Rezension: „High Heat” – A Jack Reacher Story

Wenn man mal nicht weiß, was man als nächstes lesen soll, kommt einem eine Novelle oder Kurzgeschichte immer sehr gelegen. Daher habe ich mal wieder eine Jack Reacher-Story zwischendurch eingeschoben. In „High Heat“ erzählt uns Lee Child nicht nur ein Jugendabenteuer von Jack Reacher, sondern er platziert ihn auch mitten in ein bekanntes historisches Ereignis.

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Jack Reacher ist 1977 noch keine 17 Jahre alt, aber er beschließt, seinen Bruder in der Militärakademie in West Point zu besuchen. Den Tag davor will er dazu nützen, sich das nahe gelegene New York anzusehen. Dort herrschen in diesem Sommer über 40 Grad im Schatten, kaum eine Menschenseele ist auf der Straße … und doch gelingt es Reacher sich Feinde zu machen. Als er mitansieht, wie ein Mann eine Frau auf offener Straße begrapscht, geht er heldenhaft dazwischen und vertreibt den Kerl – der sich jedoch als Bandenboss entpuppt, der die Frau – eine FBI-Agentin – nach einem Mikrophon abgetastet hat. Die Agentin rät Reacher dringend dazu, das Weite zu suchen, aber Reacher denkt gar nicht daran und geht stattdessen lieber auf Aufriss. 😉 Nachdem er in einer Bar das Herz von Studentin Chrissie erobern konnte, gehen beide in ein Tanzlokal, das sich dummerweise im Revier jener Bande befindet, mit deren Boss Reacher wenige Stunden zuvor aneinander geraten war.

Reacher sieht sich einer Übermacht gegenüber, die Lage wirkt aussichtslos, aber zum Glück schreiben wir ja den 13. Juli 1977. Der Tag des großen Stromausfalls in New York.

Fazit: Jack Reacher ist kein von Zeit und Raum losgelöster Held wie James Bond. Reacher kämpft mit dem Älterwerden in einem der letzten Romane und in dieser Kurzgeschichte ist er noch ein 16jähriger … der allerdings kaum von seinem Älteren Ich zu unterscheiden ist. 😀 Lee Child macht gleich am Beginn der Geschichte klar, dass Reacher bereits als 16jähriger körperlich so ist, wie er die folgenden Jahrzehnte lang sein wird, also an Kraft den meisten Menschen auf dem Planeten überlegen. Soll vorkommen. Allerdings benimmt er sich dermaßen souverän, dass es schon beängstigend ist. Als Sohn eines US Marines wird man sicher diszipliniert erzogen und schnappt einiges auf, aber was Reacher hier für kriminalistische Schlussfolgerungen zieht, ist schon mächtig dick aufgetragen. Ich nehme daher an, Lee Child wollte einfach irgendwie Jack Reacher in den New Yorker Sommer 1977 teleportieren, ihn mit einer Freundin durch die Finsternis ziehen, nebenbei einen Gangsterboss fertig machen und wichtige Hinweise zur Ergreifung des damals gefürchteten Serienkillers „The Son of Sam“ liefern lassen.

Ich kann nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob der durch diese Situation entstandene Humor tatsächlich vom Autor beabsichtigt war. Aber launig zum Lesen ist die Geschichte allemal und mir ist es wesentlich lieber, Child platziert seinen Helden in die neuzeitliche Historie der USA als dass er ihn in ein nicht wiedererkennbares Mitteleuropa verfrachtet (wie in „Night School“ geschehen).

Bewertung: Die innerhalb eines Abends stattfindende Story ist schon ziemlich schräg, aber zumindest erfährt man nun, warum Reacher New York so sehr mag. Jetzt wissen wir: Er bekam dort seinen ersten BJ. (Ich schreibe den Begriff nicht aus, wer mit der Abkürzung nichts anfangen kann, geht die folgende Liste auf Wikipedia am besten von unten her durch, dann wird es schnell klar. 😉 https://en.wikipedia.org/wiki/BJ) Trotz all der erheiternden Situationen wird Reacher aber auch konfrontiert mit Gewalt und Tod. Und hier hätte eine solche Story regelrecht verlangt, dem jugendlichen Alter von Reacher Rechnung zu tragen. Aber ein Jack Reacher ist offenbar mit keiner denkbaren Situation überfordert. 😉

„High Heat“ ist also eine amüsante, kurze Lektüre, aber wandelt auf dem schmalen Grat der Satire. An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, Lee Child hätte dem Leser den jungen Jack Reacher mit mehr Ernsthaftigkeit vorgestellt. 4 Sterne gebe ich trotzdem.

4stars

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Rezension: “Ready Player One”

In diesem Science-Fiction-Roman beschreibt der Autor Ernest Cline zwei sehr gegensätzliche Welten in den 2040er-Jahren: Zum einen die düstere Realität, in der ein Großteil der Menschheit infolge einer Energie- und Wirtschaftskrise an Armut leidet, während einige wenige Superkonzerne durch die Ausbeutung ihrer Schuldner immer mehr Reichtum anhäufen. Und dem entgegen steht … die OASIS!

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Die OASIS ist mehr als nur ein Multiplayer-Online-Videospiel. Sie ist eine jedem offenstehende virtuelle Realität, in die der User mittels VR-Brille, haptischer Handschuhe und Anzug vollständig eintauchen kann. Unzählige Welten und Möglichkeiten bietet die OASIS und wird daher zum kollektiven Zufluchtsort der Menschheit vor den Widrigkeiten der Realität. Mehr noch: die OASIS wird für viele die eine Realität, die zählt, denn dort kann jeder alles sein. Menschen brechen daraufhin ihre sozialen Kontakte außerhalb der OSASIS ab, verlassen ihr Zuhause nicht mehr, widmen sich ganz der mit Millionen anderen geteilte Scheinwelt … wo aber auch nicht immer alles so unbeschwert abläuft. Dann als James Halliday – der Erfinder der OASIS – eines Tages verstirbt, wendet er sich mit einer aufgezeichneten Nachricht an die Welt: Er habe innerhalb der OASIS, am Ende einer herausfordernden Rätsel-Rally, ein sogenanntes „Easter Egg“ versteckt; ein Artefakt, das es dem Finder ermöglicht, die völlige Kontrolle über die OASIS und Hallidays Reichtümer zu erlangen.

Und so entstanden die Jäger: Personen, die den Großteil ihrer Zeit nur noch damit verbrachten, das Easter Egg zu finden und unzählige Recherchen zu Halliday und seinen Vorlieben (vorrangig die 1980er-Jahre) anzustellen. Einer dieser Jäger ist Wade Watts bzw. „Parzival“, wie er seinen Avatar in der OASIS genannt hat. Wade ist ein noch zur (virtuellen) Schule gehender Jugendlicher, der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und daher im Auffinden des Easter Eggs seine beste Chance sieht, diesem Leben zu entkommen. Und der Zufall will es, dass nach Jahren der kollektiven Ratlosigkeit es ausgerechnet Wade ist, der Hallidays erstes Rätsel löst. Sein plötzlicher Sprung an die Spitze des Scoreboards erregt Aufmerksamkeit, auch die eher ungeliebte durch den Konzern IOI, der nur zu gerne die Kontrolle über die OASIS erlangen würde und dafür seine eigene Jäger-Armee beschäftigt. Um ihr Ziel zu erreichen geht, IOI über Leichen – und das nicht nur innerhalb der virtuellen Realität …

Fazit: „Ready Player One“ wird gerne als DAS Buch für sogenannte „Nerds“ bezeichnet und das durchaus zurecht, denn so wie sich Wade und die anderen Jäger in ernsthafter Weise in Trivialitäten vertiefen, kommt dies zumindest jemanden wie mir durchaus bekannt vor. 😀 Daher ist auch für einen gewissen Spaß-Faktor gesorgt, wenn Begriffe, Anekdoten, Schlussfolgerungen und Querverweise zu Star Trek, Pac-Man, Firefly, Max Headroom, Zurück in die Zukunft, Blade Runner, Star Wars, Ultraman, Godzilla uvm. auf einen einprasseln.

Als Kind der 80er-Jahre ist mir auch vieles bekannt von dem, was in direktem Zusammenhang mit Hallidays Rätsel-Rally steht, aber ich muss auch sagen, dass mir vieles unbekannt ist. Wenn etwas wichtig ist, dann wird es im Roman durchaus sehr detailliert erklärt (manchmal sogar etwas detaillierter als es für die Dramaturgie gut ist), aber manches Wissen ist selbst mir zu obskur. Dass Wade und seine Freunde (die er nur aus der OASIS kennt) solches Wissen seitenweise rezitieren können, hilft nicht unbedingt dabei, eine Bindung zu den Charakteren herzustellen. Es umgibt sie ein Hauch der Unbesiegbarkeit innerhalb der OASIS und das macht sie nicht unbedingt sympathisch, auch wenn sich Wade in der Mitte des Romans durchaus kritische Gedanken darüber macht und den Nutzen der OASIS für die Gesellschaft in Frage stellt. Seine Gedanken decken viele auch heute schon aktuelle Themenbereiche der Digitalisierung ab, aber am Ende scheint er doch aufzugeben, zu akzeptieren, dass die reale Welt ein untergehendes Schiff ist und am Ende des Romans bleibt es sehr offen, was aus der Welt noch wird.

Der aus Wades Perspektive verfasste Roman ist eine sehr launige Erzählung einer deprimierenden Realität und einer sehr ernsthaft behandelten Scheinwelt. Manchmal ziemlich derb und unreif, was ebenfalls nicht dabei hilft, mit Wade großartig zu sympathisieren. Wenn es da mit IOI nicht das „abgrundtief Böse“ auf der Gegenseite gäbe, würde man Wade die meiste Zeit wohl gar nicht wünschen, das Easter Egg zu finden. IOI als über Leichen gehender Ausbeuterkonzern ist aber zumindest ein sehr effektives Feindbild. Allerdings keines von Bestand, denn auch in der realen Welt kann es Wade ziemlich effektiv mit denen aufnehmen.

Bewertung: Was das Lesevergnügen am meisten trübt ist sicher Wade Watts als Hauptcharakter, dessen Avatar nicht „Parzival“, sondern „Mary Sue“ heißen sollte. Zudem rate ich nur jenen zu diesem Roman, die ein solides Grundwissen der Pop-Kultur der 80er-Jahre mitbringen und/oder generell an Science-Fiction, Fantasy, Videospiele etc. interessiert sind. Ansonsten besteht das Risiko, dass der uneingeweihte Leser bei jedem zweiten Satz nur Bahnhof versteht. Bringt man diese Grundvoraussetzungen mit, bietet „Ready Player One“ sehr solide Unterhaltung, einen ganz guten Mix aus Spaß und Denkanstößen, ohne in beiden Fällen ans Ende der Skala zu gehen. Als jemand, der sich durchaus zur Zielgruppe des Romans zählt, kann ich noch solide 4 Sterne verleihen. Aber ich finde, dass Ernest Cline seinen Roman durchaus noch etwas allgemein zugänglicher hätte gestalten können. Mit dem Nostalgie-Faktor hätte er noch konsequenter umgehen können.

4stars

Anmerkung: Anfang April 2018 startet die Verfilmung von „Ready Player One“ in den Kinos. Die Regie hat Steven Spielberg übernommen, der selbst im Roman Erwähnung findet. Dem ersten Trailer nach zu urteilen, dürfte die Geschichte relativ frei interpretiert werden, wenngleich ein paar Szenen auch wie direkt aus dem Text des Romans übernommen aussehen.

Es wirkt auf mich, als würde man im Film mehrheitlich Anspielungen auf bekanntere Elemente der Pop-Kultur zu sehen bekommen und Wades Motivation wirkt zumindest in diesem Trailer etwas sympathischer als im Roman.

Rezension: „The Midnight Line” – Ein Jack-Reacher-Roman

Nach einem eher unrühmlichen Ausflug in Jack Reachers (von Lee Child sehr frei interpretierten) Vergangenheit, kehrt der Autor mit dem neuesten Roman der Reihe wieder in die Gegenwart zurück. Gleich am Beginn von „The Midnight Line“ trennen sich die Wege von Jack Reacher und Michelle Chang, die er im Roman „Make me“ kennengelernt hat und so reist der ehemalige Militärpolizist einfach weiter, wie er es seit Jahren gewohnt ist. Seinen eigenen Regeln folgend steigt er in den erstbesten Bus mit dem Vorsatz, bis zur Endstation zu fahren, egal wo diese sein würde. Doch dieses eine Mal muss Reacher mit seiner Regel brechen, denn bei einem Zwischenstopp, spaziert er zufällig an einer Pfandleihe vorbei und entdeckt dort im Schaufenster einen Jahrgangsring der U.S. Militärakademie West Point.

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Reacher weiß aus eigener Erfahrung sehr gut, wie hart jemand arbeiten musste, um einen solchen Ring zu bekommen und er beginnt sich sofort zu fragen, in welche Notlage der Besitzer geraten sein musste, um dazu gezwungen worden zu sein, dieses Symbol zu versetzten. Und so lässt Reacher den Bus mit seinem leeren Platz weiterfahren und beginnt, sich rückwärts durch die Vertriebskette zu fragen. Er tut dies mit Nachdruck, aber höflich, wenngleich er nicht von jedem eine höfliche Antwort erhält. Vom Ladenbesitzer über einen Biker fragt sich Reacher durch bis er in Rapid City ankommt. Dort stolpert Reacher nicht nur in die laufenden Ermittlungen der lokalen Polizei gegen einen vermeintlichen Gangsterboss, sondern auch über einen Privatdetektiv, der auf das Auffinden vermisster Personen spezialisiert ist.

Wie sich herausstellt, ist auch dieser auf der Suche nach der früheren Besitzerin des Jahrgangsrings: Ex-Major Rose Sanderson – West Point-Absolventin 2005 und im Einsatz verwundet – hat sich seit ihrer letzten Rückkehr aus dem mittleren Osten nicht mehr bei ihrer Schwester gemeldet. Die Spurensuche des von ihr engagierten Privatdetektivs hat diesen genauso wie Reacher nach Rapid City geführt, wo Reacher dank „höflichem Nachfragen“ erfährt, dass der Ring ursprünglich offenbar aus Wyoming kam. Aus einer so gut wie menschenleere Prärie- und Waldlandschaft, in der der Gangsterboss aus Rapid City dank seiner Handlanger dennoch gute Geschäfte zu machen scheint.

Fazit: Erleichterung macht sich breit, denn Reacher geht es endlich wieder besser. Nicht nur ist er seine Kopfschmerzen los, die ihn in „Make me“ noch so sehr gequält haben. Er ist auch endlich wieder besser gelaunt, seine Gedanken sind nicht so melancholisch und sarkastisch. Tatsächlich kommt der Hauptcharakter endlich wieder mal beschwingt rüber, er hat seinen Sinn für Humor wiedergefunden und Lee Child überträgt diesen Eindruck in Form augenzwinkernder Kommentare und kleinen Seitenhieben, die aber niemandem weh tun – im Gegensatz zu manch anderem, was Reacher so macht. Aber auch in Sachen Gewalt agiert Reacher so verhältnismäßig wie selten.

Schreibstil und Hauptcharakter sind somit schon mal ein großer Pluspunkt von „The Midnight Line“. Und auch die Nebencharaktere sind interessant und zwischenzeitlich bilden Reacher und der Privatdetektiv und EX-FBI-Mann Terrence Bramall ein tolles Duo. Beide sind Vollblutermittler, kommen auf unterschiedlichen Wegen zu gleichen Schlüssen und könnten dabei eigentlich kaum verschiedener sein. Und dennoch kommen sie gut miteinander zurecht. Und auch Ex-Major Rose Sanderson ist ein äußerst starker Charakter, der nicht nur Dreh- und Angelpunkt für die Story ist sondern auch ein ethisches Dilemma darstellt.

Ich möchte in dieser Rezension nicht vorweg nehmen, um welches Dilemma es sich handelt, denn es steht im Zusammenhang mit der Auflösung der mysteriösen Machenschaften des Gangsterbosses. Aber sagen wir einfach mal so: Rose Sanderson ist ein sehr sympathischer Charakter, was man von dem Herrn in Rapid City nicht behaupten kann. Und doch gibt es gute Gründe, dem Kerl alles durchgehen zu lassen, weil es furchtbare Konsequenzen für Rose hätte und so sehen sich Reacher und Bramall sogar dazu gezwungen, ein wenig die Ermittlungen gegen den Gangsterboss vor den Behörden zu verschleiern. Das Thema dieses Romans ist äußerst sensibel und für einen Reacher-Roman wirklich ungewohnt. Lee Child hätte auch die Möglichkeit gehabt, Reacher zum rücksichtslosen Berserker werden zu lassen, aber zum Glück entschied er sich für ein sanftes Herangehen, aber ohne die Situation zu romantisieren und das Verbrechen kleinzureden. Die Charaktere haben ihre Standpunkte, die sie verteidigen können. Lee Child hat hier in die stimmungsvoll beschriebene, einsame Wildnis von Wyoming eine sehr komplexe Situation verpflanzt, deren sukzessive Aufdeckung für Spannung sorgt und die einen ins Grübeln bringt, sobald alles ans Licht gekommen ist.

Der Schluss ist hingegen wieder eher „typisch Reacher“, allerdings kein Gewaltexzess, sondern ein generalstabsmäßiges Eindringen in die Höhle des Löwen und ganz am Ende ereilt dem Bösewicht doch noch das Schicksal, das sich früh im Roman angedeutet hat. Das ist zwar etwas offensichtlich, aber lässt den Leser doch mit einem breiten Grinsen zurück und vertreibt die langsam aufgebaute Sorge darüber, ob Sanderson aus der Sache noch heil rauskommt. Obwohl ein schlechtes Ende sogar noch mehr Gewicht gehabt hätte und aus diesem Grund während des Lesens auch nie ausgeschlossen werden konnte.

Bewertung: Ich weiß schon, dass meine vagen Andeutungen zum Verlauf der Handlung in dieser Rezension nicht gerade ideal sind, um bei potenziellen Leser großes Interesse zu wecken. Aber das liegt einfach daran, dass ich niemandem die Freude an diesem Krimi nehmen will, der für mich eindeutig zu den besten Reacher-Romanen zählt. Nachdem in den letzten paar Romanen die Tendenz klar nach unten ging, ist dies ein fulminantes Comeback – und dieses gelingt sogar, ohne besonders spektakulär zu sein. Aber auf emotionaler Ebene kann „The Midnight Line“ bei mir voll punkten und daher gebe ich dem Roman auch gerechterweise die Höchstwertung. Dies ist somit der 4. von bislang 22 Reacher-Romanen, der von mir 6 von 6 Sterne erhält.

6stars

Rezension: „Origin“

Vier Jahre nach dem letzten Robert Langdon-Abenteuer „Inferno“ erschien nun kürzlich der neueste Roman von Dan Brown. Abermals schickt er den Symbologen und Experten für Codes raus aus dem Hörsaal und – wie könnte es anders sein? – mitten hinein in in ein Mordkomplott rund um ein sagenumwobenes Mysterium.

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Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Über diese Fragen philosophiert die Menschheit wohl seit sie denken kann und einer von Langdons einstigen Schülern – Edmund Kirsch, der es inzwischen zum Multimilliardär auf dem Computersektor gebracht hat und ein hohes Ansehen für seine Zukunftsprognosen genießt – behauptet, auf diese Fragen unwiderlegbare Antworten gefunden zu haben. Um sie der Menschheit zu präsentieren, lädt Kirsch eine Reihe ausgewählter Persönlichkeiten ins Guggenheim-Museum nach Bilbao ein. Darunter auch Robert Langdon, der – über Kopfhörer wie die anderen Gäste mit einem persönlichen Guide verbunden – zuerst sehr interessiert und unbesorgt das Museum durchstreift. Doch als unmittelbar vor Beginn der Präsentation Kirsch ein Gespräch unter vier Augen mit ihm führt, wächst die Besorgnis, denn Langdon erfährt hier, dass Kirsch seine Präsentation nur wenige Tage zuvor drei hohen Vertretern von Weltreligionen gezeigt hat, die naturgemäß wenig angetan von Kirsch Erkenntnissen waren. Denn ein wissenschaftlicher Beweis für den Ursprung und die Weiterentwicklung der Menschheit, würden viele Antworten, die die Religionen bislang exklusiv anbieten, obsolet machen.

Kirsch‘ Furcht, religiöse Vertreter könnten versuchen, seine Präsentation zu stören, erweist sich als durchaus begründet. Nach einem einstimmenden multimedial dargebotenen Prolog betritt Edmund Kirsch erstmals die Bühne vor seinen versammelten Gästen – und wird prompt von einem von ihnen erschossen, noch ehe er den wichtigsten Teil seiner Präsentation von einem privaten Server runterladen kann.

Chaos bricht aus, die Königliche Garde, die vorrangig anwesend ist, um die Direktorin des Museums zu beschützen, die demnächst den spanischen Kronprinzen ehelichen soll, übernimmt das Kommando am Tatort, der Attentäter kann jedoch entfliehen. Aus dieser Situation heraus – und dem Umstand, dass auch bereits einer der drei Geistlichen ermordet wurde – wird Langdon von seinem Guide die Verantwortung übertragen, den Rest der Präsentation online zu stellen, ehe jeder ins Geheimnis Eingeweihte am Ende dieser Nacht als Leiche endet. Um seiner Aufgabe nachzukommen, muss Langdon nicht nur ein 47stelliges Passwort knacken, sondern auch dem Attentäter entkommen, der sich an seine Fersen heftet …

Fazit: „Origin“ erweist sich als ganz typisches Abenteuer, das Dan Brown für seinen Helden Robert Langdon ersonnen hat. Die Einladung ins Museum und dann die Reise weiter nach Barcelona bis hin zu den Katakomben und Türmen der Sagrada Familia bieten wieder einmal einen perfekten Vorwand, uns faszinierende Orte und Kunstwerke in vielen Details zu beschreiben. Als Leser fällt es sehr leicht, sich alles bildlich vorzustellen und Dan Browns Romane animieren auch oft dazu, sich mit dem einen oder anderen danach noch etwas genauer zu beschäftigen.

Während Brown also wieder hervorragend den Reiseführer spielt, kommt die Spannung diesmal aber zu kurz. Es ist sehr früh klar, was Langdon unternehmen muss und die übliche Schnitzeljagd fällt diesmal eigentlich ziemlich kurz aus. Es gibt in „Origin“ nicht allzuviele Schauplätze, an denen Langdon aber – zusammen mit den obligatorischen attraktiven „Langdon-Girl“ – im Gegenzug dafür einfach länger verweilt. Auf den Nebenschauplätzen kommt man etwas weiter herum, von weiteren Schauplätzen in Spanien bis hin nach Budapest. Aber die ganz große Dringlichkeit für Langdon entsteht eher künstlich herbei geführt durch „Fake News“. Lange Zeit hat er mehr damit zu tun, Reportern aus dem Weg zu gehen als Leuten, die ihn umbringen wollen. (Von denen es in diesem Roman erstaunlich wenige gibt.)

Kritik an der Online-Welt, Verschwörungstheorie-Homepages, bewusst eingesetzte Fehlinformation etc. ist als Motiv für die Geschichte deutlich erkennbar genauso wie der erhobene Zeigefinger am Ende der zumindest für mich nicht besonders überraschenden Auflösung – die ich an dieser Stelle aber trotzdem nicht verrate. 😉 Nur soviel, dass die Handlung für meinen Geschmack etwas zu weit in Richtung Science-Fiction abdriftet. Diese Tendenz ist zwar aus der Handlung heraus begründet, aber beißt sich doch ein wenig mit dem Ambiente und der Stimmung des Romans.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Antwort auf diese Frage wird dem Leser ebenfalls präsentiert, aber es bleibt jedem überlassen zu entscheiden, ob diese wirklich so unwiderlegbar sind, wie der fiktive Zukunftsforscher Edmund Kirsch behauptet.

Schade ist auch, dass Langdon seine kombinatorischen Fähigkeiten nur in geringem Maße einsetzen kann. Hier und da eine Anekdote, aber im Wesentlichen hat er nicht viel mehr zu tun, als die Lösung eines ganz bestimmten Rätsels zu finden, anstatt dass ihn die Auflösung zu einem weiteren Rätsel führt. Ein Symptom dieser Unterbeschäftigung seines Hauptcharakters ist auch, dass Dan Brown ein paar weitere kleine Anekdoten einfach so nebenbei einstreut. Diese sind durchaus sehr interessant und Langdon hat recht, dass man den versteckten Pfeil im „FedEx“-Logo nie mehr übersehen wird, wenn man ihn mal entdeckt hat. Aber mit der Story haben solche Informationen gar nichts mehr zu tun.

Bewertung: Nachdem mir „Inferno“ ausgesprochen gut gefiel, ist „Origin“ wieder ein Rückschritt. Auf vergleichbarem Niveau wie „Das verlorene Symbol“, vielleicht sogar eine Spur schwächer was die Spannung angeht, dafür etwas stärker, was die vermittelte Faszination für die Schauplätze angeht. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass die Charaktere die meiste Zeit auf Sparflamme unterwegs sind, weil kein allzu großer Zeit- oder Leistungsdruck auf ihnen lastet.

Sicher rätselt man darüber, was das Attentat auf Kirsch, die fast zeitgleiche Ermordung von Geistlichen in anderen Teilen der Welt und die Intrige, die im spanischen Königspalast vor sich geht, miteinander zu tun haben. Aber der Funke mag nicht so recht überspringen. Als Leser bekam zumindest ich nicht das Gefühl, jetzt sofort immer die Auflösung der diversen mysteriösen Vorgänge wissen zu wollen. Das liegt auch an der Struktur der Handlung: Für Langdon, der rasch eine klar definierte Aufgabe bekommt und in seinem eigenen kleinen Kosmos agiert, ist es relativ egal, was sonst wo passiert. Er ist so geradlinig unterwegs, dass die Rätsel auf den Nebenschauplätzen ihn bei seiner eigenen Mission kaum berühren. Daher gebe ich „Origin“ lediglich 3 von 6 Sterne. Ein solider Thriller, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Dan Brown-Romanen ohne das „gewisse Etwas“.

3stars

Rezension: Comic – „Asterix in Italien“

Seit dem 19. Oktober ist der inzwischen 37. Asterix-Band erhältlich. Wie schon bei den letzten beiden Comics über den tapferen Gallier zeichnen auch für dessen Reise quer durch Italien wieder Jean-Yves Ferri und Didier Conrad verantwortlich.

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Dabei kann man gar nicht so recht von einem „Asterix“-Abenteuer sprechen, denn Auslöser für die Handlung ist eigentlich dessen kräftig gebauter Freund Obelix. Dieser besucht nämlich zusammen mit Asterix und dem von Zahnschmerzen gequälten Methusalix einen großen Jahrmarkt in Vannes (die „CEBIT“, den Markt für celtisches Brauchtum und innovative Technik 😉 ). Auf der Suche nach einem Dentisten macht Obelix halt bei einer Wahrsagerin, die ihm aus der Hand liest und ihm voraussagt, in einem geflügelten Wagen ein Wettrennen zu gewinnen. Wie überraschend, dass der Neu- und Gebrauchtwagenhändler am Markt genau einen solchen Streitwagen anbietet, den Obelix natürlich sofort gegen Hinkelstein-Ratenzahlung erwirbt.

Und noch erstaunlicher wird die Vorhersage der Wahrsagerin, als auf dem Markt auch das große Transcaliga-Rennen verkündet wird. Aus allen Teilen des Römischen Reiches sind Wagenlenker zu einem hochdotierten Etappenrennen eingeladen, das von Modena im Norden der italienischen Halbinsel bis in den Süden zum Vesuv führen soll. Mit der Veranstaltung dieses Rennens will nämlich der für Straßenerhaltung zuständige Senator Bifidus Vorwürfen entgegenwirken, er habe die Gelder für die Straßensanierung in die eigene Tasche fließen lassen. Doch diese Beweggründe interessieren die Gallier gar nicht, ihnen geht es nur darum, ihre „Lieblingsfeinde“ wieder mal zu ärgern und zur Abwechslung mal auf ihrem eigenen Terrain zu besiegen. Doch im Rennen wird Obelix und seinem Co-Piloten Asterix schnell klar, dass der römische Favorit einen größeren Heimvorteil besitzt als nur die Kenntnis der Schlaglöcher auf den maroden Straßen …

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Die Römer arbeiten mit allen Tricks, um die Gäste aus den fernen Provinzen am Sieg zu hindern.

Fazit: Nach dem originellen „Papyrus des Cäsar“ gehen es Ferri und Conrad wieder etwas konventioneller an. Ausflüge in fremde Länder sind für die Gallier aus dem Dorf der Unbeugsamen ja nichts Neues. Auch längere Rundreisen quer durch die Lande haben sie schon einige hinter sich gebracht und sind dabei auch schon öfter unter Leistungsdruck gestanden. Beispielsweise bei ihrer „Tour de France“, während der Asterix und Obelix gallische Spezialitäten gesammelt haben, oder auf der Jagd nach Sesterzen in „Asterix und der Kupferkessel“.

Der Vorwand, unter dem sich die beiden heldenhaften Gallier diesmal in eine solche Situation stürzen, ist weit weniger aufregend. Wurden ihnen früher solche Situationen von den Umständen aufgezwungen, nehmen sie diesmal freiwillig und ohne direkte Provokation oder Herausforderung an einem durchorganisierten Wagenrennen teil, weshalb der Ablauf des Ganzen auch deutlich vorhersehbarer wird. Das schwächt zumindest die Gags nicht – davon gibt es wieder jede Menge, italienischen Besonderheiten werden zur Genüge ausgespielt, seien es die Venezier, die ihre Stadt wegen der Aussicht in einem Sumpf errichten, Parma-Schinken, den in Scheiben zu schneiden Obelix für überflüssig hält, oder ein Mona Lisa-Double. Auch den nächsten Ausbruch des Vesuv zögert Obelix so nebenbei um über 100 Jahre hinaus und auch die Konkurrenten im Renne aus den Provinzen dürfen bekannte Klischees auf augenzwinkernde Weise bedienen.

Viele Gags zünden, einige scheinen mir hingegen eher für Insider gedacht zu sein (was allerdings recht typisch für Asterix-Comics ist und auch ein wenig deren Reiz ausmacht, sich nach dem Lesen der Geschichten weiter zu informieren). Aber die Spannung ist auf äußerst niedrigem Niveau. Wenn zum Beispiel der römische Favorit auftaucht und dabei einen goldenen Helm trägt, der sein Gesicht verhüllt, dann fragt man sich nur eines: Das Gesicht welches Formel-1-Fahrers wird wohl erscheinen, sobald er den Helm abnimmt? (Anmerkung: Ich habe es richtig erraten. 😉 ).

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Welches Motorsportfans bekannte Antlitz verbirgt sich wohl hinter diesem Helm? 24 Seiten später wird das Geheimnis gelüftet, aber es lässt sich auch erraten.

Aber am enttäuschten war ich doch vom Schluss. Der Ausgang des Rennens und die Siegerehrung wirken dem entgegen, wozu ein Wettrennen eigentlich gut ist. Der „Olympische Gedanke“ war nicht mal in „Asterix bei den Olympischen Spielen“ derart präsent. Die Harmonie am Schluss wirkt leider arg gekünstelt.

Noch ein kurzer aber eigentlich unnötiger Kommentar zu den Zeichnungen: Didier Conrad schließt stilistisch wieder hervorragend an Albert Uderzos Comics an.

Bewertung: „Asterix in Italien“ kann man zu guter Recht als absolut mittelmäßiges Gallier-Abenteuer beschreiben, weshalb ich es auch mit 3 von 6 Sternen benote. Der bisher schwächste Band von Ferri und Conrad, aber er ist dennoch aus humorvoller Sicht unterhaltsam. Wer darauf Wert legt, den Humor in einer spannenden Story verpackt zu sehen, wird aber enttäuscht sein.

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Anmerkung: Seltsamerweise fehlen in „Asterix in Italien“ am Beginn des Bandes die beiden üblichen Seite mit der Vorstellung der Hauptcharaktere und die Karte von Gallien mit der Lupe, die Aremorica vergrößert. Das heißt aber nicht, dass die Geschichte selbst länger wäre. Der Band ist lediglich um diese beiden Seiten kürzer. (Die meisten Asterix-Geschichten enden auf Seite 48, diese auf Seite 46.)

Rezension: „Deep Down” – A Jack Reacher Story

Wie schon die vor ein paar Tagen rezensierte Star Trek-Novelle dient auch diese Jack Reacher-Story der Überbrückung bis zum Erscheinen des nächsten längeren Buches auf meiner Leseliste. Wie regelmäßige Besucher meines Blogs wissen, habe ich im April 2017 mit „Night School“ den 21. und bislang letzten erschienenen Roman von Lee Child rezensiert. Noch übrig sind aber ein paar Kurzgeschichten über den Militärpolizisten Jack Reacher und eine davon, die zeitlich während seiner aktiven Army-Dienstzeit angesiedelt ist, ist „Deep Down“.

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Vorweg: Die als ebook – und manchmal als Anhang der Reacher-Romane – erschienenen Kurzgeschichten sind bedeutend kürzer als beispielsweise die Star Trek ebook-Novellen; nur ungefähr halb so lang. Daher ist die Geschichte von „Deep Down“ auch sehr schnell erzählt: Captain Jack Reacher bekommt den Auftrag, undercover an einer Besprechung im Kapitol teilzunehmen, in der die Kriterien für ein neues Scharfschützengewehr festgelegt werden sollen. Aufgrund auffälliger Fax-Aktivitäten nach vergangenen Sitzungen liegt der Verdacht nahe, dass aus dem Büro der politischen Verbindungsoffiziere geheime Informationen durchsickern – vermutlich an ausländische Waffenhersteller. Reacher soll die vier infrage kommenden Verbindungsoffiziere – vier weibliche Karriereoffiziere höheren Ranges, die man nicht ohne Auffallen zu einem offiziellen Verhör vorladen könnte –  ausfragen und Eindrücke sammeln. Eine ungewohnte Aufgabe für Reacher, aber wenigstens haben seine Vorgesetzten bereits eine Hauptverdächtige, weshalb er sich vorrangig auf diese konzentrieren möchte. Doch diese taucht leider bei der Besprechung im Kapitol gar nicht auf und hat einen durchaus plausiblen Abwesenheitsgrund: Nur Stunden vor der Besprechung kam der ehrgeizigen Joggerin ein Auto in die Quere …

Fazit: Trotz der Kürze weist „Deep Down“ die Qualitäten der besseren Reacher-Romane auf. Allen voran kommt der junge Army-Captain Reacher sehr sympathisch rüber. Der Ausblick auf ein simultanes „Rendezvous“ mit vier Frauen zum Zwecke der Informationsbeschaffung lässt ihn doch ein wenig an seiner Eignung zweifeln. Ein James Bond ist er eben nicht gerade. 😀 Da die Vorbereitung auf seine Mission schon gut die Hälfte der Geschichte einnimmt, wird die mehrere Stunden dauernde Besprechung recht knapp abgehandelt, aber ich würde doch behaupten, dass Reachers Wahrnehmung der Vorgänge und seine Einschätzungen für ausreichend Spannung sorgen, aber so richtig animiert mitzuraten, wer die Verräterin ist, wird man als Leser nicht. Dafür kennt Reacher die an der Besprechung beteiligten Personen auch einfach nicht gut genug, muss sich auf Beobachtungen stützen. Die Eigenschaften der Teilnehmer nimmt Reacher also ganz sachlich wahr. Aber es reicht aus, denn wenn Reacher seinem Vorgesetzten telefonisch meldet, wen er verdächtigt, ist seine Begründung sehr schlüssig. Und nach Beendigung des Telefonats darf Reacher auch nochmal in gewohnter Souveränität die Muskeln spielen lassen.

Bewertung: Ein sehr kurzes, aber absolut vorhandenes Lesevergnügen bietet „Deep Down“. Die Geschichte revolutioniert das Krimi-Genre zwar nicht, denn im Grunde nimmt Reacher nur an einem Kapitel einer längeren Geschichte teil, die schon ohne ihn begann und später ohne ihn weitergehen wird. Und doch beendet man als Leser diese Kurzgeschichte doch zufrieden, denn man hat das Relevante in Erfahrung gebracht und am Ende mit einem zustimmenden Nicken quittiert. 4 von 6 Sterne sind allemal drin, denn die Geschichte wird solide erzählt und ist so kurz, dass Lee Child gar keine Zeit blieb, sich in Widersprüche zu verstricken oder langatmig zu werden.

4stars

Anmerkung: https://de.wikipedia.org/wiki/Fax 😉

Rezension: Comic – „Der Papyrus des Cäsar“

Es wird höchste Zeit, ein kleines Versäumnis meinerseits nachzuholen. Denn obwohl bereits im kommenden Oktober der 37. Band erscheint, hatte ich in den vergangenen beiden Jahre doch völlig vergessen, Asterix-Band Nr. 36 zu rezensieren, was ich nunmehr nachholen möchte.

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Bereits der 35. Band „Asterix bei den Pikten“ läutete ein neues Zeitalter der Asterix-Comics ein: Illustrator Albert Uderzo ließ den jahrzehntelangen Versuch bleiben, ohne seinen bereits 1977 verstorbenen Partner René Goscinny weitere Geschichten der tapferen Gallier zu Papier zu bringen und übergab die Reihe in die Hände von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad. Und wenngleich man deren erstem Werk „Asterix bei den Pikten“ durchaus vorwerfen konnte, mit einem typischen Reiseabenteuer keinerlei Risiko eingegangen zu sein, überzeugte mich das Endergebnis. 

Der 36. Band „Der Papyrus des Cäsar“ ist inhaltlich anders angelegt. Ferri und Conrad konzentrieren sich diesmal auf den gallisch-römischen Konflikt und thematisieren Julius Cäsars Werk „Commentarii de Bello Gallico“ – seine Kommentare zum gallischen Krieg – und erklären in dieser Geschichte augenzwinkernd, warum man in diesem historischen Schriftstück keine Erwähnung eines Dorfes voller Unbeugsamer findet. Wie wir in diesem Comic erfahren, beinhalteten die Kommentare ursprünglich durchaus ein kritisches Kapitel über Cäsars Rückschläge in Aremorica. Doch sein Verleger Syndicus riet ihm erfolgreich von der Veröffentlichung ab und machte sich sofort ans Werk, jede Vervielfältigung dieses Kapitels zu vernichten. Was ihm aber nicht ausnahmslos gelingt: Einer der stummen, numidischen Schreiber entwendet heimlich eine Schriftrolle und spielte sie aus Solidarität mit dem gallischen Volk einem Kolporteur aus Lutetia zu. Der sensationshungrige Polemix macht sich für eine ausgedehnte Reportage natürlich sofort auf den Weg zum Dorf der Unbeugsamen und findet dort Schutz vor Syndicus‘ Eliteeinheit, die die Papyrusrolle wiederbeschaffen soll, ehe Cäsar von ihrem Verschwinden Wind bekommt. Doch entgegen Syndicus‘ Befürchtungen und Polemix‘ Hoffnungen haben die Dorfbewohner gar nicht vor, den brisanten Text einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Stattdessen soll er sich zu vielen weiteren mündlichen Überlieferungen gesellen, die die Druiden von Generation zu Generation weitergeben und so begleiten Asterix und Obelix ihren Druiden Mirculix einmal mehr zum Karnutenwald …

Fazit: In ihrem zweiten Band entfernen sich Ferri und Conrad also vom klassischen Schema eines Reiseabenteuers, sind in Sachen Story etwas mutiger und integrieren ein zeitgenössisches Thema. Vor allem Anspielungen auf elektronische Kommunikation wie auch – zum Zeitpunkt des Erscheinens des Comics noch mehr als heute – das Whistleblower- und WikiLeaks-Thema. Allerdings sind diese Anspielungen – sowohl textlich als auch visuell – nicht dermaßen aufdringlich, dass Edward Snowden oder Julian Assange tatsächlich 1:1 vorkommen würde. Uderzo hätte dieser Versuchung bestimmt nur schwer widerstehen können. Generell kann man Ferri und Conrad guten Gewissens attestieren, ein sehr gutes Gespür für Anspielungen zu haben.  Sicher sind sie nur schwer zu übersehen bzw. zu überlesen, aber sie sind auch nicht übermäßig aufdringlich oder gar ablenkend, wie es in manch anderen Asterix-Comics der nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit der Fall war. Nicht plumper Hinkelstein, sondern feine Sichelklinge lautet die Devise.

Die Geschichte unterhält sehr gut und ich finde es passend, dass die Gallier – stur wie sie nun mal sind – ihren eigenen Weg zwischen Vertuschung und Sensationsjournalismus gehen. Jedoch … nun ja, zum Erscheinungszeitpunkt dieses Comics im Jahre 2015 war es natürlich noch kein Thema, aber die Twitter-Vögelchen riefen zumindest bei mir indirekt eine betrübliche Assoziation hervor zwischen der Weigerung der Gallier, dem geschriebenen Wort zu trauen und einem gewissen Twitter-Nutzer in den Vereinigten Staaten von Amerika, der ebenfalls nicht viel von Nachrichten hält. (Außer er setzt sie selbst in die Welt und sie haben nicht mehr als 140 Zeichen.)

Aber vertreiben wir schnell diese dunkle Wolke, kommen wir wieder auf den ansonsten guten Unterhaltungswert von „Der Papyrus des Cäsar“ zurück. Dieser gründet sich teils auf den erwähnten Anspielungen und teils auf das Gezänk der Gallier, das sich auf das Horoskop in einem Magazin stützt. Tatsächlich bietet diese Szene am Beginn die Basis für einige Running-Gags, sie besitzt also einen erstaunlich langen Atem und prägt die Dialoge. Jean-Yves Ferri hat auch hier wieder die Charaktere sehr gut getroffen und Didier Conrads Zeichnungen sind sowieso von jenen Uderzos so gut wie gar nicht zu unterscheiden.

Sowohl Figuren als auch Schauplätze sind in „Der Papyrus des Cäsar“ weitgehend bekannt, aber beim Karnutenwald haben sich die Erschaffer ein paar nette Ideen einfallen lassen. (Interessant aber, dass Asterix und Obelix den Wald so einfach betreten durften. Das übliche Warnschild „Für Nicht-Druiden verboten!“ gibt es zwar auch in diesem Comic, aber darauf eingegangen wird nicht.)

Bewertung: Die Geschichte ist ein wenig abseits der üblichen Wohlfühlzone eines Reiseabenteuers, aber Ferri und Conrad meistern sie meiner Meinung nach sehr gut und haben vernünftige Entscheidungen getroffen. Das Humorlevel ist dank der Running-Gags dauerhaft gegeben, aber der ganz große Brüller war leider nicht dabei. Trotzdem haben die beiden „Neulinge“ auch in ihrem ersten Nicht-Reiseabenteuer eine absolut solide Leistung erbracht, dessen Ergebnis ich gute 4 von 5 Sterne verleihe.

4stars

Für mich selbst überraschend entspricht dies einem Stern weniger als ich „Asterix bei den Pikten“ gegeben habe, aber ich habe mir auch diesen Band nochmals durchgesehen und kam zu dem Schluss, dass ich das Reiseabenteuer – auch wenn man es „banal“ schimpfen möchte – einfach lustiger fand und der  Schauplatz Schottland visuell mehr Interessantes bot.

Anmerkung: Der 37. Band mit dem Titel „Asterix in Italien“ erscheint am 19. Oktober 2017.