Rezension: „Star Trek Kostüme“

„Star Trek“ und „Design“! Wann immer sich diese beiden Themen in einem Buch vereinen, ist mein Interesse geweckt. Das Star Trek-Franchise hat in Sachen Design ja auch jede Menge zu bieten mit über 700 Folgen und inzwischen 13 Kinofilmen und Hunderten Leuten, die ihre kreative Kraft in deren Erschaffung gesteckt haben. Ich selbst habe mich schon immer sehr für die Miniaturen, die Sets und Requisiten interessiert. Aber auf das Kostümdesign habe ich meine Aufmerksamkeit bislang nur in geringem Maße gerichtet. Das mag damit zusammenhängen, dass mir das Handwerk zur Herstellung von Bekleidung nicht allzu gut geläufig ist. Materialien und Techniken sind mir nicht sehr vertraut, doch dank dem Buch „Star Trek Kostüme“ kann ich nun auch die Textilarbeit in den Star Trek-Filmen und -Serien so richtig wertschätzen!

STKostueme_Cover

Meinen anfänglichen Vorbehalten gegen das Thema „Kostüme“ ist es geschuldet, dass ich eine Weile gewartet habe, ehe ich mir das Buch zugelegt habe. Die englische Originalfassung von Paula M. Block und Terry J. Erdmann – die bereits einige andere Star Trek-Sachbücher verfasst haben wie beispielsweise die 365-Seiten-Bücher zu TOS und TNG – erschien im Jahr 2015. Erst kürzlich habe ich jedoch positiv überrascht festgestellt, dass ein Jahr später eine deutsche Übersetzung erschien und zwar vom mir bislang völlig unbekannten Verlag „Zauberfeder“. Dem Programm nach bislang auf Fantasy- und Rollenspiel-Literatur spezialisiert, scheint sich dieser Verlag in jüngster Zeit auch Sachbüchern zu TV- und Kino-Produktionen zu widmen. Lange sind die Zeiten vorbei, in denen uns der Heel-Verlag verlässlich mit deutschen Übersetzungen von Star Trek-Sachbüchern versorgte, insofern ist es wirklich schön, dass „Zauberfeder“ sich entschieden hat, dieses hochwertige Hardcover-Buch auch hierzulande herauszubringen.

Im Hardcover befinden sich über 250 dicke Seiten, vollflächig bedruckt mit Hunderten Fotos von Kostümen, Behind-the-Scenes-Fotos, einigen Screenshots aus den Serien und Filmen sowie vielen Entwurfsskizzen. Die Masse an Bildmaterial ist absolut beeindruckend! Vor allem wenn man bedenkt, dass daneben auch noch genau das richtige Maß an erläuterndem Text enthalten ist. Nicht zu wenig und damit zu oberflächlich, aber auch nicht zu viel, um in einer Wüste aus Fachbegriffen zu Enden. Für mich als Laien auf dem Gebiet der Textilverarbeitung waren die Texte sehr gut verständlich und mit interessanten Erklärungen zu den verwendeten Stoffen, Schnitten und Accessoires versehen. Und als jemand, der allgemein in Sachen Design doch ein gewisses Grundwissen hat, fand ich die Texte ebenfalls sehr spannend zu lesen. Der Text ist eine Mischung aus allgemeiner Einleitung zu jedem Themenschwerpunkt und direkter Rede. Alle leitenden Kostümdesigner der Serien- und Filme kommen zu Wort, beschreiben ihre Herangehensweisen, ihre Vorlieben, welchen Vorgaben sie folgten, welche neuen Entwicklungen es zur damaligen Zeit gab, was sie bis zu ihrem Star Trek-Engagement geprägt hat etc.

Nach einem Vorwort von Robert Blackman – der so lange wie kein anderer für Star Trek-Produktionen in der Kostümabteilung gearbeitet hat – gliedert sich das Buch folgendermaßen nach Serien und Filmen:

The Original Series: Natürlich geht es um die klassischen Uniformen, aber klarerweise auch um die berühmten sexy Outfits, die William Ware Theiss für die Darsteller entworfen hat. Neben Theiss kommen auch diese zu Wort, wie Michael Forest (Apoll), Barbara Luna (Marlena aus dem Spiegeluniversum), Tanya Lemani (Bauchtänzerin aus „Der Wolf im Schafspelz“) und erzählen, wie es war, diese Kostüme zu tragen. 30 Seiten des Buches sind der klassischen Serie gewidmet.

Die Kinofilme zur Original Series: Auf den folgenden 54 Seiten geht es um die ersten sechs Kinofilme und vorrangig die Arbeit von Robert Fletcher, der eigentlich Theaterkostüme erstellte, nur einen einzigen Kinofilm in seinem Lebenslauf hatte ehe er angeheuert wurde, für den ersten Star Trek-Kinofilm die Kostüme zu erstellen – wie auch für die folgenden drei. 10 Seiten sind allein dem ersten Kinofilm gewidmet, der ja visuell einiges zu bieten hatte und mit vielen neuen Kostümen und Ideen aufwartet. Der darauffolgenden „Trilogie“ werden dann weitere 28 Seiten eingeräumt, wobei „Zurück in die Gegenwart“ etwas kurz kommt, allerdings durch das zeitliche Setting auch weniger ausgefallene Mode bedurfte. Nach Fletcher übernahmen Nilo Rodis-Jamero und Dodie Shepard für die nächsten beiden Filme. Rodis-Jamero liefert dabei einen interessanten Einblick, wie eine allgemeine Design-Ausbildung zur Beschäftigung in vielen unterschiedlichen Sparten führen kann – auch abseits des Filmgeschäfts.

Das nächste Jahrhundert: „The Next Generation“ hatte im Laufe der Zeit mehrere Designer. William Ware Theiss kehrte für die erste Staffel zum Franchise zurück, entwarf die berühmt-berüchtigten Spandex-Uniformen, die eine Herausforderung für die Darstellerriege waren, wie sich u.a. Jonathan Frakes (Commander Riker) erinnert. Durinda Rice Wood übernahm dann die zweite Staffel und erschuf dabei einige Desgins, die länger Bestand haben sollten als Theiss‘ TNG-Arbeit. Zwar durfte sie die im Jahr davor teuer erstellten Sternenflotten-Uniformen nicht verändern (sie hätten Wesley Crushers Kadettenuniform der 2. Staffel geähnelt), aber sie entwarf u.a. Guinans Kleidung samt Riesenhut, die Borg-Anzüge, Trois verbesserten Einteiler und Worfs neue Schärpe – aus Teilen, die sie im Baumarkt gekauft hatte. Der Beginn der 3. Staffel läutete dann Robert Blackmans Ära ein, der dem Franchise bis zum Ende von „Enterprise“ erhalten bleiben sollte und der verantwortlicher Kostümdesigner für 23 Serienstaffeln werden sollte. Blackman durfte etwas bequemere Uniformen entwerfen und auch enorm aufwändige Kostüme für Gastdarsteller wie die Outfits von Famke Janssen (Kamala in „Eine hoffnungslose Romanze“) oder die abwechslungsreichen Kleider von Majel Barrett (Lwaxana Troi). Dies alles wird präsentiert auf 24 Seiten.

Das nächste Jahrhundert – Die Spielfilme: Auf 30 Seiten werden die nächsten vier Kinofilme behandelt. Für „Treffen der Generationen“ – das in Sachen Kostüme sicher durch die Marineuniformen und die offenherzigen Rüstungen der weiblichen Klingonen besticht – steuerte Blackman ebenfalls Designs bei. Jedoch nicht für neue Sternenflotten-Uniformen, die entworfen und abgesegnet waren, an deren Umsetzung er aber scheiterte. Blackmann entwarf hingegen die Uniformen, die von „Der Erste Kontakt“ an bis „Nemesis“ getragen wurden – einschließlich die weißen Galauniformen. Im achten Film übernahm die Hauptarbeit aber Deborah Everton, die nicht nur die Borg massiv überarbeitete (ihr schwebten offenbar noch weitere Änderungen vor, was Ricardo Delgados Herangehensweise ähnelte), sondern auch Raumanzüge und die Mode des 21. Jahrhunderts entwarf – mit dem interessanten Aspekt, dass die Kleidung des Enterprise-Außenteams auf der Erde der Vergangenheit etwas anders aussah – und Kostüme für ein Dixon Hill-Holodeck-Abenteuer. Auch den vulkanischen Roben gab Everton einen neuen Twist, auch wenn davon nicht alles auf der Leinwand zu sehen war. Die Kostüme in „Der Aufstand“ wurden von Sanja Milkovic Hays entworfen (die später zu Regisseur Justin Lins bevorzugter Kostümdesignerin werden und somit auch die Darsteller in „Star Trek Beyond“ einkleiden sollte). Wieder gab es Zivilkleidung zu entwerfen wie auch die Kleidung der Son’a und den von ihnen unterworfenen Spezies. Bob Ringwood steuerte dann für „Nemesis“ das düstere und zugleich schillernde Outfit der Remaner bei wie auch Deanna Trois Hochzeitskleid und er ließ die Romulaner sich von den grauenvollen „Schulterpolstern auf Steroiden“ verabschieden und gab der romulanischen Flotte etwas retro angehauchte Uniformen.

Die Spin-Off-Serien: Der vielleicht größte Kritikpunkt an diesem Buch: „Deep Space Nine“, „Voyager“ und „Enterprise“ müssen sich 48 Seiten teilen, von denen sich allein DS9 stolze 22 krallt, für VOY bleiben nur 8 übrig (die u.a. aber zumindest Sevens spektakulären Silber-Catsuit behandeln). Der Rest entfällt auf ETP bzw. Allgemeines. Gerade zu ETP – das die Designsprache gegenüber den vorherigen Serien ja radikal änderte – hätte ich mir deutlich mehr gewünscht, aber zumindest wird das Redesign-Thema gut im Text behandelt, die neuen Uniformen sind sehr ausführlich beschrieben und es ist erstaunlich, wie der Stoff für die Suliban-Uniformen hergestellt wurde.

Der Neubeginn: Und abgeschlossen wird das Buch mit Michael Kaplans Arbeiten zu „Star Trek“ und „Star Trek Into Darkness“. („Beyond“ befand sich noch in Produktion als das Buch in den USA erschien und „Discovery“ wurde überhaupt erst danach angekündigt.) Auf 28 Seiten bekommen wir einen Einblick in den Design- und Produktionsprozess von Kaplans Kostümen. Man erfährt viel über Kaplans Herangehensweise, die ikonischen Designs für die große Leinwand zu adaptieren, neue Richtungen einzuschlagen, seine Vorliebe für Texturen etc. Ergänzt wird dieses Kapitel wie alle anderen durch jede Menge Detailaufnahmen und Skizzen, u.a. auch von Kaplans Lieblingsdesign: die Winterkleidung des alten Spock mit der Kugelförmigen Kapuze, die mittels Magneten zusammengehalten wurde und sich zu einem Pelzkragen öffnen ließ.

STKostueme_BackBewertung: Ich bin von diesem Buch absolut begeistert! Auf den über 250 Seiten taucht man in die Welt der Star Trek-Kostümdesigner ein, erfährt sehr unterschiedliche persönliche Ansätze, lernt ein bisschen was über Materialien (manche von denen gibt es gar nicht mehr oder wurden in einem aufwändigen Verfahren extra hergestellt) und erfährt die Meinungen von Regisseuren und Darstellern der Serien und Filme. Die Bilder sind hervorragend ausgewählt und sehr gut beschrieben, passen immer zum Thema des Fließtextes, der durch den Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede sehr flüssig zu lesen ist und auch sehr gut ins Deutsche übersetzt wurde. Der einzige Layout-Fauxpas ist aber ausgerechnet auf der Rückseite des Buches passiert: Dem verwendeten Schriftsatz fehlten ein korrektes „ß“ und „ö“. Aber wer achtet schon auf den Werbetext wenn direkt daneben Leslie Parrish ihre „futuristisch-antike“ Robe präsentiert. 😉

Wer sich für die Themen „Star Trek“ und „Design“ genauso sehr interessiert wie ich, der sollte sich dieses Buch unbedingt besorgen! Es reiht sich perfekt in die Riege früherer großartiger Design-Bücher ein und verdient wie diese locker 6 Sterne. Auch wenn wie gesagt zu den Spin-Off-Serien etwas mehr Material hätte enthalten sein dürfen.

6stars

Hier eine Auflistung der weiteren von mir rezensierten Star Trek-Design-Bücher:

Und Making-of-Bücher, die auch Design-Themen behandeln:

Auch das Making-of-Buch zu „Der Erste Kontakt“ ist sehr empfehlenswert, jenes zu „Der Aufstand“ etwas weniger.

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2 Kommentare zu “Rezension: „Star Trek Kostüme“

    • 🙂 Freut mich, dass mein Review dein Interesse geweckt hat. „Star Trek Kostüme“ ist wirklich das beste Sachbuch, das ich seit langer Zeit gelesen habe, man kann es sowohl in einem Rutsch von vorne bis hinten durchlesen, ohne dass einem langweilig wird, aber auch einfach mal hin und wieder aus dem Regal nehmen, darin blättern und die Bilder bewundern. So eine Ausgewogenheit finde ich bei Design-Büchern sehr wichtig.

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