Pilotfilm-Review: „Star Trek : Prodigy – Gesucht und gefunden“

Es ist eine Weile her, dass eine neue Star Trek-Serie ihre deutschsprachige Premiere nicht per Streaming, sondern im linearen Fernsehen feierte. Die neueste Animationsserie „Prodigy“ startete hierzulande mit ihrem zweiteiligen Auftakt „Gesucht und gefunden“ am 18. und 19. April 2022 auf Nickelodeon Austria (unverschlüsselt per Satellit empfangbar) im Free-TV. Aber dass die Serie auf einem „Kindersender“ läuft, soll keinen Star Trek-Fan abschrecken, denn „Prodigy“ startet mit einer spektakulären Doppelfolge aus einer zwar ungewöhnlichen Ausgangssituation heraus, aber mitten hinein in die Tiefen des etablierten Star Trek-Universums!

Handlung: Die Geschichte beginnt auf Tars Lamora, einem Asteroiden, der reich an kristallinem Chimerium ist, das von Sklaven verschiedenster Herkunft abgebaut wird. Das Sagen haben hier der „Diviner“ und dessen Tochter Gwyn – die letzten Angehörigen der Spezies der Vau N’Akat – sowie der für die mitunter gewaltsame Durchsetzung von Ordnung sorgende Android Drednok, der am Beginn der Episode auf der Suche nach einem flüchtigen Gefangenen namens Zero ist.

Ein jugendlicher Gefangener – Dal, der einer unbekannten Spezies angehört – erblickt Zero zwar, leugnet dies während des von Drednok geführten Verhörs aber recht ungeschickt und muss – nachdem Zero Dal zur Hilfe kommt – einen noch unausgegorenen Fluchtplan vorzeitig umsetzen.

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Gwyn und die künstliche Lebensform Drednok sind die Stellvertreter des Diviners, der selbst die meiste Zeit in einem mit Flüssigkeit gefüllten Tank verbringt

Wenig überraschend bleibt Dal erfolglos und landet in einer Arrestzelle. Drednok will bei seiner Befragung Folter anwenden, doch Gwyn, die zumindest eine gewisse Sympathie für Dal hegt, überzeugt ihren Vater, es zuerst mit einem Anreiz zu versuchen. Sie verspricht Dal Freiheit, wenn er für sie Zero aufspürt und ausliefert. Da die Alternative Folter durch Drednok wäre, stimmt Dal zu und begibt sich auf die tiefste Ebene des Bergwerks, wo Zero zuletzt gesichtet wurde. Doch obwohl sich Zero ganz in der Nähe aufhält, macht Dal zuerst eine ganz andere und völlig unerwartete Entdeckung: In den Tiefen von Tars Lamora findet er ein hochmodernes Raumschiff. Sein Ticket in die Freiheit – sofern er es mit der Hilfe von Zero und einigen weiteren Gefangenen wieder flugtüchtig bekommt und ins Weltall bringen kann.

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Dal im Bergwerk von Tars Lamora. Verschwommen im Hintergrund auf einer der aufragenden Strukturen ist Zero zu erkennen.

Doch wie sich herausstellt, ist auch der Diviner hinter dem Schiff her: der U.S.S. Protostar der von ihm aus noch unbekannten Gründen verhassten Föderation der Planeten.

Fazit: Wie für Animationsserien recht üblich, dauert eine reguläre Folge von „Prodigy“ ca. 25 Minuten. Der Auftakt zur Serie ist wie erwähnt eine Doppelfolge und nutzt die zur Verfügung stehende Zeit wirklich sehr gut aus. Es gelingt der Doppelfolge sowohl die zentrale Örtlichkeit Tars Lamora, die Protagonisten und Antagonisten sowie die Protostar vorzustellen – und gleichzeitig spektakuläre Bilder und spannende Action-Sequenzen beizusteuern.

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V.l.n.r.: Jankom Pog, Murf, Dal, Gwyn, Rok-Tahk und Zero auf der Brücke der Protostar.

Man erhält wirklich ein sehr gutes Gefühl für die Charaktere und dies, obwohl die Motivation des Diviners nur mysteriös angedeutet wird und auch Gwyn in das Geheimnis, das der Diviner und Drednok bewahren, nicht gänzlich eingeweiht ist. Auch Dal umgibt ein Mysterium, was seine Herkunft anbelangt, über die er selbst nicht allzu viel zu wissen scheint. Aber obwohl sich Tars Lamora im Delta-Quadranten befindet, scheint er auch einiges über den Alpha-Quadranten zu wissen, z.B. über die typische Streitlust des Tellariten Jankom Pog und die telepathischen Fähigkeiten von Zero, bei dem es sich um einen Medusen handelt – eine Spezies, die bislang nur in der klassischen Star Trek-Folge „Die fremde Materie“ auftauchte. Zero hat dabei eine sehr belastete Vorgeschichte, denn der Anblick eines Medusen außerhalb einer schützenden Hülle kann Wahnsinn hervorrufen und der Diviner machte sich diese Eigenschaft Zeros zu nütze, um aufsässige Sklaven zu unterwerfen.

Gefängnis, Folter, Zwangsarbeit und sogar Kinderhandel … Recht heftige Themen kommen in dieser „Kinderserie“ schon in der ersten Folge vor bzw. werden zumindest angesprochen. Aber als solche würde ich „Prodigy“ wirklich nicht unmittelbar bezeichnen.

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Ein Kazon wurde vom Diviner beauftragt, „Unerwünschte“ als Sklaven für das Bergwerk zu rekrutieren. Er macht auch nicht Halt davor, Kinder zu verkaufen.

„Prodigy“ ist vorrangig eine Star Trek-Serie und wie der Großteil der früheren Star Trek-Episoden kann natürlich auch „Prodigy“ von Kindern problemlos angesehen werden und dass die Hauptcharaktere größtenteils recht jung sind, schafft für jüngere Zuseher sicher noch größeres Identifikationspotenzial und Aufmerksamkeit für die angesprochenen „schwereren“ Themen.

Aber die jungen Protagonisten sollen auch ältere Seher nicht davon abhalten, die Serie zu sehen, die wirklich sehr hochwertig produziert wirkt. Das zeigt schon die Verwendung des Kino-Breitbildformats und entsprechende Cinematographie, wie Szenen inszeniert werden. Optisch finde ich das Gezeigte extrem eindrucksvoll, sehr detailreich animiert und farblich sehr bunt mit starken Highlights in der an sich düsteren Umgebung des Bergwerks.

Und spätestens wenn die U.S.S. Protostar (ein Schiffsdesign, das mir extrem gut gefällt!) abhebt und sich ihren Weg zurück in Weltall bahnt, bekommt man eine kinoreife, spannende Sequenz geliefert.

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An Bord der U.S.S. Protostar fliehen Dal und seine Kameraden von Tars Lamora.

Vom spektakulären Flug des Schiffs durch die beengte Umgebung – während Dal versucht, an der Außenhülle der Protostar die Reparatur der Schutzschilde abzuschließen und Drednok ihn zugleich davon abhalten will – über das Sternenflotten-Sounddesign bis hin natürlich zur großartigen musikalischen Untermalung der Komponistin Nami Melumad, die wohl nicht ganz zufällig ähnlich klingt wie die Soundtracks von Oscar-Preisträger Michael Giacchino für die letzten 3 Star Trek-Kinofilme. Davon inspiriert klang bereits Melumads Score für die „Short Treks“-Kurzepisode „Q&A“ (quasi eine Vorgeschichte zur nächsten Star Trek-Serie „Strange new Worlds“, deren Score ebenfalls von Melumad geschrieben wird) und von Giacchino selbst stammt die Titelmelodie von „Prodigy“. Gespielt wird die Musik von „Prodigy“ von einem 65-Personen umfassenden Orchester und entsprechend bombastisch ist der Sound auch.

Abgesehen von einer nicht aufgesetzt wirkenden, sondern im Gegenteil gut in die Handlung integrierten Vorstellung der Charaktere, trägt also auch die Inszenierung von „Gesucht und gefunden“ zu einem gelungenen Start der Serie bei. Und gegen Ende der Folge darf dann schließlich endlich jener Charakter auftreten, mit dem ja im Vorfeld bereits intensiv geworben wurde und den ich deshalb im Rahmen dieses Reviews auch nicht verschweigen möchte: eine holographische Version von Captain Kathryn Janeway, die die zusammengewürfelte Crew der Protostar folgend unter die Arme greifen wird. Dem Hologramm leiht im Originalton Kate Mulgrew die Stimme und auch in der synchronisierten Fassung hören wir Captain Janeways vertraute deutsche Sprecherin.

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Auf der U.S.S. Protostar existiert ein holografisches Trainingsprogramm in der Gestalt von Captain Kathryn Janeway von der U.S.S. Voyager.

Aber das ist nicht der einzige Cliffhanger dieser Folge und vorweg genommen weise ich schon darauf hin, dass „Prodigy“ eine Serie mit aufbauender Handlung ist und so gut wie in jeder Folge eine Entwicklung passiert. Das war für mich recht überraschend, da ich eigentlich mit einer Serie von typischen Einzelepisoden gerechnet habe. Und das Janeway-Hologramm wird nicht die einzige Anspielung auf „Voyager“ bzw. andere Star Trek-Serien bleiben. (Ein kleiner Tipp: Lasst euch Folge 6 „Kobayashi“ auf keinen Fall entgehen!)

Bewertung: Das Einzige, das ich an „Gesucht und gefunden“ ein wenig auszusetzen habe – abgesehen von dem etwas plötzlichen Erscheinen und der knappen Vorstellung von Hologramm-Janeway –  sind die zwei relativ ähnlichen größeren Action-Sequenzen in der ersten wie auch zweiten Hälfte der Doppelfolge. Es sind eben beides Fluchtversuche aus ähnlicher Umgebung. Dramaturgisch sind sie schon sinnvoll und mir würde auch keine Alternative einfallen, aber das war der einzige negative Gedanke, der mir während der Folge kam. Ansonsten war es ein hervorragender Serienauftakt, der sowohl spannend ausfällt, als auch gut dosierten Humor aufweist, wie auch etwas Skurrilität (der Alien „Murf“ sei hier z.B. genannt, den ich aber spätestens bei seinem ersten Gurren ins Herz geschlossen hatte 😀 ).

Ohne zugegebenermaßen allzu viele andere aktuelle Serien auf Nickelodeon gesehen zu haben, scheint  auf „Prodigy“ eine Beschreibung gut zu passen, die schon im Jahr 1973 die Zeitung Los Angeles Times in ihrem Review der damals am Samstag Vormittag laufenden klassischen Star Trek-Zeichentrickserie verwendet hat: Sie sei auf ihrem Sendeplatz „ein Mercedes in einem Seifenkistenrennen“. Ein Mercedes wird an der Front lediglich von einem Stern geziert. Der Auftakt von „Prodigy“ erhält von mir 5 Sterne. Mit Tendenz nach oben!

5stars

Anmerkungen:

  • Ja, ich bin mir durchaus bewusst, dass ich den von mir rezensierten Filmen und Pilotfilmen üblicherweise keine Sterne, sondern Punkte bzw. Filmrollen verleihe. Aber die Überleitung vom Mercedes-Zitat war einfach zu verlockend. 😀
  • Die Bilder in diesem Review stammen von trekcore.com und cygnus-x1.net.
  • Und damit es nicht wirkt, als würde ich ein abwertendes Pauschalurteil über Nickelodeon aussprechen: Die von Nickelodeon produzierte „Turtles“-Serie von 2012 finde ich sehr gut – auch wenn ich sie nie auf dem Sender selbst sah, sondern erst vergangenes Jahr per Stream für mich entdeckte.

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