Rezension: ETP – „Rise of the Federation: Tower of Babel“

Christopher L. Bennett hat ja schon mit dem Vorgängerroman „A Choice of Futures“ sehr lesenswert der „Enterprise“-Romanreihe neues Leben eingehaucht. Auch wenn die Reihe ohne das titelgebende Raumschiff auskommen muss. Denn seine Romane sind nach dem Ende der Serie angesiedelt und beschäftigen sich – wie der Titel „Rise oft the Federation“ schon sagt – mit der Entstehung der Föderation und welche Rollen die früheren Besatzungsmitglieder des Raumschiffs Enterprise dabei spielen.

 Star Trek Enterprise Rise of the Federation Tower of Babel

Die Haupthandlung von „Tower of Babel“ ist im Jahr 2164 angesiedelt, man macht also zeitlich wieder einen kleinen Sprung nach vorne, wenngleich die Föderation noch immer eine junge Organisation ist, die ihren Weg erst finden muss. Wegweisend scheint dabei die kommende Präsidentschaftswahl zu sein, in dem es zwei große Parteien gibt, die ihre Kandidaten ins Feld schicken. Zum einen sind da jene, die am bisherigen Kurs festhalten und die Föderation weiter vergrößern wollen, um sie zu stärken. Ihnen entgegen stellen sich diejenigen, die für mehr Selbstbestimmung der Mitgliedswelten eintreten und den Einfluss der Föderation gering halten wollen.

Auch Admiral Archer ist sich bewusst, dass sein bevorstehendes Vorhaben durchaus darüber entscheiden könnte, welche Partei das Rennen macht. Denn er plant, mit dem Rigel-System ein ganz besonderes neues Mitglied in die Föderation aufzunehmen. Das Sonnensystem, das in den Star Trek-Serien zwar selten zu sehen aber dafür umso häufiger erwähnt wurde, ist nicht nur die Heimat mehrerer einheimischer Spezies sondern auch ein wichtiges Handelszentrum eines Sektors und Anziehungspunkt vieler Reisender – und zwielichtiger Gesellen. Die Absicherung der Handelsrouten durch die Sternenflotte ist daher auch ein Hauptargument, mit dem Archer das führende Konzil des Rigel-Systems vom Föderationsbeitritt überzeugen will. Während auf dem neutralen Planetoiden Babel Verhandlungen geführt werden, erteilt Captain Archer der Crew des Raumschiffs Pioneer den Auftrag, sich den Beitrittskandidaten und die komplexen Beziehungen unter den Bewohnern des Systems etwas genauer anzusehen. Im Zuge dessen werden jedoch völlig überraschend zwei Besatzungsmitglieder der Pioneer – Ensign Grev und Lieutenant Kirk – gekidnapped und aus einem Archiv Daten gestohlen, die die Entscheidungsträger des herrschenden Konzils politisch unter Druck setzen könnten – sofern der Kommunikationsoffizier Grev für seine Entführer das Archiv entschlüsselt. Da vermutet wird, dass Grev kleinbeigeben wird, wenn die Entführer ihn mit dem Wohlergehen seines Freundes Sam Kirk unter Druck setzen, beginnt die Pioneer – unterstützt von der Endeavor unter Captain T’Pols Kommando – intensive Nachforschungen, die schließlich zu den mächtigen „Ersten Familien“ führen, die im Rigel-System die dubioseren Geschäfte führen. Und diese Familien handeln nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern auch in Kooperation mit Orionern und den Maluriern, die bereits im Jahr davor versucht hatten, die Föderation zu sabotieren und inzwischen daran arbeiten, ihre eigene „Verbrecher-Föderation“ aufzubauen.

Fazit: Die Inhaltsangabe ist zwar ziemlich lang, ist aber trotzdem sehr oberflächlich, denn in die überschaulichen 300 Taschenbuchseiten packt Autor Christopher L. Bennett so ziemlich jede kleine Information, die man als Star Trek-Fan über die Rigel-Planeten hat und ergänzt sie um viele weitere neue Informationen. Sein „World-Building“ in diesem Roman ist wie bei seinen Romanen eigentlich typisch auch in „Tower of Babel“ sehr stark ausgeprägt. Wahrscheinlich so stark wie in keinem anderen seiner Romane. Bei zehn Planeten im Rigel-System, Kolonien in Asteroiden und Monden, drei heimischen Spezies und unzähligen Gastspezies zeichnet Bennett hier ein enorm umfangreiches und detailliertes Bild von den lokalen Gegebenheiten. Allerdings gönnt Bennett dem Leser eben wegen des geringen Umfangs des Buches dem Leser wenig Zeit, sich mit diesen Gegebenheiten vertraut zu machen. Er bombardiert einen schon recht stark mit Informationen, konfrontiert einen gleich mit dem ganzen Handelskonzil, wo einige Fraktionen, die man später noch kennenlernt, noch gar nicht vertreten sind. Es ist vielleicht einfacher, wenn man das Buch in möglichst wenigen Etappen liest, was allerdings nicht unbedingt meiner Lesegewohnheit entspricht. Da ich doch recht häufig unterbreche, hat es lange Zeit gedauert, bis ich die einzelnen Spezies und Eigenschaften den Namen zuordnen konnte. Das hat natürlich auch etwas dem Lesevergnügen geschadet, wenn man sich dauern fragt: „Sind die Zami jetzt die mit den spitzen Ohren von denen jetzt manche doch runde Ohren haben oder sind das sie mit den Exo- und Endo-Geschlechtern?“

Einige Bewohner des Rigel-Systems, die man bislang in den Serien und Filmen beobachten konnten: Verschiedene Einheimische, eine obskure Tierart und Immigranten anderer Systeme bilden eine bunte Mischung.

Die Geschichte wird dadurch etwas in ihrer Unterhaltsamkeit getrübt. Es ist definitiv keine schlechte Story und guter Vorwand, den Leser auf eine Reise durch das Rigel-System zu nehmen. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, dem Leser gewisse Informationen erst auf dieser Reise zu geben und sie ihm nicht schon vorher als schweres Reisegepäck aufzubürden.

Ebenfalls ziemlich interessant ist die Geschichte rund um die anstehende Präsidentschaftswahl und die Einstellungen der beiden rivalisierenden Parteien. Es sind speziell in der jetzigen Zeit vertraute Themen, die hier aufgegriffen werden. Immerhin steht den EU-Bürgern ebenfalls in Kürze eine Wahl bevor. Mehr Selbstbestimmung der Mitgliedsstaaten oder größere Kompetenzen für die Dachorganisation? Aufnahme weiterer Mitglieder oder Konsolidierung des Ist-Zustands? Solche Fragen hört man aktuell in den Medien und auch in diesem Roman. (Wenngleich natürlich auszuschließen ist, dass Herausgeber Pocket Books bei der Festlegung des Erscheinungstermins des Romans nach Europa geschielt hat. 😉 ) Was bei diesem politischen/diplomatischen Handlungsstrang nicht so gut war, war das Attentat auf einen der Präsidentschaftskandidaten. Da ist doch recht schnell klar, worauf das hinzielen soll.

Eine weitere Parallelhandlung zu den Geschehnissen im Rigel-System stellt die Darstellung der Lage auf dem Planeten Sauria dar. Auch dieser Planet zählt zum erweiterten Kreis der Beitrittskandidaten (und ist auch schon aus Bennetts ersten „Enterprise“-Roman bekannt), droht aber unter die völlige Kontrolle des despotischen Maltuvis zu fallen. Was die Föderation – deren Abgesandte auf dem Planeten zu immer weniger beliebten Gästen werden – nicht weiß: Auch Maltuvis ist ein Verbündeter der Orioner, die auch an dieser Front versuchen, der Föderation zu schaden. Wie Maltuvis es schafft, seine Macht auf Sauria auszuweiten, versucht der frühere Sternenflottenoffizier Trip Tucker herauszufinden, der im Auftrag von Sektion 31 undercover ermittelt. Wer meine Rezensionen zu früheren „Enterprise“-Romanen kennt, der weiß, dass ich kein großer Freund davon bin, was die ehemaligen Autoren der Reihe, Michael A. Martin und Andy Mangels, mit Trip Tucker aufgeführt haben. Seine weitere Tätigkeit für Sektion 31 nach Ende des Romulanischen Krieges plausibel erscheinen zu lassen, hat Bennett eine schwere Bürde auferlegt. In „Tower of Babel“ gelingt es aber, Tucker zumindest gegen Ende auf einen Weg zu führen, der von Sektion 31 weg führt. Die Sauria-Handlung funktioniert komplett losgelöst vom Rest des Romans, aber sie stellt jetzt auch keinen Störfaktor dar. Wahrscheinlich soll hier einfach Aufbauarbeit geleistet werden, bis einer der künftigen Romane von Bennett die Situation auf Sauria in den Mittelpunkt stellt.

Während mit der Pioneer unter Reeds Kommando und der Endeavor unter dem Kommando von T’Pol zwei der Schiffe aus dem ersten Roman „A Choice of Futures“ nicht nur im Mittelpunkt stehen sondern ihre Crews auch zusammenarbeiten, ist in „Tower of Babel“ kein Platz mehr für Bryce Shumars U.S.S. Essex. Vielleicht ganz gut so. Immerhin steht noch immer der „Enterprise“-Banner auf dem Cover. Und wenn Bennett weiterhin Jahr um Jahr voranspringt, wäre die Essex im fünften Roman der Reihe ohnehin nicht mehr dabei. (Siehe hierzu die TNG-Folge „Ungebetene Gäste“.)

Bewertung: „Tower of Babel“ ist ein Roman, der das Prädikat „Interessant“ absolut verdient. Leider bleibt der Unterhaltungsfaktor durch die umfangreiche Informationsvermittlung aber für eine ganze Weile auf der Strecke. Es ist schon eine sehr fordernde Welt, die Bennett dem Leser hier vorstellt. Interessant zu lesen, aber auch recht anstrengend, weil man selbst als Fan bisher viel über Rigel gehört, aber wenig gesehen hat. Bis man sich im Rigel-System schließlich zurecht gefunden hat, hat man eine ganze Weile lang also nur ein recht abstraktes Bild. So gut wie „A Choice of Futures“ hat mir Bennetts zweiter „Enterprise“-Roman leider nicht gefallen, aber er hat auch jeden Fall ein gewisses Etwas, das ihn zu einer lohnenswerten Lektüre macht. Und ich würde auch nicht so weit gehen, dass ich mich durch den Roman hätte „durchkämpfen“ müssen. Ich finde nur, der Roman hätte etwas leserfreundlicher aufgebaut sein können. Eine Bewertung von 4 von 6 Sternen geht sich aber aus. Allein der tolle Schluss rund um die Orion-Schwestern und der Ausblick im Epilog auf das nächste „Rise oft he Federation“-Abenteuer werten den Roman noch mal etwas auf.

4stars

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