„Die Kolonie der Abtrünnigen“ ist ein weiterer älterer Star Trek-Roman, den ich einst nicht gelesen habe und den ich nun – 30 Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung – nachgeholt habe. In dieser Geschichte von Gene DeWeese wird die Enterprise ins Chyrellka-System geschickt, wo Captain Kirk einen schwellenden Konflikt zwischen der Hauptwelt und der Koloniewelt Vancadia schlichten soll.
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Zwei Jahrhunderte lang waren die Beziehungen zwischen Chyrellka und Vancadia harmonisch und laut Plan sollte der Kolonie schon in wenigen Jahren die Unabhängigkeit gewährt werden. Doch seit kurzem regiert auf Vancadia ein neuer Herrscher, der den Abzug aller Chyrellkaner und sofortige Autonomie fordert. Die Chyrellkaner werfen dem neuen Machthaber auf Vancadia gewaltsame Sabotage vor; dieser entgegnet wiederum mit dem Vorwurf, es habe Giftanschläge durch die chyrellkanische Verwaltung auf Vancadier gegeben. Auf beiden Seiten ist die Gereiztheit sehr groß wie auch das Bestreben, Captain Kirk dazu zu bewegen, Partei für eine Seite zu ergreifen, doch beißen sie bei ihm auf Granit. Stattdessen entsendet Kirk Doktor McCoy und Mister Spock nach Vancadia, um die angeblichen Beweise zu sichten und zu beurteilen. Doch ihre Arbeit können die beiden dort nicht aufnehmen, denn kaum heruntergebeamt, kommt es zu einem Anschlag – durch Klingonen, wie Mister Spock dank seines Tricorders feststellen kann. Der Angriff kann zurückgeschlagen werden, aber schnell wird klar, dass die vancadischen Rebellen von Klingonen unterwandert wurden. Den beiden Offizieren gelingt die Flucht vom Tatort, aber wie sie feststellen müssen, wird ihnen der Anschlag angelastet und ein ganzer Planet setzt zur Hetzjagd auf die beiden an.
Auf der Enterprise stellt sich die Situation nicht so deutlich dar. Gleich nach dem Runterbeamen von Spock und McCoy entstand ein gewaltiges Kraftfeld über dem Planeten, das die Technologie der Vancadier deutlich übersteigt. Man erhält keine Funksprüche mehr und immer mehr Unmöglichkeiten häufen sich an, die Kirk und die Besatzung der Enterprise aus dem Konzept bringen und an dem zweifeln lassen, was ihnen die Bildschirme und Sensoren anzeigen …
Fazit: Die Geschichte ist ziemlich lange sehr undurchsichtig geschrieben. Das mag aber Absicht des Autors gewesen, um zu verdeutlichen, wie sich Kirk und seine Offiziere auf der Enterprise fühlen, die keine Ahnung haben, was wirklich auf und um Vancadia vor sich geht und ständig die Beschwerden und Forderungen des chyrellkanischen Premiers im Nacken haben und sich zu Aktionen gehetzt fühlen, die keinen Sinne zu ergeben scheinen.
Etwas beeinträchtigt wird diese Wahrnehmung aber dadurch, dass der Leser einen kleinen Wissensvorsprung gegenüber Captain Kirk hat, weil die Perspektive zwischen den Ereignissen auf der Enterprise und auf dem Planeten hin und her wechseln. Spock und McCoy – unterstützt von zwei Vancadiern, die nicht auf der Seite der Rebellen stehen – haben Gewissheit, was die Einmischung der Klingonen angeht, aber keine Idee, welche Absicht dahintersteckt. Die einzige Möglichkeit die Puzzleteile zusammenzusetzen, besteht darin den Planeten zu verlassen und zur Enterprise zurückzukehren.
Auf der Enterprise wiederum ist die Verwirrung für mich auch zum Teil etwas schwierig nachzuvollziehen. Die Vermutung, dass der Computer falsche Anzeigen generiert, ist eigentlich schon ziemlich früh vorhanden, aber Captain Kirk erreicht nie den Punkt, an dem er Sicherheit erlangt. Ich denke, angesichts der Vielzahl an Unmöglichkeiten und aufgrund des anfänglichen Verdachts, hätte es zu Captain Kirk besser gepasst, ganz früh in der Handlung einen Schlussstrich zu ziehen und jene Maßnahmen durchzuführen, die er am Ende des Romans schließlich umsetzt. Es erhöht aber natürlich die Spannung, dass er damit wartet, bis er in eine unmögliche Entscheidung gedrängt: Das Abschießen eines unbemannten und schwer bewaffneten Drohnenschiffs von Vancadia, das im Anflug auf die chyrellkanische Schiffswerft ist … das ohne verlässliche Sensoren und Kommunikation aber genauso gut ein unbewaffnetes Flüchtlingsschiff sein kann, auf dem sich Spock und McCoy aufhalten. Dieser Showdown ist wirklich spannend und generell das letzte Viertel des Romans sehr erhellend, wenn eine direkte Verbindung zu einer Episode der klassischen Serie hergestellt wird, mit der ich nicht gerechnet hatte. Gene DeWeese hat das ziemlich geschickt gemacht und von der Idee abgelenkt, indem er ständig auf eine Ähnlichkeit mit den Ereignissen einer ganz anderen TOS-Episode hingewiesen hat.

Wie in „Der erste Krieg“ unterstützen die Klingonen auf Vancadia eine Fraktion, um sie gegen die andere in einen Konflikt zu zwingen.
Etwas störend war hingegen, dass die Chyrellkaner und Vancadier von Spock und McCoy ständig als „Menschen“ bezeichnet werden. (Es ist auch im englischen Original der Fall und keine Fehlübersetzung von „humanoid“.) Gerade in der klassischen Star Trek-Serie sahen zwar viele Außerirdische genau wie Menschen aus, aber sie waren es nicht. Dass bei den Tricorder-Messungen ständig gesagt wird, dass Chyrellkaner und Vancadier „Menschen“ wären, ist ein Fehler, da am Beginn des Romans in Captain Kirks Logbucheintrag eindeutig festgehalten wird, dass es sich um eine erst vor wenigen Jahren entdeckte Spezies handelte. Die ständige Verwendung der falschen Bezeichnung trägt auch ein wenig zur Verwirrung in diesem Roman bei, denn immerhin geht es ja darum, dass sich einige Klingonen als Vancadier ausgeben und keine Menschen.
Bewertung: Drei Viertel des Romans waren ziemlich unrund zu lesen. Teilweise ist das der Konzeption der Geschichte geschuldet, die diese Verwirrung thematisiert. Teilweise machen die Perspektivenwechsel es dem Leser aber auch nicht leicht, am Ball zu bleiben. Aber: Das letzte Viertel des Romans ist wirklich sehr spannend und entwirrt die Lage, indem zusätzliche Aspekte offenbart werden, mit denen ich nicht gerechnet habe. Sich durch das Durcheinander am Beginn durchzukämpfen hat sich schlussendlich für mich dann doch sehr gelohnt, weshalb ich „Die Kolonie der Abtrünnigen“ mit 4 von 6 Sternen bewerte.


