Eigentlich ist der ehemalige Militärpolizist Jack Reacher nach Baltimore gereist, um ein Konzert zu besuchen, doch ein Aufenthalt in einem Café, um die Zeit bis zum Beginn des Konzerts totzuschlagen, erweist sich als wesentlich ereignisreicher als gedacht. Zum 30. Mal wird Reacher in „Exit Strategy“ unerwartet in ein Abenteuer verwickelt, in dem es einmal mehr darum geht, eine Verschwörung aufzudecken.
Gleich zwei Dinge ereignen sich in diesem Café: Zum einen wird er Zeuge eines offensichtlichen Betrugsversuchs, der ein älteres Paar um all ihre Ersparnisse bringen soll. Reacher folgt den Betrügern, stellt sie und sorgt – mit schlagenden Argumenten – dafür, dass das Paar sein Geld zurückerhält. Dass sich Reacher mit dieser Aktion den Zorn des lokalen, organisierten Verbrechens zuzieht, versteht sich von selbst.
Das Ereignis, das wesentlich größere Folgen nach sich ziehen sollte, passiert aber beinahe unbemerkt. Wie Reacher feststellt, hat ihm ein Mann beim Verlassen des Cafés heimlich eine Notiz zugesteckt und um ein Treffen gebeten. Eine klare Verwechslung, denn der Mann – ein Hafenarbeiter namens Nathan Gilmour – hatte die Anweisung, im Café nach dem größten Typen Ausschau zu halten, aber dummerweise wurde der eigentliche Kontaktmann nur eine Straße vom Café entfernt Opfer eines Herzinfarkts.
Nichtsdestotrotz ist Reachers Neugierde geweckt und trifft sich mit Gilmour, der ihm eröffnet, dass er im Hafen eingeschleust wurde, um die Informationen über eine ganz bestimmte Containerlieferung weiterzuleiten. Der Tod eines Mitarbeiters – dessen Computer Gilmour genutzt hat, um seine Aktivitäten zu verschleiern – hat Gilmour aber alarmiert und er weiß nicht mehr, wem er noch vertrauen kann. Reacher entscheidet, Gilmour zu helfen und zusammen finden sie heraus, dass womöglich jemand versuchen wird, den Inhalt des mysteriösen Containers zu stehlen und dass Gilmour nicht der einzige Arbeiter im Hafen war, der über die Personalabteilung eingeschleust wurde.
Fazit: Mit „Exit Strategy“ war ich in erstaunlich kurzer Zeit durch. Da ich den Roman als ebook gelesen habe, war es mir gar nicht bewusst, aber mit 320 Taschenbuchseiten ist der Roman doch ziemlich kurz im Vergleich zu den vorherigen Romanen von Lee Child und Andrew Child. Die Kürze schadet der Geschichte aber nicht und ich fände es gar nicht so schlecht, wenn die beiden Autoren das beibehalten würden. Die Geschichte wird ziemlich zügig erzählt, ein Mysterium – auch in Kombination mit der Parallelhandlung über ein privates Militärunternehmen – wird aufgebaut und setzt sich langsam zusammen und wartet dann dennoch mit dem einen oder anderen unerwarteten Twist auf.
Dass sich Reacher nebenbei mit der lokalen Verbrecherszene anlegt, ist auch mit der Haupthandlung verbunden, wenn auch in etwas loser Form und am Ende spielt der Konflikt eine durchaus größere Rolle, aber leider nur eine nützliche, anstatt eine wirklich gewachsene. Grundsätzlich muss ich sagen, dass beim großen Showdown alles ein bisschen zu günstig für Reacher und seine Begleiter läuft. Sie haben im Unterschlupf der Bösen quasi völlige Handlungsfreiheit, die totale Kontrolle über das Szenario. Und hier stößt – einmal mehr bei einem Reacher-Roman – die Selbstjustiz übel auf. Ja, Reacher ist nicht zimperlich und wenn er tödliche Gewalt einsetzen muss, um eine konkrete Bedrohungslage aufzudecken, dann zögert er nicht. Aber das ist nicht gegeben, hier hat er wie erwähnt am Ende die Kontrolle über die Situation und es wirkt, als würde er die Justiz einfach aus Bequemlichkeit nicht involvieren wollen. So bekommen zwar die Bösen eine Bestrafung, aber am Ende hilft Reacher damit, zu vertuschen, welche miesen Geschäfte stattgefunden haben. Das macht ihn am Schluss wieder einmal enorm unsympathisch und hinterlässt einen miesen Nachgeschmack. Es lässt Reacher auch wirklich denkfaul dastehen, was zur Rolle des erfahrenen Ermittlers so gar nicht passt. Wenn er sich eines Falls nur halbherzig annehmen will, dann sollte er es besser gleich lassen.
Bewertung: Leider zerstört der Schluss ziemlich viel des guten Eindrucks, den der Roman aufgrund der flotten Erzählweise und des Aufbaus des Plots davor erarbeitet hat. „Exit Strategy“ ist einer jener Romane, in denen man Reacher zumindest am Schluss nicht mögen kann. Es ist wirklich schade, dass die Child-Brüder es einfach nicht schaffen, Reachers Motivationen auf eine Weise zu nutzen, die auch dem Ausgang der Handlung dient. Würde Reacher am Schluss vernünftig und verantwortungsvoll handeln, würde ich dem Roman 5 von 6 Sterne geben. Aber mit diesem Ende: 3 von 6 Sterne sind großzügig. Vielleicht wird es langsam Zeit, Reacher endgültig in den Ruhestand zu schicken, wenn er einen angefangenen Job gar nicht sauber zu Ende bringen will. Ich weiß nicht, wen die ihm zugeschriebenen Verhaltensweisen noch positiv beeindrucken sollen.

