Leser meines Blogs ahnen aufgrund meiner Rezensionen zu „Jack Reacher“-Romanen vielleicht, dass ich Krimis im Militärmilieu durchaus einiges abgewinnen kann. Aber auch lange bevor ich den ersten Roman las, der während Reachers aktiver Dienstzeit angesiedelt war, mochte ich solche Art von Geschichten. U.a. mag ich die Serie „JAG – Im Auftrag der Ehre“ sehr und zu meinen Lieblingsfilmen zählt „Wehrlos – Die Tochter des Generals“. Dieser Film aus dem Jahr 1999 mit u.a. John Travolta, Madeleine Stowe und James Cromwell basierte auf einem Roman von Nelson DeMille und als ich kürzlich rausgefunden habe, dass der Autor einen weiteren Roman über seinen Army-Ermittler Paul Brenner geschrieben hat, habe ich beschlossen, „Up Country“ zu lesen. Wie sich herausstellte, ist „Up Country“ eine ganz andere Art von Roman, als ich es erwartet hatte, aber dennoch eine sehr lesenswerte Lektüre.
Nach dem Skandal rund um die Ermordung von General Campells Tochter wurde dem Ermittler Paul Brenner recht eindrücklich nahgelegt, in den Frühruhestand zu treten. Dort hat es sich Brenner einigermaßen gemütlich gemacht, allerdings macht ihn die Natur der Fernbeziehung zu seiner Freundin Cynthia zu schaffen, die immer noch im Dienst der Army-Ermittlungsbehörde steht und daher ständig auf Reisen ist. Unverhofft wird Paul von seinem früheren Vorgesetzten zu einem Treffen geladen, bei dem Brenner darum gebeten wird, als Zivilist in geheimer Mission nach Vietnam zu reisen. Dort soll er einen Mann – einen ehemaligen nordvietnamesischen Soldaten – ausfindig machen, der vor 30 Jahren einen Brief an seinen Bruder geschrieben hat, in dem er davon erzählt, einen amerikanischen Army-Captain beobachtet zu haben, wie dieser kaltblütig einen ihm untergebenen Lieutenant erschossen hat. Mehr Kontext gibt der Brief, der einst als Kriegsbeute eines amerikanischen Soldaten in die USA kam aber erst kürzlich übersetzt wurde, nicht her.
Paul soll nun als Tourist nach Vietnam reisen und vorgeben, ein Soldat zu sein, der seine früheren Schlachtfelder besucht und seinen Frieden mit dem Land schließen will, in dem er so viel Schlimmes erlebt hat. In Wahrheit soll er sich aber das kommende vietnamesische Neujahrsfest zunutze machen, um sich von Süden aus nach Norden in jenes Dorf zu begeben, woher der Briefverfasser stammt, da es zu den Feiertagen traditionell üblich ist, in die Heimat zurückzukehren. Sollte der Verfasser noch leben, soll Paul in ausfindig machen, befragen und wenn möglich die Identität von Mörder und Opfer bestätigen. Unterschwellig vernimmt Paul Brenner aber auch die Genehmigung, im Fall des Falles „extremere Mittel“ anzuwenden, um zu verhindern, dass die gewonnene Informationen einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden. Von Anfang an ist Brenner sich daher sicher, dass ihm einige wichtige Informationen vorenthalten werden. Dennoch begibt er sich nach Ho-Chi-Minh-Stadt bzw. Saigon, um sich von dort aus nach Norden zu begeben. Begleitet wird er dabei von einer amerikanischen Geschäftsfrau, die vorgibt, nur als Kommunikationsbindeglied zwischen ihm und dem örtlichen Konsulat zu dienen, doch immer mehr beschleichen Paul auch Zweifel, was die wahre Identität von Susan Weber angeht …
Fazit: „Up Country“ erzählt keine typische Krimigeschichte – der Mord, in dem Paul ermittelt, liegt schon drei Jahrzehnte zurück und nicht nur Täter als auch Opfer sind ihm unbekannt. Mit kaum Informationen in der Hand hangelt er sich voran und kann nur Mutmaßungen aufstellen – hauptsächlich anhand der Beobachtung seiner Reisebegleitung, die stets einen Vorwand findet, um Paul von Etappe zu Etappe seiner Reise zu folgen – und selbst dabei romantisches Interesse an Paul vorgibt. In Kombination mit Pauls eigener unklarer Beziehungssituation bringt ihn dies in eine schwierige Lage, was die Einschätzung von Susans Loyalität und Vertrauenswürdigkeit angeht. Ein weit weniger angenehmer Reisebegleiter ist der vietnamesische Colonel Mang, der beginnend mit Pauls Ankunft am Flughafen in Ho-Chi-Minh-Stadt den Amerikaner verdächtigt, nicht nur als Tourist im Land zu sein, Paul unter Beobachtung stellt und seine Wege mehr als einmal kreuzt.
Und auch wenn Mang mit seinem Verdacht durchaus recht hat, entwickelt sich die Reise von Paul durch das Land aus durchaus interessant und sogar zu einem gewissen Grad therapeutisch. Jedenfalls wird der Reise in diesem 700 Seiten langen Roman sehr viel Platz eingeräumt. Paul besucht all seine Einsatzorte und Susan als Reisebegleiterin, der er von der damaligen Zeit erzählen kann, nimmt hierbei eine durchaus hilfreiche Rolle ein. Allen voran ist „Up Country“ daher ein Road-Trip und für jemanden, der mit dem Vietnam-Krieg in groben Zügen aber nicht allzu detailliert vertraut ist, auch eine sehr interessante Geschichtslektion, die auch sehr ausgewogen wirkt. Ja, Paul Brenner wirkt oft stur, dann aber auch wieder einsichtig und die verschiedenen Perspektiven im Krieg zu berücksichtigten.
Paul Brenner als Charakter mit seinen Kommentaren ist allgemein höchst unterhaltsam. Da ich den vorherigen Roman – die Vorlage zu „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ – nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, ob Nelson DeMille Brenner in diesem Roman vielleicht etwas an John Travoltas Darstellung angepasst hat. Entweder das, oder Travolta hat den Charakter im Film wirklich hervorragend verinnerlicht. Brenner durch Vietnam zu folgen, macht wirklich viel Freude. Obwohl eigentlich gar nicht so viel im Roman passiert, ist DeMilles Schreibstil aus Brenners Perspektive höchst unterhaltsam und flüssig zu lesen. Für die 700 Seiten habe ich natürlich eine Weile gebraucht, aber meine tägliche abendliche Lesestunde habe ich bei diesem Roman doch sehr oft überzogen, weil ich das Erzählte sehr interessant fand.
Am Ende des Romans kann man wohl festhalten, dass der Weg das Ziel ist. Ich will den Ausgang natürlich nicht verraten, aber für meinen Geschmack blieb etwas zu viel offen. Mich hätten die Konsequenzen von Pauls Entdeckung und den Erkenntnissen, die er präsentiert, schon sehr interessiert. Ebenfalls sein Beziehungschaos bleibt ungeklärt. Zumindest auf einer dieser Fronten hätte ich mir am Schluss Klarheit gewünscht.
Bewertung: Ich gebe dem Roman 5 von 6 Sterne und die Höchstwertung vergebe ich nur aufgrund des relativ offenen Schlusses nicht. Aber insgesamt hat mich der lange Roman über ein Monat lang sehr gut unterhalten, er war lehrreich und Pauls Brenners ironisch-lakonische Art hat mir viel Spaß gemacht. Ich werde irgendwann sicher auch mal die Romanvorlage zu „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ lesen und finde es schade, dass Nelson DeMille keine weiteren Romane mit dem Charakter Paul Brenner im Mittelpunkt verfasst hat.
Anmerkung: „Up Country“ ist offenbar im Jahr 2002 auf Deutsch unter dem Titel „Die Mission“ veröffentlicht worden. Das deutsche Buch scheint aber nur noch antiquarisch erhältlich zu sein.

