößen, ohne in beiden Fällen ans Ende der Skala zu gehen. Als jemand, der sich durchaus zur Zielgruppe des Romans zählt, kann ich noch solide 4 Sterne verleihen. Aber ich finde, dass Ernest Cline seinen Roman durchaus noch etwas allgemein zugänglicher hätte gestalten können. Mit dem Nostalgie-Faktor hätte er noch konsequenter umgehen können.

4stars

Anmerkung: Anfang April 2018 startet die Verfilmung von „Ready Player One“ in den Kinos. Die Regie hat Steven Spielberg übernommen, der selbst im Roman Erwähnung findet. Dem ersten Trailer nach zu urteilen, dürfte die Geschichte relativ frei interpretiert werden, wenngleich ein paar Szenen auch wie direkt aus dem Text des Romans übernommen aussehen.

Es wirkt auf mich, als würde man im Film mehrheitlich Anspielungen auf bekanntere Elemente der Pop-Kultur zu sehen bekommen und Wades Motivation wirkt zumindest in diesem Trailer etwas sympathischer als im Roman.

Rezension: „The Midnight Line” – Ein Jack-Reacher-Roman

Nach einem eher unrühmlichen Ausflug in Jack Reachers (von Lee Child sehr frei interpretierten) Vergangenheit, kehrt der Autor mit dem neuesten Roman der Reihe wieder in die Gegenwart zurück. Gleich am Beginn von „The Midnight Line“ trennen sich die Wege von Jack Reacher und Michelle Chang, die er im Roman „Make me“ kennengelernt hat und so reist der ehemalige Militärpolizist einfach weiter, wie er es seit Jahren gewohnt ist. Seinen eigenen Regeln folgend steigt er in den erstbesten Bus mit dem Vorsatz, bis zur Endstation zu fahren, egal wo diese sein würde. Doch dieses eine Mal muss Reacher mit seiner Regel brechen, denn bei einem Zwischenstopp, spaziert er zufällig an einer Pfandleihe vorbei und entdeckt dort im Schaufenster einen Jahrgangsring der U.S. Militärakademie West Point.

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Reacher weiß aus eigener Erfahrung sehr gut, wie hart jemand arbeiten musste, um einen solchen Ring zu bekommen und er beginnt sich sofort zu fragen, in welche Notlage der Besitzer geraten sein musste, um dazu gezwungen worden zu sein, dieses Symbol zu versetzten. Und so lässt Reacher den Bus mit seinem leeren Platz weiterfahren und beginnt, sich rückwärts durch die Vertriebskette zu fragen. Er tut dies mit Nachdruck, aber höflich, wenngleich er nicht von jedem eine höfliche Antwort erhält. Vom Ladenbesitzer über einen Biker fragt sich Reacher durch bis er in Rapid City ankommt. Dort stolpert Reacher nicht nur in die laufenden Ermittlungen der lokalen Polizei gegen einen vermeintlichen Gangsterboss, sondern auch über einen Privatdetektiv, der auf das Auffinden vermisster Personen spezialisiert ist.

Wie sich herausstellt, ist auch dieser auf der Suche nach der früheren Besitzerin des Jahrgangsrings: Ex-Major Rose Sanderson – West Point-Absolventin 2005 und im Einsatz verwundet – hat sich seit ihrer letzten Rückkehr aus dem mittleren Osten nicht mehr bei ihrer Schwester gemeldet. Die Spurensuche des von ihr engagierten Privatdetektivs hat diesen genauso wie Reacher nach Rapid City geführt, wo Reacher dank „höflichem Nachfragen“ erfährt, dass der Ring ursprünglich offenbar aus Wyoming kam. Aus einer so gut wie menschenleere Prärie- und Waldlandschaft, in der der Gangsterboss aus Rapid City dank seiner Handlanger dennoch gute Geschäfte zu machen scheint.

Fazit: Erleichterung macht sich breit, denn Reacher geht es endlich wieder besser. Nicht nur ist er seine Kopfschmerzen los, die ihn in „Make me“ noch so sehr gequält haben. Er ist auch endlich wieder besser gelaunt, seine Gedanken sind nicht so melancholisch und sarkastisch. Tatsächlich kommt der Hauptcharakter endlich wieder mal beschwingt rüber, er hat seinen Sinn für Humor wiedergefunden und Lee Child überträgt diesen Eindruck in Form augenzwinkernder Kommentare und kleinen Seitenhieben, die aber niemandem weh tun – im Gegensatz zu manch anderem, was Reacher so macht. Aber auch in Sachen Gewalt agiert Reacher so verhältnismäßig wie selten.

Schreibstil und Hauptcharakter sind somit schon mal ein großer Pluspunkt von „The Midnight Line“. Und auch die Nebencharaktere sind interessant und zwischenzeitlich bilden Reacher und der Privatdetektiv und EX-FBI-Mann Terrence Bramall ein tolles Duo. Beide sind Vollblutermittler, kommen auf unterschiedlichen Wegen zu gleichen Schlüssen und könnten dabei eigentlich kaum verschiedener sein. Und dennoch kommen sie gut miteinander zurecht. Und auch Ex-Major Rose Sanderson ist ein äußerst starker Charakter, der nicht nur Dreh- und Angelpunkt für die Story ist sondern auch ein ethisches Dilemma darstellt.

Ich möchte in dieser Rezension nicht vorweg nehmen, um welches Dilemma es sich handelt, denn es steht im Zusammenhang mit der Auflösung der mysteriösen Machenschaften des Gangsterbosses. Aber sagen wir einfach mal so: Rose Sanderson ist ein sehr sympathischer Charakter, was man von dem Herrn in Rapid City nicht behaupten kann. Und doch gibt es gute Gründe, dem Kerl alles durchgehen zu lassen, weil es furchtbare Konsequenzen für Rose hätte und so sehen sich Reacher und Bramall sogar dazu gezwungen, ein wenig die Ermittlungen gegen den Gangsterboss vor den Behörden zu verschleiern. Das Thema dieses Romans ist äußerst sensibel und für einen Reacher-Roman wirklich ungewohnt. Lee Child hätte auch die Möglichkeit gehabt, Reacher zum rücksichtslosen Berserker werden zu lassen, aber zum Glück entschied er sich für ein sanftes Herangehen, aber ohne die Situation zu romantisieren und das Verbrechen kleinzureden. Die Charaktere haben ihre Standpunkte, die sie verteidigen können. Lee Child hat hier in die stimmungsvoll beschriebene, einsame Wildnis von Wyoming eine sehr komplexe Situation verpflanzt, deren sukzessive Aufdeckung für Spannung sorgt und die einen ins Grübeln bringt, sobald alles ans Licht gekommen ist.

Der Schluss ist hingegen wieder eher „typisch Reacher“, allerdings kein Gewaltexzess, sondern ein generalstabsmäßiges Eindringen in die Höhle des Löwen und ganz am Ende ereilt dem Bösewicht doch noch das Schicksal, das sich früh im Roman angedeutet hat. Das ist zwar etwas offensichtlich, aber lässt den Leser doch mit einem breiten Grinsen zurück und vertreibt die langsam aufgebaute Sorge darüber, ob Sanderson aus der Sache noch heil rauskommt. Obwohl ein schlechtes Ende sogar noch mehr Gewicht gehabt hätte und aus diesem Grund während des Lesens auch nie ausgeschlossen werden konnte.

Bewertung: Ich weiß schon, dass meine vagen Andeutungen zum Verlauf der Handlung in dieser Rezension nicht gerade ideal sind, um bei potenziellen Leser großes Interesse zu wecken. Aber das liegt einfach daran, dass ich niemandem die Freude an diesem Krimi nehmen will, der für mich eindeutig zu den besten Reacher-Romanen zählt. Nachdem in den letzten paar Romanen die Tendenz klar nach unten ging, ist dies ein fulminantes Comeback – und dieses gelingt sogar, ohne besonders spektakulär zu sein. Aber auf emotionaler Ebene kann „The Midnight Line“ bei mir voll punkten und daher gebe ich dem Roman auch gerechterweise die Höchstwertung. Dies ist somit der 4. von bislang 22 Reacher-Romanen, der von mir 6 von 6 Sterne erhält.

6stars

Rezension: „Origin“

Vier Jahre nach dem letzten Robert Langdon-Abenteuer „Inferno“ erschien nun kürzlich der neueste Roman von Dan Brown. Abermals schickt er den Symbologen und Experten für Codes raus aus dem Hörsaal und – wie könnte es anders sein? – mitten hinein in in ein Mordkomplott rund um ein sagenumwobenes Mysterium.

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Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Über diese Fragen philosophiert die Menschheit wohl seit sie denken kann und einer von Langdons einstigen Schülern – Edmund Kirsch, der es inzwischen zum Multimilliardär auf dem Computersektor gebracht hat und ein hohes Ansehen für seine Zukunftsprognosen genießt – behauptet, auf diese Fragen unwiderlegbare Antworten gefunden zu haben. Um sie der Menschheit zu präsentieren, lädt Kirsch eine Reihe ausgewählter Persönlichkeiten ins Guggenheim-Museum nach Bilbao ein. Darunter auch Robert Langdon, der – über Kopfhörer wie die anderen Gäste mit einem persönlichen Guide verbunden – zuerst sehr interessiert und unbesorgt das Museum durchstreift. Doch als unmittelbar vor Beginn der Präsentation Kirsch ein Gespräch unter vier Augen mit ihm führt, wächst die Besorgnis, denn Langdon erfährt hier, dass Kirsch seine Präsentation nur wenige Tage zuvor drei hohen Vertretern von Weltreligionen gezeigt hat, die naturgemäß wenig angetan von Kirsch Erkenntnissen waren. Denn ein wissenschaftlicher Beweis für den Ursprung und die Weiterentwicklung der Menschheit, würden viele Antworten, die die Religionen bislang exklusiv anbieten, obsolet machen.

Kirsch‘ Furcht, religiöse Vertreter könnten versuchen, seine Präsentation zu stören, erweist sich als durchaus begründet. Nach einem einstimmenden multimedial dargebotenen Prolog betritt Edmund Kirsch erstmals die Bühne vor seinen versammelten Gästen – und wird prompt von einem von ihnen erschossen, noch ehe er den wichtigsten Teil seiner Präsentation von einem privaten Server runterladen kann.

Chaos bricht aus, die Königliche Garde, die vorrangig anwesend ist, um die Direktorin des Museums zu beschützen, die demnächst den spanischen Kronprinzen ehelichen soll, übernimmt das Kommando am Tatort, der Attentäter kann jedoch entfliehen. Aus dieser Situation heraus – und dem Umstand, dass auch bereits einer der drei Geistlichen ermordet wurde – wird Langdon von seinem Guide die Verantwortung übertragen, den Rest der Präsentation online zu stellen, ehe jeder ins Geheimnis Eingeweihte am Ende dieser Nacht als Leiche endet. Um seiner Aufgabe nachzukommen, muss Langdon nicht nur ein 47stelliges Passwort knacken, sondern auch dem Attentäter entkommen, der sich an seine Fersen heftet …

Fazit: „Origin“ erweist sich als ganz typisches Abenteuer, das Dan Brown für seinen Helden Robert Langdon ersonnen hat. Die Einladung ins Museum und dann die Reise weiter nach Barcelona bis hin zu den Katakomben und Türmen der Sagrada Familia bieten wieder einmal einen perfekten Vorwand, uns faszinierende Orte und Kunstwerke in vielen Details zu beschreiben. Als Leser fällt es sehr leicht, sich alles bildlich vorzustellen und Dan Browns Romane animieren auch oft dazu, sich mit dem einen oder anderen danach noch etwas genauer zu beschäftigen.

Während Brown also wieder hervorragend den Reiseführer spielt, kommt die Spannung diesmal aber zu kurz. Es ist sehr früh klar, was Langdon unternehmen muss und die übliche Schnitzeljagd fällt diesmal eigentlich ziemlich kurz aus. Es gibt in „Origin“ nicht allzuviele Schauplätze, an denen Langdon aber – zusammen mit den obligatorischen attraktiven „Langdon-Girl“ – im Gegenzug dafür einfach länger verweilt. Auf den Nebenschauplätzen kommt man etwas weiter herum, von weiteren Schauplätzen in Spanien bis hin nach Budapest. Aber die ganz große Dringlichkeit für Langdon entsteht eher künstlich herbei geführt durch „Fake News“. Lange Zeit hat er mehr damit zu tun, Reportern aus dem Weg zu gehen als Leuten, die ihn umbringen wollen. (Von denen es in diesem Roman erstaunlich wenige gibt.)

Kritik an der Online-Welt, Verschwörungstheorie-Homepages, bewusst eingesetzte Fehlinformation etc. ist als Motiv für die Geschichte deutlich erkennbar genauso wie der erhobene Zeigefinger am Ende der zumindest für mich nicht besonders überraschenden Auflösung – die ich an dieser Stelle aber trotzdem nicht verrate. 😉 Nur soviel, dass die Handlung für meinen Geschmack etwas zu weit in Richtung Science-Fiction abdriftet. Diese Tendenz ist zwar aus der Handlung heraus begründet, aber beißt sich doch ein wenig mit dem Ambiente und der Stimmung des Romans.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Antwort auf diese Frage wird dem Leser ebenfalls präsentiert, aber es bleibt jedem überlassen zu entscheiden, ob diese wirklich so unwiderlegbar sind, wie der fiktive Zukunftsforscher Edmund Kirsch behauptet.

Schade ist auch, dass Langdon seine kombinatorischen Fähigkeiten nur in geringem Maße einsetzen kann. Hier und da eine Anekdote, aber im Wesentlichen hat er nicht viel mehr zu tun, als die Lösung eines ganz bestimmten Rätsels zu finden, anstatt dass ihn die Auflösung zu einem weiteren Rätsel führt. Ein Symptom dieser Unterbeschäftigung seines Hauptcharakters ist auch, dass Dan Brown ein paar weitere kleine Anekdoten einfach so nebenbei einstreut. Diese sind durchaus sehr interessant und Langdon hat recht, dass man den versteckten Pfeil im „FedEx“-Logo nie mehr übersehen wird, wenn man ihn mal entdeckt hat. Aber mit der Story haben solche Informationen gar nichts mehr zu tun.

Bewertung: Nachdem mir „Inferno“ ausgesprochen gut gefiel, ist „Origin“ wieder ein Rückschritt. Auf vergleichbarem Niveau wie „Das verlorene Symbol“, vielleicht sogar eine Spur schwächer was die Spannung angeht, dafür etwas stärker, was die vermittelte Faszination für die Schauplätze angeht. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass die Charaktere die meiste Zeit auf Sparflamme unterwegs sind, weil kein allzu großer Zeit- oder Leistungsdruck auf ihnen lastet.

Sicher rätselt man darüber, was das Attentat auf Kirsch, die fast zeitgleiche Ermordung von Geistlichen in anderen Teilen der Welt und die Intrige, die im spanischen Königspalast vor sich geht, miteinander zu tun haben. Aber der Funke mag nicht so recht überspringen. Als Leser bekam zumindest ich nicht das Gefühl, jetzt sofort immer die Auflösung der diversen mysteriösen Vorgänge wissen zu wollen. Das liegt auch an der Struktur der Handlung: Für Langdon, der rasch eine klar definierte Aufgabe bekommt und in seinem eigenen kleinen Kosmos agiert, ist es relativ egal, was sonst wo passiert. Er ist so geradlinig unterwegs, dass die Rätsel auf den Nebenschauplätzen ihn bei seiner eigenen Mission kaum berühren. Daher gebe ich „Origin“ lediglich 3 von 6 Sterne. Ein solider Thriller, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Dan Brown-Romanen ohne das „gewisse Etwas“.

3stars