Review: „Star Trek“

Nach dem ernüchternd geringen Einspielergebnis von „Nemesis“ und der quotenbedingten Absetzung von „Enterprise“, war es ruhig um Star Trek im Allgemeinen geworden. Für etwas mehr als ein Jahr gab es keine Aussicht auf eine neue Serie oder einen neuen Film. Bis Paramount an J.J. Abrams (den Produzenten von „Alias“ und Schöpfer von „Lost“) herantrat und Star Trek in neue Hände legte, um das tote Franchise mit einem 11. Film wieder zu beleben. Vorweg: Es hat hervorragend funktioniert!

Handlung: Die U.S.S. Kelvin patrouilliert im Jahre 2233 an der klingonischen Grenze, als sich vor ihr eine Raumanomalie öffnet, aus der ein gewaltiges, schwerbewaffnetes Raumschiff herausdringt und das Sternenflottenschiff sofort unter Feuer nimmt. Die Kelvin wird schwer beschädigt, Captain Robau hingerichtet. Nur dank der Aufopferung des Ersten Offiziers kann sich ein Großteil der Crew retten, darunter auch seine hochschwangere Frau, die an Bord eines Shuttles seinen Sohn zur Welt bringt: James T. Kirk! In Iowa wächst Kirk zu einem intelligenten, aber aufmüpfigen jungen Mann heran, der eigentlich kein Interesse daran hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und sich an der Sternenflottenakademie einzuschreiben. Erst eine Begegnung mit Captain Christopher Pike ändert dies. In der Zwischenzeit, auf einer Welt namens Vulkan, ist ein anderer junger Mann ebenfalls aus Sicht seines Volkes widerspenstig und lehnt die Aufnahme in die Wissenschaftsakademie aus Trotz ab, um ebenfalls der Sternenflotte beizutreten: Spock! Die Lebenswege von Kirk und Spock kreuzen sich erstmals an der Akademie auf unliebsame Weise vor einer Anhörung, die jedoch unterbrochen wird, als ein Notruf von Vulkan eintrifft. Eine nicht genauer spezifizierte Notsituation ist eingetreten und das Kadetten-Corps wird den Schiffen im Orbit der Erde zugeteilt, um bei der Krise zu helfen. Und dank eines medizinischen Tricks durch Kirks besten Freund Leonard McCoy darf sich auch Kirk an Bord eines der Schiffe begeben und so beginnt seine erste Reise an Bord der U.S.S. Enterprise, die ihn schließlich zu einer Begegnung mit dem Mörder seines Vaters und einer noch sonderbareren Begegnung mit dem zukünftigen Ich von Commander Spock führen sollte.

Fazit: Der Film fesselt ab der ersten Minute. Die Szenen rund um das Aufeinandertreffen der Kelvin mit dem romulanischen Schiff gehören wahrscheinlich zu den aufregendsten, dramatischten und emotionalsten Momenten, die man in den Filmen bislang gesehen hat, woran auch der geniale Score von Oscar-Preisträger Michael Giacchino (Oscar für den Disney-Film „Oben“) großen Anteil hat, der auch mal eine lange Action-Sequenz mit sanfter Musik untermalt, während die bei solchen Szenen meistens dominanten Soundeffekte nur noch ganz leise zu hören sind. Eine großartige Sequenz, wenn George Kirk an Bord der Kelvin alles tut, um den Shuttles den Weg frei zu schießen, auf einem der Shuttles sein Sohn zur Welt kommt und George schließlich gezwungen ist, auf Kollisionskurs mit dem romulanischen Schiff zu gehen.

Der Moment, in dem sich alles verändert. Anstatt ungestört weiterzufliegen, wird die Kelvin in einen aussichtslos erscheinenden Kampf verwickelt.

Der Moment, in dem sich alles verändert. Anstatt ungestört weiterzufliegen, wird die Kelvin in einen aussichtslos erscheinenden Kampf verwickelt.

Wenn ich aber sage, dass der beste Teil des Films der Beginn ist, dann ist das für den Rest des Films keinesfalls abwertend zu verstehen. Der trägt nämlich mit „Star Trek“ den absolut richtigen Titel. Wenngleich der erste Film der Reihe nur den schlichten Zusatz „Der Film“ trug, so ist der elfte Film der Reihe wirklich eine Verneigung vor jener Serie, die den Titel „Star Trek“ (ohne den späteren Zusatz „The Original Series“) ursprünglich trug. Die Kinofilme mit Kirk & Co sind hervorragende Weitererzählungen, aber keiner (vielleicht mit Ausnahme des 5. Films) fängt so wirklich das Feeling der Originalserie ein. Der elfte Film tut das, indem er über die ganze Strecke Star Trek regelrecht zelebriert. Der Film vermittelt Aufbruchsstimmung und obwohl der ganze Aufhänger des Films ja der ist, dass sich die Zeitlinie nun verändert hat und die Personenkonstellationen nun anders sind, erzählt der Film gekonnt den Weg, den die Charaktere nehmen in Richtung jene Charaktere, die wir aus der Serie kennen. J.J. Abrams hat zudem ein tolles Händchen für das Casting. Chris Pine, Zachery Quinto, Karl Urban & Co verkörpern die jungen Versionen der bekannten Charaktere absolut hervorragend. Sehr gut ausgewählter Cast, der zudem mit Leonard Nimoy als alten Spock toll ergänzt wird. Nimoys Beteiligung ist dabei weit mehr als nur kurzer Gastauftritt; seine Rolle ist essentiell für die Handlung und hat wichtigen Einfluss auf die Charakterentwicklung von Kirk und Spock und für den langjährigen Trekkie und speziell TOS-Fan ist es einfach nur schön, Leonard Nimoy wieder auf der Leinwand zu sehen und festzustellen, dass er Spock wirklich verinnerlicht hat und 18 Jahre nach seinem letzten Auftritt als Spock in „Das unentdeckte Land“ glaubwürdig in diese Rolle zurückkehren kann.

Die neue Crew v.l.n.r.: Anton Yelchin, Chris Pine, Simon Pegg, Karl Urban, John Cho, Zoe Saldana, Zachary Quinto.

Die neue Crew v.l.n.r.: Anton Yelchin, Chris Pine, Simon Pegg, Karl Urban, John Cho, Zoe Saldana, Zachary Quinto.

Allgemein ist der elfte Film ein interessantes Konzept: Er ist einerseits eine Fortsetzung (die Zeitreise des Romulaners Nero und des alten Spock beginnt rund 8 Jahre nach den Ereignissen von „Nemesis“), anderseits eine Vorgeschichte (da sie die TOS-Ära als Grundlage nimmt und alle Veränderungen von ihr abgeleitet werden) und dadurch auch sogenannter „Reboot“, ein Neustart, der sich von den Zwängen und Einengungen der etablierten Kontinuität lösen kann. Natürlich nicht in allen Dingen, so ist das Grundkonstrukt immer noch das gleiche. Mit der Föderation, der Sternenflotte, den Romulanern, den Klingonen – ja sogar den Tribbles – ist die Basis noch immer pures Star Trek. Die in diesem Rahmen erzählte Geschichte kann sich weit mehr Freiheiten nehmen, sich aber den Grundelementen des Star Trek-Canons bedienen und Anspielungen auf die Serie gekonnt einfließen lassen – vielleicht mit Ausnahme des Planetennamens „Delta Vega“, der eine etwas offensichtliche und ungeschickte Hommage war. Aber dafür greift vor allem die Geschichte rund um den Charakter des jungen Spock entscheidende Elemente aus der TAS-Episode (The Animated Series) „Das Zeitportal“ und den TOS-Episoden „Reise nach Babel“ und „Falsche Paradiese“ auf. Auch Romane dienten als Grundlage und Informationsquellen über die jungen Jahre, vor allem jene von Kirk. So entspricht Kirks Charakterisierung in jungen Jahren im Film im Grunde allen geläufigen Romaninterpretationen, wie Diane Careys „Best Destiny“ oder William Shatners „Collision Course“. Ebenfalls dank der Romane erhält mit Uhura 43 Jahre nach ihrem ersten Auftritt der letzte Hauptcharakter von TOS endlich offiziell on-screen einen Vornamen: Nyota. Auf die Tatsache, dass Uhura bislang nie einen Vornamen erhalten hatte, wird im Film in einem Running Gag auch gekonnt angespielt.

Der Dialog (und das Ergebnis) dieser Szene sind eine Anspielung auf die TOS-Episode "Falsche Paradiese".

Der Dialog (und das Ergebnis) dieser Szene sind eine Anspielung auf die TOS-Episode „Falsche Paradiese“.

„Star Trek“ ist sicher einer der humorvollsten Filme der Reihe. Er ist wirklich das Gegenteil vom durchgehend ernsten und beklemmenden „Nemesis“ und zeigt auch auf, dass ein Star Trek-Kinofilm unbedingt Spaß beim Zusehen machen sollte. Star Trek ist und war nie eine Doku über das potenzielle Leben der Menschheit in der Zukunft, sondern Unterhaltung für die Menschen im 20. und 21. Jahrhundert. Die Crew der Original-Enterprise – der Wortwitz zwischen Kirk und McCoy, der um seine Maschinen besorgte Scotty, der Kontrast zwischen dem logischen Spock und dem risikofreudigen Kirk – ist einfach perfekt für diesen Zweck geeignet. Obwohl ich den Film inzwischen zur Gänze sicher schon acht- oder neunmal gesehen habe (die Eröffnungssequenz zwecks Recherche für meinen Roman „A Decade of Storm“ wahrscheinlich hundertmal 😉 ), erfasst mich jedes Mal eine besondere Aufregung und Freude, wenn ich den Film sehe. Er ist auch von J.J. Abrams hervorragend inszeniert. Die Story wird in ordentlichem Tempo vorangetrieben, aber den Großteil des Films machen immer noch die Charakterszenen aus, die ordentlich Raum bekommen. Der Film hat wieder das, was die frühen Filme der Reihe ausmachten und was die TNG-Ära-Filme vermissen ließen: Herz. Er ist emotionaler, mitreißender, lädt einfach stärker zum Mitfiebern ein als die letzten paar Star Trek-Kinofilme. Und das liegt sicher nicht daran, dass er angeblich so viel mehr „Action“ beinhalten würde als manch anderer Star Trek-Film (was ich wirklich bezweifle, zumal viele dieser sogenannten Action-Szenen auch etwas über die Charaktere erzählen).

Womit wir beim Produktionstechnischen ankommen: Die Effekte sind erstmals seit „Der Erste Kontakt“ wieder von ILM und natürlich auf der Höhe der Zeit. Den Score von Michael Giacchino habe ich ja bereits gelobt und für den Sound gehört ebenfalls Ben Burtt gelobt, der Sounddesigner, der Bekanntes und Neues gemixt hat, manche ikonische Sounds aus der Originalserie übernommen hat und auch Neues geschaffen hat, das sich so anhört, als könne es aus der Serie stammen.

Die Enterprise in all ihrer Pracht, wenn sie aus der oberen Atmosphäre von Titan auftaucht. Das Schiff und allgemein die visuellen Effekte sind wie bei den beiden vorangegangenen Filmen vollständig aus dem Computer, erstmals seit dem 8. Film zeichnete aber wieder ILM für die Effekte verantwortlich.

Die Enterprise in all ihrer Pracht, wenn sie aus der oberen Atmosphäre von Titan auftaucht. Das Schiff und allgemein die visuellen Effekte sind wie bei den beiden vorangegangenen Filmen vollständig aus dem Computer, erstmals seit dem 8. Film zeichnete aber wieder ILM für die Effekte verantwortlich.

Betreffend Kameraführung gibt es eine recht weit verbreitete Kritik an Abrams‘ „Wackelkamera“. Ähm, nein. Die meisten Szenen sind sogar sehr ruhig inszeniert und mit schönen Kamerafahrten. Die Kamera wackelt in Action-Sequenzen (wie spätestens seit den 80ern üblich) und das geschieht in einem völlig normalen Ausmaß. Wer schon „Star Trek“ dafür kritisiert, sollte Filme wie „James Bond: Ein Quantum Trost“ oder „Das Bourne-Ultimatum“ tunlichst meiden. Lediglich in einer Szene ist die Kamerabewegung etwas zu unruhig, nämlich beim Gespräch von Kirk und Pike in der Bar. Ansonsten aber alles im Grünen Bereich. Und das gilt auch für die sogenannten „Lense Flares“ (Lichtspiegelungen auf dem Objektiv), die ebenfalls stark kritisiert wurden, aber auch diese bewegen sich mit ein oder zwei Ausnahmen absolut im verträglichen Bereich und nehmen nicht die Sicht auf das Geschehen und wenn in diesen Ausnahmen, dann wirklich nur kurz. Abrams hat auch selbst zugegeben, es manchmal etwas übertrieben zu haben. Aber trotzdem interessant, dass er damit einen neuen Trend für Science-Fiction gesetzt hat. In den Jahren nach dem elften Star Trek-Film gab es gleich mehrere Scifi-Filme, die sich dieses Stilmittels bedient haben, spontan fallen mir „Battleship“, „Total Recall“ und „Battlestar Galactica: Blood & Chrome“ ein. Nur mit dem Unterschied, dass Abrams die Spiegelungen manuell direkt während den Dreharbeiten mit dem Objektiv eingefangen hat, die Nachahmer dies aber mittels Nachbearbeitung erreichten und den Unterschied merkt man. Abrams schafft es damit, anzudeuten was jenseits des Blickwinkels des Zusehers liegt. Die Nachahmer erschaffen lediglich eine künstlich wirkende Atmosphäre.

Und das ist auch ein Zeichen für die Handarbeit, die in der Produktionsphase von Abrams & Co betrieben wurde. Man sieht dem Film einfach die Mühe an, die in ihn gesteckt wurde. Dadurch, wie auch dank vieler unterschiedlicher Schauplätze und all dem, was ich bisher schon positiv erwähnt habe, wirkt der Film einfach wieder mal wie ein großes Abenteuer und mir gefällt der Film eigentlich bei jedem erneuten Sehen noch ein Stück mehr!

Bewertung: Man hört sie aus meinem Review schon kommen und hier sind sie: 6 Filmrollen! Ein großartiger Film, der wirklich Spaß macht, tolle Charaktere zeigt und auch beim wiederholten Sehen noch spannend ist. Viel zu bemängeln gibt es von meiner Seite wirklich nicht. Ich habe kein grundsätzliches Problem damit, dass man die Zeitlinie geändert und das 24. Jahrhundert abgehakt und verlassen hat und kann daher den Film wirklich genießen. Beste Unterhaltung!

6rolls

Anmerkungen:

Die in meinem Review so hochgelobte Anfangssequenz ist übrigens die Basis meines eigenen Fan-Romans „A Decade of Storm“, der die Vorgeschichte der Kelvin und ihrer Crew erzählt. Der Roman kann kostenlos hier auf meinem Blog heruntergeladen werden.

Dritter Auftritt der Tribbles in einem Star Trek-Kinofilm: Wir sehen einen in einem Käfig auf Scottys Schreibtisch im Delta Vega-Außenposten. Auch wenn man nur recht kurz einen Blick auf ihn werfen kann, ist er dank seines charakteristischen Schnurrens in dieser Szene ständig präsent.

Man beachte den seltsam geformten Käfig, der zwischen Mister Keenser und Spock steht.

Man beachte den seltsam geformten Käfig, der zwischen Mister Keenser und Spock hinten auf dem Tisch steht.

Ein Handlungsstrang, der aus dem Film herausgeschnitten wurde, bezieht sich auf die Klingonen. In der Endversion des Films erfährt man nicht, was Nero in den 25 Jahren nach seiner Ankunft in der Vergangenheit gemacht hat. Die geschnittenen Szenen zeigen, dass die schwer beschädigte Narada von Klingonen aufgebracht worden ist und Nero und seine Crew auf den Gefängnisplaneten Rura Penthe gebracht wurden. Im fertigen Film wird nur seine Flucht angedeutet, als Uhura von einem abgefangenen Funkspruch von Rura Penthe erzählt.

Neros Gefangenschaft wird im Comic „Nero“ ausführlich behandelt. Die Vorgeschichte vor der Zeitreise behandelt der Comic „Countdown“ und auch mein eigener Roman „Where the End begins“. Neben allen Comics der „Ongoing-Reihe“ und den Romanen der „Starfleet Academy“-Reihe ist vor allem auch das Design-Buch zum Film eine große Empfehlung von mir: „Star Trek – The Art of the Film“.

Diese Szene hat es nur in den Trailer geschafft, aber nicht in die fertige Filmfassung. Sie zeigt den Romulaner Nero bei seiner Flucht vom klingonischen Strafplaneten Rura Penthe.

Diese Szene hat es nur in den Trailer geschafft, aber nicht in die fertige Filmfassung. Sie zeigt den Romulaner Nero bei seiner Flucht vom klingonischen Gefängnisplaneten Rura Penthe.

 

Alle Bilder in meiner Rezension stammen von http://www.trekcore.com/ mit Ausnahme des ersten Teaser-Posters, das von http://www.trekmovie.com stammt.

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